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ÜBER DEN GÖTZENDIENST.

[Übersetzt von Dr. K. A. Heinrich Kellner]

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Inhalt:

1. Kap. Der Götzendienst schließt eigentlich alle ändern Sünden ein. Jede formelle Sünde aber involviert einen Akt des Götzendienstes im weitern Sinne.

2. Kap. Die Idololatrie im eigentlichen Sinne hat sehr viele Verzweigungen und verbirgt sich oft unter scheinbar unschuldigen Handlungen.

3. Kap. Auf Gestalt und Materie des als Idol dienenden Gegenstandes kommt nichts an.

4. Kap. In dem Verbote der Verehrung von Götzenbildern ist ein Verbot der Verfertigung derselben enthalten.

5. Kap. Schon das Alte Testament verbot sie.

6. Kap. Wenn das Evangelium auch kein ausdrückliches Verbot der Art enthält, so folgt es schon aus dessen Geiste. Die Verfertigung von Götzenbildern wäre eine des Christen höchst unwürdige Beschäftigung.

7. Kap. Fortsetzung.

8. Kap. Nicht einmal Dinge, die nur mittelbar zum Götzendienste gebraucht werden, darf er verfertigen.

9. Kap. Unerlaubtheit der Astrologie.

10. Kap. Über den Lehrerstand.

11. Kap. Über den Handel.

12. Kap. Wer als Heide einen mit dem Götzendienst in Beziehung bringenden Erwerbszweig betrieben hat, muß ihn als Christ aufgeben, selbst auf die Gefahr hin, seinen Lebensunterhalt zu verlieren.

13. Kap. Götzendienerisch ist auch das Halten der heidnischen Festtage und die Beobachtung bestimmter Tage zu gewissen Geschäften.

14. Kap. Fortsetzung.

15. Kap. Das Illuminieren und Bekränzen der Häuser und Türpfosten bei politischen Anlässen ist unerlaubt. |p138 

16. Kap. Über die häuslichen und Familienfeste.

17. Kap. Wie sich christliche Sklaven und Diener bei Opferhandlungen ihrer heidnischen Herren zu verhalten haben. Daß ein Christ ein öffentliches Amt bekleide, ohne sich mit Götzendienst zu beflecken, ist kaum möglich.

18. Kap. Amtliche Trachten und Abzeichen haben zuweilen etwas Götzendienerisches an sich.

19. Kap. Ob der Soldatenstand den Christen zu erlauben sei oder nicht.

20. Kap. Über das Aussprechen heidnischer Götternamen in den Redensarten des gewöhnlichen Lebens.

21. Kap. Man muß sich hüten, bei den Idolen zu schwören, wenn auch nur indirekt, und darf ihre Namen nicht als Verwünschungen gebrauchen.

22. Kap. Man darf sich nicht im Namen der Idole segnen lassen und nie für einen Heiden gelten wollen.

23. Kap. Sogar bei Abfassung von Schuldverschreibungen und Kautionen gibt es Gelegenheit zu götzendienerischen Handlungen und Reden.

24. Kap. Schluß.

1. Die Grundsünde des Menschengeschlechts, der Inbegriff aller seiner Verschuldungen, der ausschließliche Gegenstand für das Weltgericht ist eigentlich die Idololatrie. Wenn auch jedwede Sünde ihre Eigenart behält, wenn sie gleich um ihretwillen allein schon das Gericht zu erwarten hat, so läuft sie doch schließlich auf die Sünde der Idololatrie hinaus. Sieht man von den Benennungen ab und hat nur die Handlungen im Auge, so ist der Götzendiener auch ein Mörder, Du fragst, wen er denn gemordet habe? Sollte eine aktenmäßige Feststellung gewünscht werden, so antworte ich, nicht einen Fremden, nicht einen Gegner, sondern sich selbst. Welches war der Hinterhalt? Sein Irrtum. Mit welcher Mordwaffe? Durch die Beleidigung Gottes, Mit wievielen Wunden? Mit so vielen, als er götzendienerische Handlungen beging. Nur wer leugnet, daß der Götzendiener tot sei, kann leugnen, daß ein Mord begangen worden sei. Ebenso dürfte man auch  |p139 Ehebruch und Hurerei darin erkennen. Wer falschen Göttern dient, der begeht ohne Zweifel einen Ehebruch an der Wahrheit, weil jeder Betrug ein Ehebruch ist. In gleicher Weise steckt er tief in der Hurerei. Denn jeder, der sich mit den Werken der unreinen Geister abgibt, ist mit Unflätereien und Hurereien beladen. Und so bedient sich denn die Hl. Schrift des Wortes Hurerei, wenn sie ihren Tadel gegen den Götzendienst ausspricht! Das Wesen des Betruges besteht nach meiner Meinung darin, daß jemand fremdes Gut raubt oder einem ändern eine Schuld ableugnet. In jedem Falle kennzeichnet sich schon der gegen einen bloßen Menschen begangene Betrug als ein sehr großes Verbrechen. Nun aber enthält die Idololatrie einen Betrug gegen Gott, indem sie die ihm zukommende Ehre verweigert und sie ändern zuwendet. So wird zum Betrüge auch noch Schmach hinzugefügt. Wenn nun der Betrug sowohl als die Hurerei und der Ehebruch todbringend sind, dann ist die Idololatrie ebenso wenig von der Schuld des Menschenmordes freizusprechen.

Neben diesen Verbrechen, die so verderblich und heilsgefährlich sind, treten in der Idololatrie in gewisser Weise auch alle übrigen, jedes für sich und ebenso behandelt, mit seiner Eigenart zutage. Keine feierliche Begehung des Götterdienstes geschieht ohne Putz und Pomp. Es gibt dabei Ausgelassenheiten und Trunkenheit, da sie so häufig nur wegen des Genusses von Speisen und Trank, um der Schlemmerei und Lust willen angestellt werden. In ihr findet sich Ungerechtigkeit Denn was gibts Ungerechteres, als wenn man den Vater der Gerechtigkeit nicht kennt? In ihr ist Torheit, da ihr ganzes Wesen ein törichtes ist. In ihr findet sich Lüge, da ihr ganzes Wesen auf Lüge beruht. So kommt es, daß alles sich in der Idololatrie und die Idololatrie sich in allem wiederfindet. Aber auch sonst begeht Idololatrie ohne Zweifel jeder, der sich versündigt; denn sämtliche Sünden sind gegen Gott gerichtet. Alles, was gegen Gott gerichtet ist, muß den Dämonen und unreinen Geistern zugeschrieben werden. Der Sünder tut, was sich für Götzendiener schickt. |p140 

2. Doch lassen wir alles, was sonst Sünde genannt wird, die speziellen Wege seiner eigenen Taten gehen und die Idololatrie möge auf das beschränkt bleiben, was sie eigentlich ist. Sie hat genug an ihrem Gott so verhaßten Namen und dem reichen Vorrat von Verbrechen, welcher so viele Äste treibt und so viele Adern ausströmen läßt, daß gerade dieser letztere Umstand eben die Veranlassung gegeben hat, zu untersuchen, auf wie vielerlei Weise man die sich über so viele Dinge hin erstreckende Idololatrie zu vermeiden habe. Denn sie bringt auf vielerlei Weise die Diener Gottes zum Falle, nicht allein aus Unkenntnis, sondern auch infolge zu leichten Darüberhinwegsehens. Sehr viele glauben einfachhin, für Idololatrie nur jene Fälle erklären zu müssen, wenn jemand räuchert, Opfer bringt, einem Totenmahle beiwohnt oder sich zu gewissen religiösen Diensten und Priesterämtern verpflichtet. Das wäre aber, als wenn jemand meinte, der Ehebruch beschränke sich auf Küsse, Umarmungen und die eigentliche fleischliche Gemeinschaft, und für Mord sei nur das wirkliche Blutvergießen und Umslebenbringen anzusehen. Allein wir wissen mit Sicherheit, um wieviel weiter der Herr den Begriff dieser Dinge ausdehnt. Er findet Ehebruch schon in der Begierde, wenn jemand das Auge mit Wollust auf etwas heftet und die Seele dabei in unzüchtige Erregung gerät; als Mord verurteilt er schon das Fluchwort und die Lästerung, sowie jeden Ausbruch des Zornes und die Vernachlässigung der Liebe gegen den Mitbruder. So lehrt auch Johannes, „wer seinen Bruder haßt, der ist ein Mörder"1), Andernfalls würde sich der Teufel mit seiner Schlauheit auf dem Gebiete der Bosheit, sowie Gott der Herr auf dem Gebiete der Sittenzucht, wodurch er uns gegen die „Tiefen des Teufels"2) verwahrt, in sehr engen Grenzen bewegen, wenn wir nur bei solchen Vergehungen verurteilt würden, für welche auch die Heiden eine Strafe festgesetzt haben. Wie könnte dann unsere Gerechtigkeit größer werden, als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, was doch |p141 der Herr vorgeschrieben hat, wenn wir nicht die Größe und Überschwenglichkeit ihres Gegenteils, d. h, der Ungerechtigkeit, durchschaut haben? Wenn nun die Idololatrie der Gipfel aller Ungerechtigkeit ist, so ist das erste, daß wir uns gegen ihr Übergreifen waffnen, indem wir sie nicht bloß da, wo sie mit Händen zu greifen ist, erkennen.

3. Früher gab es lange Zeit hindurch keine Idole. Bevor die Verfertiger dieser Ungetüme wie die Pilze hervorschossen, gab es bloß Tempel und leere Gotteshäuser, wie sich denn auch bis auf den heutigen Tag an manchen Orten noch Spuren des alten Gebrauches erhalten haben. Dennoch wurde darin Idololatrie betrieben, wenn auch nicht unter diesem Namen, so doch in der Sache selbst. Man kann sie ja auch jetzt noch außerhalb des Tempels und ohne ein Idol treiben. Als aber der Teufel Bildhauer, Maler und Verfertiger von Bildnissen aller Art in die Welt gesetzt hatte, da empfing jenes noch in rohen Anfängen befindliche Treiben menschlichen Elends seinen Namen und Fortgang von den Idolen. Von dieser Zeit an ist jeder Kunstzweig, welcher in irgend einer Weise Idole hervorbringt, zu einer Quelle der Idololatrie geworden. Denn es macht keinen Unterschied, ob der Töpfer das Idol formt oder der Bildhauer es ausmeißelt, ob es in Feinstücken hergestellt ist -- denn auch an der Materie ist nichts gelegen -- oder ob es von Gips, Farbe, Stein, Bronze, Silber oder Ton3) gemacht wird. Denn da auch ohne Idol Idololatrie stattfinden kann, so macht es sicherlich, wofern nur ein Idol vorhanden ist, keinen Unterschied, wie es beschaffen sei, aus welchem Stoff und von welcher Gestalt. Deshalb darf niemand glauben, für ein Idol nur das halten zu müssen, was unter menschlicher Gestalt dargestellt ist. Hierbei ist eine Deutung des Wortes erforderlich, Eidos bedeutet im Griechischen Gestalt, und das davon durch die Verkleinerungsform abgeleitete Eidolon (Idol) entspricht dem, was wir ein |p142 Bildchen nennen. Folglich hat jede Figur und jedes Bildchen auf die Bezeichnung Idol Anspruch. Daher ist jeder Kultus und jeder Dienst eines beliebigen Idols Idololatrie, Die Verfertiger eines Idols begehen ganz das gleiche Verbrechen; es müßte sich denn das Volk, welches das Bild eines Kalbes verehrt, weniger versündigen, als das, welches das Bild eines Menschen heilig hält!

