Um 212-214 n. Chr.
[Übersetzt von Dr. K. A. Heinrich Kellner]
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Inhalt:
8. Cap. Er hat sogar bei der Erlangung des Seelenheils in hervorragender Weise Anteil. |418
9. Cap. Gott kann den menschlichen Leib unmöglich verabscheuen, sondern muss ihn werthalten.
10. Cap. Die hl. Schrift räumt ihm bei allem Tadel seiner Schwachheit doch auch Vorzüge ein.
12. Cap. Analogien für die Auferstehung aus der Natur.
13. Cap. Der Vogel Phönix ein Beleg für die Auferstehung.
14. Cap. Ob hinreichende Ursachen zur Wiederherstellung des Leibes vorhanden seien?
27. Cap. Die Lehre von der Auferstehung ist oft unter der Allegorie von Kleidern verborgen.
28. Cap. Fortsetzung. Vorbilder der Auferstehung.
29. Cap. Die Stelle Ezechiel Cap. 37, Vers 1-14.
36. Cap. Ein Beweis für die Auferstehung liegt in der Antwort, die Jesus, Luk. 20, 27-39, den Sadduzäern gab.
37. Cap. Beseitigung einer aus Joh. 6, 64 hergenommenen Einwendung.
39. Cap. Übergang zu den Beweisstellen für die Auferstehung aus den Briefen des Apostels Paulus.
40. Cap. Über die Stelle II. Kor. 4, 16 ff.
41. Cap. Über die Stelle II. Kor. 5, 1 ff.
42. Cap. Über die Stelle I. Kor. 15, 51 ff.
43. Cap. Beseitigung einiger weiteren, aus Worten des Apostels Paulus entnommenen Einwendungen. |420
44. Cap. Fortsetzung. Auch II. Kor. 4, 10 spricht keineswegs gegen die leibliche Auferstehung.
46. Cap. Erörterung der Lehre des Apostels über das Leibliche und Sinnliche im allgemeinen.
54. Cap. Paulus lehrt II. Kor. 5, 4 keineswegs eine Vernichtung des Leibes.
57. Cap. Mangelhafte und verkrüppelte Leiber werden im Zustande der Unversehrtheit auferstehen. Sie werden ewig dauern und leidensunfähig sein. |421
58. Cap. Der wieder auferstandene Leib ist keinen Unfällen mehr ausgesetzt.
59. Cap. Man darf nicht sagen, die jetzige Leibessubstanz passe nicht in die künftige Zeitperiode.
62. Cap. Abschluss dieses Punktes.
1. Was den Christen ihr Vertrauen einflösst, ist die Auferstehung der Toten. Durch sie sind wir Gläubige geworden. Zu diesem Glauben nötigt uns die wahre Lehre; die wahre Lehre offenbart uns Gott, aber der Pöbel verlacht sie in dem Wahne, es gebe nach dem Tode nichts mehr. Und doch bringt man den Verstorbenen Totenopfer dar, und zwar mit ausgiebigem Dienste, entsprechend ihrer Lebensart, sowie dem Zeitwechsel der Speisen, so dass man also bei denen ein Verlangen voraussetzt, denen man sogar jedes Gefühl abgesprochen hat.
Ich aber verlache den Pöbel um so mehr auch dann, wenn er dieselben Verstorbenen, die er nachher auf so leckere Weise beköstigt, in so schrecklicher Weise verbrennt, indem er ihnen mittels derselben Feuerkraft Gutes und Böses zufügt. Ist das eine Verwandtenliebe, die mit einer Grausamkeit ihr Spiel treibt! Sind es denn eigentlich Opfer oder Beleidigungen, was sie darbringt, wenn sie verbrannten Personen etwas verbrennt? Allerdings thun die Weisen ihre Ansicht von der Sache mit der des Pöbels zusammen. Nach dem Tode gibt es nichts mehr, lautet der Unterricht des Epikur. Auch Seneca behauptet, dass nach dem Tode alles aus sei, sogar der Tod selber.
