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DIE PROZESSEINREDEN GEGEN DIE HÄRETIKER.

204 n. Chr.

[Übersetzt von Dr. K. A. Heinrich Kellner]

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Inhalt:

1. Kap. Veranlassung und Tendenz dieser Schrift.

2. Kap. Daß die Häresien soviel Unheil anstiften, darf nicht uns befremden.

3. Kap. Selbst der Abfall hervorragender Christen darf uns nicht in Verwirrung setzen. Ähnliches geschah schon zur Zeit Christi.

4. Kap. Christus hat das Auftreten der Häresien im voraus angekündigt.

5. Kap. Auch der Apostel Paulus erklärt sie für ein notwendig eintretendes Übel.

6. Kap. Er spricht fast in jedem seiner Briefe ein Verwerfungsurteil über sie aus. Erklärung des Wortes Häresie.

7. Kap. Die Häresien haben ihren Ursprung aus der Philosophie, indem philosophische Ansichten mit christlichen Lehren vermischt wurden.

8. Kap. Um bei den Gläubigen Zweifel zu erregen, mißbrauchen die Häretiker die Aufforderung Christi: „Suchet und ihr werdet finden."

9. Kap. Mit diesem Ausspruche hat aber Christus nicht zu einem beständigen Suchen aufgefordert, sondern nur zu einem Suchen nach dem wahren Glauben.

10. Kap. Wer die wahre Lehre Christi gefunden hat, der braucht nicht weiter zu suchen, sondern muß sie gläubig festhalten.

11. Kap. Wer dann noch suchen wollte, würde keinen rechten Glauben haben. Beständiges Suchen schließt einen Widerspruch in sich.

12. Kap. Untersuchungen über den Glauben sind nur soweit gestattet, als sie ohne Verletzung der Glaubensregel geschehen. |650 

13. Kap. Glaubensregel oder kurzer Inbegriff der christlichen Glaubenswahrheiten.

14. Kap. Was außerhalb der Glaubensregel liegt, darf an sich wohl Gegenstand der Untersuchung werden, in Wirklichkeit aber ist es den Häretikern nicht um das Forschen zu tun, sondern nur darum, Anhänger zu gewinnen.

15. Kap. Ihre Hauptwaffe ist immer Berufung auf die Hl. Schrift. Man kann ihnen auf diesem Gebiete nicht mit Erfolg beikommen und muß sich daher nach einer ändern Methode umsehen.

16. Kap. Der hl. Paulus befiehlt, sich mit ihnen nicht auf Disputationen einzulassen.

17. Kap. Man kommt durch Disputationen über Schriftstellen nie zum Ziele.

18. Kap. Selbst die Absicht, wankende Gläubige wieder zu gewinnen, ist fast immer erfolglos.

19. Kap. Daher ist dieses Verfahren nicht ausreichend und, da die Schriftauslegung von Privatleuten ein zweifelhaftes Kriterium bleibt, auf die kirchliche Überlieferung zu rekurrieren.

20. Kap. Gründung der einen katholischen Kirche durch Christus und Stiftung der einzelnen Gemeinden, welche zusammen die eine Kirche bilden, durch die Apostel.

21. Kap. Die christliche Wahrheit ist nur innerhalb der von den Aposteln herstammenden Überlieferung bei den apostolischen Mutterkirchen zu finden.

22. Kap. Wollte man noch außerhalb der apostolischen Tradition Wahrheit suchen, so müßte man annehmen, Christus habe nicht allen Aposteln seine ganze Lehre mitgeteilt, oder diese hätten ihrerseits einiges als Geheimlehre für sich behalten.

23. Kap. Widerlegung der ersteren Annahme.

24. Kap. Fortsetzung.

25. Kap. Die Apostel sind nicht im Besitz einer Geheimlehre neben der gewöhnlichen christlichen Lehre gewesen.

26. Kap. Fortsetzung. Scheinbar dafür sprechende Bibelstellen befehlen in Wirklichkeit nur eine gewisse Vorsicht bei Verkündigung des Evangeliums. |651 

27. Kap. Wenn auch einige apostoliche Einzelkirchen von den Aposteln getadelt wurden, so beweist das nicht, daß dieselben die Lehre der Apostel unrichtig aufgefaßt hätten.

28. Kap. Wenn die Kirchen im Glauben irrten, so hätten sie nie alle zu demselben Glauben gelangen können.

29. Kap. Wenn die Lehre irgendeines Häretikers die richtige wäre, so würde folgen, daß in der ganzen Zeit vor seinem Auftreten ein verkehrtes Evangelium geglaubt wurde.

30. Kap. Die zeitigen Häresien sind erst lange nach den Zeiten der Apostel entstanden; andere verdanken gar noch lebenden Personen ihren Ursprung.

31. Kap. Die ursprüngliche Überlieferung ist immer die echte.

32. Kap. Auch hohes Alter würde die Sache einer Häresie nicht bessern; denn sie steht außerhalb der apostolischen Sukzession und der Lehreinheit der übrigen Kirchen.

33. Kap. Selbst wenn sie in die Apostelzeit hinaufreicht, so hat sie damit nur das vor ändern Häresien voraus, daß sie von den durch die Apostel ausgesprochenen Zensuren getroffen ist.

34. Kap. Stammt eine Häresie aus der Apostelzeit, so ist sie von den Aposteln auch schon verworfen; ganz neue Häresien aber finden schon durch ihre späte Entstehung allein ihre Verurteilung.

35. Kap. Fortsetzung.

36. Kap. Wie das Traditionsprinzip im konkreten Falle zu benutzen sei. Die apostolischen Kirchen, besonders die römische, sind maßgebend.

37. Kap. Die Häretiker stehen also ganz außerhalb der Kirche und haben gar kein Recht, sich der Hl. Schrift zu ihren Gunsten zu bedienen.

38. Kap. Sie sehen sich förmlich genötigt, die Heilige Schrift, entsprechend ihrem jedesmaligen Irrtum, verschiedentlich zu fälschen.

39. Kap. Dieses ist um so weniger befremdlich, als ja schon bei profanen Schriften häufig Fälschungen vorkommen. |652 

40. Kap. Den Gedanken dazu hat der Teufel eingegeben, und die Häresie, die in ähnlicher Weise wie der Götzendienst das Christentum nachäfft, ist sein Werk.

41. Kap. Auch der lockere Wandel der Häretiker und der bei ihnen herrschende Mangel an kirchlicher Ordnung zeugen gegen die Wahrheit ihrer Lehren.

42. Kap. Ebenso ihr Mangel an Missionseifer. Ihre Tätigkeit ist nur dahin gerichtet, die Kirche zu unterwühlen.

43. Kap. Alle dergleichen Erscheinungen bei den Häretikern haben ihren Grund im System.

44. Kap. Wer sich vom wahren Glauben abwendet, hat keine Entschuldigung und setzt sich in Widerspruch mit klaren Aussprüchen Christi 1).

1. Durch die gegenwärtigen Zeitverhältnisse dazu aufgefordert, erhebe ich auch den Mahnruf: Wir dürfen uns über die gegenwärtigen Häresien nicht verwundern, weder darüber, daß sie existieren: denn ihr Erscheinen wurde verkündet, noch darüber, daß der Glaube bei einigen Christen Schiffbruch durch sie leidet: denn sie sind zu dem Ende da, um dem Glauben Versuchungen zu bereiten und ihn eben dadurch auch seine Bewährung finden zu lassen. Daher ist es töricht und gedankenlos, wenn manche daran Anstoß nehmen, daß die Häresien soviel Macht haben. Welche würden sie denn haben, wenn sie nicht existierten? 2) Wenn ein Ding überhaupt einmal des Daseins teilhaftig geworden ist, so empfängt es mit dem Zweck, um dessentwillen es da ist, auch die |653 Wirkursächlichkeit, um derentwillen seine Existenz nötig wurde 3).

2. So ist es auch mit dem Fieber, das unter den übrigen todbringenden und qualvollen Zufällen recht eigentlich dazu bestimmt ist, den Menschen aufzureiben; wir wundern uns weder, daß es existiert ---- denn es existiert eben ----, noch darüber, daß es den Menschen aufreibt; ---- denn dazu eben existiert es. Wenn wir uns also darüber entsetzen, daß die Häresien, die zur Lähmung und zum Verderben des Glaubens auftreten, dies auch zu bewirken vermögen, so müßten wir uns erst darüber entsetzen, daß sie überhaupt existieren; denn entsprechend ihrem Sein haben sie ihre Wirksamkeit und entsprechend ihrer Wirksamkeit ihr Sein, Das Fieber, das, wie bekannt, seiner Ursache und Wirkung nach ein Übel ist, verabscheuen wir mehr, als daß wir uns über seine Wirkungen verwundern, und hüten uns soviel als möglich davor, da es nicht in unserer Macht steht, es zu vernichten. Die Häresien aber bewirken den ewigen Tod und den Brand eines schlimmeren Feuers, und doch ziehen einige es vor, sich darüber zu verwundern, daß sie diese Macht haben, anstatt dieser Macht aus dem Wege zu gehen, obwohl letzteres doch in ihrer Kraft steht. Sie würden übrigens keine Macht besitzen, wenn man sich nicht darüber wunderte, daß sie solche Macht besitzen. Denn entweder nimmt man an ihnen Ärgernis, indem man sich über sie verwundert, oder man nimmt erst an ihnen Ärgernis und gerät darum über sie in Staunen, als ob ihre große Macht von einer ihnen zugrunde liegenden Wahrheit stamme. Ja, es ist allerdings etwas Wunderbares, daß das Böse seine Macht hat, aber nur darum, weil die Häresien bei denen große Stärke besitzen, welche keine Stärke im Glauben besitzen. Im Faust- oder Gladiatorenkampf siegt einer sehr oft, nicht weil er tapfer ist oder nicht besiegt werden könnte, sondern weil der besiegte Gegner |654 schwach von Kräften war. Wenn dieser Sieger nachher einem recht kräftigen Gegner gegenübergestellt wird, so zieht er als Besiegter von dannen. Gerade so erlangen die Häresien ihre Macht nur durch die Schwäche mancher Leute, während sie keine Macht haben, wenn sie auf einen recht kräftigen Glauben stoßen.

3. Es pflegt nun zu geschehen, daß solche Bewunderer 4) von gewissen Persönlichkeiten, die von der Häresie betört wurden, zum Verderben sich auferbauen lassen. Warum ist der N. N. und die N. N., die so treu, so klug und so ergraut in der Kirche waren, zu jener Partei übergegangen? Wer, wenn er so fragt, gibt sich nicht selbst die Antwort: diejenigen, welche durch die Häresien abwendig gemacht werden konnten, sind weder für klug, noch für treu, noch für ergraut zu halten? Und ist es denn, dünkt mich, etwas so Auffallendes, daß einer, der sich früher bewährt hat, nachher abfällt? Saul, gerecht vor den übrigen, geht später durch seinen Neid zugrunde. David, ein Gerechter nach dem Herzen des Herrn, macht sich später des Mordes und der Notzucht schuldig. Salomo, vom Herrn mit jeglicher Gnade und Weisheit beschenkt, wird durch Weiber zum Götzendienst verleitet. ---- Dem Sohne Gottes allein war es vorbehalten, ohne Fehltritt zu bleiben. Was soll es also? Wenn ein Bischof, ein Diakon, eine Witwe, eine Jungfrau, ein Lehrer, ja wenn sogar ein Märtyrer von der Glaubensregel abfällt, werden dadurch die Häresien den Anschein gewinnen, als seien sie im Besitz der Wahrheit? Beurteilen wir denn den Glauben nach den Personen oder die Personen nach dem Glauben? Niemand ist weise, niemand ist treu, niemand ist hochgestellt 5), als nur der Christ. Niemand aber ist ein Christ, als wenn er ausharret bis ans Ende, Du aber, als bloßer Mensch, kennst jeden nur von außen. Du urteilst nach dem, was du siehst. Du siehst aber nur so weit, als deine Augen reichen. „Die Augen des Herrn dagegen", heißt |655 es, „dringen in die Tiefe; der Mensch sieht auf das Angesicht, Gott aber ins Herz" 6), Deshalb sieht und deshalb erkennt der Herr, welches die Seinigen sind 7); die Pflanze, die er nicht gepflanzt hat, rodet er aus 8), macht aus den ersten die letzten 9) und trägt die Wurfschaufel in seiner Hand, um seine Tenne zu reinigen 10). Mag die Spreu des leichten Glaubens, so weit sie will, bei jedem Winde der Versuchungen davonfliegen, um so reiner wird die Masse des Getreides in die Scheuern des Herrn niedergelegt werden. Haben sich nicht sogar vom Herrn selbst einige seiner Schüler abgewendet, weil sie Ärgernis nahmen? Deswegen glaubten aber die ändern doch nicht, seine Fußstapfen auch verlassen zu müssen, sondern die, welche wußten, daß er das Wort des Lebens und von Gott gekommen sei, die hielten in seinem Gefolge aus bis zum Ende, obwohl er ihnen ganz ruhig angeboten hatte, ob sie etwa auch fortgehen wollten 11). Weniger zu bedeuten hat es, wenn Leute wie Phygellus, Hermogenes und Hymenäus 12) seinen Apostel verlassen haben; der Verräter Christi selbst ja war einer der Apostel, Wir finden es an den Kirchengemeinden Christi auffallend, wenn sie von einigen verlassen werden ----während gerade diese Erscheinung, die wir nach dem Vorgange Christi selbst erdulden, den Beweis liefert, daß wir Christen sind, „Sie sind von uns ausgegangen", heißt es, „aber sie waren nicht aus uns. Wenn sie aus uns gewesen wären, so wären sie nämlich bei uns geblieben" 13) .

4. Bleiben wir vielmehr eingedenk sowohl der Aussprüche des Herrn als der Schriften der Apostel, welche uns zum voraus verkündeten, daß es Häresien geben |656 werde, und uns vorschrieben, sie zu fliehen; alsdann werden wir uns nicht darüber entsetzen, daß es welche gibt, und ebensowenig uns wundern, wenn sie das zu bewirken imstande sind, weswegen man sie fliehen muß. Der Herr lehrt, daß viele kommen werden, die unter Schafsfellen reißende Wölfe sind 14). Was sind diese Schafsfelle anders, wenn nicht der äußerliche Anschein des christlichen Namens? Wer sind die reißenden Wölfe, wenn nicht die betrügerischen Gedanken und Gesinnungen, die im Innern versteckt sind, um der Herde Christi nachzustellen? Wer die Pseudopropheten 15), wenn nicht die falschen Prediger; wer die Pseudo-apostel 16) ; wenn nicht die unechten Evangelisatoren; wer sind die Antichristen 17) für jetzt und alle Zukunft, wenn nicht die Empörer gegen Christus?

Das also sind die Häresien, welche der Kirche durch ihre verkehrten Lehren nicht weniger zusetzen, als später der Antichrist, der ihr eine grausame Verfolgung bereiten wird; nur mit dem Unterschiede, daß die Verfolgung auch Märtyrer hervorbringt, die Häresie aber nur Apostaten, Deshalb eben mußte es auch Häresien geben, damit alle Bewährten offenbar würden 18), sowohl die, welche in der Verfolgung bestehen, als die, welche zu den Häresien nicht abfallen. Denn er heißt uns nicht, unter den Bewährten diejenigen zu verstehen, welche ihren Glauben in Häresie verkehrt haben, wie es sich die Gegenpartei auslegt, weil er irgendwo anders sagt: „Alles prüfet, was gut ist behaltet" 19), als ob es nicht geschehen könnte, daß man alles schlecht prüft, irrtümlich sich für etwas Schlechtes entscheidet und sich darin verrennt.