4. Gott verbietet sowohl das Verfertigen als das Verehren von Idolen, Da die Verfertigung des Gegenstandes, der verehrt werden soll, notwendig das Frühere ist, so geht das Verbot des Verfertigens des Gegenstandes, wenn seine Verehrung verboten ist, um eben so vieles vorher. Aus diesem Grunde, nämlich um jeden Anlaß zur Idololatrie zu beseitigen, ruft uns das Gesetz Gottes zu: „Ihr sollt euch kein Idol machen", und wenn es hinzusetzt: „auch kein Bild der Dinge, die am Himmel, auf der Erde und im Meere sind"4), so hat es den Knechten Gottes für solche Künste die ganze Welt verschlossen. Schon Henoch war hierin vorangegangen mit seiner Prophezeiung, die Dämonen und abtrünnigen Engelsgeister würden alle Elemente, die Welt mit allem Zubehör, alles, was sich am Himmel, auf Erden und im Meere findet, zum Götzendienst mißbrauchen, so daß diese Dinge würden heilig gehalten werden anstatt Gottes und gegen Gott. Alles also verehrt der Mensch in seinem Irrtum, nur den Schöpfer aller Dinge selber nicht. Die Bildnisse dieser Dinge heißen Idole, ihre Verehrung Idololatrie, Alle Sünden nun, welche durch Idololatrie begangen werden, müssen notwendig auf den jedesmaligen Verfertiger des Idols zurückfallen. Daher hat auch schon Henoch über die Anbeter und Verfertiger der Idole miteinander in seiner Drohung die Verdammung ausgesprochen, und wiederum heißt es bei ihm5): „Ich schwöre euch, ihr Sünder, für den Tag des Blutvergießens steht euch eine Reue des Verderbens bevor. Ihr, die ihr Steine anbetet, euch |p143 goldene, silberne, hölzerne, steinerne und tönerne Bilder macht, den Gespenstern, den Dämonen, den Geistern in den Tempeln und allen Irrtümern dienet -- nicht der Weisheit ensprechend -- ihr werdet keine Hilfe bei ihnen finden". Isaias aber sagt: „Ihr seid Zeugen; gibt es einen Gott außer mir?"6). Damals gab es noch keine Bildner und Schnitzer, keinen dieser Toren, welche Dinge bilden, wie es ihnen beliebt und den Leuten nichts nützt. Und sodann der ganze folgende Ausspruch, Welcher Abscheu gegen die Verfertiger sowohl als gegen die Verehrer der Idole spricht sich nicht darin aus! Der Schluß davon aber lautet: „Erkennet, daß ihr Herz Asche und Erde ist und niemand seine Seele retten kann"7). Fast ebenso sagt auch David von den Verfer-tigern: „So werden die, welche sie verfertigen"8). Und was soll ich, als ein Mensch von schwachem Gedächtnis, noch anführen, was aus den heiligen Schriften noch in Erinnerung bringen? Das wäre ja, als genügte der Ausspruch des Heiligen Geistes nicht, und als müßte man erst noch untersuchen, ob der Herr auch wirklich in der Verfluchung und Verdammung der Anbeter dieser Dinge die Verfertiger derselben bereits zum voraus mit verflucht und verdammt habe.

5. Ich will nun auf die Ausreden derartiger Künstler recht ausführlich antworten, die niemals in das Haus Gottes zugelassen werden dürfen, wenn einer diese Lehre kennen gelernt hat. Dann pflegt die Redensart vorgeschützt zu werden: „Ich habe anders nichts, wovon ich lebe". Sie kann entschieden zurückgewiesen werden mit der Frage: Also du hast doch zu leben? Was hast du mit Gott gemein, wenn du deinen eigenen Gesetzen lebst? Eine zweite Ausflucht, welche sie aus der Hl, Schrift zu entnehmen wagen, lautet, der Apostel habe gesagt: „Wie jeder gefunden worden, so soll er bleiben"9). Nach dieser Interpretation können |p144 wir alle in unsern Sünden verbleiben. Denn jeder von uns wurde als Sünder angetroffen, und Christus ist aus keiner ändern Ursache herniedergestiegen, als um die Sünder zu erlösen. Sodann schützt man vor, Paulus habe vorgeschrieben, daß nach seinem Beispiele jeder durch seiner Hände Arbeit sich seinen Lebensunterhalt verdienen soll10). Wenn mit dieser Vorschrift alle und jede Hantierung in Schutz genommen wird, dann leben vermutlich auch die Badediebe von ihrer Handarbeit, und sogar die Räuber verschaffen sich ihren Lebensunterhalt mit den Händen, ebenso machen die Fälscher falsche Schriftstücke nicht mit den Füßen, sondern mit ihren Händen, die Schauspieler aber erarbeiten sich nicht bloß mit ihren Händen, sondern mit allen ihren Gliedern das tägliche Brot. Der Eintritt in die Kirche möge also allen offen stehen, welche sich durch ihre Handarbeit und ihr Schaffen ernähren, wofern keine Ausnahme gemacht wird für Fertigkeiten, welche die christliche Sittenzucht nicht duldet.

Doch, man bemerkt gegen den Vorhalt des Verbotes eines Bildnisses: Warum hat denn also Moses in der Wüste das Bild einer Schlange verfertigt? -- Ich antworte, die Figuren [des Alten Testamentes] sind eine Sache für sich; sie wurden damals zum Zwecke irgend eines geheimen Ratschlusses hergestellt; nicht zur Beseitigung des Gesetzes, sondern als Abbild ihres jedesmaligen Motivs. Andernfalls würden wir, wollten wir dergleichen Dinge anders, nämlich wie die Gegner des Gesetzes, auslegen, dem Allmächtigen Unbeständigkeit schuldgeben müssen, wie die Marcioniten. Sie verwerfen ihn unter dem Vorwande, er sei veränderlich, indem er hier etwas verbiete, dort es befiehlt. Wofern aber jemand übersieht, daß das genannte Bild, die eherne Schlange, die in einer ganz bestimmten Weise aufgehängt war, das Sinnbild des Kreuzes Christi vorstellte, welches uns von den Schlangen, d. h. den Engeln des Teufels, befreien soll, indem es in sich selbst den Teufel, d. i. die getötete Schlange, aufhängt -- oder was sonst noch für eine andere Auslegung dieses Vorbildes  |p145 würdigeren Personen etwa geoffenbart worden sein mag, indem der Apostel lehrt, daß alle dem Volk damals zustoßenden Geschicke figürlich waren, denn der Apostel behauptet, daß alle damaligen Schicksale des Volkes vorbildlich gewesen seien -- wenn also, wie gesagt, die eherne Schlange ein Vorbild des Kreuzes war, so ist alles in Ordnung. Denn derselbe Gott war es, der im Gesetze verbot, ein Bild zu verfertigen, aber durch ein außerordentliches Gebot das Bild einer Schlange zu errichten anbefahl11). Wenn du einem und demselben Gott gehorchest12), dann hast du als sein Gesetz: „Mache dir kein Bildnis"13), Wenn du aber auch auf das spätere Gebot hinsichtlich der Verfertigung einer Schlange Rücksicht nimmst, dann sei auch ein Nachahmer des Moses und verfertige dir kein Bild gegen die Vorschrift des Gesetzes, d, h. es sei denn, wenn es dir Gott ausdrücklich befehlen sollte.

6. Sogar wenn durch kein Gesetz Gottes verboten wäre, Götzenbilder zu verfertigen, auch wenn kein Ausspruch des Hl. Geistes gegen die Verfertiger und die Verehrer eine Drohung enthielte, so würden wir dennoch schon aus unserer heiligen Glaubenslehre entnehmen können, daß solche Künste dem Glauben entgegen seien. Wie wäre es möglich, daß wir dem Teufel und seinen Engeln entsagt hätten, wenn wir sie fabrizieren? Was für einen Absagebrief haben wir denen gegeben, von welchen, um nicht zu sagen, mit welchen wir leben? Können wir Widerwillen gegen diejenigen hegen, denen wir unsere Subsistenz verdanken? Kann man mit dem Munde verleugnen, was man mit der Hand bekennt? mit Worten zerstören, was man im Werke herstellt? den einen Gott verkünden, wenn man viele formt? den wahren Gott verkünden, wenn man falsche fabriziert? -- Ich fabriziere sie wohl, entgegnet man mir da, verehre sie aber nicht, -- das klingt, als ob die Ursache, warum man sie nicht zu verehren wagt, die sei, um  |p146 derentwillen man sie auch nicht verfertigen darf, nämlich, weil in beiden Fällen Gott beleidigt wird. Wenn du sie verfertigst, damit andere sie verehren können, dann bist du eigentlich ihr Verehrer, Du verehrst sie zwar nicht mit Fettdunst, der wenig kostet, sondern auf Kosten deines Herzens; nicht auf Kosten eines Tierlebens, sondern deiner eigenen Seele, Ihnen opferst du deine Erfindungsgabe, ihnen bringst du deinen Schweiß dar, ihrer Ehre weihest du deine Erfindungsgabe, du bist ihnen mehr als ein Priester, da sie durch deine Vermittlung ihren Priester erhalten, auf deiner Geschicklichkeit basiert ihre ganze Götterwürde, Du stellst in Abrede, zu verehren, was du verfertigst, aber sie stellen es nicht in Abrede, sie, denen du ein ungewöhnlich fettes und kostbares Opfer darbringst, nämlich dein Seelenheil.

