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DAS ZEUGNIS DER SEELE.

[Übersetzt von Dr. K. A. Heinrich Kellner]

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Inhalt:

1. Kap. Die gelehrten Verteidigungen des Christentums werden wenig beachtet. Darum soll jetzt die schlichte Menschenseele, wie sie an sich ist, Zeugnis ablegen.

2. Kap. Durch unwillkürliche Ausrufungen bezeugt die Seele die Einheit, Güte und Gerechtigkeit Gottes sogar angesichts der Dämonen.

3. Kap, Zeugnis der Seele für die Existenz eines bösen Geistes.

4. Kap. Zeugnis der Seele für ihre eigene Fortdauer nach dem Tode.

5. Kap. Diese Zeugnisse sind als Stimme der Natur und ihres Urhebers, Gottes, anzusehen und nicht als Folge literarischer Bildung; wenn aber dieses, so wären sie eine Folge der heiligen Literatur, nicht der profanen.

6. Kap. Man folge also der Stimme Gottes und der Natur.

1. Starker Wißbegierde und eines noch weit stärkern Gedächtnisses bedarf es zum Studium, wenn man aus den am meisten verbreiteten Schriften der Philosophen, Dichter und sonstigen Lehrmeister in weltlicher Gelehrsamkeit und Weisheit die Zeugnisse für die christliche Wahrheit ausheben wollte, um deren Feinde und Verfolger aus ihrem eigenen gelehrten Apparat sowohl des Irrtums als auch der Ungerechtigkeit gegen uns zu überführen. Zwar haben einige der Unsrigen, denen von ihrer ehemaligen literarischen Beschäftigung her noch die Arbeitslust der Wißbegierde und Treue des Gedächtnisses geblieben ist, kleine Werke von dieser Richtung abgefaßt und im einzelnen den Grund und den Ursprung der Traditionen, sowie auch die Beweise für die Meinungen beigebracht und mit Zeugnissen belegt, |204 woraus man genau zu ersehen imstande ist, daß wir nichts Unerhörtes und Auffallendes unternommen haben, nichts, worin uns nicht sogar allgemein verbreitete und öffentlich bekannte Schriften durch ihre Zustimmung zu Hilfe kämen, mag es nun sein, daß wir etwas als Irrtum verwerfen oder etwas als berechtigt zulassen. Leider aber hat die Hartnäckigkeit der Menschen im Unglauben sogar bei den eigenen Lehrern, die sonst die bewährtesten und gelesensten sind, deren Zuverlässigkeit beanstandet, wenn sie irgendwo den Beweismitteln der christlichen Apologetik nahekommen. Die Poeten sind dann Toren, wenn sie die Götter mit menschlichen Leidenschaften und nach Fabeln schildern, die Philosophen sind dann unverdaulich, wenn sie an der Pforte der Wahrheit anpochen. Wer etwas annähernd Christliches ausspricht, wird soweit noch für einen weisen und verständigen Mann gehalten werden, während er, wenn er ernstlich nach Weisheit und Verständigkeit streben und entweder die heidnischen Zeremonien verschmähen oder die Welt überwinden sollte, als ein Christ übel angesehen wird. Wir wollen also nichts mehr mit den Büchern und der Anleitung zu einer verkehrten Glückseligkeit zu tun haben, der man eher glaubt in dem, was an ihr falsch, als in dem, was wahr ist. Meinetwegen mögen manche Aussprüche über den einzigen und wahren Gott getan haben! Nein, es soll gar nichts berichtet worden sein, was der Christ anerkennt, ohne es tadeln zu können; denn auch das, was wirklich berichtet wird1), ist nicht allen bekannt, und die, welchen es bekannt ist, halten es nicht für gehörig begründet. So viel fehlt daran, daß die Leute unseren Schriften zustimmen, zu denen niemand Zutritt hat, als wer schon Christ ist.