5. Wenn ferner Paulus die Spaltungen und Trennungen, welche ohne Zweifel Übel sind, tadelt, so fügt |657 er sofort die Häresien bei 20). Was er aber anderen Übeln zugesellt, das erklärt er damit sicherlich auch für ein Übel, und zwar für ein noch größeres, weil er sich ausdrückt, er habe gerade deshalb dem Bericht in Betreff 21) der Schismen und Spaltungen geglaubt, weil er wisse, daß es sogar Häresien geben müsse. Er gibt nämlich zu erkennen, daß er im Hinblick auf das Kommen eines noch größeren Übels leicht an die geringeren geglaubt habe. Sicherlich hat er nicht deshalb an das Vorhandensein von Übeln geglaubt, weil Häresien etwas Gutes wären, sondern um im voraus zu mahnen, daß man sich auch über Versuchungen einer noch schlimmeren Art nicht wundern dürfe, deren Ziel er dahin charakterisierte, die Bewährten an den Tag zu bringen, nämlich die, welche sich nicht haben verführen lassen. Endlich, wenn der ganze Abschnitt die Absicht verrät, die Einheit zu erhalten und Trennungen zu verhüten, die Häresien aber nicht weniger als Schismen und Spaltungen von der Einheit losreißen, dann hat er ohne Zweifel auch die Häresien auf dieselbe Stufe der Verwerflichkeit gesetzt wie die Schismen und Spaltungen. Und damit hat er für Bewährte nicht diejenigen erklärt, welche zu Häresien übergehen. Er schärft vielmehr dringend ein, sich von solchen gerade fernzuhalten, und lehrt, daß alle nur ein Bekenntnis und dieselbe Gesinnung haben sollen, was die Häresien eben nicht zulassen.

6. Und nun kein Wort weiter über ihn, wenn er derselbe Paulus ist, der auch anderswo, im Briefe an die Galater, die Häresien zu den fleischlichen Sünden rechnet und der dem Titus angibt, daß er einen häretischen Menschen nach der ersten Zurechtweisung abweisen solle, weil ein solcher verkehrten Sinnes sei und sündige, wie einer, der sich selbst die Verdammung gesprochen hat 22). Indem er aber fast in jedem Briefe einschärft, man müsse die falschen Lehren fliehen, |658 charakterisiert er damit die Häresien 23), deren Werke gerade in den falschen Lehren bestehen. Häresien heißen sie mit griechischem Ausdrucke, so genannt nach der „Wahl", welche man mit besonderer Tragweite 24) bei ihrer Aufstellung oder Annahme trifft. Daher sagt er auch vom Häretiker, er habe sich selbst verdammt, weil er sich nämlich auch das ausgewählt hat, worin er verdammt wird 25). Wir hingegen dürfen nichts nach unserem Gutdünken einführen 26) und auch nicht einmal das annehmen, was irgendein anderer nach seinem Gutdünken eingeführt hat. Wir haben die Apostel des Herrn zu Gewährsmännern, welche nicht einmal selbst nach ihrem Gutdünken etwas auswählten, um es einzuführen, sondern welche die von Christus empfangene Lehre den Nationen getreulich überlieferten. Wenn daher auch ein Engel vom Himmel ein anderes Evangelium verkündigte, so würde er von uns verflucht werden 27). Schon damals sah der Hl. Geist voraus, daß in einer gewissen Jungfrau Philumene ein Engel der Verführung, der sich in einen Engel des Lichtes umgestaltete, wohnen werde, durch dessen Zeichen und Blendwerke verleitet Apelles eine neue Häresie eingeführt hat.

7. Das sind jene Lehren von Menschen und Dämonen 28), die da zum Kitzeln der Ohren aus der Erfindungsgabe irdischen Wissens entsprungen sind. Letzteres hat der Herr als Torheit bezeichnet, und das, was |659 vor der Welt töricht ist, erwählt, um auch die Philosophie selbst zu beschämen 29). Denn sie ist eben das Feld, auf dem die Weisheit der Welt sich bewegt 30), sie, die voreilige Erklärerin der Natur und der Ratschlüsse Gottes. Auch die Häresien selbst empfangen durch die Philosophie ihre Ausrüstung. Von ihr stammen die Äonen und weiß Gott welche unzählige Gestaltungen, sowie die Dreiteilung der Menschen bei Valentinus ---- er war nämlich Platoniker gewesen; von daher stammt Marcions besserer Gott, besser infolge seiner Ruhe ----Marcion war von den Stoikern herübergekommen; daß der Untergang der Seele behauptet wird ---- man hat es den Epikureern abgelauscht; daß die Wiederherstellung des Leibes geleugnet wird ---- man hat es der übereinstimmenden Lehre sämtlicher Philosophenschulen entlehnt; wenn von irgendeinem die Materie Gott gleichgestellt wird ---- es ist die Lehre des Zeno; wo etwas von einer feurigen Gottheit vorgebracht wird ---- Heraklitus steckt dahinter. Dieselben Gegenstände werden bei Häretikern und bei Philosophen behandelt, dieselben verwickelten Verhandlungen werden angestellt: Woher das Böse und warum ist es da? Woher der Mensch und wie ist er beschaffen? und Woher ist Gott? eine Frage, die kürzlich Valentinus aufgeworfen hat, um die Antwort zu geben: aus der Enthymesis und dem Ektroma. Du armer Aristoteles! Du hast sie die Dialektik gelehrt, die Meisterin im Aufbauen und Zerstören, die so verschmitzt ist in ihren Sätzen, so gezwungen in ihren angeblichen Schlüssen, so hart in ihren Beweisen, so geschäftig im Wortstreit, die, sogar sich selbst zur Last fallend, alles behandelt, um schließlich gar nichts behandelt zu haben. Von dort kommen jene Fabeln und endlosen Genealogien, die unersprießlichen Untersuchungen 31) und die krebsartig fortschreitenden Reden 32), von welchen der Apostel uns fernzuhalten bemüht ist und dabei |660 ausdrücklich die Philosophie als das bezeichnet, wovor man sich hüten müsse, indem er an die Kolosser schreibt: „Sehet zu, daß euch niemand täusche durch die Philosophie und durch leeren Trug, nach der Überlieferung der Menschen" 33) gegen die Vorsehung des Hl. Geistes. Er war in Athen gewesen und hatte diese Menschenweisheit in Zusammenkünften kennen gelernt, diese Nachäfferin und Verfälscherin der Wahrheit, die selbst auch vielgeteilt ist in ihre Häresien durch die Mannigfaltigkeit der Schulen, welche einander bekämpfen. Was hat also Athen mit Jerusalem zu schaffen, was die Akademie mit der Kirche, was die Häretiker mit den Christen? Unsere Lehre stammt aus der Säulenhalle Salomos, der selbst gelehrt hatte, man müsse den Herrn in der Einfalt seines Herzens suchen 34). Mögen sie meinethalben, wenn es ihnen so gefällt, ein stoisches und platonisches und dialektisches Christentum aufbringen! Wir indes bedürfen seit Jesus Christus des Forschens nicht mehr, auch nicht des Untersuchens, seitdem das Evangelium verkündet worden. Wenn wir glauben, so wünschen wir über das Glauben hinaus weiter nichts mehr. Denn das ist das erste, was wir glauben: es gebe nichts mehr, was wir über den Glauben hinaus noch zu glauben haben.

8. Damit komme ich auf die Bibelstelle, die einerseits die Unserigen als Vorwand gebrauchen, um Grübeleien anzufangen, und womit andererseits die Häretiker den Leuten in den Ohren liegen, um ihnen beunruhigende Zweifel aufzudrängen. Es steht geschrieben, sagen sie; „Suchet und ihr werdet finden" 35). ---- Erinnern wir uns an den Zeitpunkt, wann der Herr diesen Ausspruch getan hat. Mich dünkt, gerade beim ersten Anfang seines Lehramtes, als es noch für alle zweifelhaft war, ob er Christus sei, zu einer Zeit, da ihn Petrus noch nicht als den Sohn Gottes bekannt und auch Johannes 36) sogar seine frühere Überzeugung in Betreff Christi verloren hatte. Mit Recht hieß es also damals: „Suchet und ihr |661 werdet finden", zu einer Zeit, als der noch gesucht werden mußte, der noch nicht erkannt worden war. Auch galt das nur in Bezug auf die Juden. Denn nur an sie, die im Besitz der Mittel waren, Christus zu suchen, ist jene ganze Zurechtweisung gerichtet. Sie haben, heißt es, Moses und Elias 37), d. h. das Gesetz und die Propheten, welche Christum verkündigten. Demgemäß wird anderwärts mit klaren Worten gesagt: „Forschet in den Schriften, in welchen ihr das Heil zu finden hoffet, sie sind es, die von mir reden" 38). Das wäre das: „Suchet, und ihr werdet finden."

Auch die folgende Aufforderung: „Klopfet an und es wird euch auf getan werden" 39) geht offenbar auf die Juden. Die Juden waren vorher in Gottes Hause gewesen, darnach wurden sie hinausgeworfen und fingen an, draußen zu sein. Die Heiden aber waren niemals bei Gott, sie waren nur das Überlaufende vom Eimer, der Staub von der Tenne 40) und waren immer draußen gewesen. Wer also immer draußen gewesen, wie wird der dort anklopfen, wo er niemals war? Wie kennt er denn die Tür, durch die er niemals eingelassen oder hinausgeworfen worden war? Wird nicht vielmehr der, welcher weiß, daß er drinnen gewesen und hinausgebracht worden ist, es sein, der die Türe kennt und anzuklopfen hat? Auch die Worte: „Bittet und ihr werdet erhalten" passen nur auf den, der wußte, von wem er es erbitten muß, und von wem etwas versprochen worden war, nämlich vom Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, Die Heiden aber kannten ihn ebensowenig, als irgendeine seiner Versprechungen, Deshalb sagte Christus auch zu Israel: „Ich bin nur gesendet zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel" 41). Noch hatte er den Hunden das Brot der Kinder nicht hingeworfen, noch hatte er den Weg zu den Heiden nicht zu gehen befohlen. Denn erst am Ende befiehlt er, sie sollen die |662 Heiden lehren und taufen, da sie bald den Hl. Geist, den Tröster erhalten würden, der sie in alle Wahrheit einführen werde. Und somit tut er dies zu jenem Zweck 42). Wenn nun die zu Lehrern der Heiden bestimmten Apostel selbst erst noch den Paraklet als Lehrer erhalten sollten, so hatte das: „Suchet und ihr werdet finden" noch viel weniger eine Beziehung auf uns, denen ohne unser Zutun die Lehre durch die Apostel zukommen sollte, wie den Aposteln wiederum durch den Hl. Geist. Alle Aussprüche des Herrn sind zwar für alle hingestellt ---- durch das Ohr der Juden sind sie bis zu uns gelangt ---- aber viele an Personen gerichtete stellen für uns keine uns angehende Ermahnung, sondern nur ein Beispiel 43) auf.

9. Ich räume nun freiwillig diese Stellung. Möge die Aufforderung: „Suchet und ihr werdet finden" allen gelten; aber auch dieser Sinn darf seine Sache nur führen 44) mit dem Steuerruder einer richtigen Interpretation. Keiner der göttlichen Aussprüche ist so zerflossen und verschwommen, daß bloß Worte behauptet 45) werden, und der innere Grund für die Worte nicht festgestellt werde. Doch ich stelle erst den Satz auf: Christus hat sicher eine und eine bestimmte Lehre gelehrt, welche die Völker in jedem Falle glauben müssen, und welche sie nur deshalb suchen sollen, damit sie sie, wenn sie sie gefunden haben, glauben können. Bei einem einzigen und bestimmten Lehrsystem kann es aber kein endloses Forschen geben. Man muß suchen, bis man findet, und glauben, wenn man gefunden hat, und dann ist weiter |663 nichts mehr zu tun, als festzuhalten, was man im Glauben erfaßt hat, da man ja überdies noch glaubt, nichts anderes glauben und daher auch nicht suchen zu dürfen, da man ja das gefunden und glaubend angenommen hat, was von demjenigen gelehrt worden ist, der uns befiehlt, nichts anderes zu suchen, als seine Lehre. Ist jemand in Betreff dieser im unklaren, so wird überzeugend bewiesen werden, daß bei uns zu finden ist, was Christus gelehrt hat. Für jetzt gebe ich im Vertrauen auf meine Beweisführung vorab gewissen Leuten 46) die Ermahnung, daß sie nicht über das hinaus noch forschen dürfen, was sie im Glauben als das erfaßt haben, was sie zu suchen schuldig waren, damit sie nicht die Stelle: „Suchet und ihr werdet finden" ohne die gute Ordnung eines vernünftigen Grundes erklären.

10. Der Grund für diesen Ausspruch beruht aber in drei Stücken: in der Sache, in der Zeit und in dem rechten Maß 47); hinsichtlich der Sache darin, daß man betrachte, was Gegenstand des Suchens sei, hinsichtlich der Zeit, daß man betrachte, wann, hinsichtlich des Maßes, daß man betrachte, bis zu welchem Ziele zu suchen sei. Gegenstand also des Suchens ist die Lehre Christi, natürlich nur so lange, als man sie noch nicht gefunden hat, und natürlich so lange, bis man sie findet. Man hat sie aber gefunden, wenn man zum Glauben gelangt ist. Denn man hätte sie im Glauben nicht angenommen, wenn man sie nicht gefunden hätte, wie man sie auch nicht gesucht hätte, als nur um sie zu finden. Indem man also deshalb sucht, um zu finden, und deshalb findet, um zu glauben, hat man jeder weiteren Fortsetzung des Suchens und Findens durch das Glauben ein Ziel gesetzt. Dieses Maß des Suchens hat dir das Ergebnis des Suchens selber vorgezeichnet, diesen Grenzgraben derjenige selbst bestimmt, der nicht will, daß du etwas anderes glaubst, als was er gelehrt hat, und folglich auch nichts anderes suchest. Müßten wir |664 aber deswegen, weil es noch so viele andere Lehren von anderen Urhebern gibt, so lange suchen, als wir etwas finden können, dann würden wir fortwährend suchen 48) und niemals glauben. Denn, wo wird dann des Suchens ein Ende sein? Wo der feste Standpunkt für den Glauben, wo der Abschluß des Findens? Etwa bei Marcion? Aber auch Valentinus stellt den Satz auf: „Suchet und ihr werdet finden," Etwa bei Valentinus? Aber auch Apelles setzt mir mit diesem Ausspruch zu; Ebion, Simon und sie alle nach der Reihe haben nichts anderes, womit sie sich mir empfehlen und mich zu ihrem Anhänger machen wollen. Meines Bleibens wird also bei keinem sein, da ich überall mit dem „Suchet und ihr werdet finden" bestürmt werde 49), und wie nirgends, werde ich eigentlich niemals in den Besitz dessen kommen, was Christus gelehrt hat, was man suchen muß, und was zu glauben notwendig ist.