Es genügt uns, dass im Gegenteil die Philosophie des Pythagoras, die nicht geringer ist, sowie die des Empedokles und die Platoniker die Unsterblichkeit der Seelen aufrecht erhalten und, uns ganz nahekommend, letztere sogar in Körper zurückkehren lassen, freilich nicht in dieselben und nicht in menschliche Körper, allein doch so, dass Euphorbus in Pythagoras, Homer in einem Pfau wiedererkannt werden. Sie haben zum wenigsten doch eine körperliche Wiedererweckung der Seele verkündet; sie haben, was noch erträglicher ist, deren Eigenheit nicht geleugnet, sondern verändert und die Wahrheit, wenn auch nicht erreicht, so doch wenigstens berührt.
So verkennt die ausserchristliche Welt auch in ihrem Irrtum die Auferstehung der Toten nicht. |422
2. Wenn sich aber auch unter den Bekennern Gottes eine Gesellschaft findet, die den Epikuräern näher verwandt ist als den Propheten, so wissen wir ja, was sie, die Sadduzäer, von Christus zu hören bekamen. Christus nämlich war es vorbehalten, alles ehedem Verborgene aufzudecken, dem Ungewissen die Richtung zu geben, das Unvollständige zu ergänzen, das Vorhergesagte gegenwärtig zu machen, gewiss aber die Auferstehung der Toten nicht bloss durch sich, sondern auch an sich zu bestätigen. Jetzt rüsten wir uns gegen eine andere Art Sadduzäer, die, welche die Ansicht derselben teilen. Sie erkennen so die Auferstehung nur zur Hälfte an, nämlich bloss die der Seele, den Körper verachten sie, sowie auch den Herrn des Körpers. Die Häretiker missgönnen nämlich keiner andern körperlichen Substanz ihr Wohlergehen, als der, welche der andern Gottheit 1) angehört. Daher waren sie auch bei Christus gezwungen, damit er nur nicht dem Weltschöpfer angehöre, ihm eine andere Beschaffenheit zu geben, und haben so zuerst hinsichtlich seiner menschlichen Natur selbst geirrt, indem sie entweder mit Marcion und Basilides vorgaben, dieselbe habe gar keine Realität, oder, wie die Häresie de Valentinus und Apelles will, sie sei von einer ganz besondern Beschaffenheit. Und so ist denn die Folge, dass sie von der Erhaltung derjenigen Substanz, woran sie Christo keinen Anteil geben, nichts wissen wollen, überzeugt davon, dass es für deren Auferstehung ein äusserst günstiges Vorurtheil erwecken würde, wenn in Christus das Fleisch bereits auferstanden wäre.
Aus diesem Grunde haben wir auch das Buch über den Leib Christi vorausgehen lassen, worin wir dessen Materialität gegen das Hirngespinst eines Scheingebildes beweisen und gegenüber der vorgeblichen ganz besondern Qualität desselben seinen menschlichen Charakter aufrecht erhalten, so dass Christus den Namen Mensch und Menschensohn zu führen berechtigt ist. Denn indem wir den Beweis liefern, dass er ein fleischliches und körperliches Wesen war, überführen wir die Gegner zugleich durch Präskription davon, dass dann auch neben dem Weltschöpfer kein Gott weiter geglaubt werden dürfe, indem wir an Christo, in welchem Gott erkannt wird, eine solche Beschaffenheit nachweisen, wie sie der Weltschöpfer verheissen hat. 2) Dadurch überführt, dass Gott der Schöpfer des Fleisches, und Christus der Erlöser des Fleisches sei, werden sie nunmehr auch der Auferstehung des Fleisches überwiesen werden. Natürlich ganz folgerecht!
Das ist denn auch ungefähr die Methode, wonach wir die Disputationen mit den Häretikern anstellen. Denn die logische Ordnung verlangt, dass immer aus den Grundsätzen die Folgerungen abgeleitet werden, so dass zuerst das feststehe, was dem fraglichen Gegenstande als Fundament dienen |423 soll. Daher verhandeln die Häretiker, ihrer Schwäche sich wohl bewusst, niemals nach dieser ordnungsgemässen Methode.
In der sichern Erwartung der grossen Mühe, die sie mit dem Erweise einer andern Gottheit gegenüber dem Gott der Welt haben, der durch die Zeugnisse seiner Werke von Natur aus allen bekannt, in seinen Geheimnissen der Frühere und in seinen Verkündigungen der Erkennbarere ist, machen sie unter dem Vorwande, es gebe eine dringendere Angelegenheit, nämlich das Heil des Menschen, welches vor allem andern zu suchen sei, mit den Fragen in betreff der Auferstehung den Anfang.