Ich rufe ein ganz neues Zeugnis an, oder besser ich rufe ein Zeugnis an, bekannter als alle Büchergelehrsamkeit, lebensvoller als alle Theorie, verbreiteter als jede Veröffentlichung, größer als der ganze Mensch, nämlich alles, was der Mensch ist. So tritt denn herzu, o Seele; magst du nach der Meinung mehrerer |205 Philosophen etwas Göttliches und Ewiges sein, so wirst du um so weniger lügen, oder wenn du durchaus nichts Göttliches bist, weil sterblich, wie Epikur meint ---- freilich er allein ---- dann wirst du um so weniger lügen dürfen, magst du nun aus dem Himmel gekommen oder von der Erde empfangen, aus Zahlen oder Atomen zusammengefügt sein, magst du endlich mit dem Körper zugleich das Dasein empfangen oder nach dem Körper hereingeführt werden, woher auch immer und auf welche Weise du geworden sein magst ---- du bist es, die den Menschen zum vernünftigen und der Einsicht und Wissenschaft empfänglichen Wesen macht. Aber nicht dich rufe ich herbei, die du in Schulen gebildet, in Bibliotheken bewandert, in den Akademien und Attischen Säulenhallen geistig gespeist, Weisheit von dir gibst. Dich rede ich an, die du einfach und unverfeinert, ungebildet und unwissend bist, wie bei Leuten, die dich allein haben und weiter nichts, die Seele, ganz wie sie von der Gasse, von den Straßenecken, aus der Werkstätte herkommt. Gerade deines Mangels an Erfahrung bedarf ich, da deiner Erfahrung, so gering sie auch ist, niemand glaubt. Ich will aus dir herausfragen, was du mit dir in den Menschen hineinbringst, wie du von dir selbst oder durch deinen Urheber, wer er auch sei, fühlen gelernt hast. Du bist, soviel ich weiß, keine Christin; denn du pflegst erst eine Christin zu werden und nicht als solche auf die Welt zu kommen. Dennoch verlangen jetzt die Christen von dir ein Zeugnis, von einer ihnen Fremden gegen die deinigen, damit diese sogar vor dir erröten, weil sie uns deswegen hassen und verspotten, als dessen Mitwisserin sie dich nun entdecken.

2. Wir finden keinen Beifall, wenn wir den Herrn als den Einzigen, durch den alles ist und unter dem alles steht, unter diesem Namen verkünden. ---- Gib nun Zeugnis, ob du diese Meinung hegst. Denn dich hören wir ja sogar öffentlich und mit aller Freiheit, wie wir es nicht können, zu Haus und draußen dich so ausdrücken „Gott gebe es" und „Wenn es Gottes Wille ist". Mit diesen Ausdrücken deutest du an, daß irgend ein Gott |206 existiere, und gestehst, daß er alle Macht habe, indem du auf seinen Willen Rücksicht nimmst. Du leugnest zugleich, daß die ändern Götter seien, indem du sie mit besondern Namen benennst: Saturn, Jupiter, Mars, Minerva, Denn wenn du ihn in der Art als Gott bezeichnest, daß du auch dann, wenn du die ändern zuweilen auch einmal Götter nennst, dich gleichsam einer fremden und geliehenen Sache zu bedienen scheinst, so behauptest du damit, daß er der alleinige Gott sei.

Auch die Beschaffenheit des Gottes, den wir predigen, ist dir nicht verborgen, „Gott ist gütig, Gott macht es wohl" ist deine Ausdrucksweise, Ausdrücklich fügst du hinzu; „Aber der Mensch ist schlecht". Durch diese entgegengesetzte Behauptung wirfst du versteckter und verblümter Weise dem Menschen vor, daß er eben deshalb schlecht sei, weil er vom guten Gott abgewichen ist. Weil jeder beim Gott der Güte und Liebe erteilte Segen für uns die höchste Weihe unseres sittlichen Lebens und Wandels ist, sprichst du auch das „Es segne dich Gott" mit derselben Leichtigkeit aus, wie der Christ es muß. Wenn du hingegen die Nennung des Wortes Gott in einen Fluch verwandelst, so bekennst du auf gleiche Weise durch deine Rede wie wir, daß alle Macht über uns ihm gehöre.