11. Der Irrtum ist straflos, wenn keine Verschuldung dabei ist, obwohl auch das Irren eine Verschuldung ist. Ungestraft, sage ich, schweift nur derjenige umher, welcher nichts zu verlieren hat. Dagegen, wenn ich glaube, was ich glauben mußte, und dann von neuem meine, etwas anderes suchen zu müssen, so hoffe ich dabei natürlich, auch etwas anderes zu finden. Ich werde dies aber jedenfalls nur dann hoffen, wenn ich entweder gar keinen Glauben hatte und nur gläubig zu sein schien, oder wenn ich den Glauben aufgegeben habe. Daher werde ich, wenn ich meinen Glauben verlasse, als Leugner desselben erfunden. Ich möchte es einfür allemal gesagt haben: Niemand sucht, als wer etwas nicht hat oder es verloren hat. Jene Alte (im Evangelium) hatte eine von ihren zehn Drachmen verloren; deshalb suchte sie; sobald sie sie aber gefunden hatte, hörte sie auf zu suchen. Der Nachbar hatte kein Brot; deshalb pochte er; sobald ihm aber aufgemacht und es ihm gegeben war, hörte er auf zu pochen. Die Witwe |665 begehrte vom Richter angehört zu werden, weil sie keinen Zutritt erhalten hatte; sobald sie aber Gehör erlangt hatte, drang sie nicht länger in ihn 50). Folglich gibt es ein Ende für das Suchen, Klopfen und Bitten. Dem. Bittenden, heißt es, wird gegeben werden, wer anklopft, dem wird aufgetan, und wer sucht, der wird finden 51). Wenn jemand immer sucht, weil er nicht findet, so ist das seine Sache; denn er sucht da, wo nichts zu finden ist. Wenn jemand immer klopft, weil niemals geöffnet wird, so ist das seine Sache; denn er klopft da an, wo niemand ist. Wenn jemand immer bittet, weil er niemals erhört wird, so ist das seine Sache; er bittet bei einem, der nicht hört.

12. Gesetzt, wir müßten auch jetzt noch und immer das Suchen fortsetzen; aber wo sollen wir denn suchen? Etwa bei den Häretikern, wo alles unserer Wahrheit fremd, ja feindlich gegenübersteht, und zu welchen zu gehen uns verboten ist? Welcher Knecht wird von einem Fremden oder gar von einem Feinde seines Herrn seinen Unterhalt hoffen? Welcher Soldat wird von nicht verbündeten oder gar feindlichen Königen ein Geschenk oder Sold wünschen? Gewiß nur ein vollständiger Deserteur, Überläufer oder Rebelle. Auch jene Alte suchte die Drachme nur in ihrem eigenen Hause, auch jener Pocher pochte nur an der Tür seines Nachbars, auch jene Witwe bestürmte wenn auch einen harten, so doch keinen feindlichen Richter, Niemand kann Unterstützung von dort erwarten, von wo ihm die Zerstörung kommt; niemand von dem erleuchtet werden, von dem er verfinstert wird. Forschen wir also in dem, was unser ist, bei den Unserigen, auf Grund des Unserigen und auch nur nach dem, was ohne Verletzung der Glaubensregel in Frage gestellt werden kann.

13. Es gibt aber eine Regel des Glaubens, um schon hier mit dem, was wir verteidigen, hervorzutreten, jene nämlich, wonach geglaubt wird, es gebe schlechthin nur |666 einen einzigen Gott und keinen ändern neben dem Weltschöpfer, der alles aus nichts hervorgebracht hat durch sein zuerst vor allem hervorgegangenes 52) Wort. Dieses Wort sei sein Sohn genannt worden, unter dem Namen Gott verschiedentlich von den Patriarchen geschaut, in den Propheten beständig vernommen, zuletzt aus dem Geiste und durch die Kraft Gottes des Vaters in die Jungfrau Maria herabgestiegen, in ihrem Mutterschoße Fleisch geworden und als Jesus Christus von ihr geboren worden. Darnach habe er das neue Gesetz und die neue Verheißung des Himmelreiches gepredigt und Wunder getan; ans Kreuz geschlagen, sei er am dritten Tage wieder auferstanden; in den Himmel entrückt, sitze er zur Rechten des Vaters, habe als die seine Stelle vertretende Kraft den Hl. Geist, welcher die Gläubigen bewegen soll, gesendet und werde wiederkommen mit Herrlichkeit, um die Heiligen in den Genuß des ewigen Lebens und der himmlischen Verheißungen aufzunehmen und die Unheiligen zum ewigen Feuer zu verurteilen, nachdem die mit Wiederherstellung des Fleisches verbundene Auferweckung beider geschehen ist.

Diese, wie wir beweisen werden, von Christus gelehrte Regel wird bei uns keinerlei Untersuchungen unterworfen, außer solchen, die durch die Häresien angeregt werden und wodurch man zum Häretiker wird.

14. Wofern aber nur ihre Form in ihrer Ordnung bestehen bleibt, magst du untersuchen und verhandeln, soviel du willst, und aller Lust des For-schens ihren freien Lauf lassen, wenn dir etwas unbestimmt gelassen oder an Dunkelheit zu leiden scheint. Jedenfalls ist ein Mitbruder da, ein Lehrer, der mit der Gnade der Wissenschaft begabt ist, einer, der sich des Verkehrs mit solchen erfreut, die besser bewandert sind, einer, der dann mit dir ---- aber mit mehr Sorgfalt ---- untersucht. Schließlich ist es besser, unwissend zu sein, um nicht kennen zu lernen, was |667 man nicht soll; denn, was du wissen mußt, daß weißt du ja. Dein Glaube, heißt es, hat dir geholfen 53), nicht die Vertrautheit mit der Hl. Schrift. Der Glaube ist in der Glaubensregel niedergelegt; er umschließt das Gesetz und, infolge der Beobachtung des Gesetzes, das Heil. Die Vertrautheit mit der Schrift aber wurzelt im Grübelgeiste und erwirbt nichts weiter als Berühmtheit infolge des Strebens nach Kenntnissen. Die Wißbegierde weiche dem Glauben, die Ruhmsucht weiche dem Seelenheil! Wenigstens sollen sie ihm nicht hinderlich sein, oder wenigstens Ruhe halten. Nichts gegen die Glaubensregel wissen, heißt alles wissen. Gesetzt wirklich, die Häretiker wären keine Feinde der Wahrheit, gesetzt, wir wären nicht gewarnt worden, sie zu fliehen, was soll es heißen, sich mit Menschen zu besprechen, die gestehen müssen, daß sie selber noch suchen? Denn wenn sie wirklich noch suchen, so haben sie ja noch nichts Gewisses gefunden, und was sie mithin auch immer vorläufig fest zu besitzen scheinen ---- sie verraten ihre eigene Unsicherheit, so lange sie noch suchen. Du also, der du ebenso suchest und auf solche schaust, die selber auch noch suchen, ein Zweifelnder auf Zweifelnde, ein Schwankender auf Schwankende 54), du wirst notwendig als ein Blinder von den Blinden in die Grube geführt werden. Da sie jedoch, nur um zu täuschen, vorgeben, noch untersuchen zu wollen, um uns in unruhige Spannung zu versetzen und uns so ihre Lehren beizubringen, schließlich aber, sobald sie Zutritt zu uns erlangt haben, sofort die vorgeblich erst noch zu untersuchenden Dinge als gewiß verteidigen, so müssen wir sie gleich so zurückweisen, daß sie wissen, wir seien nur ihnen, nicht Christus gegenüber Leugner. Denn so lange sie noch suchen, besitzen sie noch nicht; wenn sie aber noch nicht besitzen, so haben sie den Glauben noch nicht; wenn sie aber den Glauben noch nicht haben, so sind sie keine Christen. Allein sie geben vor, sie müßten, obgleich sie besitzen und glauben, doch noch der Verteidigung halber untersuchen. Bevor es zur Verteidigung kommt, |668 leugnen sie das, wovon sie ja eingestehen, daß sie es noch gar nicht im Glauben angenommen haben, so lange sie suchen. Da sie also noch nicht einmal für sich selber Christen sind, um wieviel weniger werden sie es für uns sein! Welchen Glauben mögen Leute vortragen, die gleich mit einer Täuschung ankommen. Welche Wahrheit mögen die vertreten, welche sich einer Lüge bedienen, um sie einzuführen? Aber sie verhandeln doch auch auf Grund der Hl. Schrift und suchen auf Grund der Schrift zu überzeugen, ---- Freilich, wie könnten sie auch anders über Gegenstände des Glaubens sprechen, als nur wenn sie aus den hl, Schriften des Glaubens schöpfen?

15. Damit sind wir beim Hauptgegenstande angelangt. Denn dahin war unsere Absicht gerichtet, das haben wir in der als Vorrede dienenden Ansprache vorbereitet, nunmehr von hier aus um das zu kämpfen, worauf die Gegner sich besonders steifen. Die Hl. Schrift schieben sie vor, und durch diese ihre Dreistigkeit machen sie auf manche Leute sogleich Eindruck; beim Kampfe selbst aber machen sie die, welche Festigkeit besitzen, müde, nehmen die Schwachen gefangen, und den Rest entlassen sie mit Zweifeln im Herzen, Diese Wehr also richten wir vor allem gegen sie auf: sie seien zu einer Disputation auf Grund der Schrift überhaupt nicht zuzulassen 55). Wenn darin gerade ihre Stärke besteht, gesetzt, daß sie solche überhaupt besitzen können, so muß untersucht werden, wer der zuständige Besitzer der Hl. Schrift sei, damit nicht solche Zulaß zu ihr erhalten, denen es in keiner Weise gebührt.

16. Daß ich diese Position einnehme, könnte infolge einer Klugheitsmaßregel, die aus Mangel an Vertrauen stammt 56), oder in der Absicht geschehen sein, die eigentliche Streitfrage 57) zu verschieben, wenn nicht ein Grund dafür bestände, vor allem jener, daß unser Glaube dem |669 Apostel Gehorsam schuldig ist, der verbietet, sich auf Untersuchungen einzulassen 58), neuen Lehrformen das Ohr zu leihen 59) und mit einem Häretiker nach einer einmaligen Zurechtweisung, nicht erst nach vorangegangener Disputation, noch zu verkehren 60). Er hat das Disputieren so strenge untersagt, daß er nur den Zweck der Zurechtweisung als hinreichenden Grund bezeichnet, mit einem Häretiker in Verkehr zu treten, und zwar nur eine einmalige, deshalb nämlich, weil derselbe kein Christ ist. Es soll nicht den Anschein gewinnen, als sei er wie ein Christ wiederholt und im Beisein von zwei oder drei Zeugen zu strafen, da er nämlich wegen des Umstandes zu strafen ist, weswegen man nicht mit ihm disputieren darf, und sodann, weil bei dem Bibelgezänk weiter nichts herauskommt, als daß man sich eine Erschütterung des Magens oder des Gehirns zuzieht.

17. Da ist denn eine häretische Partei, welche einige Bücher der Hl. Schrift nicht annimmt. Diejenigen aber, welche sie annimmt, nimmt sie nicht unverändert an, wie sie sind, sondern gestaltet sie durch Zusätze und Weglassungen nach den Anforderungen ihres Lehrsystems um; und wenn sie sie bis zu einem gewissen Grade unverändert bietet, so verändert sie sie nichtsdestoweniger, indem sie verschiedene Erklärungsweisen ausfindig macht. Eine Verdrehung des Sinnes tut der Wahrheit aber gerade soviel Eintrag als der Griffel des Fälschers, Törichter Wahnglaube weigert sich naturnotwendig, das anzuerkennen, wodurch er seine Widerlegung findet, und wird sich auf das zu stützen suchen, was er sich fälschlich zurechtgelegt und aus einem mehrdeutigen Ausdruck zu seinen Gunsten entnommen hat. Was wirst du nun erreichen, du so schriftkundiger Mann, wenn das, was du bejahest, von der Gegenseite verneint, und das, was du verneinst, bejaht wird? Nun, du wirst wohl nichts weiter dabei verlieren, als etwas |670 Atem beim Disputieren, und nichts gewinnen, als Galle infolge der Blasphemien, die du zu hören bekommst.

18. Der dritte aber, in dessen Interesse du dich vielleicht in diesen Bibelstreit eingelassen hast in der Absicht, um ihm, dem Zweifelnden, einen Halt zu geben, wird er sich der Wahrheit oder mehr den Häresien zuneigen? Gerade dadurch betroffen, daß er sieht, wie du um nichts vorgerückt bist, da die Gegenpartei in der gleichen Position des Behauptens und Verneinens sich hält, wird er, da der Stand augenscheinlich der gleiche ist, durch die Disputation in noch größerer Ungewißheit nach Hause gehen und nicht wissen, welche Partei er für die Häresie halten soll. Sie können das natürlich auf uns zurückwerfen. Denn auch sie müssen notwendig behaupten, daß wir es vielmehr seien, welche Verfälschungen der Schrift begehen und unwahre Deutungen vorbringen, da sie ja gerade so die Wahrheit für sich in Anspruch nehmen.

19. Also nicht auf die Schrift hat man sich zu berufen und den Streit nicht auf ein Gebiet zu verpflanzen, wo entweder gar kein Sieg zu hoffen ist, oder ein unentschiedener oder ein zu wenig entschiedener. Denn, wenn auch der Streit 61) um die Schrift nicht den Ausgang nähme, daß er beide Teile gleichstellt, so würde es doch die natürliche Ordnung der Dinge erheischt haben, zuvor die Frage aufzuwerfen, welche jetzt allein zu besprechen ist: Wer der rechtmäßige Besitzer des Glaubens sei, wem das Eigentum auf die Schrift zustehe, von wem, durch wen, wann und wem die Lehre übergeben worden sei, wodurch man zum Christen wird. Denn da, wo sich offenkundig herausstellt, daß sich die echte Lehre und der echte christliche Glaube befindet, da werden auch die echte Hl. Schrift, die richtige Erklärung derselben und sämtliche echtchristlichen Überlieferungen sein.

20. Christus Jesus unser Herr ---- er möge es mir zugute halten, daß ich mich einstweilen so ausdrücke |671 ---- wer er auch immer sein mag, welches Gottes Sohn er auch war, aus welchem Stoff er auch als Mensch und Gott bestand, welchen Glauben er auch immer gelehrt, welchen Lohn er auch immer versprochen haben mag ----er hat es während seines ganzen Aufenthaltes auf Erden selber laut verkündet, was er war, was er gewesen, welchen Ratschluß seines Vaters er ausführe, und welche Vorschriften er den Menschen für ihr Handeln gebe, sowohl öffentlich vor dem Volke als im geheimen vor seinen Schülern, aus deren Zahl er die zwölf vorzüglichsten, als die vorherbestimmten Lehrer der Völker, an seine Seite heranzog. Da einer von ihnen abgefallen und ausgestoßen war, hieß er beim Weggange zum Vater nach seiner Auferstehung die noch übrigen elf hingehen, um alle Nationen zu lehren und sie zu taufen auf den Vater, den Sohn und den Hl. Geist. Die Apostel ---- diese ihre Benennung wird verdolmetscht „Gesandte" ---- gesellten sich dann sofort, auf die Autorität einer Prophétie hin, welche sich in einem Psalm Davids findet, an Stelle des Judas den Matthias durch das Los bei, empfingen die ihnen zum Wunderwirken und Predigen verheißene Kraft des Hl. Geistes, zeugten so zuerst in Judäa für den Glauben an Jesus Christus und stifteten Gemeinden; darnach gingen sie über den Erdkreis aus und verkündeten dieselbe Glaubenslehre auch den Heiden, Und so gründeten sie in jeder Stadt Gemeinden, von welchen die späteren Gemeinden nachher einen Ableger des Glaubens und die Samenkörner der Lehre entliehen und noch jeden Tag entleihen, um Gemeinden zu werden. Eben dadurch dürfen auch sie selbst wie apostolische angesehen werden, weil sie die Abkömmlinge apostolischer Gemeinden sind. Jede Art muß nach ihrem Ursprünge klassifiziert werden. So gibt es denn der Kirchen viele und zahlreiche, und doch sind sie nur eine, jene apostolische, ursprüngliche, aus der sie alle stammen. Sie sind alle in dieser Weise ursprünglich und apostolisch, indem alle zusammen eine sind. Als Beweise für die Einheit 62) dienen: das gegenseitige |672 Gewähren des Friedens, die Benennung „Bruderschaft" und die gegenseitige Pflege 63) der Gastfreundschaft, drei Rechte, welche durch keinen ändern Grund bestimmt werden, als durch die eine Überlieferung derselben Glaubenslehre.