7. Ganze Tage lang könnte hier der Glaubenseifer sich darüber beklagen, daß Christen von den Idolen weg zur Kirche gehen, daß sie aus der Werkstätte des bösen Feindes zum Hause Gottes kommen, daß sie ihre Hände, die Mütter von Götzenbildern sind, zu Gott dem Vater erheben, daß die ihre Hände anbetend zum Himmel erheben, deren Werke draußen gegen den Willen Gottes angebetet werden, daß sie Hände mit dem Leibe des Herrn in Berührung bringen, welche den Dämonen Leiber verleihen. Und das ist noch nicht alles! Es ist ihnen noch nicht genug, daß sie beflecken, was sie aus den Händen anderer empfangen; nein, sie reichen auch ändern noch dar, was durch sie ist befleckt worden14). Werden doch Verfertiger von Götzenbildern in den geistlichen Stand aufgenommen! Pfui der Schande! Die Juden haben nur einmal an Christus Hand angelegt, jene mißhandeln seinen Leib täglich! Solche Hände müßten abgehauen werden! Da ist es die große Frage, ob der Ausspruch: „Wenn deine Hand dich ärgert, so haue sie ab"15), ein bildlicher sei. Welche Hände verdienten wohl mehr, abgehauen zu werden, als die, in welchen der Leib des Herrn geärgert wird?!  |p147 

8. Es gibt noch mehrere andere Arten von Künsten, die, obwohl sie sich nicht mit der Fabrikation von Götzenbildern befassen, doch dasselbe Verbrechen begehen, indem sie Dinge beschaffen helfen, deren die Idole nicht entbehren können. Es macht keinen Unterschied, ob du der Erbauer oder der Ausschmückende bist, wenn es sich darum handelt, einen Tempel, Altar, oder den Baldachin für das Götterbild herzurichten, die Nische herzustellen, das nötige Blattgold zu schlagen16), ihre Abzeichen oder ihr Gehäuse zu verfertigen. Arbeiten der Art sind sogar noch wichtiger, da sie das Bild nicht bloß herstellen, sondern ihm Würde geben. Ward so die Notwendigkeit, den Unterhalt zu gewinnen, geltend gemacht, so gibt es doch noch andere Arten von Künsten, welche ohne Übertretung der Moral, d. h. ohne Verfertigung von Idolen, den Lebensunterhalt gewähren. Es versteht der Stuckaturarbeiter auch Dächer auszubessern, Tüncherarbeiten zu fertigen, Zisternen glatt zu machen17), Hohlkehlen und Gesimse anzulegen und mit Weglassung der Götzenbilder die Wände mit vielen ändern Zieraten zu verschnörkeln. Auch die Maler, Marmor- und Bronzearbeiter sowie die Graveure wissen recht gut, ihren Kunstfertigkeiten noch viel ausgedehntere Verwendung zu geben. Wer ein Götterbild zeichnet, kann noch viel leichter einen Rechentisch anstreichen. Wer aus Lindenholz einen Mars schnitzt, der wird noch viel leichter einen Schrank zusammensetzen. Es gibt keine Kunstfertigkeit, die nicht wiederum Mutter oder Schwester einer ändern wäre. Nichts steht ohne Verbindung mit irgend etwas anderem da. Die künstlerischen Erwerbsquellen sind so zahlreich, als es die Gelüste der Menschen sind. Nur hinsichtlich des Preises und des Lohnes für die Handarbeit ist ein Unterschied. Demzufolge besteht auch ein Unterschied hinsichtlich der Mühe. Bei geringerem Verdienst aber wird der Ausfall durch das häufigere Vorkommen wieder eingebracht. Wie selten werden Götterfiguren auf den  |p148 Wänden gewünscht, oder Tempel und Bethäuser für Idole erbaut! Wie oft dagegen Häuser, Amtsgebäude, Bäder und Mietswohnungen! Pantoffeln und Sandalen werden alle Tage vergoldet, Merkur- und Serapisbilder aber nicht. So viel genüge inbetreff des Erwerbes der Künstler! Sie werden durch den Luxus und die Großtuerei immer häufiger in Anspruch genommen werden, als durch den Aberglauben. Schüsseln und Becher verlangt der Luxus und die Großtuerei öfter, als der religiöse Aberglaube. Auch Kränze fordert häufiger der Luxus, als die Götterfeste. Wenn wir also zu den Kunstgattungen raten, welche mit Idolen und was dazu gehört, nichts zu schaffen haben, so gibt es doch viele Fälle, wo Menschen und Idole derselben Dinge bedürfen, und wir müssen uns dann davor hüten, daß jemand mit unserem Wissen von unserer Hand etwas verlange, was für die Götzenbilder bestimmt ist. Wenn wir das bewilligen, ohne uns der gewohnten Mittel zu bedienen, so sind wir, wie ich glaube, von der Befleckung mit Götzendienst nicht frei, da unsere Hände nicht ohne unser Wissen im Dienste dar Dämonen gefunden werden, sondern zu ihrer Ehre und ihrem Nutzen beitragen.

9. Auch einige von den sogenannten Professionen sind, wie ich bemerke, der Idololatrie dienstbar. Inbetreff der Astrologie ist nicht viel zu sagen. Jedoch da in diesen Tagen jemand sein Verbleiben bei dieser Profession verteidigte, so will ich mich darüber in Kürze auslassen. Ich berufe mich nicht darauf, daß den Idolen von demjenigen Ehre erwiesen wird, der deren Namen in das Himmelsgewölbe eingezeichnet und ihnen alle Macht Gottes zugeschrieben hat, weil die Leute glauben, sie brauchten Gott nicht zu suchen, da alles deswegen nach unwandelbarem Willen der Gestirne gehe. Ich behaupte nur das eine, daß die von Gott abgefallenen Engel, die Liebhaber der Weiber es sind, die zu dieser Art neugierigen Forschens die Anleitung gegeben haben und deswegen auch von Gott verworfen worden sind. Dieser Richterspruch Gottes behauptet auf Erden seine Wirkung, und ohne es zu wissen, legt man dafür Zeugnis ab. Denn die Astrologen werden ausgetrieben wie ihre  |p149 Engel. Rom und Italien zu betreten, wird ihnen untersagt18), wie der Himmel ihren Engeln, Dieselbe Strafe der Verbannung19) droht den Schülern wie den Lehrern. Die Magier und Astrologen sind aus dem Orient gekommen.

Der Zusammenhang, worin Magie und Astrologie stehen, ist bekannt. Die ersten, welche die Geburt Christi verkündigten und ihn beschenkten, waren Sterndeuter20), Dadurch haben sie vermutlich Christo eine Verpflichtung gegen sich auferlegt. Was dann? Wird die Frömmigkeit jener Magier den Sterndeutern auch jetzt noch zugute kommen? Der Gegenstand der heutigen Astrologie, wohlgemerkt, ist Christas; die Sterne Christi, nicht die des Saturn, Merkur oder sonst irgend eines aus der Zahl der Verstorbenen, beobachtet und verkündet sie. Diese Art Wissenschaft gehörte nur bis zum Eintritt des Evangeliums zu den erlaubten, damit nach der Geburt Christi niemand mehr die Geburt eines Menschen vom Himmel ableiten möchte. Weihrauch, Myrrhen und Gold haben sie damals dem Herrn als Kind dargebracht, gleichsam als den Abschluß der Opfer und Herrlichkeiten dieser Welt, welche Christus empfangen sollte. Was den erwähnten Magiern das Traumgesicht befahl, das wurde ihnen ohne Zweifel kraft des göttlichen Willens befohlen, nämlich daß sie nicht auf dem Wege, den sie gekommen waren, sondern auf einem ändern in ihre Heimat zurückkehren sollten, zu dem Zweck, damit sie nicht mehr in ihrer früheren Sekte wandeln sollten. Der Grund davon war nicht, damit Herodes sie nicht verfolge, er hat sie ja auch nicht verfolgt. Er wußte nicht, daß sie auf einem „ändern Wege weggingen, da er ja nicht wußte, auf welchem sie gekommen waren. Wir müssen also darunter den |p150 richtigen Weg und die richtige Disziplin verstehen. So wurde den Magiern befohlen, von da an auf einem ändern Wege zu wandeln. In ähnlicher Weise hat sich auch die andere Art der Magie, jene, welche sich auf Wirken von Wundern verlegt, obwohl sie sogar gegen Moses feindlich auftrat, der Nachsicht Gottes zu erfreuen gehabt -- bis zur Erscheinung des Evangeliums. Nach dieser Zeit aber wurde Simon Magus, bereits Christ, verflucht und durch die Apostel vom Glauben zurückgewiesen, als er noch auf Ausübung seines Gauklergewerbes bedacht war und sich zu den Kunststücken seiner Profession den Hl. Geist vermittels der Handauflegung erhandeln wollte. Ein anderer Zauberer21), der sich bei Sergius Paulus aufhielt, wurde, weil er demselben Apostel entgegenarbeitete, durch den Verlust des Augenlichtes bestraft. Dasselbe Schicksal würde, glaube ich, auch die Astrologen getroffen haben, wenn deren mit den Aposteln in Berührung gekommen wären. Wenn nun die Magie bestraft wird, wovon die Astrologie eine Spezies ist, dann findet ohne Zweifel die Spezies in der Gattung ihre Verdammung. Nach dem Auftreten des Evangeliums begegnet man keinen Sophisten, keinen Chaldäern, Besprechern, Sterndeutern und Magiern mehr, oder sie werden bestraft. „Wo findet sich irgend ein Weiser, ein Literat, wo ein weltlicher Forscher? Hat Gott die Weisheit dieser Welt nicht zur Torheit gemacht?"22) Astrologe, wenn du nicht wußtest, daß du einst Christ werden wirst, so verstehst du nichts! Wenn du dies wußtest, so hättest du auch wissen müssen, daß du nichts mehr mit dieser Kunst zu tun haben würdest. Sie, die dich die Komplikationen anderer kennen lehrt, würde dich dann doch auch über die bevorstehende eigene Gefahr unterrichtet haben. Für dich ist bei jenen Berechnungen „kein Teil und kein Los da"23). Derjenige, dessen Finger und Quadrant mit dem Himmel Mißbrauch treibt, der darf auf das Himmelreich nicht hoffen. |p151 

10. Auch hinsichtlich der Schullehrer sowie der Professoren der übrigen Wissenschaften ist eine Untersuchung anzustellen. Oder nein, es besteht kein Zweifel, daß sie vielfach mit der Idololatrie in Berührung kommen. Zuerst die, welche sich in der Lage sehen, die Kenntnis der heidnischen Götterlehren verbreiten zu müssen, die Kenntnis ihrer Namen, Abstammung, ihrer Mythen und sämtlicher ehrenden Abzeichen anzugeben, sodann ihre Feste und Feiertage zu beobachten, weil sie nämlich an denselben ihre Honorare zusammenrechnen. Welcher Lehrer wird wagen, die Quinquatrien24) ohne die Tafel mit den sieben Göttern zu besuchen. Das erste Schulgeld der neuen Schüler widmet er der Minerva, ihrer Ehre und ihrem Namen, so daß, wenn er sich auch nicht gerade einem Idole weiht, man doch buchstäblich von ihm sagen kann, er habe vom Götzenopfer gegessen und müsse als Götzendiener gemieden werden. Wie? Ist die Befleckung darum geringer und ist der Erwerb darum besser, der durch Namen und Ehrenerweisungen dem Götzen geweiht ist? Die Minervalien so der Minerva, wie die Saturnalien dem Saturn, welchen sogar die armen Sklaven zur Zeit der Saturnalien feiern müssen. Man muß auch Neujahrsgeschenke zu bekommen suchen; sich das Septimonium25), sowie die Weihnachtsgeschenke26) und die Ehrengaben am Verwandtschaftsfeste27) geben lassen und die Schule mit Blumengewinden bekränzen. Die Gattin des Flamen und die Ädilen bringen das Opfer dar und an den bestimmten Ferientagen wird die Schule beehrt. Dasselbe geschieht am Geburtstage des Idols; jeder Teufelspomp wird dann zahlreicher besucht. Wer würde wohl der Ansicht sein, daß alle diese Dinge sich für einen Christen schicken, außer wer der Ansicht ist, daß sie sich auch für solche schicken, die nicht Lehrer sind? |p152 

Ich weiß wohl, daß man sagen kann: Wenn es den Dienern Gottes nicht erlaubt ist, die Elementarwissenschaften zu lehren, so wird es ihnen auch nicht erlaubt sein, sie zu erlernen: Wie soll da jemand gegenwärtig zum menschlichen Wissen oder auch nur zum Denken und Handeln Anleitung bekommen, da Lesen und Schreiben der Weg zu jeder Lebensstellung ist? -- Wie können wir die weltlichen Studien verwerfen, ohne welche doch die religiösen nicht bestehen können? -- Prüfen wir also die Unentbehrlichkeit der Kenntnis der Literatur und erwägen wir, daß letztere einem Teile nach zugelassen, einem Teile nach aber verboten wird. Es ist eher möglich, daß die Gläubigen die Literatur lernen als sie lehren; denn es geht beim Lernen anders zu als beim Lehren. Wenn ein Gläubiger die Literatur lehrt, so steht er ohne Zweifel ein für die vorkommenden Lobeserhebungen der Götzen; wenn er sie kennen lehrt, indem er sie vorträgt, so bestätigt er sie; indem er sie erwähnt, gibt er ein Zeugnis für sie ab. Die Götter tituliert er mit eben diesem Namen, während doch das Gesetz, wie wir gesagt haben, verbietet, sie Götter zu nennen und diesen Namen eitel zu gebrauchen. So wird der Grund zum Glauben an den Teufel mit den Anfängen des Unterrichts gelegt. Nun frage noch lange, ob der Idololatrie begeht, der über die Götzen katechisiert!