Es gibt Leute, die, obwohl sie Gott nicht leugnen, ihn doch nicht für den Beobachter, Augenzeugen und Richter [unserer Handlungen] halten; darin mißfallen wir, die wir aus Furcht vor dem angekündigten Gerichte uns dieser Lehre in die Arme werfen, ihnen am meisten, indem sie Gott, dem sie auch nicht einmal einen Zorn zuschreiben, in der Weise ehren wollen, daß sie ihn von den Sorgen des Zuschauens und den Unbequemlichkeiten der Bestrafung entbinden. Wenn Gott zürnt, sagen sie, so ist er veränderlich und den Leidenschaften ausgesetzt, und weiter, was dem Leiden und der Veränderung unterworfen ist, das ist auch dem Untergange ausgesetzt, was Gott nicht ist. Ich erwidere: eben dieselben Leute erklären ein andermal die Seele für etwas Göttliches und von Gott Gegebenes, und so unterliegen sie dem Zeugnis der Seele selbst, welches gegen die |207 frühere Meinung geltend zu machen ist. Wenn die Seele etwas Göttliches oder doch von Gott Gegebenes ist, so kennt sie ohne Zweifel ihren Geber, Wenn sie ihn kennt, so fürchtet sie ihn an letzter Stelle auch als ihren Urheber. Oder sollte sie etwa den nicht fürchten, den sie doch lieber gnädig gegen sich gesinnt als erzürnt sehen will? Woher dann also die natürliche Furcht der Seele vor Gott, wenn Gott nicht zürnen kann? Wie könnte der gefürchtet werden, welcher nicht beleidigt werden kann? Was wird denn überhaupt gefürchtet, wenn nicht der Zorn? Und woher der Zorn, wenn nicht wegen der Bestrafung? Woher die Bestrafung, wenn nicht in Folge eines Gerichts? Woher sonst das Gericht als in Folge von Macht? Und wer hat die höchste Mächt, wenn nicht Gott allein? Von dorther also hast du, o Seele, durch dein Wissen Grund genug, sowohl zu Hause als draußen zu sagen: „Gott sieht alles", „Ich empfehle es Gott", „Gott wird es dir vergelten", „Gott wird zwischen uns richten", ohne daß jemand spottet oder es verwehrt. Woher kommt dieses, wenn du keine Christin bist? Und zwar oft sogar dann, wenn du mit der Kopfbinde der Ceres umwunden bist, wenn du im Purpurmantel des Saturn oder im Linnengewande der Göttin Isis prangst. Mit einem Wort, in den Tempeln selbst rufest du Gott als Richter an, Du stehst vor Äskulap, du flehest zur Juno in der Luft, du versiehst den Helm der Minerva mit dunkeln Formen2) und rufst dabei keinen der gegenwärtigen Götter zu Zeugen an. Auf deinem Forum appellierst du an einen Richter von anderswo, in deinen Tempeln duldest du noch einen ändern Gott, O Zeugnis der Wahrheit, welches im Angesichte der Dämonen selbst einen Zeugen für die Christen erweckt!

3. In der Tat, da wir die Existenz von Dämonen behaupten, so spottet irgend ein Anhänger des Chrysipp darüber; gerade als ob wir sie nicht auch bewiesen, wir, |208 die wir allein dieselben aus den Leibern auszutreiben imstande sind! ---- Deine Verwünschungen geben die Antwort, daß dieselben existieren, aber auch die, daß sie mit Verachtung und Abscheu belastet sind. Einen Menschen, der mit Unlauterkeit oder Bosheit, mit Übermut oder einer Makel behaftet ist, wie wir sie den Dämonen zuschreiben, oder einen, der nach dem unabänderlichen Gesetze des Abscheues uns widerwärtig ist, den pflegst du „einen Dämon" zu nennen. Das Wort „Satan" endlich stoßest du bei jeder Verwünschung, bei jedem Ausdruck der Verachtung und des Abscheues aus. Es ist der Name dessen, den wir als den Engel der Bosheit und den Verderber der ganzen Welt bezeichnen, durch welchen der Mensch im Anbeginn betrogen wurde, so daß er den Befehl Gottes übertrat und, deshalb dem Tode preisgegeben, das ganze durch seinen Samen befleckte Geschlecht von da an zum Teilhaber seiner eigenen Verdammnis machte. Du fühlst also, wer dein Verderber ist. Und obwohl ihn die Christen und etwa noch jede Genossenschaft, die am Herrn festhält, allein kennen, so hast trotzdem auch du Kenntnis von ihm, da du ihn hassest.