21. Auf Grund dessen erheben wir also die Prozeßeinrede: wenn Christus, der Herr, Apostel zum Predigen ausgesandt hat, so dürfen andere Prediger als es Christus angeordnet hat, nicht zugelassen werden. Denn es kennt ja auch kein anderer den Vater als der Sohn und wem es der Sohn geoffenbart hat 64), und er hat es augenscheinlich auch keinem ändern geoffenbart, als den Aposteln, die er zur Predigt aussandte, nämlich zur Predigt dessen, was er ihnen offenbart. Was aber der Inhalt ihrer Verkündigung oder mit ändern Worten der ihnen von Christus gegebenen Offenbarung gewesen sei, das darf ---- auch diese Einrede werde ich hier erheben ----auf keinem ändern Wege bewiesen werden, als eben durch eben dieselben Kirchen, welche die Apostel persönlich gegründet haben, indem sie selbst ihnen predigten, sowohl durch das lebendige Wort, wie man zu sagen pflegt, als auch nachher noch durch Briefe. Wenn dem so ist, so steht es folglich fest, daß jede Lehre, welche mit jenen apostolischen Kirchen, den Mutter- und Stammkirchen des Glaubens, in Übereinstimmung steht, für Wahrheit anzusehen sei, indem sie ohne Zweifel dasjenige besitzt, was die Kirchen von den Aposteln empfangen haben, die Apostel von Christus und Christus von Gott; daß dagegen von vornherein jede Lehre für falsch zu halten sei, welche der echten Lehre der Kirchen, und damit der Apostel und damit Christi 65) und |673  damit Gottes zuwiderläuft. Wir müssen also nur noch den Beweis liefern, ob diese unsere Lehre, deren Regel wir oben 66) aufgestellt haben, von der apostolischen Überlieferung abstamme und, was sich damit von selbst ergibt, ob die übrigen Lehren aus der Fälschung entsprungen seien. Wir stehen mit den apostolischen Kirchen in Gemeinschaft, was bei keinem einzigen der uns entgegenstehenden Lehrsysteme 67) der Fall ist. Das ist das Zeugnis für die Wahrheit.

22. Da jedoch diese Beweisführung so bündig ist, daß sofort, wenn sie vorgebracht wird, keine weitere Verhandlung 68) mehr notwendig ist, so wollen wir einstweilen, gerade als hätten wir sie noch nicht vorgebracht, der Gegenpartei noch Raum geben, wenn sie glaubt, irgend etwas auftreiben zu können, um diese Einrede zu entkräften. Ihre gewöhnliche Ausrede ist: Die Apostel hätten nicht alles gewußt; von derselben Verblendung getrieben, in der sie das Oberste zu unterst kehren, sagen sie: Die Apostel hätten zwar alles gewußt, aber nicht allen alles mitgeteilt und hängen mit jeder der beiden Behauptungen Christus einen Tadel an, entweder er habe zu wenig unterwiesene oder er habe zu wenig aufrichtige Leute als Apostel ausgesendet. Welcher Mensch von gesunden Sinnen kann nun glauben, irgend etwas sei denen unbekannt geblieben, welche uns der Herr zu Lehrern gegeben hat, die er als unzertrennliche Gefährten in seinem Gefolge, in seinem Unterricht, in seiner Lebensgemeinschaft bei sich hatte, welchen er alles Dunkle noch besonders zu erklären pflegte, indem er |674 sagte, ihnen sei es gegeben, die Geheimnisse kennen zu lernen, welche dem Volke zu verstehen nicht gegeben sei! Ist dem Petrus etwas verborgen geblieben, ihm, welcher der Fels zum Aufbau der Kirche genannt wurde, der die Schlüssel des Himmelreichs erhielt und die Gewalt, im Himmel und auf Erden zu binden und zu lösen? 69) Und dem Johannes, dem geliebtesten Jünger des Herrn, der an seiner Brust lag, dem der Herr allein den Verrat des Judas vorher anzeigte, den er an seiner Stelle Maria als Sohn empfahl, ist ihm wohl etwas verborgen geblieben? Was hätte er denen verheimlichen wollen, welchen er gewährte, sogar seine Herrlichkeit zu schauen, und Moses mit Elias, und dazu die Stimme des Vaters vom Himmel zu vernehmen? Nicht, als wenn er die übrigen damit zurückgesetzt hätte, sondern weil bei der Aussage dreier Zeugen jegliche Sache feststeht 70). Es sind dann auch wohl diejenigen unwissend geblieben, welchen er nach der Auferstehung unterwegs alle Schriften auf zuschließen sich würdigte 71). ---- Er hatte allerdings früher einmal geäußert: „Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es noch nicht tragen", doch fügte er gleich hinzu: „Wenn jener Geist der Wahrheit gekommen sein wird, der wird euch in alle Wahrheit einführen" 72). Damit gibt er hinlänglich zu erkennen, daß nichts denen unbekannt geblieben sei, welchen er verspricht, daß sie durch den Geist der Wahrheit in den Besitz aller Wahrheit gelangen sollen. Und er hat in der Tat auch seine Verheißung erfüllt, da die Apostelgeschichte die Herabkunft des Hl. Geistes bestätigt. Diejenigen, welche dieses Buch der Schrift nicht annehmen, die können auch nicht des Hl. Geistes sein, als solche, die noch nicht imstande sind, den den Schülern gesendeten Hl, Geist zu erkennen. Ebensowenig können sie dann aber auch behaupten, sie seien die Kirche 73), da sie kein Mittel haben, um zu zeigen, wann |675 dieser Leib 74) gegründet worden und welches seine Wiege sei 75). Daß sie keine Beweise für die von ihnen verteidigten Lehren haben, daran liegt ihnen gar nichts 76); wenn nur zugleich den Widerlegungen 77) der von ihnen vorgebrachten Lügen die Zulassung versperrt wird.

23. Sie machen also, um den Aposteln ein gewisses Nichtwissen aufmutzen zu können, den Umstand geltend, Petrus und seine Gefährten seien von Paulus getadelt worden 78). Folglich mangelte ihnen etwas, sagen sie, um darauf auch den weiteren Schluß zu bauen, es habe ihnen nachher eine reichlichere Wissenschaft zuteil werden können, wie sie Paulus zuteil geworden sei, als er seine Vorgänger tadelte. Leuten, welche die Apostelgeschichte verwerfen, wäre ich diesem Einwurf gegenüber berechtigt zu entgegnen: Erst müßt ihr mir angeben, wer dieser Paulus ist, wie er Apostel geworden und was er vorher war 79), ---- zumal da sie sich seiner auch bei ändern Fragen sehr viel bedienen. Denn der Umstand, daß er sich selbst als einen bekennt 80), der aus einem Verfolger ein Apostel geworden, genügt keinem, der prüft, was er glaubt, da ja auch der Herr selbst kein Zeugnis von sich ablegt 81).

Mögen sie indes glauben ohne die Hl. Schrift, um zu glauben im Widerspruch zur Schrift, so haben sie doch aus dem von ihnen angerufenen Umstände, daß |676 Petrus von Paulus getadelt worden sei, den Beweis zu führen, daß Paulus eine andere Form des Evangeliums neu hinzugefügt habe, die verschieden war von der, welche zuvor Petrus und die übrigen aufgestellt hatten! ----Nun wird aber doch der in einen Glaubensboten umgewandelte Verfolger von den Brüdern zu den Brüdern geleitet, wie einer der Brüder, und zwar von solchen, welche von den Aposteln den Glauben angenommen hatten, zu eben solchen. Darauf steigt er, wie er selber erzählt, nach Jerusalem hinauf, um Petrus kennen zu lernen, wozu ihm selbstverständlich die Gleichheit des Glaubens und der Predigt das Recht und die Pflicht gab. Denn wenn seine Predigt und Lehre eine abweichende gewesen wäre, so hätten jene keine Ursache gehabt, sich zu wundern, daß er aus einem Verfolger ein Glaubensbote geworden sei, und hätten auch den Herrn nicht deshalb verherrlichen können 82), weil Paulus, ein Gegner, sich eingefunden habe. Deshalb also gaben sie ihm auch ihre Rechte als Zeichen der Eintracht und Übereinstimmung und veranstalteten unter sich eine Teilung der Arbeit, nicht eine Trennung des Evangeliums, so daß nicht etwa der eine so, der andere anders, sondern der eine diesen, der andere jenen predigte, Petrus für die Beschneidung, Paulus für die Heiden 83). Schließlich, wenn Petrus getadelt wurde, daß er sich aus menschlichen Rücksichten, obwohl er früher mit den Heiden in Gemeinschaft gelebt hatte, nachmals von ihrer Gemeinschaft zurückzog, so war das jedenfalls nur ein Fehler im Verhalten, nicht in der Lehre. Denn es wurde darum von der Zeit an kein anderer Gott gepredigt als der Schöpfer, kein anderer Christus als der aus Maria geborene und keine andere Hoffnung als die Auferstehung.

24. Es ist mir nicht so wohl, oder richtiger gesagt, es ist mir nicht so wehe zumute, daß ich die Apostel gegeneinander in den Kampf führen möchte. Allein weil jene ganz verkehrten Menschen die erwähnte |677 Zurechtweisung zu dem Zwecke hervorziehen, um die ältere Lehre 84) verdächtig zu machen, so will ich gleichsam im Namen des Petrus antworten: auch Paulus habe gesagt, er sei allen alles geworden, den Juden ein Jude und den Nichtjuden ein Nichtjude, um alle zu gewinnen. Also je nach Zeiten, Personen und Veranlassungen tadelten sie gewisse Dinge, in Bezug auf welche sie in gleicher Weise je nach Zeiten, Personen und Veranlassungen ihrerseits auch Nachsicht übten, wie z. B., wenn auch Petrus den Paulus getadelt hätte, weil er die Beschneidung verbot und doch selber den Timotheus beschnitt. Mögen die zusehen, die über die Apostel zu Gericht sitzen! Da ist es dann wirklich noch ein Glück, daß Petrus dem Paulus auch im Punkte des Märtyrertodes gleicht. Allein wenn Paulus, bis in den dritten Himmel entrückt und in das Paradies versetzt, dort gewisse Dinge hörte 85), so können dies nicht Dinge gewesen sein, wodurch er für eine andere Lehre und besser unterrichtet worden wäre; denn ihre Beschaffenheit war ja derart, daß sie keinem Menschen verraten wurden. Wenn nun aber jene Dinge, ich weiß nicht, wie ich sie bezeichnen soll, doch zur Kenntnis irgendeines Menschen gelangt sind, und irgendeine Häresie ihnen anzuhangen behauptet, dann hat sich entweder Paulus des Verrates eines Geheimnisses schuldig gemacht, oder man muß beweisen, daß nachher noch irgendein anderer in das Paradies entrückt worden ist, dem erlaubt wurde, das laut auszurufen, wovon Paulus nicht einmal leise reden durfte.

25. Es ist aber, wie schon bemerkt, ein ebenso großer Unsinn, wenn sie zwar zugeben, den Aposteln sei alles bekannt gewesen und die einzelnen hätten keine verschiedenen Lehren gepredigt, dann aber doch behaupten, daß sie nicht allen alles mitgeteilt hätten. Einiges nämlich hätten sie öffentlich und der Gesamtheit, einiges aber im geheimen und nur wenigen anvertraut, weil sich Paulus dem Timotheus gegenüber auch folgenden |678 Ausdruckes bediente: „O Timotheus, bewache das Hinterlegte" 86), und wiederum: „Bewahre das hinterlegte edle Gut!" 87) Was ist das für ein hinterlegtes Gut? Ist es so geheim, daß man es für eine völlig andere Lehre halten kann? Oder gehört es zu jener Anweisung, von der er sagt: „Diese Anweisung lege ich dir ans Herz, mein lieber Sohn Timotheus" 88), und ebenso zu jener Vorschrift, von der er sagt: „Ich befehle dir vor Gott, der alles lebendig macht, und vor Jesus Christus, der unter Pontius Pilatus das gute Bekenntnis abgelegt hat, daß du das Gebot haltest" 89). Welche Vorschrift aber und welches Gebot ist das? Aus den vorausgegangenen und nachfolgenden Worten konnte man ersehen, daß mit diesem Ausspruch nicht etwa eine versteckte Hindeutung auf weiß Gott was für eine Geheimlehre gegeben ist, sondern vielmehr eingeschärft wird, keine andere Lehre zuzulassen neben der, die er von ihm gehört hatte, und, wie ich meine, sagt er: „vor vielen Zeugen" 90). Wenn sie unter diesen „vielen Zeugen" die Kirche nun einmal nicht verstehen wollen, so verschlägt uns das nichts; denn was „vor vielen Zeugen" vorgebracht wurde, das wird doch wohl nichts Geheimes gewesen sein. Wenn er aber den Timotheus ermahnt, „dieses treuen Menschen anzuvertrauen, welche geeignet wären, auch andere zu lehren", so ist auch dieser Ausdruck nicht zu deuten, als sei er ein Beweis für das Vorhandensein irgendeines verborgenen Evangeliums. Denn wenn er sagt „dieses", so bezeichnet er damit das, was der Gegenstand seines gegenwärtigen Schreibens war, für etwas Verborgenes aber, als etwas Fernliegendes, hätte er sich in seinem Bewußtsein nicht des Ausdrucks „dieses", sondern „jenes" bedient.