Hingegen wenn der Gläubige dergleichen lernt, so nimmt er, wenn er schon weiß, was es damit auf sich hat, nichts an und gibt nichts zu, und das noch mehr dann, wenn er es noch nicht weiß. Oder, wenn er bereits angefangen hat, Erkenntnis davon zu haben, so muß das, was er zuerst gelernt hat, in seiner Erkenntnis notwendig auch die erste Stelle einnehmen, d, h. Gott und der Glaube. Mithin wird er jene Dinge verabscheuen, sie nicht annehmen und ebenso sicher davor sein, wie einer, der wissentlich ein Gift von einem Unwissenden annimmt, ohne es zu trinken. Ihm gereicht die Notwendigkeit zur Entschuldigung, denn er kann auf keine andere Weise etwas lernen. Die Wissenschaft nicht zu lehren ist aber leichter, als sie nicht zu lernen, in dem |p153 Maße, als es dem christlichen Schüler leichter sein wird als dem Lehrer, sich von den übrigen Befleckungen, welche das Schulwesen bei den allgemeinen und besonderen Festlichkeiten im Gefolge hat, fern zu halten.

11. Wenn wir weiter über die Quellen der Versündigungen nachdenken, vor allem über die Habsucht, die Wurzel aller Übel, in welche verstrickt einige am Glauben Schiffbruch gelitten haben28), wiewohl von demselben Apostel die Habsucht auch ein Götzendienst genannt wird29), sodann die Lüge, diese Dienerin der Habsucht, -- vom Meineide schweige ich lieber, da zu schwören überhaupt nicht einmal erlaubt ist -- so frage ich: schickt sich der Handel für den Diener Gottes? Wie, wenn die Habsucht den Abschied bekommt, welche die treibende Kraft des Erwerbs ist? Wenn kein Motiv für das Erwerben mehr da ist, so ist auch kein Handel mehr nötig. Zugegeben nun, es gebe einen gerechten Erwerb, der geschützt ist gegen den Vorwurf der Habsucht und Lüge, so glaube ich doch, daß die Handelsgeschäfte in das Vergehen der Idololatrie verstrickt sind, da sie zu Seele und Geist der Idole in Beziehung stehen und zur Sättigung aller Dämonen dienen. Allerdings ist es nicht die eigentliche Idololatrie. Mögen immerhin dieselben Waren, ich meine der Weihrauch und die übrigen ausländischen Waren, die zu Götzenopfern gehören, den Leuten auch zu medizinischen Salben und obendrein auch uns Christen zur Ausstattung bei Begräbnissen dienen, du stehst aber ganz sicher als ein Beförderer des Götzendienstes da, wenn Aufzüge, Gottesdienste und Opfer für die Idole, infolge von Gefahren, Verlusten, Unglücksfällen, Plänen, Gesprächen oder Geschäftsunternehmungen veranstaltet werden.

Es fürchte niemand, daß auf diese Weise alle Handelsgeschäfte in Frage gestellt würden. Schwerere Vergehungen verlangen je nach der Größe der Gefahr eine desto ausgedehntere und sorgfältigere Wachsamkeit, |p154 damit man sich nicht bloß vor ihnen selbst hüte, sondern auch vor dem, wodurch sie zustande kommen. Denn es ist gleichgültig, ob eine Sache von ändern verübt wird, wenn ich das Mittel dazu bin. Ich darf niemandem als unentbehrlicher Helfer dienen bei etwas, was mir selber unerlaubt ist. Daraus folgt, daß ich auch dafür sorgen muß, daß ich nicht das Mittel zu dem werde, was mir selbst zu tun verboten ist. Dieses Postulat werde ich z. B. auch in einem ändern Fall von nicht geringerer Verwerflichkeit befolgen. Weil mir die Hurerei untersagt ist, so werde ich auch ändern keine Hilfe und Mitwissenschaft leisten. Wenn ich meinen eigenen Leib von schlechten Häusern fernhalte, so erkenne ich es damit als unstatthaft an, Kuppelei oder einen Erwerb30) dieser Art für einen ändern auszuüben. Das Verbot des Mordes gibt mir einen Fingerzeig darauf, daß die Gladiatoren von der Kirche ferngehalten werden müssen; man wird nichts selbst tun, zu dessen Verübung man ändern keine Hilfe leistet. Aber sieh da, es gibt einen noch näher liegenden Präzedenzfall! Wenn ein Lieferant von Vieh für den Bedarf des Opfers zum Glauben übertritt, gestattet man ihm dann, noch weiter dieses Geschäft beizubehalten? Oder wenn jemand, der bereits ein Christ ist, es zu betreiben anfangen sollte, würde man ihn wohl in der Kirche dulden? Ich glaube nicht; das würde nur der tun, der hinsichtlich der Weihrauchhändler durch die Finger sieht, sonst niemand. Allerdings, die einen sorgen für Beschaffung des Schlachtviehs, die ändern für die Wohlgerüche. Wofern aber, bevor es Götzenbilder in der Welt gab, mit diesen Waren schon ein noch kunstloser Götzendienst betrieben wurde, und wofern auch jetzt sehr häufig götzendienerische Handlungen ohne Idole bloß durch Änzündung von Wohlgerüchen begangen werden, erweist dann der Weihrauchhändler den Dämonen nicht sogar einen noch wichtigeren Dienst? Denn die Idololatrie kann eher ohne Idol vor sich gehen, als ohne die Ware des Spezereihändlers. Wir wollen die Grundsätze des |p155 Glaubens ernstlich befragen! Mit welcher Stirn kann ein christlicher Spezereihändler, wenn er an den Tempeln vorbeigeht, den Qualm der dampfenden Altäre verabscheuen und von sich wegblasen, da er sie selber damit versorgt hat? Mit welcher Konsequenz wird er seine Kostgänger exorzisieren, für welche er sein Haus zur Vorratskammer hergibt? Er wenigstens würde, wenn er einen Dämon austreibt, an den Wirkungen des Glaubens keinen Gefallen haben. Denn er hat dann einen ausgetrieben, der nicht sein Feind ist. Also keine Kunstfertigkeit, kein Beruf, kein Handelsgeschäft, welches zur Ausstattung oder Herstellung von Götzenbildern irgend etwas beiträgt, kann von dem Vorwurf der Idololatrie frei sein. Es müßte denn sein, daß wir unter Idololatrie etwas anderes verständen, als eine Dienstleistung zur Verehrung der Idole!

12. Es nützt nichts, sich mit der Notwendigkeit des Lebensunterhaltes trösten zu wollen und sich nach Annahme des Glaubens noch sagen zu wollen: Ich habe nichts zu leben. Ich will nämlich auf die oben abgebrochene Proposition31) nunmehr vollständiger antworten, Die Ausrede kommt zu spät. Das wäre zu überlegen gewesen nach dem Beispiel jenes umsichtigen Hauserbauers32), der erst die Kosten des Baues und seine Mittel überrechnet, um nicht, wenn er angefangen hat, nachher abstehen und sich schämen zu müssen. Es gibt auch jetzt für dich noch Aussprüche und Gleichnisse des Herrn, die dich jeder Entschuldigung berauben. Wie sagst du? Ich werde Mangel leiden! Aber der Herr nennt die Armen glücklich. Ich werde keinen Lebensunterhalt haben! -- Aber es heißt: „Seid nicht besorgt wegen eures Unterhalts", und als Gleichnis inbetreff der Kleidung haben wir die Lilien, Vermögen wäre mir nötig! -- Ich soll ja alles verkaufen und es unter die Armen verteilen. Jedoch ich werde für Kinder und Nachkommenschaft sorgen müssen! -- Niemand, der die Hand an den Pflug legt und zurückblickt, ist tüchtig |p156 für das Werk, Ich bin vielleicht kontraktlich verpflichtet! -- Niemand kann zweien Herren dienen. Wenn du ein Schüler des Herrn sein willst, so mußt du dein Kreuz auf dich nehmen und ihm nachfolgen, d. h. deine Mühsale und Leiden, vielleicht auch bloß deinen Leib, der Form und Gestalt eines Kreuzes hat. Eltern, Gatten und Kinder wird man Gottes wegen verlassen müssen, und du hast inbetreff der Kunstfertigkeiten, Geschäfte und Berufsarten noch Zweifel, -- sogar der Kinder oder Eltern wegen?! Wie man Kontrakte, Gewerbe und Geschäfte um des Herrn willen im Stich lassen muß, wurde uns bereits damals gezeigt, als Jakobus und Johannes auf den Ruf des Herrn Vater und Schiff verließen, als Matthäus aus der Zollbude geholt wurde und der Glaube sogar für das Begraben eines Vaters keine Zeit übrig ließ. Niemand von denen, welche der Herr berief, sagte: Ich habe nichts zu leben.

Gläubige Gesinnung fürchtet keinen Mangel. Denn sie weiß, daß sie den Hunger Gottes wegen ebenso sehr verachten muß, als jede andere Todesart. Sie hat gelernt, nicht einmal das Leben zu achten, viel weniger den Lebensunterhalt, Wie wenige haben diese Forderung erfüllt! Allein, was bei den Menschen für schwer gilt, ist bei Gott leicht. Wenn wir uns jedoch der Milde und Sanftmut Gottes getrösten, so tun wir es ja nicht in der Weise, daß wir etwa bis über die Grenznachbarschaft der Idololatrie hinaus unseren Bedürfnissen nachgeben, sondern wir fliehen jeden Anhauch derselben, wie den der Pest, von weitem, nicht bloß in den zuvor erwähnten Dingen, sondern auf der ganzen Stufenleiter des menschlichen Wahnglaubens, mag er den Göttern, den Verstorbenen oder den Königen erwiesen werden. Denn er hat zu denselben unreinen Geistern Beziehung bald durch Opferdiensle und Priesterhandlungen, bald durch Schauspiele und dergleichen Dinge, bald durch die Festtage.