4. Was, o Seele, nun weiter den dir unausweichlichen Spruch angeht, und was sich auf dein Wesen selbst bezieht, so behaupten wir, daß du nach Auslöschung des Lebens noch fortbestehen, den Tag des Gerichtes erwarten und, je nach Verdienst, entweder Qualen überantwortet wirst, oder Freuden, die beide ewig dauern; daß, um diese zu ertragen, dir deine frühere Substanz und dieselben menschlichen Bestandteile und das Gedächtnis wieder gegeben werden, weil du einerseits weder Unangenehmes noch Angenehmes empfinden kannst ohne die Vermittlung des empfindungsfähigen Körpers, und andrerseits ohne Vorführung derselben Persönlichkeit, welche die Schwere des Gerichtes verdient hat, keine Ursache zum Richten vorhanden wäre. Dies ist die christliche Ansicht; wenngleich sie viel anständiger ist als die pythagoreische, indem sie dich nicht in Tierleiber versetzt, wenngleich vollständiger als die |209 platonische, indem sie dir auch noch die Gabe des Körpers wiedergegeben werden läßt, wenngleich annehmbarer als die epikureische, indem sie dir die Auflösung erspart, so wird sie dennoch wegen ihres Namens für einen bloßen Wahn, für Borniertheit und, wie man auch sagt, für eine vermessene Phantasterei angesehen. Jedoch wir schämen uns unserer anmaßlichen Phantasterei nicht, wenn du sie mit uns teilst.

Erstens, wenn du dich nämlich eines Verstorbenen erinnerst, nennst du ihn „den Armen"; natürlich nicht, weil er der Wohltat des Lebens entrissen, sondern weil er bereits der Strafe und dem Gerichte überantwortet ist, Ein anderes Mal sagst du von Verstorbenen, sie seien „wohl aufgehoben". Damit gestehst du die Mühseligkeit des Lebens und das Wohltätige des Todes ein. Du nennst sie sogar dann „gut aufgehoben", wenn du gerade, mit Fischspeisen und Leckerbissen eigentlich dir selbst ein Totenopfer bereitend, die Grabhügel vor dem Tore besuchst oder etwas angesäuselt von den Grabhügeln heimkommst. Ich habe es aber mit deiner Ansicht zu tun, wie du sie im nüchternen Zustande hast, ---- dann nennst du die Toten „arm", wenn du von deinem Zustand ausgehend sprichst, weil du weit von ihnen entfernt bist. Denn bei den ihnen zu Ehren gegebenen Mahlzeiten, wenn sie gleichsam anwesend sind und mit zu Tische sitzen, kannst du ihnen doch aus ihrem Lose keinen Vorwurf machen; da mußt du ja denen Höflichkeiten sagen, welche die Veranlassung deiner Fröhlichkeit sind. Nennst du folglich arm etwa denjenigen, der nichts mehr empfindet? Wie aber, wenn du ihm nun fluchst, als hätte er Empfindung? Wessen Andenken für dich mit dem Stachel einer Beleidigung verbunden ist, dem wünschest du, daß ihm die Erde schwer sein, und seine Asche in der Unterwelt zu leiden haben möge3). In gleicher Weise erflehest du im günstigen Falle, wenn du jemandem Dank schuldest: „Ruhe |210 seinen Gebeinen und seiner Asche" und wünschest, daß er „sanft ruhen möge unter den Toten".