26. Ferner, es war etwas in sich Begründetes, daß Paulus, als er einem die Verwaltung des Evangeliums anvertraute, ihm ausdrücklich bemerkte, dieselbe sei |679 nicht indiskret noch unbedachtsam zu führen, gemäß dem Ausspruche des Herrn, „die Perle nicht den Schweinen und das Heilige nicht den Hunden vorzuwerfen" 91). Der Herr hat öffentlich seine Lehre vorgetragen, ohne Hindeutung auf irgendeine versteckte Geheimlehre. Er selbst hatte vorgeschrieben, „was sie im dunkeln und im geheimen gehört hätten, am Tage und von den Dächern zu predigen" 92). Er selbst hatte durch ein Gleichnis es vorher versinnbildet, daß sie nicht einmal „ein Pfund" 93), d. h. ein einziges seiner Worte ohne Gewinn im verborgenen verwahren sollten. Er selbst hatte gelehrt, „daß man das Lämpchen nicht unter dem Scheffel zu verbergen, sondern auf den Kandelaber zu stellen pflege, damit es allen leuchte, die im Hause sind" 94). Das alles haben die Apostel entweder in den Wind geschlagen oder nicht verstanden, wenn sie es nicht erfüllten und etwas von dem Lichte, d. h. von dem Worte Gottes und dem Geheimnis Christi, verborgen hielten. Soviel ich weiß, fürchteten sie niemanden, weder die Gewalttätigkeit der Juden noch die der Heiden. Um wieviel mehr war also ihre Verkündigung in der Kirche eine unbefangene, da sie nicht einmal in den Synagogen und auf den öffentlichen Plätzen schwiegen! Ja noch mehr; sie hätten weder die Juden bekehren noch die Heiden aufnehmen können, wenn sie nicht, was von diesen geglaubt werden sollte, der Reihe nach dargelegt hätten. Noch weniger würden sie den schon gläubigen Gemeinden etwas entzogen haben, um es einigen wenigen ändern besonders anzuvertrauen. Aber auch dann, wenn sie über einige Dinge sozusagen nur wie in der Familie redeten, darf man doch nicht glauben, es sei etwas gewesen, wodurch nebenbei noch eine andere abweichende Glaubensregel eingeführt wurde, die verschieden und derjenigen entgegengesetzt war, welche sie als katholisch in die Öffentlichkeit brachten, so daß sie also einen ändern Gott in der Kirche bekannten, einen ändern in ihrer Herberge, etwas anderes vor dem Publikum als |680 Wesenheit Christi bezeichneten, etwas anderes im geheimen, eine andere Hoffnung der Auferstehung verkündeten vor der Gesamtheit und eine andere vor einer Minderheit; während sie doch selbst in ihren Briefen bitten und beschwören, „alle sollten ein und dasselbe bekennen und es sollten keine Schismen und Spaltungen in der Kirche sein" 95), da, sei es nun Paulus, seien es die ändern, alle dasselbe predigten 96). Ohnedies waren sie der Mahnung eingedenk: „Eure Rede sei: Ja, ja und nein, nein, was darüber ist, ist vom Übel" 97), um nicht in die Versuchung zu kommen, das Evangelium in verschiedener Weise zu behandeln.

27. Wenn es also unglaublich ist, daß die Apostel nicht die ganze Fülle der Verkündigung gekannt oder daß sie nicht allen den ganzen Inhalt der Glaubensregel mitgeteilt hätten, so wollen wir nun zusehen, ob nicht die Apostel sie zwar lauter und vollständig verkündeten, die Kirchen aber sie durch ihre Schuld anders aufgefaßt haben, als die Apostel sie verkündeten. Alles das wird als Erregungsmittel ängstlicher Zweifel von den Häretikern vorgebracht. Sie legen die Hand darauf, daß Kirchen vom Apostel getadelt worden seien. „O ihr unverständigen Galater, wer hat euch bezaubert?" Und: „Ihr wäret in gutem Lauf, wer hat euch aufgehalten?" 98) Auch im Eingange selbst: „Mich wundert, daß ihr euch so schnell von dem, der euch in Gnade berufen hat, abwendig machen lasset zu einem ändern Evangelium" 99). Ebenso auf die Bemerkung im Briefe an die Korinther, daß sie noch fleischlich, mit Milch aufgezogen würden, noch nicht geeignet seien zu starker Speise, daß sie glaubten, etwas zu wissen, da sie doch noch nicht so wüßten, wie man wissen muß 100), ---- Wenn sie uns die Zurechtweisung von Kirchen entgegenhalten, so sollten sie annehmen, daß diese sich gebessert haben. Dagegen |681 mögen sie auch diejenigen anerkennen, über deren Glauben, Wissen und Wandel der Apostel sich freut 101) und Gott dankt, und welche dennoch mit jenen Zurechtgewiesenen noch jetzt in den Rechten einer und derselben Lehrgemeinschaft zu einer Einheit verbunden sind.

28. Aber gut, nehmen wir nun an, alle Kirchen hätten geirrt, der Apostel habe sich getäuscht, indem er ein gutes Zeugnis ausstellte, und der Hl. Geist sich um keine bekümmert, um sie in die Wahrheit einzuführen, obwohl er dazu von Christus gesendet und dazu vom Vater erbeten war, um „der Lehrer der Wahrheit" 102) zu sein; er habe sein Amt als Gutsverwalter Gottes, als Stellvertreter Christi vernachlässigt und zugelassen, daß die Kirchen vorläufig 103) das anders verstanden, anders glaubten, was er selbst durch die Apostel predigte ---- ist es dann auch nur wahrscheinlich, daß so viele und so große Kirchen sich zu demselben Glauben würden verirrt haben?! Niemals zeigt sich bei einer großen Zahl von Wechselfällen ein und derselbe Ausgang. Die irrtümliche Lehre der Kirchen hätte doch eine bunte Mannigfaltigkeit bewirken müssen! Was sich aber bei einer großen Zahl von Leuten als eine Einheit vorfindet, das ist nicht Folge eines Irrtums, sondern Überlieferung. Man habe folglich den Mut, zu behaupten, diejenigen hätten geirrt, welche die Lehre überlieferten 104).

29. Mag indes der Irrtum wie auch immer sich entwickelt haben, er hat dann jedenfalls in der ganzen Zeit die Herrschaft behauptet, so lange es noch keine Häresien gab. Die Wahrheit mußte auf einige Marcioniten und Valentinianer warten, um entfesselt zu werden. Mittlerweile wurde ein verkehrtes Evangelium gepredigt, ein verkehrter Glaube gepflegt, wurden so viele tausend und abertausend Menschen verkehrt getauft, so viele Glaubenshandlungen verkehrt vorgenommen, so viele Wunder und Charismen verkehrt gewirkt, so viele |682 priesterliche Funktionen, so viele Amtsverrichtungen verkehrt vollzogen, am Ende wohl gar so viele Martyrien verkehrterweise gekrönt. Oder gesetzt, wenn das alles nicht verkehrt und vergeblich gewesen ist, was soll man dazu sagen, daß die Angelegenheiten Gottes früher in Gang kamen, bevor es noch bekannt war, welchem Gott sie zugehören? daß es eher Christen gab, bevor der wirkliche Christus entdeckt war? daß die Häresien eher da waren als die richtige Lehre? In allen Dingen geht die Wahrheit dem Nachbilde vorher 105) ; die Ähnlichkeit kommt hinterher. Es ist übrigens albern genug, die Häresie für den rechtmäßigen Eigentümer einer Lehre zu halten 106), schon deshalb, weil die letztere selbst es ist, welche im voraus ankündigte, vor den kommenden Häresien auf der Hut zu sein. An eine Kirche, die diese Lehre besaß, sind die Worte geschrieben worden, oder besser gesagt, die Lehre selbst hat sie der Kirche geschrieben: „Wenn auch ein Engel vom Himmel ein anderes Evangelium verkünden sollte, als wir, der sei verflucht" 107).

30. Wo war damals Marcion, der Schiffsreeder aus Pontus, der Verehrer der Stoa? Wo Valentinus, der Anhänger des Platonismus? Es ist ja eine bekannte Sache, daß sie unlängst erst gelebt haben, etwa unter der Regierung des Antoninus, und in der römischen Gemeinde unter dem Episkopat des lobwürdigen 108) Eleutherius sich erst zu der katholischen Lehre bekannt haben, bis sie wegen ihrer unruhigen Zweifelsucht, womit sie oftmals auch die Brüder ansteckten, mehrfach exkommuniziert ---- Marcion, trotz seiner |683 zweihunderttausend Sesterzien, die er der Kirche eingebracht hatte ---- zuletzt zu einer beständigen Ausschließung verurteilt, das Gift ihrer Lehren ausgebreitet haben. Späterhin übernahm Marcion die Kirchenbuße, aber als er sich der ihm auferlegten Bedingung ---- er sollte nämlich die Gemeinschaft alsdann wieder erhalten, wenn er auch die übrigen durch seine Lehre ins Verderben Geführten der Kirche wiedergewänne ---- unterziehen wollte, wurde er vom Tode überrascht. Denn es mußte ja Häresien geben. Doch sind die Häresien darum, weil es deren geben muß, noch nicht etwas Gutes. Das würde klingen, als wenn es nicht auch Übles hätte geben müssen. Der Herr mußte auch verraten werden, ---- aber wehe dem Verräter! So kann mir daher niemand die Häresien verteidigen.

Sollen wir auch des Apelles Stammbaum durchgehen, so gehörte er so wenig der alten Zeit an als Marcion, sein Lehrer und Bildner, sondern sich an eine Frauensperson hängend, lief er, der marcionitischen Enthaltsamkeit 109) untreu geworden, aus den Augen seines so heiligmäßigen Lehrmeisters weg nach Alexandrien. Von da kam er nach Jahren zurück, um nichts gebessert als darin, daß er kein Marcionite mehr war, und geriet an eine andere Weibsperson, jene bekannte, obengenannte 110) Jungfrau Philumene, die nachher auch eine entmenschte Hure wurde, durch deren Zauberkünste umgarnt er die Offenbarungen, die er von ihr enthielt, niederschrieb 111). Noch leben Leute in der Welt, die sich ihrer entsinnen können, sogar ihre eigenen Schüler und Nachtreter, so daß sie nicht leugnen können, daß sie später sind 112). Jedoch sie werden auch, wie der Herr gesagt hat, durch ihre Werke widerlegt 113). Denn wenn Marcion das Neue Testament von dem Alten absondert, |684 so ist er später als das, was er absonderte, da er ja nicht hätte trennen können, was nicht vorher vereint war. Die ehemalige Vereinigung vor stattgefundener Trennung und die nachmalige Trennung beweist, daß der Trennende später lebte. Ebenso wenn Valentinus eine andere Deutung und ohne Zweifel eine Verbesserung (der Hl. Schrift) lieferte, so beweist er durch eben diese Verbesserung, daß das, was er, als vorher fehlerhaft, verbesserte, das Eigentum eines anderen war 114).

Wir führen gerade die Genannten auf, da sie als Verfälscher der Wahrheit die hervorragendsten sind und die meisten Anhänger haben. Aber auch ein gewisser Nigidius, Hermogenes und viele andere laufen noch jetzt herum und verderben die Wege des Herrn. Möchten sie mir doch angeben, von welcher Autorität sie ausgegangen sind! Wenn sie einen ändern Gott verkünden, wie sind sie imstande, sich der Geschöpfe, Schriften und Namen des Gottes zu bedienen, gegen den sie auftreten? Predigen sie denselben Gott, warum denn auf eine ganz andere Weise? Mögen sie es beweisen, daß sie neue Apostel sind, und vorgeben, Christus sei wiederum herabgestiegen, habe wiederum gelehrt, sei wiederum gekreuzigt, wiederum gestorben und auferstanden. Denn auf diese Weise pflegt er, wie der Apostel es beschreibt 115), Apostel zu machen und ihnen außerdem auch die Macht zu geben, die Zeichen zu tun, die er selbst tat. Ich verlange also auch ihre Wunderkraft zu sehen. Als ihre größte Wunderkraft bemerke ich aber nur, daß sie die Apostel in umgekehrter Weise nachahmen. Jene pflegten aus Toten Lebendige zu machen, sie machen aus Lebendigen Tote.

31. Ich will nun von dieser Abschweifung zurückkehren, um die Priorität der Wahrheit und die Posteriorität der Irrlehre noch mit Zuhilfenahme jener Parabel zu verteidigen, welche den guten Samen des Getreides, als vom Herrn ausgesäet, voranstellt, den falschen |685 Samen des Windhafers aber, des tauben Strohes, nachher vom Teufel darübergestreut werden läßt. Denn sie versinnbildet so recht eigentlich die Verschiedenheit der Lehren, da ja auch sonst das Wort Gottes mit dem Samen verglichen wird. Somit wird durch die Zeitfolge selbst schon angedeutet, daß nur das vom Herrn ausgegangen und echt sei, was zuerst überliefert, dasjenige aber, was später hereingebracht worden, fremdartig und unecht sei. Dieser Satz bleibt gegen alle späteren Häresien in Geltung, die nirgends einen überzeugungsfesten, unerschütterlichen Standpunkt besitzen 116), um die Wahrheit für sich in Anspruch nehmen zu können.

32. Wenn dagegen einige Häresien die Kühnheit haben, sich in das apostolische Zeitalter einzudrängen und deswegen von den Aposteln überliefert erscheinen wollen, weil sie zur Zeit der Apostel existierten, so können wir erwidern: Gebt also die Ursprünge eurer Kirchen an, entrollt eine Reihenfolge eurer Bischöfe, die sich von Anfang an durch Abfolge so fortsetzt, daß der erste Bischof einen aus den Aposteln oder den apostolischen Männern, jedoch einen solchen, der bei den Aposteln ausharrte, zum Gewährsmann und Vorgänger hat. Denn das ist die Weise, wie die apostolischen Kirchen ihren Ursprung nachweisen; wie z. B. die Kirche von Smyrna berichtet, daß ihr Polykarp von Johannes aufgestellt, die römische ebenso, daß ihr Clemens von Petrus ordiniert worden sei. In entsprechender Weise geben natürlich auch die übrigen Kirchen die Männer an, welche von den Aposteln zum Bischoftum bestellt, ihnen zu Überleitern des apostolischen Samens dienten. Die Häretiker sollten sich doch auch etwas der Art |686 aussinnen! Was sollte ihnen denn nach ihren Gotteslästerungen noch unerlaubt sein? Allein, auch wenn sie sich so etwas aussännen, so würden sie damit doch nicht weiter kommen. Denn gerade ihre Lehre wird, mit der apostolischen verglichen, durch Abweichungen und Verschiedenheiten laut Zeugnis davon ablegen, daß sie weder einen Apostel noch einen apostolischen Mann zu ihrem Gewährsmann habe. Denn wie die Apostel untereinander keine abweichenden Lehren vortrugen, so wenig können auch die apostolischen Männer eine Lehre vorgebracht haben, welche zu jener der Apostel im Widerspruch stand. Es müßten denn etwa die Schüler der Apostel anders gepredigt haben 117). Vor diese Instanz 118) also werden sie von jenen Kirchen gerufen und gestellt werden, welche, obwohl sie keinen von den Aposteln oder apostolischen Männern, weil viel späteren Ursprungs ---- wie auch noch täglich welche gestiftet werden ---- als ihren Gründer anzugeben vermögen, dennoch, einmütig mit ihnen in demselben Glauben, für nicht weniger apostolisch gelten wegen der Blutsgemeinschaft der Lehre. So mögen also die Häresien, vor beide Instanzen 119) geladen, beweisen, daß sie, sei es auf die eine, sei es auf die andere Weise, apostolisch sind. Allein sie sind es eben nicht, und können nicht beweisen, was sie nicht sind, und werden auch von den Kirchen, die irgendwie 120) apostolisch sind, nicht zum Frieden und zur Gemeinschaft zugelassen, als auf keine Weise 121) apostolisch wegen der Verschiedenheit des Religionswesens. |687 

33. Zu dem Gesagten füge ich noch hinzu eine Musterung jener Doktrinen, welche damals, zur Zeit der Apostel, schon vorhanden waren, auf welche diese selbigen Apostel hinwiesen und den Fluch legten. Denn so werden sie leichter widerlegt, wenn sie als solche ertappt werden, die schon damals existierten, oder von denen, die damals schon existierten, die Samenkörner empfangen haben. Im ersten Korintherbriefe brandmarkt Paulus die Leugner und Bezweifler der Auferstehung 122). Diese Lehrmeinung gehört eigentlich den Sadduzäern an. Ihre Rolle übernehmen Marcion, Apelles, Valentinus und die etwa noch übrigen Zerstörer der Auferstehungslehre. Im Briefe an die Galater 123) erteilt er den Beobachtern des Gesetzes und den Verteidigern der Beschneidung eine harte Rüge, Es ist die Häresie Hebions, In der Unterweisung für Timotheus 124) trifft seine Rüge auch die Verbieter des Heiratens, So lehren aber jetzt Marcion und sein Nachtreter Apelles. Ebenso faßt er die an, welche vorgaben, die Auferstehung sei schon geschehen 125). Das behaupten von sich die Valentinianer, Und wenn er dann den Ausdruck „endlose Genealogien" braucht 126), so erkennt man darin Valentinus wieder, in dessen System der bekannte unbegreifliche Äon, der einen ganz neuen und mehr als einen Namen hat 127), aus seiner Charis den Nous und die Veritas erzeugt, diese ihrerseits erzeugen das Wort und das Leben, die dann weiter den Urmenschen und die Kirche ins Dasein setzen und so zusammen die erste Ogdoade der Äonen bilden. Daraus entstehen zehn |688 andere sowie auch die zwölf übrigen Äonen mit ihren wunderlichen Namen, und so ist die Faselei von den dreißig Äonen fertig. Wenn derselbe Apostel diejenigen mißbilligt, welche den Elementen dienen 128), so ist das ein Satz von Hermogenes, der eine ungewordene Materie annimmt, sie mit dem ungewordenen Gott gleichstellt und so, indem er die Mutter der Elemente zur Göttin macht, derjenigen dienen kann, die er Gott gleichstellt. Johannes befiehlt in der Apokalypse, die, welche Götzenopferfleisch essen und Hurerei begehen 129), zu bestrafen. Es gibt auch jetzt Nikolaiten, nur anderer Art; ihr heutiger Name ist: Häresie des Gajus 130). In seinem Briefe nennt er Antichriste vorzugsweise die, welche leugnen, daß Christus im Fleisch erschienen und nicht glauben, daß er der Sohn Gottes sei. Das erstere vertritt Marcion, das letztere Hebion, Die Lehre der Simonianischen Zauberei 131) aber, die den Engeln dient, wurde jedenfalls dem Götzendienste zugerechnet und schon vom Apostel Petrus in der Person des Simon selbst verworfen.