13. Doch was soll ich noch über die Opferdienste und priesterlichen Akte sprechen? Inbetreff der Schauspiele und der verwandten Vergnügungen habe ich  |p157 bereits ein eigenes Buch geschrieben. Hierorts ist dagegen über die Festtage und sonstigen außergewöhnlichen Feierlichkeiten zu handeln, welche wir zuweilen unserer Vergnügungssucht gestatten, zuweilen aber aus Furchtsamkeit mitmachen gegen die Vorschriften des Glaubens und der gemeinsamen Sittenzucht, Bei diesem Gegenstand will ich zuerst den Kampf über die Frage aufnehmen, ob der Diener Gottes dergleichen Dinge mit den Heiden mitmachen dürfe, in Kleidung, im Genuß von Speisen und in den sonstigen Freudenbezeigungen. Den Ausspruch, man solle sich freuen mit den Fröhlichen und trauern mit den Traurigen, hat der Apostel, der zur Einmütigkeit ermahnen will, getan mit Bezug auf die Mitbrüder33). Sonst haben in diesen Dingen Licht und Finsternis, Leben und Tod nichts miteinander gemein, oder wir stellen den Ausspruch auf den Kopf: „Die Welt wird sich freuen, ihr aber werdet trauern"34). Wenn wir uns mit der Welt freuen, so wird zu fürchten sein, daß wir auch mit der Welt trauern werden. Wir wollen lieber, wenn die Welt sich freut, trauern, dann werden wir uns nachher, wenn die Welt trauert, freuen. So erlangte Eleazar in der Unterwelt im Schöße Abra-hams Trost und Erquickung, der Reiche dagegen befand sich in der Qual des Feuers, und so gleicht sich bei ihnen der Wechsel von Gutem und Bösem durch Vergeltung mit dem Gegenteil aus.

Es gibt gewisse Tage, wo man sich Geschenke macht, wodurch man gegen den einen der gebührenden Ehrerbietung Genüge tut, bei anderen eine schuldige Belohnung abträgt. Du sagst nun: ich will das Meinige annehmen und ändern das ihnen Gebührende geben. Wenn es der Fall ist, daß die Leute dieser Sitte eine abergläubische Weihe gegeben haben, warum nimmst du, der du ihrer Torheit fernstehst, an den üblichen Feierlichkeiten wie ein Götzendiener teil, als wenn auch für dich hinsichtlich des Tages eine Vorschrift gälte, das, was man einem ändern oder was der andere uns schuldig ist, nicht ohne die Beobachtung der dazu |p158 bestimmten Tage zu bezahlen oder in Empfang zu nehmen? Gib die Form an, unter der du mit dir verhandeln lassen willst! Denn warum wolltest du auch verborgen bleiben, wenn du durch das Nichtwissen des ändern dein Gewissen befleckst? Wenn man weiß, daß du ein Christ bist, so stellt man dich mit solchen Dingen auf die Probe, und du handelst gegen das Gewissen des ändern wie einer, der nicht Christ ist; wofern du dich aber gar verstellst, dann hast du in die Versuchung eingewilligt, Sicher bist du auf diese wie auf jene Weise der Sünde schuldig, dich Gottes geschämt zu haben. Aber es steht geschrieben: „Wer sich meiner schämt vor den Menschen, dessen werde ich mich auch schämen vor meinem Vater, der in den Himmeln ist"35).

14. Es haben sich viele in den Kopf gesetzt, man müsse manchmal genehm halten, was die Heiden tun, damit nur das Christentum nicht gelästert werde. Nach meiner Meinung haben wir die Pflicht, die Lästerungen zu verhüten, wozu der eine oder der andere von uns den Heiden gerechten Anlaß gibt, durch Betrug, Beschädigung, Beschimpfung oder einen anderen Gegenstand gerechter Klage, wobei der christliche Name verdienterweise gelästert würde und Gott der Herr verdientermaßen zürnt. Gälte dagegen der Ausspruch: „Um euretwillen wird mein Name gelästert"36), von aller und jeder sonstigen Lästerung, dann müßten wir alle insgesamt zugrunde gehen, da ja die ganze Zirkusversammlung mit verbrecherischen Zurufen völlig unverdienterweise den christlichen Namen lästert. Lassen wir ab und es wird nicht mehr gelästert werden! Oder vielmehr, es mag gelästert werden wegen der Beobachtung, nicht wegen der Übertretung der Disziplin, wenn wir die Probe aushalten, nicht wenn wir verworfen werden. Diese Blasphemie nähert sich schon dem Martyrium! Sie stellt mir nur das Zeugnis aus, daß ich Christ bin, indem sie mich deswegen verwünscht! Eine Verwünschung des |p159 Christentums wegen Beobachtung der Disziplin ist ein Segensspruch, „Wenn ich den Menschen zu gefallen strebte", heißt es, „so wäre ich kein Diener Christi"37).

Allein derselbe Paulus befiehlt uns an einer ändern Stelle, allen zu Gefallen zu sein38), „wie ich", sagt er, allen zu Gefallen bin". Da hat er wahrscheinlich den Leuten den Gefallen getan, die Saturnalien und Neujahr zu feiern? Nicht wahr? Oder tat er es durch Bescheidenheit, Geduld, Ernst, Milde und Unbescholtenheit? „Ich bin allen alles geworden, um alle zu gewinnen"39). Etwa für die Götzendiener auch ein Götzendiener? Etwa für die Heiden ein Heide? Etwa für die Weltmenschen ein Weltmensch? Auch wenn er uns den Umgang mit Götzendienern, Ehebrechern und sonstigen Frevlern nicht verbietet und sagt: „Sonst müßtet ihr aus der Welt hinausgehen"40), so läßt er uns darum doch noch lange nicht hinsichtlich unseres Umganges die Zügel schießen, so daß, weil es nötig ist, mit Sündern zu leben und umzugehen, es auch erlaubt wäre, mit ihnen zu sündigen. Dort41) ist es die Lebensgemeinschaft, welche der Apostel gestattet, hier Sünde, welche niemand gestattet. Man darf mit den Heiden wohl zusammenleben, aber nicht zusammen mit ihnen sterben42). Leben wir mit allen zusammen, freuen wir uns mit ihnen infolge unserer gemeinsamen Menschennatur, nicht des Aberglaubens. Unserer Seele nach sind wir gleich, nicht aber in den Sitten; die Welt besitzen wir mit ihnen, nicht aber den Irrtum.

Wenn wir also kein Recht haben, in solchen Dingen mit den Andersgläubigen mitzumachen, so ist es ein noch viel größeres Verbrechen, dergleichen unter Mitbrüdern zu begehen. Wer könnte dies dulden oder rechtfertigen!? Den Juden macht der Hl. Geist ihre |p160  Feste zum Vorwurf. „Eure Sabbate", heißt es, „Neumonde und Zeremonien haßt meine Seele." Von uns aber, die die Sabbate, Neumonde und die ehemals Gott wohlgefälligen Tage nichts angehen, werden Saturnalien, Janusfeste43), Wintersonnenwenden und Matronalien gefeiert, Geschenke strömen zusammen, die Neujahrsgelder klingen, Spiele und Gastmähler werden laut. Da verfährt denn doch der heidnische Glaube gegen seine Leute besser; der nimmt keinen christlichen Feiertag für sich in Anspruch. Die würden weder den Tag des Herrn, noch Pfingsten mitmachen, selbst wenn sie ihnen bekannt wären; denn sie würden fürchten, für Christen gehalten zu werden. Wir aber scheuen uns nicht, uns als Heiden bezeichnen zu lassen. Willst du deinem Leibe etwas zugute tun, so hast du auch dazu Gelegenheit, ich sage nicht bloß zwei Tage44), sondern mehrere. Denn bei den Heiden ist immer nur einmal der jedesmalige Jahrestag ein Festtag, für dich jedesmal der achte Tag. Nimm die einzelnen Festtage der Heiden heraus und bringe sie in eine Reihe, so werden sie nicht hinreichen, eine Pentekoste45) auszumachen.

15. Eure Werke, heißt es, sollen leuchten46). Jetzt aber strahlen unsere Läden und Türen von Licht. Bei den Heiden findet man bereits mehr Türen unbeleuchtet und unbekränzt als bei den Christen. Welches ist deine Ansicht hierüber? Soll das eine Ehrenbezeigung für ein Idol sein, dann unterliegt keinem Zweifel, daß ein Idol ehren Idololatrie ist. Geschieht es aber eines Menschen wegen, so erinnern wir uns, daß alle Idololatrie irgend eines Menschen wegen geschieht. Erinnern wir uns doch daran, daß alle Idololatrie Menschenverehrung ist; denn die Götter sind, was bei den Heiden eine ausgemachte Sache ist, früher Menschen gewesen. Daher macht es keinen Unterschied, ob man Personen früherer |p161 Jahrhunderte oder der Jetztzeit diese abergläubische Verehrung darbringt. Die Idololatrie ist nicht wegen der Personen, die ihr Objekt sind, mit dem Verdammungsurteil belegt worden, sondern wegen solcher Dienste, die sich auf die Dämonen beziehen. -- „Man muß aber dem Kaiser geben, was des Kaisers ist." -- Zum Glück steht dabei: „Und Gott, was Gottes ist". Also was gebührt dem Kaiser? Natürlich das, um was es sich damals bei Stellung der Frage handelte, ob man dem Kaiser Tribut geben dürfe oder nicht. Deshalb verlangte der Herr auch, man solle ihm eine Münze zeigen, und fragte, wessen Bild das sei, und da er die Antwort bekam: „Des Kaisers", sagte er: „Also gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist", d. h. das Bild des Kaisers, welches sich auf der Münze findet, dem Kaiser, und das Ebenbild Gottes, das sich im Menschen findet, Gott, so daß du dem Kaiser dein Geld gibst, Gott aber deine Person. Andernfalls aber, wenn dem Kaiser alles gehört, was wird für Gott übrig bleiben?

Sind denn also, fragst du, Lampen vor der Tür und Lorbeerguirlanden an den Pfosten eine Ehrenbezeigung für einen Gott? Ja freilich, nicht weil es eine Ehre für den Gott ist, sondern weil das Heil dessen, der an Stelle des Gottes durch solche Diensteserweisungen, soweit die Sache öffentlich ist, geehrt wird, durch das verborgene Treiben auf die Dämonen zurückgeht. Manche wissen es zwar aus Unkenntnis der heidnischen Literatur nicht, aber trotzdem dürfen wir dessen versichert sein, daß es bei den Römern auch Türgottheiten gibt; Cardea hat ihren Namen von den Türangeln, Forculus von den Türflügeln, Limentius von der Schwelle und Janus von der Tür selbst. Auch wissen wir recht wohl, daß die Namen, obwohl eitel und erdichtet, doch, da sie in Aberglauben verlaufen, die Dämonen und jeden unreinen Geist durch das Bindemittel der Einweihung herbeilocken. Sonst haben ja die Dämonen keinen besondern Namen für sich, sondern sie finden nur da ihren Namen, wo die ihnen zugehörige Sache ist. Auch bei den Griechen finden wir, daß Apollo |p162 Thyräus und die antelischen Dämonen den Türen als Schutzgeister vorstehen.