Denn an die Auferstehung des Fleisches glaubt es sich schwerer als an einen Gott. Daher bearbeiten sie das Erkenntnisvermögen, berauben es der Kraft der ihm entsprechenden richtigen Methode, beschweren es dafür mit Besorgnissen, die auf Herabsetzung des Leibes gerichtet sind, und machen es empfänglich ---- eben durch Beraubung der Hoffnung und Vertauschung des Gegenstandes derselben. Jeder nämlich, der von der Höhe seiner Hoffnung, deren er sich beim Schöpfer sicher glaubte, herabgestossen oder doch darin wankend gemacht ist, neigt leicht dem Gedanken an den Gewährsmann einer andern Hoffnung zu und kommt von selbst darauf. Durch eine Verschiedenheit der Verheissungen wird die Verschiedenheit der Götter insinuiert. Auf diese Weise sehen wir viele Leute ins Garn gehen und sie werden eher um den Glauben an die Auferstehung gebracht, bevor sie andere um den Glauben an die Einheit Gottes bringen.
Was die Häretiker anlangt, so haben wir schon gezeigt, mit welcher Waffe man ihnen entgegenwirken müsse. Und es ist ihnen bereits, jedem unter seinem besonderen Titel, entgegengewirkt, bezüglich der Einzigkeit Gottes 3) und seines Christus 4) gegen Marcion, bezüglich der menschlichen Natur des Herrn gegen die vier Häresien; 5) letzteres besonders, um für die gegenwärtige Frage den Weg zu bahnen. Daher ist nun über die Auferstehung des Fleisches bloss noch in der Rücksicht zu handeln, als ungewiss in Hinsicht unser, das heisst in Hinsicht des Weltschöpfers.
Denn es gibt auch viele Unwissende, sehr viele, die in ihrem Glauben schwanken, und noch mehr Einfältige, welche man wird unterrichten, leiten und befestigen müssen. Auch nach dieser Seite hin wird die Einheit der Gottheit ihre Verteidigung finden. Wie dieselbe nämlich durch Leugnung der Auferstehung des Fleisches gefährdet wird, so wird sie umgekehrt durch deren Aufrechthaltung sichergestellt.
Die Fortdauer der Seele aber unterliegt, glaube ich, keinen Bedenklichkeiten. Denn fast alle Häretiker lassen sie in irgend einer Weise gelten |424 oder leugnen sie doch nicht. Wenn dann einzig und allein ein gewisser Lukanus mit der genannten Substanz nicht einmal Schonung übt, sondern sie in aristotelischer Weise auflöst und dafür etwas anderes an ihre Stelle setzt, indem er als ein gewisses Drittes auferstehen will, nicht als Seele und auch nicht als Leib, das heisst dann wohl als ein Nichtmensch, vielleicht, weil er aus Lukanien ist, als ein Bär 6) ---- so ist das seine Sache. Auch er findet aus unserer Feder ein sehr umfangreiches Werk über die Seele in allen ihren Beziehungen. Wir halten darin vor allem deren Unsterblichkeit aufrecht, erkennen bloss dem Fleische die Vergänglichkeit zu und behaupten ganz besonders dessen Wiederherstellung. Was wir sonst etwa anderwärts, wie es die Sachen mit sich brachten, vorweggenommen und hie und da zerstreut angebracht haben, das ist dort in ein dem Gegenstand entsprechendes regelrechtes Ganzes gebracht. Denn, wie es üblich ist, manchmal etwas vorwegzunehmen, so muss man auch manchmal etwas versparen, wenn dann nur das Vorwegbesprochene seine Vervollständigung als Ganzes findet und das an verschiedenen Orten Aufgesparte unter seiner Rubrik wieder erscheint.