Wenn du nach dem Tode keine Empfindung mehr hast, wenn dir kein Gefühl mehr bleibt, wenn du endlich, sobald du den Körper verlassen hast, selber ein Nichts bist, warum lügst du dir zu deinem Nachteil vor, du könntest ferner noch etwas leiden? Noch mehr, warum überhaupt fürchtest du dann den Tod? Du hast nach dem Tode ja nichts zu fürchten, ebenso wenig als nach dem Tode überhaupt noch etwas zu erwarten. Denn, obschon man vorgeben könnte, deshalb den Tod zu fürchten, nicht weil er noch mit etwas drohe, sondern weil er die Annehmlichkeit des Lebens abschneide, so beseitigt er, da die weit zahlreicheren Widerwärtigkeiten des Lebens entfallen, doch auch mit dem sichern Erwerbe des bessern Teils die Furcht, und man braucht daher auch den Verlust des Gutes, welches durch ein anderes Gut, nämlich die Sicherheit vor Widerwärtigkeiten, aufgewogen wird, nicht mehr zu fürchten. Dasjenige hat man nicht zu fürchten, was uns von jeder Furcht befreit. Wenn du dich fürchtest, das Leben zu verlassen, weil du es als ein großes Gut kennen gelernt hast, so darfst du sicherlich den Tod nicht fürchten, von dem du ja doch nicht weißt, ob er ein Übel ist. Ja, du würdest ändern Falles gar nicht wissen, daß er ein Übel sei; ---- weil du ihn dann nicht fürchten würdest, wenn du nicht wüßtest, daß es nach dem Tode etwas gebe, was ihn zu einem Übel macht, das man zu fürchten hat.

Wir wollen nun die natürliche Todesfurcht beiseite lassen; niemand möge fürchten, was er nicht vermeiden kann! Ich nehme von einer ändern Seite den Kampf auf, von seilen der freudigeren Hoffnung nach dem Tode, Fast allen Menschen nämlich ist ein Verlangen nach Nachruhm nach dem Tode angeboren. Es wäre zu weitläufig, Männer wie Curtius und Regulus vorzuführen oder die Griechen, deren Lobeserhebungen der Todesverachtung im Hinblick auf den nachfolgenden Ruhm unzählig sind. Wer ist auf Auffrischung seines Andenkens nach seinem Tode heutzutage nicht so sehr |211 bedacht, daß er nicht durch Werke der Gelehrsamkeit, durch einen löblichen Charakter oder sogar durch das ehrgeizige Verlangen nach einem Leichenmonument seinen Namen zu verewigen suchte? Woher sollte die Seele heute etwas begehren, was sie erst für den Todesfall wünscht, und mit solcher Mühe etwas vorbereiten, dessen sie sich erst nach ihrem Ende bedienen wird? Sie würde sicherlich nicht für die Zukunft sorgen, wenn sie gar nichts von der Zukunft wüßte. Allein vielleicht bist du deiner Sache gewisser in betreff des Empfindens nach deinem Hintritt, als in betreff der dereinstigen Auferstehung, die als eine vermessene Annahme auf unserer Seite getadelt wird. Doch auch dieses wird von der Seele gepredigt. Denn, wenn sich jemand nach irgend einem längst Verstorbenen, als lebte er noch, erkundigt, so kommen uns unter der Hand die Worte in den Mund: ,,Er ist schon hinübergegangen und muß einst wiederkommen!"

5. Diese Zeugnisse der Seele sind ebenso wahr als einfach, ebenso einfach als alltäglich, ebenso alltäglich als allgemein, ebenso allgemein als natürlich, ebenso natürlich als göttlich. Ich möchte nicht glauben, daß es jemandem wertlos und frostig vorkommen wird, wenn er die Erhabenheit der Natur erwägt, wonach ja die Autorität der Seele abzuschätzen ist. Gerade soviel als du der Lehrerin gibst, wirst du der Schülerin zuerkennen; Lehrerin ist die Natur, Schülerin die Seele. Alles, was jene gelehrt und diese gelernt hat, ist von Gott gekommen als dem Lehrmeister auch der Lehrerin. Was die Seele in betreff ihres höchsten Lehrers zu ahnen imstande sei, das zu beurteilen ist an dir nach Maßgabe derjenigen, die in dir ist. Lerne sie wahrnehmen, sie, die bewirkt, daß du wahrnimmst; beobachte sie, die in Vorempfindungen eine Seherin, bei Vorzeichen eine Prophetin ist und bei Ereignissen eine Vorahnung hat. Ist es ein Wunder, wenn sie, von Gott dem Menschen gegeben, göttlicher Ahnungen fähig ist? Ist es wirklich ein so großes Wunder, wenn sie den, von welchem sie gegeben ist, kennt? Sogar vom Widersacher betrogen, |212 bewahrt sie ja noch die Erinnerung an ihren Urheber, seine Güte, seinen Ratschluß, ihren Ausgang und ihren Widersacher, So wenig wunderbar ist es, wenn sie, von Gott gegeben, das kundtut, was Gott den Seinigen zu wissen gegeben hat!