Dies also ist es, was der Hl. Geist vom Anfang an vorausgesehen und durch den uralten Propheten Henoch vorausgesagt hat, daß auch Türen dem Aberglauben dienen würden. Denn wir sehen, daß auch noch andere Türen, nämlich die in den Bädern, Gegenstände der Verehrung werden. Wenn es aber Wesen gibt, die in den Türen angebetet werden, dann beziehen sich auch die Lampen und Lorbeerkränze auf sie. Du erweisest dem Idol, was du der Tür antust. Hierfür entnehme ich der Autorität Gottes selber eine Beglaubigung, Denn es ist nicht geraten, zu unterdrücken, was einem gezeigt wurde -- natürlich um der Gesamtheit willen. Es ist mir bekannt, wie ein christlicher Mitbruder durch eine Vision in derselben Nacht schwer dafür gezüchtigt wurde, daß seine Sklaven bei Gelegenheit einer plötzlich ausgerufenen öffentlichen Freudenbezeigung die Haustür mit Kränzen geschmückt hatten. Und doch hatte er es nicht einmal selber getan oder befohlen; denn er war vorher ausgegangen, und tadelte, als er wieder kam, das Geschehene; folglich werden wir vor Gott in solchen Dingen auch wegen der Handlungen unseres Hausgesindes gerichtet.

Was also die Ehrenbezeigungen für Könige oder Imperatoren betrifft, so ist uns genugsam vorgeschrieben, den Obrigkeiten, Fürsten und Mächten Untertan zu sein, jedoch innerhalb der Grenzen der Moral, insoweit wir dabei von der Idololatrie frei bleiben. Dafür haben wir aus alter Zeit das Beispiel der drei Brüder, die, obwohl sonst dem König Nabuchodonosor gehorsam, seinem Bilde Ehrenbezeigungen aufs standhafteste verweigerten, indem sie behaupteten, alles sei Idololatrie, was sich über das Maß menschlicher Ehren hinaus zur Gleichheit mit der göttlichen Majestät erhebt. Ähnlich blieb auch der im übrigen dem Darius anhängliche Daniel nur so lange im Dienste, als er von Verstößen gegen die Moral frei sein durfte. Denn sich dazu zu verstehen, konnte ihn ebenso wenig die Furcht vor den Löwen des Königs verleiten, wie sein Feuerofen die drei Jünglinge. |p163 

Mögen also alle diejenigen, denen kein Licht leuchtet, am hellen Tage Lampen anzünden, mögen diejenigen an den Türpfosten Lorbeergewinde, die man nachher verbrennt, aufhängen, welche selbst eine Beute des Feuers sein werden. Bei ihnen sind sowohl Gewährschaften von Finsternis als Vorahnungen von Strafen wohl angebracht. Du aber bist ein Licht der Welt und ein immer grünender Baum. Wenn du den Tempeln entsagt hast, so sollst du aus deiner Haustür keinen Tempel machen! Mein Ausdruck war noch zu gelinde: wenn du den Hurenhäusern entsagt hast, so sollst du deinem Hause nicht das Aussehen eines neueröffneten Hurenhauses geben.

16. In betreff der Aufmerksamkeiten bei Privat- öder Familienfesten, z.B. bei dem der weißen Toga47), bei Verlobungen, Hochzeiten und Namenstagen, glaube ich ist keine Gefahr vom Anhauch des Götzendienstes, der dabei vorkommt, zu fürchten. Denn man muß die Ursachen in Betracht ziehen, weshalb solche Aufmerksamkeiten erwiesen werden. Ich halte dieselben an sich für rein, weil sich weder die Kleidung des Mannes, noch der Ring oder die eheliche Verbindung von Ehrenerweisungen gegen Idole herschreiben. Ich finde auch nicht, daß irgend eine Art des Putzes mit dem Fluche von Gott belegt worden sei, außer die weibliche Kleidung, von einem Manne getragen. „Verflucht", heißt es, „sei jeder, der Weiberkleider anzieht"48). Die Toga aber ist sogar ihrer Benennung nach Mannestoga (toga virilis). Hochzeiten zu feiern verbietet Gott so wenig, als sich einen Namen beilegen zu lassen. Allein es kommen dabei Opfer zur Anwendung! --Man darf sich dazu laden lassen, nur darf der Titel der geforderten Aufmerksamkeit nicht lauten „zur Teilnahme am Opfer", und muß ich so viel tun dürfen, als mir beliebt. Wollte Gott nur, daß wir gar nicht mit anzusehen hätten, was zu tun uns |p164 untersagt ist! Allein weil der Böse die Welt einmal so ganz in Idololatrie verstrickt hat, so wird es erlaubt sein müssen, bei gewissen Dingen zugegen zu sein, wenn wir uns damit der Verbindlichkeiten gegen Menschen, nicht gegen ein Idol entledigen. Allerdings, der Einladung zu einem Priesterdienste und Opfer werde ich nicht folgen -- denn das ist eine Dienstleistung gegen das Idol im eigentlichen Sinne, Bei solchen Dingen werde ich keinen Rat geben, keinen Geldbeitrag leisten und keine sonstige Mühwaltung übernehmen, Wenn ich der Einladung zum Opfer durch meine Gegenwart entspreche, so bin ich Teilnehmer am Götzendienste. Wenn mich aber sonst irgend eine Veranlassung in die Gesellschaft von Opfernden führt, so bin ich nur ein Zuschauer beim Opfer.

17. Was sollen aber christliche Sklaven und Freigelassene und auch die niederen Beamten tun, wenn ihre Herren, Patrone oder die Präsidenten, denen sie beigegeben sind, Opfer darbringen? Reicht jemand dem Opfernden auch nur Wein dar, ja schon, wenn er eine der beim Opfern notwendigen Formeln mitspricht, ist er ein Helfershelfer der Idololatrie. Wenn wir dieses Grundsatzes eingedenk bleiben, so dürfen wir Obrigkeiten und Machthabern Dienste leisten, nach dem Vorgange der Patriarchen und sonstigen Altvordern, welche götzendienerischen Königen zu Dienste waren bis an die Schwelle der Idololatrie. Es ist darüber kürzlich ein Disput entstanden, ob ein Diener Gottes die Verwaltung irgend einer Ehrenstelle oder eines obrigkeitlichen Amtes übernehmen dürfe, wofern er sich infolge einer Vergünstigung oder seiner eigenen Gewandtheit von jeder Art Idololatrie frei zu halten imstande ist, nach der Analogie eines Joseph und Daniel, die von der Idololatrie frei blieben und doch Ehrenstellen und Ämter bekleideten, mit dem Abzeichen und dem Purpur der Statthalter von ganz Ägypten und Babylon angetan. Geben wir zu, daß es jemand gelingen könne, als Inhaber irgend einer Ehrenstelle mit dem bloßen Titel derselben aufzutreten, ohne zu opfern, ohne die Opfer durch seine Anwesenheit zu autorisieren, ohne  |p165 Lieferungen von Opfervieh zu vergeben, ohne die Abgabe für die Tempel an andere zu übertragen, ohne die Tempelsteuern zu verwalten, ohne selbst oder von Staatswegen Spiele zu veranstalten oder bei den veranstalteten zu präsidieren, ohne bei einer Feierlichkeit zu sprechen oder sie anzusagen, ja ohne auch nur zu schwören, ferner, was auch Handlungen der Amtsgewalt sind, gesetzt, er spreche kein Urteil über Leben und Tod oder die bürgerliche Ehre eines Menschen -- denn in Geldangelegenheiten, das würdest du dir wohl gefallen lassen, -- er verurteile nicht, er gebe keine Strafgesetze, er lasse niemand fesseln, niemand einkerkern oder foltern -- wenn das glaublich ist, dann mag es sein.

18. Nun wäre über den Schmuck an sich und das äußere Gepränge, welches mit den Ehrenstellen verbunden ist, zu handeln. Jeder hat seine eigene Kleidung, sowohl für den häuslichen Gebrauch, als auch bei den Ehrenstellen und den Würden. Also waren vormals bei den Ägyptern und Babyloniern der Purpur und der goldene Halsschmuck in derselben Weise Abzeichen der Würde, wie jetzt die mit Purpur gestreifte, die ganz purpurne oder gestickte Toga und die goldenen Kronen der Priester in den Provinzen, aber nicht in derselben Weise. Denn sie wurden lediglich als ehrende Auszeichnung denen verliehen, welche des nähern Umgangs mit den Königen gewürdigt wurden. Daher hießen die Betreffenden: Bepurpurte des Königs, von ihrem Purpur, wie bei uns die Kandidaten so heißen von der weißen Toga. Aber dieses äußere Gepränge legte keine Verpflichtungen zu Priesterdiensten oder gegen Idole auf. Denn wenn dem so gewesen wäre, so würden gewiß Männer von solcher Heiligkeit und Standhaftigkeit solche Kleider als befleckt abgewiesen haben, und es wäre gleich an den Tag getreten, daß Daniel nicht den Idolen diene und weder Bei noch den Drachen verehre, was später wirklich klar wurde. Der einfache Purpur war bei den Barbaren auch nicht einmal Abzeichen einer Würde, sondern der freien Geburt, Denn so gut wie Joseph, der ein Sklave gewesen war, und Daniel, der durch Kriegsgefangenschaft seine Standesrechte  |p166 verloren hatte, durch das Gewand des dortigen freien Standes das Bürgerrecht von Babylon und Ägypten erlangt haben, so kann auch bei uns der Christ, wenn es notwendig ist, seinen Knaben die gestreifte Toga (toga praetexta) sowie den Mädchen die Stola gestatten, als Zeichen der Abkunft, nicht der politischen Stellung; der Familie, nicht eines Ehrenamtes; des Ranges, nicht der Religion. Im übrigen aber sind der Purpur und die sonstigen Abzeichen von Würden und Ämtern der den letztern anhaftenden Idololatrie von Anfang an geweiht und tragen den Schandfleck ihrer Unheiligkeit an sich, zumal da die Götzenbilder selbst mit gestreiften, gestickten und breitgestreiften Togen bekleidet und ihnen auch Fasces und Stäbe vorgetragen werden. Und mit Recht. Denn die Dämonen sind die Obrigkeiten der Heidenwelt; sie führen als Abzeichen dafür, daß sie einer Genossenschaft angehören, Fasces und Purpur. Was wirst du also gewonnen haben, wenn du dich ihres Gepränges zwar bedienst, ihre Werke jedoch nicht ausübst? Niemand kann in der Gesellschaft von Unreinem als ein Reiner gelten. Wenn du einen an sich schmutzigen Kittel anziehst, so kann es sein, daß derselbe durch dich vielleicht nicht mehr beschmutzt wird, aber du wirst auch durch ihn nicht rein werden. Was dann die Sophistereien mit Joseph und Daniel angeht, so wisse, daß man altes und neues, rohes und verfeinertes, angefangenes und vollendetes, knechtisches und freies nicht immer in Vergleich zu einander stellen kann. Jene waren nämlich auch ihrer Stellung nach Sklaven, du aber bist niemandes Sklave, als nur ein Sklave Christi, der dich aus der Gefangenschaft der Welt befreit hat, und wirst nach der Art und Weise deines Herrn handeln müssen.