34. Das sind, soviel ich weiß, die Arten der Irrlehren, welche es nach den eigenen Mitteilungen der Apostel zu ihrer Zeit gab. Doch finden wir unter dieser großen Zahl von Verkehrtheiten mannigfacher Art keine Lehre, welche in Betreff Gottes, des Weltschöpfers, eine Streitfrage angeregt hätte. Niemand unterstand sich, an die Existenz eines zweiten Gottes auch nur zu denken. Man schwankte eher in den Ansichten über den Sohn als in denen über den Vater, bis Marcion neben dem Weltschöpfer noch einen ändern Gott der reinen Güte einführte, bis Apelles einen beliebigen erhabenen Engel des obern Gottes zum Schöpfer, zum Gott des Gesetzes und Israels, machte und von ihm behauptete, er sei feuerartigen Wesens, bis Valentinus seine Äonen ausstreute und von dem Fehltritt eines Äon den |689 Ursprung des Schöpfergottes ableitete. Ihnen allein und ihnen zuerst ist geoffenbart worden, wie es sich mit der Gottheit wirklich verhält; natürlich, sie haben größere Herablassung und reichlichere Gnade erlangt, d. h. beim Teufel, der als Nebenbuhler Gottes auch in der Weise auftreten wollte, daß er durch vergiftete Lehren die Schüler größer machte als den Meister, was der Herr ihnen versagt hatte 132). Sämtliche Häresien mögen sich also die Zeitperiode, wann jede existiert haben will, nach Belieben auswählen, da an der Zeit nichts liegt, weil sie nicht auf dem Grunde der Wahrheit stehen und jedenfalls diejenigen, welche zur Zeit der Apostel noch nicht existierten, das „Dagewesensein" sich nicht beilegen können 133). Wenn sie aber existiert hätten, so würden sie ebenfalls genannt worden sein, als solche, denen Einhalt getan werden müsse. Die aber, welche zur Apostelzeit dagewesen sind, die werden in namentlicher Anführung verdammt. Entweder sind also die gegenwärtigen Häresien dieselben wie die rohen der apostolischen Zeit, nur etwas verfeinert, dann tragen sie von damals her ihre Verdammung in sich, oder sie haben als andere zwar schon früher existiert, als andere aber, die erst später 134) entstanden, dann haben sie von jenen ersteren 135) einiges von deren Ansichten übernommen. Da sie nun mit ihnen die Lehre teilen, so müssen sie notwendig auch die Verwerfung mit ihnen teilen, wobei jene vorhin genannte Zeitgrenze 136) ihrer späteren |690 Entstehung den Vortritt hat, kraft deren sie, auch wenn sie an den verurteilten Lehren gar keinen Anteil hätten, doch schon auf Grund ihres Alters allein im voraus verurteilt würden und um so mehr als falsch anzusehen sind, als sie nicht einmal von den Aposteln namhaft gemacht sind. Durch letzteren Umstand steht es um so mehr fest, daß sie diejenigen sind, welche damals als die noch kommenden angekündigt wurden.

35. Durch die genannten Bestimmungen sind sämtliche Häresien, seien es die später entstandenen, seien es die den Aposteln gleichzeitigen ---- wenn sie überhaupt nur abweichen ---- seien es die im allgemeinen, seien es die speziell von diesen gebrandmarkten ---- wofern sie nur vorher verdammt sind ---- von uns zum Kampfe herausgefordert und überwunden, und sie mögen nun ihrerseits auch den Versuch machen, mit Prozeßeinreden solcher Art gegen unsere Lehre zu replizieren. Denn, wenn sie deren Richtigkeit in Abrede stellen, so müssen sie beweisen, daß auch unsere Lehre eine nach derselben Methode, durch welche sie widerlegt werden, widerlegte Häresie sei, und zugleich angeben, wo dann nun die Wahrheit, die bei ihnen, wie schon feststeht, nicht ist, eigentlich zu suchen sei. Später entstanden ist unsere Sache nicht, sondern sie ist vielmehr die, welche gegen alle die Priorität behauptet; das ist das Zeugnis der Wahrheit, die überall die „erste Stelle einnimmt. Von den Aposteln wird sie keineswegs verworfen, im Gegenteil in Schutz genommen ----das ist das Kennzeichen des rechtmäßigen Besitzstandes. Denn, wenn die, welche jede fremdartige Lehre verdammt haben, irgendeine Lehre nicht verdammen, so geben sie dadurch zu erkennen, sie sei die ihrige, und nehmen sie also in ihren Schutz.

Mögen die Häresien sich einen Zeitpunkt ihres Entstehens auswählen, welchen sie wollen, sie sind auf alle Fälle zu verurteilen. Praecedente fine bedeutet : das Axiom der posteritas hat den Vortritt, gilt auch dann, wenn man nicht beweisen könnte, daß die nach apostolischer Zeit aufgetretenen Irrlehren von den zur Zeit der Apostel schon vorhandenen ihre Ansichten entlehnt haben. |691 

36. Wohlan denn! Willst du den Forschertrieb im Geschäfte deines Heiles in ersprießlicher Weise betätigen, so halte eine Rundreise durch die apostolischen Kirchen, in welchen sogar noch die Lehrstühle der Apostel auf ihrer Stelle stehen, in welchen noch ihre Briefe aus den Originalen vorgelesen werden, die uns ihre Stimme vernehmen machen und das Antlitz eines jeden in unsere Gegenwart versetzen. Ist dir Achaja das Nächste, so hast du Korinth. Wohnst du nicht weit von Mazedonien, so hast du Philippi 137), Wenn du nach Asien gelangen kannst, so hast du Ephesus. Ist aber Italien in deiner Nachbarschaft, so hast du Rom, von wo auch für uns 138) die Lehrautorität bereit steht. O wie glücklich ist doch diese Kirche, in welche die Apostel die Fülle der Lehre mit ihrem Blute überströmen ließen, wo Petrus in der Weise des Leidens dem Herrn gleich gemacht, wo Paulus mit der Todesart des Johannes 139) gekrönt, wo der Apostel Johannes, nachdem er, in siedendes Öl getaucht, keinen Schaden gelitten hat, auf eine Insel verbannt wird! Nehmen wir Einsicht davon, was sie gelernt, was sie gelehrt hat, was sie zugleich auch mit den afrikanischen Kirchen bezeugt 140). Sie kennt nur den einen Gott und Herrn, den Schöpfer des Weltalls, und Christus Jesus, den aus der Jungfrau Maria geborenen Sohn des Gottes, der der Schöpfer ist, und die Auferstehung des Fleisches 141). Das Gesetz und die Propheten setzt sie mit den Evangelien und den Briefen der Apostel in Verbindung 142) ; daraus schöpft |692 sie ihren Glauben, sie besiegelt ihn mit Wasser 143), bekleidet ihn mit dem Hl. Geiste, nährt ihn durch die Eucharistie, ermahnt zum Martyrium und verweigert jedem die Aufnahme, der in Widerspruch mit dieser Lehre sich befindet. Das ist die Lehre, welche ---- ich sage schon nicht mehr ---- zum voraus verkündete, daß es Häresien geben würde, sondern die, aus welcher die Häresien hervorgingen. Aber das war nicht aus ihr, kraft dessen sie gegen sie gerichtet wurden 144). Entsteht ja aus dem Kern der Olive, die so mild und ölig und so unentbehrlich ist, doch auch der rauhe, wilde Ölbaum, und aus dem Körnchen der so lieblichen und angenehmen Feige erwächst der windige und leere wilde Feigenbaum 145). So sind auch die Häresien von unserem Stamm, aber nicht von unserer Art, zwar vom Samenkorn der Wahrheit, aber durch die Lüge Wildlinge geworden.

37. Wenn sich das alles nun so verhält, und die Wahrheit uns zuerkannt werden muß, die wir in derjenigen Glaubensregel wandeln, welche die Kirchen von den Aposteln, die Apostel von Christus, Christus von Gott empfangen hat, so steht auch unser anfänglicher Satz als begründet fest, welcher besagte, daß die Häretiker zur Einlegung einer Berufung auf die Hl. Schrift gar nicht zugelassen werden würden, da wir ohne die Schrift beweisen, daß die Schrift sie gar nichts angehe. Denn wenn sie Häretiker sind, so können sie keine Christen sein, da sie die Lehren, welchen sie nach eigener Wahl anhangen und weshalb sie sich den Namen Häretiker gefallen lassen müssen, nicht von Christus erhalten haben. Als Nichtchristen erlangen sie daher keinerlei |693 Eigentumsrecht an den christlichen Schriften. Wie sie es verdienen, muß man ihnen vorhalten: Wer seid ihr denn eigentlich? Wann und woher seid ihr gekommen? Was macht ihr auf meinem Grund und Boden, da ihr nicht zu den Meinigen gehört? Mit welchem Recht, Marcion, fällst du denn eigentlich meinen Wald? Wer erlaubt dir, Valentinus, meine Quellen anders zu leiten? Wer gibt dir, Apelles, die Macht, meine Grenzen zu verrücken? Das Besitztum gehört mir! Wie könnt ihr übrigen hier nach eurem Gutdünken säen und weiden? Mein ist das Besitztum, ich besitze es von jeher, ich habe es zuerst besessen, ich habe sichere Übertragungstitel von den ersten Eigentümern selbst, denen die Sache gehört hat. Ich bin Erbe der Apostel! Wie sie es in ihrem Testamente angeordnet, wie sie den Fideikommiß errichtet, wie sie es beschworen haben, so bin ich Besitzer; euch haben sie sicher auf immer enterbt und ganz verstoßen, wie Fremdlinge, wie Feinde! Aus welchem ändern Grunde aber sollten die Häretiker für die Apostel Fremdlinge und Feinde sein, als wegen der Verschiedenheit ihrer Lehre, die jeder einzelne von ihnen nach seinem Belieben mit feindlicher Tendenz gegen die Apostel entweder selbst zutage gefördert oder von ändern angenommen hat.

38. Dorthin also wird man die Verfälschung sowohl der Schriften wie auch ihrer Deutungen verlegen müssen, wo die Verschiedenheit in der Lehre sich findet. Wer einmal den Vorsatz hatte, anders zu lehren, der war durch die Notwendigkeit gezwungen, auch die Lehrbücher anders einzurichten. Man hätte ja sonst nicht anders lehren können, wenn man nicht Lehrmittel von einer ändern Beschaffenheit hatte! So wenig, wie ihnen die Verfälschung der Lehre hätte gelingen können ohne Verfälschung der dazu gehörigen Urkunden, so wenig hätte uns die Vollständigkeit und Reinheit der Lehre genutzt ohne Vollständigkeit dessen, wodurch die Lehre vermittelt wird. Gibt es etwa in unsern Urkunden etwas, das uns widerspräche? Welche eigene Zutaten haben wir gemacht, um etwas ihnen Entgegenstehendes in der Hl. Schrift Vorkommendes durch  |694 Wegnähme, Zusätze oder Umstellungen zu heilen? Was wir sind, das ist auch die Schrift von ihrer Entstehung an. Aus ihr sind wir, bevor etwas anderes da war, bevor ihr sie gefälscht habt. Jede Abänderung aber ist für das Spätere zu halten und geht jedenfalls aus böswilliger Gesinnung hervor, die niemals früher existiert als das, was sie anfeindet, noch ihm befreundet ist. Daher ist es für jeden Einsichtsvollen ebenso unglaublich, daß wir, die wir die Ersten und Uranfänglichen sind, den fälschenden Griffel an die Schrift gelegt haben sollen, als daß jene, welche die Spätem und feindlich Gesinnten sind, es nicht getan haben sollten. Der eine verkehrt die Texte, der andere die Erklärung des Sinnes 146). Bedient sich Valentinus scheinbar der unverstümmelten heiligen Urkunde, so hat er sich doch auf eine noch verschmitztere Weise an der Wahrheit vergriffen, als Marcion. Marcion nämlich gebrauchte offen und ungeniert das Messer, nicht den Griffel; denn er vollzog nach den Anforderungen seines Lehrstoffes einen Mord an der Hl. Schrift. Valentinus hingegen verfuhr mit Schonung; denn er machte sich nicht eine Hl. Schrift nach seinem Lehrstoff, sondern sann seinen Lehrstoff nach der Schrift aus. Trotzdem nahm er mehr hinweg und setzte mehr hinzu, indem er einerseits den wirklichen Sinn selbst der einzelnen Worte beseitigte, andererseits Hineindeutungen nicht beabsichtigter Dinge hinzufügte 147).

39. Wir mußten, meine Brüder, die Kunstgriffe der geistigen Bosheit 148), womit wir zu kämpfen haben, nach Gebühr einer Betrachtung unterwerfen; sie sind für den Glauben notwendig, damit die Auserwählten offenbar und die Verworfenen entdeckt werden. Darum hat sie auch ihre Macht und die Gewandtheit im Ersinnen und Lehren von Irrtümern, die jedoch nicht als etwas |695 Schwieriges und Unerklärliches anzustaunen ist, da Belege derselben Geschicklichkeit auch bei den profanen Schriften vor Augen liegen. Man kann noch heutzutage erleben, wie aus dem Vergil ein ganz anderes Gedicht zusammengesetzt wird, wobei sich der Stoff den Versen und die Verse dem Stoffe anbequemen müssen. So hat sich z. B. Hosidius Geta sein Trauerspiel „Medea" vollständig aus dem Vergil herausgeklaubt. Ein Verwandter von mir hat außer seinen sonstigen Stilübungen unter ändern auch das „Gemälde" von Cebes weiter ausgeführt, Homerocentonen pflegt man die Leute zu nennen, welche eigene Werke mit Hilfe der Gedichte des Homer aus vielen Bruchstücken, die sie wie Flickschneider hierhin und dorthin verteilen, zusammenstoppeln. Und fürwahr, die heilige Literatur ist ein noch ergiebigerer Boden zur Lieferung jeglichen Stoffes. Ich nehme nicht einmal Anstand, zu sagen, die Hl. Schrift sei nach dem Willen Gottes sogar so eingerichtet, damit sie den Häretikern das Material darbiete; denn ich lese, „daß es Häresien geben müsse", und ohne die Schrift könnte es keine geben.