3. Es gibt zwar auch ein Denken nach dem allgemeinen Menschenverstände in Sachen der Offenbarung, allein nur zum Zeugnis für die Wahrheit, nicht zur Unterstützung von etwas Falschem, welches der göttlichen Anordnung entsprechend sein soll und nicht derselben zuwiderläuft. Denn manche Dinge sind von Natur aus bekannt, so z. B. sehr vielen die Unsterblichkeit der Seele, allen Menschen der von uns verkündete Gott. Wenn also ein Plato sagt: 7) "Jede Seele ist unsterblich", so werde auch ich mich seines Ausspruches bedienen; wenn das gewöhnliche Volk das Dasein eines Gottes der Götter bezeugt, so werde ich mich seiner Wissenschaft bedienen. Ich werde mich auch der übrigen allgemeinen Begriffe bedienen, worin z. B. das Richteramt Gottes verkündet wird: "Gott sieht es", und "Ich stelle es Gott anheim". Hingegen wenn die Leute sagen: "Tot ist tot", oder "So lang du das Leben hast, lebe auch!" oder "Nach dem Tode ist alles aus und er auch", dann werde ich daran denken, dass Gott das Herz der Menge wie Asche gerechnet 8) und sogar die Weisheit dieser Welt für Thorheit erklärt hat. 9)
Wenn dann der Häretiker zu den Fehlern des Pöbels und der Denkart der Welt seine Zuflucht nimmt, so werde ich sagen: Häretiker, lass den Heiden gehen! Obwohl Ihr, die Ihr Euch Euren Gott macht, alle eins seid, so bist Du, indem Du dies unter dem Namen Christi thust, und Dir einredest, Christ zu sein, doch vom Heiden verschieden. Gib |425 ihm seine Ideen zurück, da er sich ja auch nicht durch die Deinigen belehren lässt. Warum nimmst Du dir einen blinden Führer als Stütze, wenn Du selber siebest? Was lassest Du Dich von einem Nackten ankleiden, wenn Du Christum angezogen hast? Was bedienst Du Dich eines fremden Schildes, wenn Du vom Apostel mit Waffen ausgerüstet bist? Richtiger sollte der andere von Dir die Auferstehung des Fleisches bekennen lernen, statt dass Du sie durch ihn verleitet verkennest. Denn wenn dieselbe von christlichem Standpunkte in Abrede gestellt werden müsste, so wäre es genug, sie auf Grund eigenen Wissens zu leugnen, nicht aber aus der Unwissenheit der Heiden Belehrungen zu schöpfen. Wer leugnet, was die Christen behaupten, und wer es noch dazu mit Hilfe solcher Argumente, deren sich die Nichtchristen bedienen, thut, der dürfte wohl kein Christ mehr sein.
Man nehme also den Häretikern die Anschauungen, die sie mit den Heiden gemein haben, so dass sie mit ihren Untersuchungen lediglich auf den Boden der hl. Schrift gestellt sind, und sie werden nicht bestehen können. Denn die allen Menschen gemeinsamen Begriffe empfehlen sich eben durch ihre Gemeinverständlichkeit, das Mitempfinden der Anschauungen und die Vertrautheit dieser Meinungen; sie werden für um so zuverlässiger gehalten, je mehr sie unverhüllte, gemeinfassliche und allen bekannte Dinge enthalten. Der göttliche Gedanke aber wohnt in der Tiefe, nicht auf der Oberfläche, und ist oftmals dem Augenschein gerade entgegengesetzt.
4. Daher machen die Häretiker den Anfang mit demjenigen, wovon sie wissen, dass die Menge sich leicht damit fangen lässt, mit der beliebten Gemeinsamkeit der Begriffe; damit leiten sie die Sache ein und bauen darauf fort.