Jener, der Herr, wandelte in Demut und Unscheinbarkeit einher, unstät in Hinsicht der Wohnung -- „denn des Menschen Sohn", heißt es, „hatte nicht, wohin er sein Haupt lege"49), in schmuckloser Kleidung, denn sonst hätte er nicht gesagt: „Siehe, die sich weichlich |p167 kleiden, sind in den Palästen der Fürsten" --50), endlich von Antlitz und Aussehen unansehnlich, wie auch Isaias vorhergesagt hatte51). Wenn er fernerhin weder eine Macht noch ein Recht, nicht einmal über die Seinigen, ausübte, sondern ihnen niedrige Dienste leistete, wenn er sich endlich, obwohl seines Königtums bewußt, weigerte, König zu werden, so gab er den Seinigen ein vollkommenes Vorbild, gegen allen Stolz und alles Gepränge sowohl der Würde als der Macht unempfindlich zu sein. Wer hätte sich dessen mehr bedienen sollen als der Sohn Gottes? -- Wieviele und was für Fasces hätten ihm das Geleite gegeben, was für ein Purpur hätte nicht auf seinen Schultern erglänzt, wieviel Gold von seinem Haupte gestrahlt, wenn er nicht zu verstehen gegeben hätte, daß weltliche Herrlichkeit ihm und den Seinigen fremd sei!? Er hat also, was er nicht begehrte, verschmäht; was er verschmähte, verurteilt; was er verurteilte, der Pracht des Teufels beigezählt. Denn er kann diese Dinge nur verdammt haben, weil sie nicht sein sind; was aber nicht Gottes ist, kann niemand anders angehören als dem Teufel. Wenn du die Pracht des Teufels abgeschworen hast, so wisse, es ist Idololatrie, wenn du etwas davon anrührst. Auch der Umstand schon, daß die Machthaber und Würdenträger der Heidenwelt es sind, durch welche gegen die Diener Gottes Todesstrafen beschlossen werden und die Kenntnis der den Gottlosen bereiteten Strafen unbekannt bleibt, sollte dich daran erinnern, daß sie alle nicht nur nicht von Gott kommen, sondern ihm widerstreben. Aber auch deine Geburt und dein Besitztum machen dir hinsichtlich der Idololatrie Beschwerden, Um ihnen zu entgehen, kann es dir an Auswegen nicht fehlen, und wenn sie fehlen sollten, so bleibt dir doch das eine übrig, daß du, wenn auch nicht auf Erden, so doch im Himmel eine um so glückseligere Magistratsperson werden wirst52). |p168 

19. Es könnte scheinen, als sei in den vorangehenden Kapiteln auch über den Soldatenstand, welcher zwischen Würde und Macht in der Mitte steht, schon die Entscheidung gegeben. Allein es fragt sich gegenwärtig eben, ob Christen sich dem Soldatenstande zuwenden dürfen, ob Militärpersonen zum Christentum zugelassen v/erden können, und ob sich mit dem Glauben der Dienst der Gemeinen und der sämtlichen niedern Chargen vereinbaren lasse, welche nicht zu opfern brauchen und mit Urteilen über Leben und Tod nichts zu tun haben. Es harmoniert nicht zusammen, unter dem Fahneneid Gottes und der Menschen, unter dem Feldzeichen Christi und des Teufels, im Lager des Lichts und in dem der Finsternis zu stehen, eine und dieselbe Seele kann nicht zweien verpflichtet sein, Christo und dem Teufel. Zwar hat auch Moses, wenn wir uns auf Scherze einlassen wollen, einen Stab getragen53), Aaron eine Spange, Johannes gürtete sich mit einem Riemen, Jesus Nave stand an der Spitze eines Heerhaufens und das Volk hat Krieg geführt. Wie aber wird der, dem der Herr das Schwert weggenommen hat, Krieg führen, ja auch nur in Friedenszeiten ohne Schwert Soldat sein? Wenn auch Soldaten zu Johannes kamen und die Richtschnur für ihr Verhalten hinnahmen, wenn sogar ein Hauptmann gläubig wurde, so hat doch der Herr in der Entwaffnung des Petrus jedem Soldaten den Degen abgeschnallt. Keine Tracht, die ein Zubehör unerlaubter Handlungen ist, gilt bei uns als erlaubt.

20. Da ein der göttlichen Moral entsprechender Wandel nicht bloß durch Taten, sondern auch durch Worte gefährdet werden kann -- denn wie einerseits geschrieben steht: „Siehe, der Mensch und seine Taten", so heißt es andererseits auch „nach deinen eigenen Worten wirst du gerechtfertigt werden"54), so dürfen wir nicht vergessen, daß es unsere Pflicht auch ist, zu verhüten, daß sich die Idololatrie nicht einmal in |p169 Worten, sei es als Folge fehlerhafter Gewohnheit oder furchtsamer Gesinnung, einschleiche. Die heidnischen Götter so zu nennen, verbietet uns das Gesetz55), gewiß; es verbietet uns jedoch sicherlich nicht, ihre Namen auszusprechen, wozu uns das tägliche Leben zwingt. Denn sehr häufig sieht man sich genötigt, sich z. B. des Ausdruckes zu bedienen: Im Tempel des Äskulap findest du ihn; ich wohne in der Isisgasse; er ist Priester des Jupiter geworden, und vielerlei dergleichen Redensarten; denn diese Art Benennungen sind von den Menschen einmal eingeführt. Wenn ich den Saturn mit seinem Namen benenne, so ehre ich ihn damit weiter nicht; ich ehre ihn ebensowenig als den Markus, wenn ich ihn Markus nenne. Aber es heißt doch: „Die Namen fremder Götter sollt ihr nicht erwähnen, und man soll sie nicht hören aus deinem Munde"56). Diese Vorschrift ist gegeben, damit wir sie nicht Götter titulieren. Denn im ersten Teile des Gesetzes heißt es: „Du sollst den Namen Gottes deines Herrn nicht bei eitlem nennen"57), d. h, bei einem Götzenbilde. Folglich ist nur derjenige in Idololatrie verfallen, welcher das Idol mit dem Namen Gott beehrt. Wenn man aber die Götter zu erwähnen hat, so muß man etwas hinzufügen, woraus erhellt, daß man sie nicht für Götter hält. Denn auch die Hl, Schrift nennt die Götter, setzt aber hinzu „ihre" oder „die der Heiden", z. B. David, wenn er die Götter anführt und sagt: „Die Götter der Heiden aber sind Dämonen"58). Dies habe ich mehr als Grundlage für das folgende vorausgeschickt. Eine fehlerhafte Gewohnheit ist es aber, zu sagen: „Beim Herkules" oder „Medius Fidius". Bei manchen ist Unwissenheit dabei und sie wissen nicht, daß dies ein Schwur beim Herkules ist. Was würde eine Beteuerung bei Wesen, die man abgeschworen hat, anders sein, als ein Abirren vom Glauben nebst Idololatrie?! Denn jeder ehrt diejenigen, bei welchen er etwas beteuert. |p170 

21. Ein Akt der Furchtsamkeit aber ist es, wenn dich jemand durch einen Schwur oder durch eine Beteuerung bei seinen Göttern verpflichtet, und du, um nicht erkannt zu werden, dich dabei ruhig verhältst. Denn durch dein Stillschweigen räumst du ihnen göttliche Majestät ein, da du um ihretwillen als ein Verpflichteter erscheinen sollst. Was machts, ob du ausdrücklich oder durch bloßes Anhören zugibst, die Götter der Heiden seien Götter? ob du bei den Idolen schwörst oder, durch einen ändern bei ihnen beschworen, zustimmst? Warum erkennen wir darin nicht die List des Satans, der bewirkt, daß, was er durch unsern eigenen Mund nicht vollbringen kann, durch den Mund der Seinigen zustande komme, und durch die Ohren die Idololatrie auf uns überträgt. Wer es auch immer sei, der dich bindet, er tut es entweder bei einer wohlwollenden oder in einer feindseligen Begegnung. Ist letzteres der Fall, so wirst du eben zum Kampfe herausgefordert und weißt, daß du kämpfen mußt, in ersterem Falle wirst du mit um so größerer Sicherheit dein Versprechen auf den Herrn übertragen und das Band dessen lösen, durch welchen dich der böse Feind in eine Verehrung der Dämonen, d. h. in die Idololatrie hineinzuziehen sucht. Ein jedes Geschehenlassen derart ist Idololatrie, Du erweisest denen Ehre, auf deren eingelegte Zitation du folgsam eingegangen bist. Ich kenne einen -- Gott möge ihm verzeihen --, der, als ihm auf der Straße im Streit zugerufen wurde: Jupiters Zorn möge dich treffen! antwortete: Nein, dich! Was anders würde ein Heide auch getan haben, der Jupiter für einen Gott hält? Selbst dann, wenn er nicht mit denselben Worten und nicht mit Anrufung eines ähnlichen Wesens wie Jupiter den Fluch zurückgegeben hätte, läge dennoch eine Bestätigung der Gottheit Jupiters von seiner Seite darin, da er sich über eine ihm mittels seiner Person angetane Verwünschung ärgerte und wieder fluchte. Warum wolltest du wegen dessen unwillig werden, von dem du weißt, daß er nichts ist? Wenn du wütend wirst, so gibst du damit zu, er sei etwas, und dieses Geständnis deiner Furcht würde eine Idololatrie sein; noch viel mehr aber, wenn du bei demselben Jupiter wieder |p171 fluchst. Du tust ihm dann dieselbe Ehre an, wie der, welcher dich dazu veranlaßt hat. Der Gläubige muß bei so etwas vielmehr lachen, nicht wütend werden, ja sogar, wie es Vorschrift ist, nicht einmal bei Gott wieder fluchen, sondern bei Gott segnen, um die Idole zu vernichten, Gott zu loben und das Sittengesetz zu erfüllen.

22. Ebenso wenig wird sich jemand, der Christo geweiht ist, unter Anrufung der heidnischen Götter segnen lassen, sondern er wird jedesmal den unreinen Segensspruch zurückweisen und ihn zu seinem Wohle läutern, indem er ihn auf Gott bezieht. In den heidnischen Göttern gesegnet zu werden, heißt bei Gott verflucht werden. Wenn ich einem ein Almosen gebe oder ihm eine Wohltat erweise und er mir dafür die Gnade seiner Götter oder des Genius der Kolonie wünscht, so würde meine Gabe oder Handlung sofort zu einer Ehre für die Dämonen werden, in deren Namen Segen wünschend er mir die Gabe erwidert. Warum aber sollte er nicht wissen dürfen, daß ich es Gottes wegen getan habe, damit dadurch Gott verherrlicht werde, und nicht der Dämon aus dem, was ich Gottes wegen getan habe, eine Ehre ziehe. Wenn Gott sieht, daß ich es seinetwegen getan habe, so sieht er ebenso gut auch, daß ich diese meine Absicht nicht an den Tag kommen lassen wollte und so sein Gebot [des Almosens] gewissermaßen zu einem Götzenopfer gemacht habe. Viele sagen: niemand braucht sich selbst bloßzustellen. Niemand, glaube ich, darf auch den Glauben verleugnen. Es verleugnet ihn aber jeder, der bei irgend einer Angelegenheit sich verstellt und für einen Heiden halten läßt. Jede Verleugnung ist natürlich ein Götzendienst, sowie jeder Götzendienst eine Verleugnung, sei es in Worten, sei es in Werken.