40. Jedoch man fragt 149), von wem eine solche Auffassung von jenen Dingen vermittelt werde, daß sie zur Entstehung von Häresien dienen. Vom Teufel, versteht sich, dessen Rolle es ja ist, die Wahrheit zu verdrehen, der sogar die Handlungen der göttlichen Sakramente in seinen Götzenmysterien nachäfft. Er tauft auch ---- natürlich seine Gläubigen und Getreuen; er verheißt Nachlassung der Sünden in Kraft eines Taufbades, und wenn ich noch des Mithras gedenke 150), so bezeichnet er dort seine Kämpfer auf der Stirn, feiert auch eine Darbringung von Brot, führt eine bildliche Vorstellung der Auferstehung vor und nimmt unter dem Schwerte einen Kranz hinweg 151). Was soll man ferner dazu sagen, wenn |696 er auch den obersten Priester in einer einmaligen Ehe leben läßt? 152) Er hat auch seine Jungfrauen und seine Enthaltsamen. Endlich, wenn wir uns die frömmlerischen Gebräuche eines Numa Pompilius im Geiste vorführen, wenn wir die priesterlichen Verrichtungen, Abzeichen und Auszeichnungen, die Dienstleistungen, Geräte und Gefäße beim Opfer, ferner die Sonderbarkeiten der Sühnungen und Angelobungen betrachten, ist es da nicht einleuchtend, daß der Teufel die mit dem jüdischen Gesetze verbundene ängstliche Pedanterie darin nachgeahmt hat? Wer also sogar die Handlungen, wodurch die Sakramente Christi vollzogen werden, in den Verrichtungen des Götzendienstes in so böswilliger Weise zum Ausdruck zu bringen bemüht war, gewiß verlangt der auch darnach und ist imstande, mit derselben Schlauheit die Urkunden der hl. Geschichte und der heiligen Männer des Christentums 153) seinem profanen und nachgeäfften Glauben anzupassen, den Sinn nach dem Sinn, die Worte nach den Worten, Parabeln nach den Parabeln. Und deshalb darf weder jemand daran zweifeln, daß die geistige Bosheit, aus welcher die Häresien stammen, vom Teufel eingegeben sei, noch daran, daß die Häresien dem Götzendienst gleichstehen, da sie von demselben Ursprünge und das Werk desselben Wesens sind, wie der Götzendienst. Entweder fingieren sie einen ändern Gott gegenüber dem Schöpfer, oder wenn sie nur den einen Gott als Schöpfer bekennen, so lehren sie anders von ihm, als es sich in Wahrheit verhält. Daher ist jede falsche Lehre hinsichtlich Gottes gewissermaßen eine Art Götzendienst.

41. Ich will nicht unterlassen, auch von dem Wandel der Häretiker eine Schilderung zu entwerfen, wie locker, wir irdisch, wie niedrig menschlich er sei, ohne Würde, ohne Autorität, ohne Kirchenzucht, so ganz ihrem Glauben entsprechend. Vorerst weiß man nicht, wer Kate-chumen, wer Gläubiger ist, sie treten miteinander ein, |697 sie hören miteinander zu, sie beten miteinander; auch wenn Heiden dazu kommen, werfen sie Heiliges den Hunden und Perlen, wenn auch unechte, den Säuen hin. Das Preisgeben der Kirchenzucht wollen sie für Einfachheit gehalten wissen, und unsere Sorge für dieselbe nennen sie Scharwenzelei. Was den Kirchenfrieden 154) angeht, so halten sie ihn unterschiedslos mit allen Es ist in der Tat auch zwischen ihnen, obwohl sie abweichende Lehren haben, kein Unterschied, wenn sie nur zur gemeinschaftlichen Bekämpfung der einen Wahrheit zusammenhalten. Alle sind aufgeblasen, alle versprechen Erkenntnis. Die Katechumenen sind schon Vollendete 155), ehe sie noch Unterricht erhalten haben. Und selbst die häretischen Weiber, wie frech und anmaßend sind sie! Sie unterstehen sich, zu lehren, zu disputieren, Exorzismen vorzunehmen, Heilungen zu versprechen, vielleicht auch noch zu taufen. Die Ordinationen der Häretiker sind aufs Geratewohl leichtfertig und ohne Bestand 156), Bald stellen sie Neophyten an, bald an die Welt gefesselte Männer, bald unsere Apostaten, um die Leute durch die Ehre an sich zu ketten, da sie es durch Wahrheit nicht vermögen. Nirgends gibt es leichtere Befördeung als im Lager der Rebellen, wo bloß sich aufzuhalten schon als Verdienst gilt. Und so ist denn heute der eine Bischof, morgen der andere, heute ist jemand Diakon und morgen Lektor, heute einer Priester und morgen Laie. Denn sie tragen die priesterlichen Verrichtungen auch Laien auf.

42. Was soll ich aber erst von ihrer Art, das Wort Gottes zu verwalten, sagen, da es nicht ihr Geschäft ist, Heiden zu bekehren, sondern die Unserigen zum Abfall zu verlocken? Sie jagen mehr der Ehre nach, die Stehenden zum Falle zu bringen, als der, die Gefallenen aufzurichten, da ja auch das Gebäude selbst, das ihnen gehört, nicht ihrer eigenen Bautätigkeit sein Dasein |698 verdankt, sondern der Zerstörung der Wahrheit. Das Unsrige untergraben sie, um das Ihrige aufzubauen. Nimm ihnen das Gesetz Moses, die Propheten und Gott den Schöpfer, darüber haben sie keine Klage auszustoßen 157). So kommt es, daß sie es leichter zustande bringen, stehende Gebäude in Trümmer zu legen, als am Boden liegende aufzurichten. Zu diesem Zwecke ganz allein spielen sie die Demütigen, die Liebenswürdigen, die ergebensten Diener. Sonst kennen sie nicht einmal ihren Vorstehern gegenüber Ehrerbietung. Und das ist auch der Grund, warum es bei den Häretikern sozusagen keine Kirchenspaltungen gibt, weil solche, auch wenn sie vorhanden sind, nicht zutage treten. Im Schisma besteht gerade ihre Einheit. Ich will ein Lügner sein, wenn sie nicht unter sich sogar von ihren Glaubensregeln abweichen, indem ein jeder ebenso das, was ihm gelehrt wurde, nach seinem Gutdünken modelt, wie sein Lehrer es nach seinem Gutdünken geschaffen hat. Eine Sache verleugnet in ihrer Entwicklung ihre Natur und die Beschaffenheit ihres Ursprungs nicht. Dasselbe Recht wie Valentinus haben die Valentinianer auch, die Marcioniten dasselbe wie Marcion, nämlich nach eigenem Gutdünken einen neuen Glauben zu machen. Schließlich, wenn man die Häresien gründlich betrachtet, so findet man, daß sie alle von ihren Stiftern in vielen Punkten abgewichen sind. Sehr viele haben nicht einmal Kirchen; ohne Mutter, ohne Heimat, des Glaubens bar, irren sie als Verbannte ohne eigenen Herd umher 158).

43. Auch wird der Umgang der Häretiker mit so vielen Zauberkünstlern, herumziehenden Gauklern, Astrologen und Philosophen, solchen nämlich, welche sich Grübeleien hingeben, übel vermerkt. Ihr „Suchet und ihr werdet finden" vergessen sie nirgends. Daher kann aus der Art ihres Wandels auch auf die Beschaffenheit ihres Glaubens geschlossen werden. In der sittlichen Aufführung verrät sich die Lehre. Sie leugnen, |699 daß man Gott fürchten müsse. Daher ist ihnen alles und jedes gestattet und erlaubt. Wo aber wird Gott nicht gefürchtet, als nur da, wo er nicht ist. Wo Gott nicht ist, da ist auch keine Wahrheit, und wo keine Wahrheit ist, da ist selbstverständlich auch die Disziplin von der beschriebenen Art. Wo aber Gott waltet, da ist auch die Furcht vor Gott, der Anfang der Weisheit. Wo Gottesfurcht herrscht, da ist auch würdiger Ernst, scheue Behutsamkeit, ängstliche Sorgfalt, Umsicht in der Aufnahme 159), Bedachtsamkeit in Erteilung der Kirchengemeinschaft, Beförderung nach Verdienst, ehrfurchtsvolle Unterordnung, ergebene Dienstfertigkeit, bescheidenes Auftreten, Einigkeit in der Gemeinde, und alles ist Gottes.

44. Daher verstärken diese Zeugnisse einer strafferen Sittenzucht bei uns noch den Beweis für die Wahrheit der Lehre, von welcher sich zu entfernen niemandem frommt, der des künftigen Gerichtes eingedenk ist, wo wir alle vor dem Richterstuhle Christi erscheinen müssen, um Rechenschaft zu geben, vor allem eben über unsern Glauben. Was werden dann also diejenigen sagen, welche die von Christus ihnen anvertraute jungfräuliche Wahrheit durch den Ehebruch der Häresie geschändet haben. Vermutlich werden sie dann als Ausrede vorbringen, er oder seine Apostel hätten ihnen ja niemals etwas über das künftige Auftreten tobender und verkehrter Lehren vorhergesagt und ihnen keine Vorschriften gegeben, solche zu meiden und zu verabscheuen. Dann werden sie anerkennen, daß die Schuld vielmehr auf seiner und der Seinigen Seite lag, da sie uns nicht vorher zugerüstet haben 160). Dann werden sie viele Gründe für die Glaubwürdigkeit eines jeden häretischen Lehrers beibringen, wie dieselben ihre Lehren aufs höchste bekräftigt haben, daß sie Tote erweckt, Bresthafte wiederhergestellt, die Zukunft vorausgesagt |700 haben, weshalb man sie mit Recht für Apostel gehalten habe. Als ob nicht auch das geschrieben stände, daß viele auftreten würden, welche sehr große Wunder sehen lassen, um den Trug ihrer falschen Predigt zu verdecken. So werden sie Vergebung verdienen. ---- Diejenigen aber, welche eingedenk der Ankündigungen des Herrn und der Apostel bei dem vollen wahren Glauben geblieben sind, die werden vermutlich in Betreff ihres Heiles gefährdet sein, und der Herr wird ihnen antworten: Ich hatte allerdings vorhergesagt, daß Lehrer des Truges unter meinem Namen und auch unter den Namen der Propheten und Apostel auftreten würden; ich hatte auch meinen Schülern anbefohlen, euch dasselbe zu verkündigen, ich hatte das Evangelium und eine Lehre von ein und derselben Regel zwar ein- für allemal meinen Aposteln übergeben ---- allein, da ihr nicht daran glaubtet, so habe ich es nachher vorgezogen, einiges daran zu ändern. Ich hatte auch die Auferstehung des Fleisches versprochen; allein ich habe mir überlegt, daß ich das nicht würde halten können. Ich hatte mich als von einer Jungfrau geboren ausgegeben; allein später schien mir das doch unehrbar. Ich hatte den, der Sonnenschein und Regen hervorbringt, meinen Vater genannt; allein es fand sich ein anderer besserer Vater, der mich adoptierte. Ich hatte euch auch verboten, den Häretikern euer Ohr zu leihen; allein ich habe mich geirrt. Solche Gedanken können die hegen, welche das rechte Geleise verlassen und die dem wahren Glauben drohenden Gefahren nicht meiden.

Damit ist nun unsere allgemeine Verhandlung gegen sämtliche Häresien dahin erledigt, daß sie von jedem Eigentumsanspruch auf die Hl, Schrift durch zuverlässige, gerechte und notwendige Prozeßeinreden zurückzuweisen sind. In der Folge werden wir, wenn die Gnade Gottes es zuläßt, einigen auch noch speziell antworten. [Mit den rechtgläubigen Lesern dieser Schrift sei der Friede und die Gnade unseres Herrn Jesu Christi in Ewigkeit!]


Anmerkungen

1. 1) Bei der Übersetzung wurde die Ausgabe von Rauschen zugrunde gelegt.

2. 2) Quantum, si non fuissent? Die Erklärer ergänzen zu „quantum" „valerent", was durch das vorhergehende : quod tantum haereses valeant wohl gefordert wird. Indes, der Gedanke: welche Macht würden die Häresien denn haben, wenn sie nient existierten? ist doch sehr trivial. Weit ausdrucksvoller wäre der Gedanke, wenn „quantum'' auf das vorhergehende scandalizantur bezogen wird = Wie großen Anstoß würden sie nehmen, wenn sie nicht existierten, da sie doch vorhergesagt sind. Auch dann schließt sich der folgende Satz : Cum quid etc. gut an.

3. 1) Der öfters bei T. ausgesprochene philosophische Grundsatz, daß der Zweckursache in der idealen Ordnung die Wirkursache in der realen Ordnung entspricht.

4. 1) der Macht der Häresien, nach der Lesart „miriones", andere haben „infirmiores".

5. 2) maior = besitzt eine kirchliche Stellung als Priester, Bischof usw.

6. 1) 1 Kön. 16, 7.

7. 2) 2 Tim. 2, 19.

8. 3) Matth. 15, 13.

9. 4) Ebd. 20, 16.

10. 5) Ebd. 3, 12.

11. 6) Vgl. Joh. 6, 61-70.

12. 7) welche Paulus 2 Tim. 1, 15 u. 2, 17 als untreue Schüler und Häretiker namhaft macht.

13. 8) 1 Joh. 2, 19.

14. 1) Matth. 7, 15. 

15. 2) Ebd. 24, 11 u. 24. 

16. 3) 2 Kor. 11, 13. 

17. 4) 1 Job. 2, 18. 

18. 5) 1 Kor. 11, 19. 

19. 6) 1 Thess. 5, 21.

20. 1) 1 Kor. 11, 18.

21. 2) credidisse de schismatibus. T. hat vor Augen 1 Kor. 11, 18: audio, scissuras esse inter vos, et ex parte credo.

22. 3) Vgl. Gal. 5, 20; Tit. 3, 10 f.

23. 1) Haeresis bedeutet in Tertullians Sprachgebrauch nicht immer häretische Lehre, sondern, wie de bapt. 1 und Scorp. 1 zeigen, auch häretische Genossenschaft. Die Interpunktion dieser Stelle bei Oehler ist irreleitend, der Relativsatz quarum gehört zum Vorangehenden.

24. 2) nach der Lesart maxime.

25. 3) quia et in quo damnatur sibi elegit; „in quo" ist nicht der Häresiarch, nach dem sie sich benennen, denn das Gesagte gilt ja vom Häresiarchen erst recht ; es ist vielmehr die häretische Lehre selbst.

26. 4) Nach der Lesart „inducere", die mir besser zu sein scheint als „indulgere" und bestätigt wird durch das folgende „induxerit" und „inducerent".