Oder hört man sie nicht aus dem Munde der Häretiker ebenso schnell und ebenso oft als aus dem der Heiden? Hört man nicht sofort und überall die Schimpferei über das Fleisch, seinen Ursprung, seine Bestandteile, seine Zufälle, seinen ganzen Ausgang? dass es von Anfang an unrein sei als Abschaum der Erde, dass es in der Folge noch mehr verunreinigt worden durch den Unflat seines eigenen Samens, dass es gebrechlich, schwach, schuldbeladen, beschwert, lästig sei, und zuletzt als Schluss der ganzen Litanei seiner Niedrigkeit, dass es in die Erde, seinen Ausgang, hinsinke als Leichnam, dass es endlich nicht einmal diesen Namen behalte, sondern in ein Nichts zergehe, noch nicht einmal ein Name, sondern bis zum Untergang jeglicher Benennung!? Dieses Fleisch also, weiser Mann, das Deinem Anblick, Deiner Berührung und Deiner Erinnerung entschwunden ist, davon wolltest Du Dir einreden lassen, dass es sich einst wieder herstellen werde, aus der Verderbnis zu einem |426 vollkommenen Ganzen, aus der Inhaltlosigkeit zu etwas Greifbarem, aus der Leerheit zur Vollheit, aus einem baren Nichts zu einem Etwas?! Und dabei sollen es natürlich die Flammen, die Wogen, die Wänste der wilden Tiere, die Kröpfe der Vögel, die Kaidaunen der Fische, ja sogar die ganz absonderliche Wohlschmeckerei der jetzigen Zeiten 10) wieder hergeben?! Mithin wird es als dasselbe wieder erwartet, welches zu Grunde gegangen ist, so dass man als Lahmer, als Schielender, als Blinder, als Aussätziger, als Gelähmter wiederkommt, so dass also in den ursprünglichen Zustand zurückzukehren nicht beliebt?! Oder wird man unverkrüppelt sein, so dass man nochmals dergleichen Leiden zu fürchten habe? Und dann, was mit dem Fleische verbunden ist?! Ist ihm eben dieses alles wiederum notwendig? Vor allem Nahrung und Getränke, den Lungen das Aufatmen, den Eingeweiden die Wärme, den Schamteilen sich nicht zu schämen und allen Gliedern die Verrichtung ihrer Thätigkeit? Will man denn Geschwüre und Wunden, Fieber, Podagra und den Tod wieder zurückwünschen? Selbstverständlich, dies würde das Verlangen, den Leib wieder zu erhalten, bedeuten, wiederum wünschen, ihn los zu werden! ---- Wir sagen nur so viel, als sich mit einiger Ehrbarkeit sagen lässt, damit das Papier nicht erröte. Wie viel sollte bei ihren Besprechungen nicht auch noch der Zotenreisserei zu unternehmen erlaubt sein, sowohl den Heiden als den Häretikern?!
5. Da also sogar alle Ungebildeten für die Gemeinbegriffe empfänglich sind, da auch die Schwankenden und Einfältigen durch eben dieselben aufs neue in Unruhe versetzt werden, und da sie jedesmal der erste Sturmbock sind, der gegen uns gerichtet und wodurch unsere richtige Ansicht in betreff des Fleisches wankend gemacht wird, so muss notwendigerweise die Stellung und Würde des Fleisches zuerst gesichert werden dadurch, dass man Tadel mit Lob vertreibt. So nötigen mich die Häretiker, den Rhetoren zu machen, so gut wie den Philosophen.
Nichtig und gebrechlich ist dieses armselige Leibeswesen, das böse zu nennen sie nicht zurückschrecken. Mag dasselbe nun, wie Menander und Markus beliebt, ein Werk der Engel gewesen oder mag es, wie Apelles lehrt, das Bauwerk eines Feuerwesens, also ebenfalls eines Engels sein, so würde, um ihm Ansehen zu verleihen, die Vorstandschaft einer Gottheit zweiten Ranges genügen. Denn wir wissen, dass auf Gott die Engel folgen. Schon auf diesem Punkte der Beweisführung könnte ich, wie beschaffen der jedesmalige oberste Gott eines solchen Häretikers auch sein mag, die Würde des menschlichen Leibes ganz passend sogar von ihm ableiten, weil dann der Entschluss, ihn zu schaffen, ihm gehört haben würde. |427 Denn in jedem Falle hätte er die Erschaffung des Menschenleibes verhindern können, wenn er dieselbe nicht gewollt hätte, da er ja um diese Erschaffung wusste. So ist auch nach ihrer Ansicht der menschliche Leib ebenso gut ein Werk Gottes. Alles, was jemand hat geschehen lassen, ist auch sein Werk.