23. Allein es gibt noch einen Fall der Art in Wort und Tat, doppelschneidig und nach beiden Seiten hin bedenklich, wenn er dir auch vorschmeichelt, als hätte es in beiden Hinsichten nichts auf sich, indem keine Handlung ersichtlich ist, weil kein gesprochenes Wort vorliegt. Diejenigen nämlich, welche von Heiden auf |p172 sichergestellte Unterpfänder Geld leihen, geben durch einen Eidschwur Sicherheit und behaupten so, nicht darum zu wissen59). Christus hat die Vorschrift gegeben, nicht zu schwören. -- „Ich habe es", erwidert man, „ja nur schriftlich von mir gegeben, ohne etwas zu sagen. Die Zunge tötet, nicht der Buchstabe." -- Hier berufe ich mich auf die Natur und das Bewußtsein, auf die Natur, weil die Hand, wenn die Zunge nicht diktiert, sondern unbeweglich und ruhig bleibt, nichts schreiben kann, was ihr nicht die Seele diktiert hat. Die Seele ist es, welche der Zunge diktiert, was sie entweder selbst erdacht oder von einem ändern gelernt hat. Man komme auch nicht mit der Entschuldigung: ein anderer hat es diktiert. Da berufe ich mich auf dein Selbstbewußtsein und frage, ist es nicht die Seele, welche das, was der andere diktiert, in sich aufnimmt, und vermittelt sie es nicht der Hand mit oder ohne Hilfe der Zunge? Glücklicherweise haben wir aber einen Ausspruch des Herrn, der besagt, man könne auch im Geist und in seinem Innern sündigen, „Wenn", heißt es, „die Begierde oder Bosheit in das Herz des Menschen gestiegen ist"60), so gilt das für die Tat. Du hast Sicherheit gegeben; dieser Akt ist sicherlich in dein Herz gedrungen, und du kannst nicht davon behaupten, du habest es nicht gewußt oder nicht gewollt. Denn als du die Sicherheit gabst, wußtest du darum; wenn du darum wußtest, hast du es gewollt; du bist der Handelnde gewesen in Werken wie in Gedanken und bist nicht imstande, durch ein kleineres Vergehen das größere auszuschalten und zu sagen, es geschehe durch dieses Sicherheitgeben etwas völlig Illusorisches, indem du sonst nicht dabei tätig bist. -- „Ich habe aber doch nicht verleugnet, da ich gar nicht geschworen habe," -- Gut, wenn du auch nichts der Art getan hättest, so würde man doch auch so von dir sagen müssen, du habest geschworen, wenn |p173 du deine Zustimmung aussprichst. -- „Das lautlose Wort, erlangt es nicht Kraft durch die Feder, der unhörbare Ton nicht in den Buchstaben?" -- Der mit zeitweiliger Beraubung seiner Sprache gestrafte Zacharias redete mittels seiner Seele und ließ dabei die Zunge untätig, das Herz diktierte den Händen, und er gab so, ohne den Mund zu gebrauchen, den Namen seines Sohnes an. Er spricht mittels der Feder, er macht sich vernehmlich durch die Schreibtafel, die Hand ist lauter als jeder Ruf, der Buchstabe hörbarer als jede Stimme, Untersuche erst noch, ob der gesprochen habe, dessen Rede man verstand. Laßt uns nun den Herrn bitten, daß wir nicht in die Notwendigkeit kommen, solche Kontrakte machen zu müssen, und wenn es doch geschieht, so möge er dem Mitchristen die Mittel zum Handeln61) oder uns die nötige Fertigkeit geben, jeden Zwang abzuweisen, damit nicht jene Schriftstücke der Apostasie, wo unsere Schriftzüge die Stelle der Worte vertreten, am Tage des Gerichts gegen uns herangezogen werden, nicht mit den Siegeln des Advokaten, sondern mit denen der Engel untersiegelt.

24. Das sind die Klippen und Buchten, die Untiefen und Meerengen der Idololatrie, zwischen denen der Glaube hindurchsteuern muß, die Segel vom Hauche Gottes geschwellt. Wohl erfreut er sich des Schutzes, wenn er vorsichtig ist; wohl kann er unbesorgt sein, wenn er mit Umsicht verfährt. Ist man aber erst einmal über Bord gefallen, dann ist die Tiefe undurchschwimmbar, der Schiffbruch, wenn man auf den Grund geraten, unvermeidlich, und die, welche von der Brandung der Idololatrie einmal verschlungen sind, kommen nicht mehr zum Vorschein. Ihre Wogen sind erstickend, jeder ihrer Strudel zieht zur Unterwelt hinab. Niemand darf sagen: Wer kann sich so sicher verwahren? Dann müßte man ja aus der Welt gehen! -- Als ob es nicht ebenso gut wäre, aus der Welt hinauszugehen, wie als Götzendiener darin zu leben?! Nichts kann leichter sein, |p174 als die Vermeidung der Idololatrie, wenn die Furcht davor alles beherrscht. Im Vergleich mit einer solchen Gefahr ist jede Not geringer. Darum hat uns der Hl. Geist damals, als die Apostel anfragten, die Fessel und das Joch gelockert, damit wir ungehindert seien in Vermeidung der Idololatrie62).

Das wäre also unser Gesetz, das je leichter es ist, um so vollständiger zu erfüllen ist, das eigentliche Christengesetz, woran wir von den Heiden erkannt und erprobt werden. Es muß den dem Glauben Nähertretenden vorgelegt, den zum Glauben Übertretenden eingeschärft werden, damit sie darüber Erwägungen anstellen, die Folgsamen darin verharren und die Unfolgsamen sich ändern. Denn sehen wir wohl zu, ob, um das Bild der Arche festzuhalten, auch Raben, Weihe, Wölfe, Hunde und Schlangen in der Kirche sein dürfen. Ist die Arche ihr Urbild, so gibt es keinen Götzendiener darin. Kein einziges Tier der Arche ist ein Typus für den Götzendienst. Was aber in der Arche nicht war, soll auch in der Kirche nicht sein.


1. p.140 1) 1 Joh. 3, 15. 

2. p.140 2) Off. 2, 24.

3. p.141 1) Die Bd. Vindob. setzt filo in den Text. Das figula des Agob. aber läßt auf figlino Töpferton oder Töpferarbeit schließen.

4. p.142 1) 2 Mos. 20, 4; 3 Mos. 26, 1; 5 Mos. 5, 8.

5. p.142 2) Henoch c. 99, 6f, S 131. Flemmisch-Radermacher.

6. p.143 1) Is. 44, 8.

7. p.143 2) So das Zitat. In der Vulgata lautet die Stelle, Is. 44, 20, anders.

8. p.143 3) Ps. 113, 8.

9. p.143 4) 1 Kor. 7, 20.

10. p.144 1) 1 Thess. 4, 11.

11. p.145 1) 2 Mos. 20, 4; 4 Mos. 21, 8; 5 Mos. 5, 8. 

12. p.145 2) Nicht zwei Götter annimmst, wie die Gnostiker. 

13. p.145 3) 2 Mos, 20, 4.

14. p.146 1) Die Eucharistie. 

15. p.146 2) Matth. 18, 8.

16. p.147 1) Zum Vergolden.

17. p.147 2) Das heißt wohl so viel, als inwendig mit Zement die Wände glatt auszustreichen.

18. p.149 1) Die Austreibung der Magier und Astronomen aus Italien, geschah zu verschiedenen Malen, so unter Tiberius, Tac. Ann. II, 32, Vitellius, Tac. Hist. II, 62 und Domitian, Suet. c. 36. Auch Severus strafte die, welche die Chaldäer und Wahrsager in betreff seiner befragt hatten, i. J. 199. Spart. Sev. c. 15.

19. p.149 2) Nach der Konjektur Exilii des Gelenius, vgl. Edit. Vindob.

20. p.149 3) Stellarum interpretes nennt sie Tertullian, aber nicht Könige.

21. p.150 1) Elymas; Apg. 13, 6.

22. p.150 2) 1 Kor. 1, 20.

23. p.150 3) Ungenaues Zitat von Apg. 8, 21.

24. p.151 1) Ein fünftägiges Minervafest.

25. p.151 2) Ein Geschenk unbekannten Ursprungs, welches am 11. Dezember gegeben wurde.

26. p.151 3) Brumae, brumalia, cfr. syn. Trullana c. 62. Sie wurden zur Zeit der Wintersonnenwende, also am 22. Dezember, gegeben.

27. p.151 4) Das Fest der Charistien, d. h. der lebenden Verwandten, welches am 22. Februar gefeiert wurde.

28. p.153 1) 1 Tim. 6, 10.

29. p.153 2) Kol. 3, 5; Eph. 5, 3.

30. p.154 1) Die Ausgabe des Gelenius hat lucrum, ebenso Ed. Vindob., der Agob. locorum.

31. p.155 1) Vergl. c. 5.

32. p.155 2) Im Evangelium, Luk. 14, 28.

33. p.157 1) Die Christen.

34. p.157 2) Joh. 16, 20.

35. p.158 1) Matth. 16, 10, 32. Luk. 9, 26.

36. p.158 2) Röm. 2, 24; Is. 52, 5; Ezech. 36, 20.

37. p.159 1) Gal. 1, 10. 

38. p.159 2) 1 Kor. 10, 33. 

39. p.159 3) Ebd. 9, 22. 

40. p.159 4) Ebd. 5, 10.

41. p.159 5) Die Lesart urbi ist sinnlos; es muß nach meiner Ansicht gelesen werden ibi. Ebenso die Edit. Vindob. 

42. p.159 6) Durch die Sünde.

43. p.160 1) Also Neujahr.

44. p.160 2) Codex B und Öhler haben hier tuos dies, ebenso Ed. Vindob. Es wird wohl zu lesen sein: duos, d. i. die oben genannten, den Tag des Herrn (Ostern) und Pfingsten.

45. p.160 3) Der Zeitraum von 50 Tagen zwischen Ostern und Pfingsten. 

46. p.160 4) Matth. 5, 16.

47. p.163 1) Der sogenannten toga virilis, die man mit dem 16. Jahre anlegte; Kinder trugen die toga praetexta, die mit Purpurstreifen veisehen war.

48. p.163 2) 5 Mos. 22, 5.

49. p.166 1) Luk. 9, 58.

50. p.167 1) Matth. 11, 8.

51. p.167 2) Is. 53, 2.

52. p.167 3) Nämlich, im äußersten Falle das Martyrium.

53. p.168 1) Wie der römische Hauptmann einen Korporalstock.

54. p.168 2) Matth. 12, 87. Die zuerst angeführte Stelle scheint aus dem Buch Henoch entnommen; denn in der hl. Schrift findet sie sich nicht.

55. p.169 1) 2 Mos. 23, 13. 

56. p.169 2) Ebd. 23. 13. 

57. p.169 3) Ebd. 20, 7. 

58. p.169 4) PS. 113, 12.

59. p.172 1) Diese Stelle bleibt bei dem Texte der neuen Ed. Vindob. ebenso dunkel wie nach den älteren Ausgaben. Darum lasse ich, um nicht etwas bloß Mutmaßliches zu geben, die Worte Volunt bis praesidis aus.

60. p.172 2) Matth. 5, 28.

61. p.173 1) D. h. durch Spenden ihre Mitbrüder aus der Notwendigkeit, Schulden zu machen, befreien.

62. p.174 1) Apg. 15, 28 ff.


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Übersetzt von Heinrich Kellner, 1912/1915.  Übertragen durch Roger Pearse, 2002.


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