27. 5) Vgl. Gal. 1, 8.

28. 6) von denen der Apostel spricht ; vgl. 2 Tim. 4, 3.

29. 1) Vgl. 1 Kor. 1, 27.

30. 2) Vor Augen schwebt das Wort des Apostels : Nonne stultam fecit Deus sapientiam huius saeculi 1 Kor. 1, 20, verbunden mit 1 Kor. 1, 27.

31. 3) 1 Tim. 1, 4.

32. 4) 2 Tim. 2, 17.

33. 1) Kol. 2, 8.

34. 2) Weish. 1, 1. 

35. 3) Matth. 7, 7. 

36. 4) der Täufer; vgl Matth. 11, 2.

37. 1) Elias findet sich aber in der betreffenden Stelle Luk. 16, 29 nicht genannt. Tertullian zitiert also hier aus dem Gedächtnis. 

38. 2) Joh. 5, 39. 

39. 3) Matth. 7, 7.

40. 4) Jes. 40, 15.

41. 5) Matth. 15, 24.

42. 1) Et hoc ergo illo facit = Er sendet, wie er es versprochen hatte, den Hl. Geist zu diesem Zweck; illo, nach der Erklärung von Rauschen = eo i. e. eum ad finem.

43. 2) aus dem wir eine Belehrung oder Warnung schöpfen sollen.

44. 3) certare vor Gericht für seine Sache streiten, seine Sache führen. Die Übersetzung „aber auch dieser Sinn will gegen das Steuerruder der Interpretation streiten" ist unrichtig; vgl. den Schluß des Kapitels.

45. 4) verba tantum defendantur. defendere wie oft bei T. = asserere, vindicare, aufstellen, behaupten, schützen.

46. 1) Gemeint sind voreilig urteilende oder unruhige Leute unter den Katholiken.

47. 2) modus ist hier, wie sich aus dem Folgenden ergibt, nicht „die Art und Weise", sondern das rechte Maß.

48. 1) Nach der Lesart „quaeremus". Rauschen liest, dem Agobardinus (dessen Lesart aber hier unsicher ist) folgend, „credemus". 

49. 2) Ich folge der Lesart convenior.

50. 1) Vgl. Luk. 15, 8; 11, 5 ff ; 18, 2 ff. 

51. 2) Ebd. 11, 9.

52. 1) emissum ; der Agobardinus hat demissum, aber auch, demitti bedeutet bei Vergil und Tacitus abstammen ; emissum, demissum ist also hier dasselbe, was T. an anderen Stellen mit „prolatum", „qui ab ipso processerit" bezeichnet.

53. 1) Luk. 18, 42.

54. 2) Nach der Lesart : dubius ad dubios, incertus ad incertos.

55. 1) Nach der Lesart admittendi.

56. 2) den Gegner sonst zu besiegen.

57. 3) Vgl. Cicero de inventione I, 8, 10 Eam igitur quaestionem, ex qua causa nascitur, constitutionem adpellamus.

58. 1) Tit. 3, 9.

59. 2) 1 Tim. 6, 20.

60. 3) Tit. 3, 10. T. hat aber übersehen, daß hier steht: post unam et secundam correptionem.

61. 1) Collatio ist ein juristischer Kunstausdruck.

62. 1) Ein Fehler war es, wenn Oehler unitate statt unitatem setzte. Mit Probant beginnt man am besten einen neuen Satz. Zum Sinn der Stelle vergl. unten c. 32 non minus apostolicae deputantur pro consanguinitate doctrinae. 

63. 1) Tessera ist die Marke, die als Wahrzeichen der Gastfreundschaft diente, contesseratio das Aneinanderhalten derselben, um zu sehen, ob sie stimmten, woran man sich als Gastfreunde erkannte.

64. 2) Matth. 11, 27.

65. 3) Nach der Lesart et Christi, die mir der vorhergehende Satz zu fordern scheint.

66. 1) Oben Kap. 13.

67. 2) quod nulla doctrina diversa darf nicht übersetzt werden : „weil keine Verschiedenheit in der Lehre vorhanden ist". Der Gedanke ist : Wer mit den apostolischen Kirchen übereinstimmt, besitzt die Wahrheit. Daß wir mit ihnen übereinstimmen, beweist die Gemeinschaft, in der wir mit ihnen bestehen, was kein einziges häretisches System von sich behaupten kann. Diese offenkundige Tatsache ist ein offenkundiges Zeugnis und ein bündiger Beweis, daß wir die Wahrheit besitzen.

68. 3) retractare heißt, wie eine Menge von Stellen beweist, verhandeln, nicht Bedenken haben.

69. 1) Matth. 16, 18. 

70. 2) Ebd. 18, 16.

71. 3) die Jünger auf dem Wege nach Emmaus. 

72. 4) Job. 16, 12 f.

73. 5) Nach der Lesart des Agobardinus und Leidensis : sed nec ecclesiam se defendere (sc. possunt) ; esse ist wie oft bei T. ausgelassen. s. Hoppe 144. In der anderen Lesart : sed nec ecclesiam se dicant defendere ist offenbar „dicant" eingeschoben und dadurch der Sinn entstellt worden. 

74. 1) die Kirche.

75. 2) da sie die Apostelgeschichte nicht anerkennen.

76. 3) Tanti est wird meistens (auch von Aubespine) unrichtig erklärt. Es entspricht unserer vulgären Eedensart: Das gilt mir keinen Pfifferling.

77. 4) traduction es die Widerlegung, Überführung. Vgl. adv. Prax. 1 traductae ; de anima 1 traducit,

78. 5) Gal. 2, 11.

79. 6) was man ohne die Apostelgeschichte nicht imstande ist anzugeben.

80. 7) Gal. 1, 13.

81. 8) Joh. 5, 31.

82. 1) Vgl. Gal. 1, 18 ff. 

83. 2) Gal. 2, 9.

84. 1) die des Petrus.

85. 2) 2 Kor. 12, 2 ff. Auch darauf hatten sich also die Häretiker berufen, um für Paulus eine Geheimwissenschaft, deren Erben sie zu sein behaupteten, in Anspruch zu nehmen.

86. 1) 1 Tim. 6, 20. 

87. 2) 2 Tim. 1, 14. 

88. 3) 1 Tim. 1, 18. 

89. 4) 1 Tim. 6, 13. 

90. 5) 2 Tim. 2, 2.

91. 1) Matth. 7, 6.

92. 2) Ebd. 10, 27.

93. 3) Luk. 19, 20.

94. 4) Matth. 5, 15.

95. 1) 1 Kor. 1. 10. 

96. 2) 1 Kor. 15. 11. 

97. 3) Matth. 5, 37.

98. 4) Gal. 3, 1 und 5, 7.

99. 5) Ebd. 1, 6.

100. 6) 1 Kor. 3, 1 ff.; 8, 2.

101. 1) wie der Epheser, Römer, Philipper usw.

102. 2) Job. 15, 2

103. 3) interim, nämlich, bis die Häresien auftraten.

104. 4) nämlich die Apostel selbst.

105. 1) Vgl. Kap. 35.

106. 2) Nach der Lesart des Agobardinus „proprior", der rechtmäßige und ursprüngliche Besitzer einer Lehre. Vgl. in Kap. 35 das iudicium proprietatis u. Apol. 47 S. 167 Anm. 5. Daß diese Lesart die richtige ist, scheint mir „cavendas" zu beweisen und der Schlußsatz : Ad eius doctrinae ecclesiam usw.

107. 3) Gal. 1, 8.

108. 4) Benedictus, entsprechend dem griechischen μακάριος, scheint eine Titulatur für die Bischöfe gewesen zu sein. Vgl. de pudic. c. 13. Benedictus Papa contionaris; Hippol. Philosoph. XI, 12 τὸν μακάριον Οὐίκτορα. Eleutherius regierte 174/5-189 n. Chr.

109. 1) Marcion verbot die Ehe.

110. 2) Kap. 6.

111. 3) Unter dem Titel Φανερώσεις.

112. 4) ne posteriores negare possint. Zur Konstraktion vgl. Hoppe 144. Die Übersetzung: „damit ja die Nachwelt es nicht leugnen könne", ist unrichtig. Zum Gebrauch von „ne" vgl. Hoppe 82.

113. 5) Matth. 7, 16.

114. 1) alterius fuisse, andere wollen lesen anterius fuisse.

115. 2) Der Zusatz ; apostolus descripsit ist zweifelhaft. Der Sinn ist: Er machte die Apostel zu Zeugen seines Lebens und seiner Auferstehung. T. denkt an Apg. l, 21 f.

116. 1) nulla constantia de conscientia ; die Übersetzung „die auf gutem Glauben ruhende Beständigkeit" gibt keinen annehmbaren Sinn. Constantia ist hier die unerschütterliche Festigkeit = sie können nirgends festen Fuß fassen. ... de conscientia bedeutet mit vollem Bewußtsein, mit Überzeugung ; constantia de conscientia ist also die unerschütterlich feste Überzeugung. Wenn man de conscientia mit Rauschen auffaßt = quae nititur bona conscientia, so könnte man übersetzen, welche nirgends mit gutem Gewissen festen Fuß fassen können.

117. 1) Die Lesart nisi illi, qui ab apostolis didicerunt, aliter praedicaverunt, kann kaum richtig sein. Die Lesarten „discesserunt", „desciverunt" leiten wohl auf den von T. ausgedrückten Gedanken: als nur jene, die von den Aposteln sich trennten (abfielen), weil sie anders lehrten.

118. 2) Ad hanc itaque formam provocabuntur, hanc formam ist die Übereinstimmung in der Lehre.

119. 3) ad utramque formam, die apostolische Sukzession der Bischöfe und die Apostolizität der Lehre.

120. 4) quoquo modo sei es, daß sie apostolische Kirchen im engeren Sinne sind, weil sie von den Aposteln oder Apostelschülern gegründet wurden, sei es, daß sie apostolisch im weiteren Sinne sind wegen der Blutsverwandtschaft der Lehre.

121. 5) nullo modo apostolicae weder im engeren, noch im weiteren Sinne, weder haben sie die apostolische Sukzession noch die apostolische Lehre. Daß sie es nicht sind, beweist die „diversitas sacramenti" ; sacramentum bezeichnet nicht bloß die Lehre, sondern das ganze Religionswesen ; vgl. etwa Apol, 2, S. 42. 

122. 1) 1 Kor. 15, 12.

123. 2) Gal. 5, 2.

124. 3) 1 Tim. 4, 3.

125. 4) 2 Tim. 2, 18.

126. 5) 1 Tim. 1, 4.

127. 6) Er führt die Namen Ahgrund. vollkommenster Äon. Prinzip, Urprinzip, gr. : βυθός αἰὼν τέλειος οδερ προαρχή. Adv. Val. c. 7.

128. 1) Kol. 2, 8 ; Gal. 4, 3. 

129. 2) Off. 2, 20.

130. 3) Auch de bapt. c. 1 erwähnt.

131. 4) Vgl. Iren., adv. haer. I, 23. 1-4 u. Ps. Tert., adv. omnes haer. 1.

132. 1) Matth. 10, 24.

133. 2) et utique, quae sub Apostolis non fuerunt, fuisse non possint, d. h. sie können sich, das „fuisse", das Existierthaben in apostolischer Zeit, nicht beilegen. Damit sind diejenigen, die zu apostolischer Zeit noch nicht existierten, schon gerichtet, praecedente illo fine posteritatis, wie er später sagt. Diejenigen aber, die bis in die apostolische Zeit zurückreichen, sind von den Aposteln selbst verurteilt worden.

134. 3) nach der Zeit der Apostel.

135. 4) denen, die zur apostolischen Zeit bestanden.

136. 5) praecedente illo fine supradicto posteritas ; vgl. Kap. 29-31; finis heißt hier nicht „Zweck" und ebensowenig „Abfertigung"', sondern Grenze, Zeitgrenze. Bei den letzten Sätzen dieses Kapitels hat mau sich sowohl in Bezug auf den Text wie auf die Übersetzung vor Augen zu halten, daß T. den Satz begründen will :

137. 1) Einige Lesarten fügen hinzu : habes Thessalonicenses.

138. 2) Die Bewohner des lateinischen Nordafrika.

139. 3) Des Täufers.

140. 4) Nach der Lesart contestetur ; andere lesen eontesseratur. Der Sinn ist: was sie stets, als von den Aposteln empfangen, gelehrt hat (docuerit), und was sie jetzt zusammen mit den afrikanischen, mit ihr in Gemeinschaft stehenden Kirchen bezeugt.

141. 5) Nach der Lesart carnis resurrectionem ; der Agobardinus liest resurrectorem, eine Lesart, der Rauschen den Vorzug gibt. Indes, wahrscheinlich hat T. den Anfang, den Mittelpunkt und den Schluß des Glaubensbekenntnis vor Augen.

142. 6) Reißt also nicht Altes und Neues Testament auseinander, in der Art, wie es die Gnostiker tun.

143. 1) In der Taufe.

144. 2) Vgl. 1 Joh. 2, 19. Die Lesart am Anfang des Satzes ist so unbestimmt, daß Rauschen eine Lücke läßt. Sed non ... ex ilia, ex quo factae sunt adversus illam. Ex quo wird, glaube ich, mit „seitdem" nicht richtig übersetzt; denn wahrscheinlich ist unter „ex quo" jenes Element verstanden, das die Abart, die Entwicklung zur Häresie bedingte, wie es auch später heißt : de nostro frutice, non nostro de genere.

145. 3) Caprificus ἐρινός, der nur männliche Blüten, also auch keine Früchte hat.

146. 1) Nach der Lesart : manus (nicht manu) scripturas ---- sensus (nicht sensu) expositiones.

147. 2) Gemeint ist die figürliche Erklärung, welche den Wortsinn beseitigte, und die allegorische Deutung der Schrift auf die Äonenlehre usw.

148. 3) Anspielung auf Eph. 6, 12.

149. 1) Nach der Lesart Sed quaeritur. Sequetur ist verschrieben statt: sed quaeritur.

150. 2) Nach der richtigen Lesart des Agobardinus : si adhuc memini Mithrae. Subjekt des Satzes ist nicht etwa Mithras, sondern diabobis, was auch illic beweist, nämlich beim Mithrasdienst.

151. 3) Vgl. hierzu de corona 15 S. 263.

152. 1) Subjekt ist diabolus, und es ist nicht an den Oberpriester des Mithras gedacht; vgl. vielmehr ad ux. I, 7; de monog. 17. 

153. 2) der Apostel.

154. 1) Es ist, wie das Folgende beweist, von der Erteilung der kirchlichen Gemeinschaft die Rede, nicht vom Friedenskuß in der Kirche.

155. 2) perfecti, τέλειοι, gleichsam die Eingeweihten.

156. 3) gegen die Vorschrift des Apostel 1 Tim. 3. 2 ff.; 5, 22.

157. 1) d. h. daran liegt ihnen eben nichts.

158. 2) Nach der Konjektur sine lare. Oehler vermutet in vilitate, Rauschen sibilati, was heißen würde : als Ausgezischte, Ausgepfiffene.

159. 1) von Katechumenen.

160. 2) Der Satz ist ironisch ; unter suam, suorum sind Christus und die Apostel zu verstehen. Über den Gebrauch von suus s. Hoppe 102.


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Übersetzt von Heinrich Kellner, 1912/1915.  Übertragen durch Roger Pearse, 2003.

Der griechischer Text wird mit mit einem Unicode Schriftkegel angezeigt.


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