Ein Glück aber ist es, dass die meisten, ja sogar alle dauerhaften Lehrmeinungen die Bildung des ganzen Menschen unserem Gotte überlassen. Wie gross dessen Erhabenheit sei, das weiss der recht gut, welcher geglaubt hat, er sei nur ein einziger. Möge der menschliche Leib, dessen Baumeister so gross ist, nun Dir zu gefallen anfangen! Aber man entgegnet, auch die Welt ist Gottes Werk, und doch vergeht die Gestalt dieser Welt, nach dem Zeugnisse selbst des Apostels, 11) und es wird keine Wiederherstellung derselben verheissen, trotzdem dass sie ein Werk Gottes ist. Wenn aber das Weltall nach seinem Untergang nicht wieder herstellbar ist, was wird aus den blossen Teilen desselben werden? ---- Ja wohl, wenn der Teil dem Ganzen gleichsteht. Wir berufen uns nämlich auf ihre Verschiedenheit. Erstens ist zwar alles durch das Wort Gottes geschaffen worden und ohne dasselbe nichts. 12) Das Fleisch aber besteht auch seiner Form nach durch das Wort Gottes, damit nichts ohne das Wort Gottes da sei. Denn er hat die Worte vorausgehen lassen: "Wir wollen den Menschen machen", und zwar noch mehr, mit der Hand, wegen des Vorranges desselben, damit er mit der Welt gar nicht verglichen werden könnte. "Es bildete", heisst es, "Gott den Menschen." 13) Ohne Zweifel der Grund für eine grosse Verschiedenheit, entsprechend, wie sich von selbst versteht, der Beschaffenheit der betreffenden Dinge! Geringer nämlich sind die Dinge, die geschaffen wurden, als der, für welchen sie geschaffen wurden, sie wurden nämlich für den Menschen geschaffen, dem sie Gott alsbald zuwies. Mit Recht war also das Weltall, als das Dienende, durch einen Befehl und ein Geheiss und die in dem blossen Wort liegende Macht hervorgebracht worden. Der Mensch dagegen, als Herr desselben, ist in dieser Eigenschaft, indem er vom Herrn geschaffen wurde, gebildet worden, um Herr desselben sein zu können. In betreff des Menschen aber vergiss nicht, dass er im eigentlichen Sinne Fleisch genannt werde, weil dieses zuerst den Namen Mensch bekam: "Und es bildete Gott zum Menschen den Lehm der Erde." 14) Er ist schon Mensch und doch noch Lehm. "Gott hauchte in sein Angesicht den Hauch des Lebens, und es wurde der Mensch, d. i. der Lehm der Erde, zur lebendigen Seele, und Gott setzte den Menschen, den er gebildet hatte, ins Paradies." Zuerst also war der Mensch ein blosses Gebilde, nachher der ganze Mensch. |428 Dies möchte ich aus dem Grunde hervorgehoben haben, damit man wisse, dass alles, was von Gott überhaupt für den Menschen in Aussicht genommen und ihm verheissen wurde, nicht der Seele allein, sondern auch dem Fleische zukomme, wenn nicht infolge seines Anteils an der Gattung, doch sicher wenigstens durch das Privilegium seiner Benennung.
6. Ich möchte also meinen Gegenstand wohl noch weiter verfolgen, wenn ich nur imstande wäre, dem menschlichen Leibe so viel Ehre zu verschaffen, als der ihm erwiesen hat, der ihn bildete. Denn derselbe erfreute sich schon damals des Ruhmes, dass ein so niedriger Gegenstand wie der Lehm in die Hände Gottes, wie immer sie auch sein mögen, geriet, glücklich genug durch jene blosse Berührung. Er hätte ja können ohne weitere bildnerische Thätigkeit sofort als Gebilde infolge der blossen Berührung durch Gott dastehen. Es ging also etwas Grosses vor sich, als diese Materie bereitet wurde. Sie empfing ebenso vielmal eine Auszeichnung, als sie die Hand Gottes fühlte, indem sie berührt, ein Teil davon genommen, weggebracht und ausgeformt wurde. Stelle dir vor, wie Gott ganz mit ihr beschäftigt ist, seine Hand, sein Sinn, sein Wirken, sein Plan, seine Weisheit, seine Vorsehung und vor allem seine Zuneigung selbst, welche die Umrisse eingab, an sie hingegeben ist. Denn zu was auch immer der Lehm gestaltet wurde, es schwebte der Gedanke an Christus dabei vor, der einst Mensch werden sollte, dasselbe wie der Lehm, und der Gedanke an das Wort, das Fleisch werden sollte, was damals noch Erde war. Denn so lautet die vorausgehende Anrede des Vaters an den Sohn: "Wir wollen den Menschen machen nach