Jedoch wer solche Kundgebungen der Seele nicht für die Lehre der Natur und die geheime Hinterlage des mitgeborenen und angeborenen Wissens hält, der wird dann wohl lieber behaupten wollen, daß diese Gewohnheit, oder dann richtiger gesprochen diese Unsitte, durch in das Volk gedrungene Ideen solcher Schriften, die Gemeingut geworden, an Stärke zugenommen habe, ---- Jedenfalls war die Seele vor der Schrift da, die Sprache vor dem Buche, der Gedanke vor dem Griffel, der Mensch an sich vor dem Philosophen und Dichter. Ist also etwa zu glauben, daß die Menschen vor dem Entstehen der Büchergelehrsamkeit und deren Verbreitung unter das Volk stumm ohne derartige Ausdrücke gelebt hätten? Sollte damals niemand von Gott und seiner Güte, niemand vom Tode, niemand von der Unterwelt geredet haben? Die Sprache wäre dann schier bettelhaft arm gewesen, oder konnte richtiger gar keine sein, indem ihr das noch fehlte, ohne welches sie heute, obwohl schon vollkommener, reicher und gebildeter, nicht zu existieren vermag, wenn nämlich das, was heute so einfach, so regelmäßig, so naheliegend ist und gleichsam auf den Lippen selbst entsteht, nicht früher vorhanden war, bevor die Wissenschaften in der Welt aufgesproßt, bevor Merkur, meine ich, geboren war. Und wodurch kamen die Wissenschaften selbst in die glückliche Lage, das zu kennen und als allgemeinen Sprachgebrauch zu verbreiten, was noch kein Geist jemals empfangen, keine Zunge ausgesprochen und kein Ohr vernommen hatte? Aber freilich, da die heiligen Bücher, die bei uns oder bei den Juden zu finden sind, auf die wie auf ein wildes Reis wir eingepfropft sind4), um vieles und nicht bloß um einen geringen Zeitraum älter sind als die profanen Schriften, ---- wie wir seines Ortes5), um ihre |213 Glaubhaftigkeit nachzuweisen, gelehrt haben, ---- wenn also die Seele jene Ausdrücke sich aus Büchern angeeignet hat, ---- dann vermutlicherweise jedenfalls aus unseren, nicht aus den Eurigen, Denn das Frühere ist doch wohl geeigneter für die Unterweisung der Seele als das Spätere, welches sich ja selbst erst den Unterricht durch das Frühere gefallen lassen mußte. Auch wenn wir zugeben wollten, daß die Seele ihre Belehrung aus Euern Schriften geschöpft habe, so würde die Überlieferung doch noch zu ihrem eigentlichen Ursprung hinanreichen und was Ihr vom Unserigen zu entlehnen und weiter zu überliefern so glücklich gewesen seid, uns ganz angehören. Demzufolge macht es keinen großen Unterschied, ob das Wissen der Seele durch Gott formiert ist oder durch die göttlichen Schriften. Warum, o Mensch, verlangst du, daß diese Dinge erst von den menschlichen Meinungen deiner Schriften ihren Ausgang zum feststehenden allgemeinen Sprachgebrauch genommen haben sollen?

6. Und so glaube denn deinen eigenen Zeugnissen und auf Grund unserer Denkschriften glaube um so mehr auch den göttlichen Zeugnissen; aber auf Grund der Entscheidung der Seele selbst glaube ebenso sehr der Natur. Wähle dir hiervon, wen du als die treuere Schwester der Wahrheit beobachtet hast. Wenn du in deine eigenen Schriften Zweifel setzest, so sind doch Gott und die Natur keiner Lüge fähig. Um wiederum den Glauben an die Natur und Gott zu finden, glaube nur der Seele. So wird es geschehen, daß du auch dir selbst glaubst. Sie ist es doch sicherlich, die du so wert hältst, als sie, der du ganz angehörst, dich wert hält, sie, die dir alles ist, ohne welche du nicht leben und nicht sterben kannst, um derentwillen du Gott vernachlässigst. Wenn du dich fürchtest, Christ zu werden, so nimm sie einmal ins Verhör, warum sie den Namen Gottes im Munde führe, da sie doch einen ändern verehrt? Warum sie, wenn sie fluchwürdige Geister bezeichnen will, die Dämonen zu nennen pflege? Warum sie, zum Himmel gewandt, Beteuerungen, und zur Erde gewandt, |214 Verwünschungen ausspreche? Warum sie dem einen diene und doch einen ändern als ihren Rächer anrufe? Was sie über die Toten urteile? Warum sie von den Christen, die sie nicht einmal hören und sehen mag, Ausdrücke entlehnt hat? Warum sie die betreffenden Ausdrücke uns überlassen oder sie von uns angenommen hat? Warum sie dieselben gelehrt oder gelernt hat? Halte die Übereinstimmung in der Lehre bei einer solchen Verschiedenheit des Wandels für etwas Beachtenswertes! Es wäre töricht, wenn du dieser unserer Sprache, oder der griechischen, welche für verwandt gilt, derartige Ausdrücke allein zuschreiben wolltest, so zwar, daß du die Allgemeinheit der Natur leugnest. Nicht ausschließlich die Lateiner und die Griechen haben ihre Seelen vom Himmel erhalten. Bei allen Völkern ist der Mensch ein und derselbe, der Name aber verschieden; die Seele eine, ihr Ausdruck aber mannigfaltig; der Geist einer, seine Stimme aber mannigfaltig; jedes Volk hat seine besondere Sprache, aber die Gegenstände der Sprache sind gemeinschaftlich. Gott ist überall und überall die Güte Gottes, überall die Dämonen und der Abscheu vor den Dämonen, überall die Berufung auf das Urteil Gottes, überall der Tod, überall die Kenntnis des Todes und überall das Zeugnis, Jede Seele proklamiert mit vollem Rechte laut, was uns nicht einmal zu flüstern erlaubt ist. Mit gutem Grund ist also eine jede Seele Schuldige und Zeugin zugleich, in demselben Grade nämlich zugleich schuldig des Irrtums, in welchem sie Bezeugerin der Wahrheit ist, und sie wird am Tage des Gerichtes vor den Vorhöfen Gottes stehen, nicht wissend, was sie sagen soll. Du hast Gott immer verkündigt und ihn doch nicht gesucht; du hast die Dämonen in Worten immer verabscheut und sie doch angebetet; du hast die Strafen der Unterwelt immer geahnt und sie doch nicht vermieden; du hast vom christlichen Namen etwas gewußt, aber die Christen verfolgt!


1. 1) In der heidnischen Literatur.

2. 1) Diese dunkle Stelle spielt auf einen nicht näher bekannten Ritus an, der an einem Minervafeste, vielleicht den Quinquatrien, vorgenommen wurde.

3. 1) Sit tibi terra levis, eine gewöhnliche Inschrift auf Grabmälern für geliebte Personen. Die Edit, Vindob. setzt mit Unrecht das Fragezeichen hinter facis.

4. 1) Vgl. Röm. 11, 24.

5. 2) Nämlich im Apologeticum Kap. 18 u. 19.


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Übersetzt von Heinrich Kellner, 1912/1915.  Übertragen durch Roger Pearse, 2002.


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