unserm Bilde und Gleichnisse." Und es bildete Gott zum Menschen das, was er eben bildete, und er schuf ihn nach dem Ebenbilde Gottes, d. i. wohlgemerkt Christi. Denn auch das Wort ist Gott, er, der, im Bilde Gottes hingestellt, es nicht für einen Raub erachtete, Gott gleich zu sein. So war denn jener Lehm, dem schon damals das Ebenbild des künftig im Fleische erscheinenden Christus angelegt wurde, nicht bloss ein Werk Gottes, sondern auch ein Unterpfand. Was nützt es also, um den Ursprung des menschlichen Leibes herabzusetzen, jetzt immer das Wort Erde als Bezeichnung eines unreinen, niedrigen Elementes im Munde zu führen? Wenn auch ein anderer Stoff zur Ausmeisselung des Menschen dagewesen wäre, so müsste man doch die hohe Stellung des Bildners im Auge behalten, der ihn durch die getroffene Wahl für würdig erklärte und durch die Behandlung dazu würdig machte. Die Hand des Phidias arbeitet einen olympischen Jupiter aus Elfenbein und er wird angebetet. Der Gott hat mit dem wilden Tiere und noch dazu mit einem so ungeschlachten nichts mehr gemein; er ist der höchste Gott der heidnischen Welt, nicht weil der Elefant, sondern weil der Phidias |429 so gross ist. 15) Und der lebendige Gott, der wahre Gott, der sollte nicht jede noch so geringe Materie durch ein Bearbeiten seinerseits gereinigt und von jeder Schwäche geheilt haben!? Oder sollte etwa die Möglichkeit übrig sein, dass ein Mensch einen Gott mit mehr Anstand bilden könne, als Gott den Menschen? Jetzt ist der Lehm, wenn auch ein Ärgernis, doch ein anderes Ding geworden. Ich halte mich daran, er ist bereits ein Leib und keine Erde, obwohl auch der Leib zu hören bekommt: "Du bist Erde und wirst wieder zur Erde zurückkehren." Damit wird bloss seine Herkunft angegeben, nicht aber sein Wesen widerrufen. Es ist ihm ein Sein verliehen worden, welches edler ist als seine Herkunft und glücklicher als seine Abstammung. Auch das Gold ist Erde, weil von der Erde; und doch ist es keine Erde mehr, sondern, seitdem es Gold ist, ein ganz anderer Stoff, glänzender und edler als der unscheinbare Mutterstoff. So ist es auch Gott verstattet gewesen, das Gold des menschlichen Leibes aus dem vermeintlichen Schmutz der Erde herauszuschmelzen und seine Herkunft zu entschuldigen.
7. Aber sollte vielleicht das Ansehen des Fleisches darum geringer erscheinen, weil es nicht auch wie der Lehm von der Hand Gottes im eigentlichen Sinne berührt worden ist? ---- Nein, da er den Lehm zu dem Zwecke in Behandlung nahm, damit nachher aus dem Lehm Fleisch werde, so hat er damit gewiss das Interesse des Fleisches gewahrt.
Doch ich wünschte, dass man noch lerne, wann und wie das Fleisch aus dem Lehm hervorgesprosst sei. Die Stücke von Fellen, welche Adam und Eva bei der Vertreibung aus dem Paradiese angezogen erhielten, werden es nicht, wie einige 16) meinen, gewesen sein, wodurch die Umbildung des Lehmes in Fleisch geschah. Denn schon geraume Zeit vorher hatte Adam in dem Ableger von seiner Substanz, in dem Weibe, Fleisch erkannt, ---- "das ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch," 17) ---- und was vom Manne zur Bildung des Weibes weggenommen war, wurde mit Fleisch ausgefüllt, da es, wie man denken sollte, doch, wenn Adam noch Lehm war, mit Lehm hätte ausgefüllt werden müssen. Also der Lehm ist ganz im Fleisch aufgegangen und verzehrt. Wann? ---- Als der Mensch zur lebenden Seele wurde, durch den Hauch Gottes, eine Glut, welche gewissermassen imstande ist, Lehm so auszudörren, dass er zu einer andern Substanz wird, zu Fleisch, so gut wie zu Steingut. So ist es ja auch dem Töpfer möglich, den Thon durch richtige Anwendung von Feuer zu dauerhafterem Stoffe zu verdichten und aus der einen |430 Erscheinungsform eine andere hervorgehen zu lassen, hesser als die frühere, von besonderer Art und mit eigenem Namen. Denn obgleich geschrieben steht: "Spricht etwa der Thon zum Töpfer?", 18) d. h. der Mensch zu Gott, obgleich der Apostel "von irdenen Gefässen" redet, so ist dennoch der Mensch Thon, weil er vorher Lehm war, und der menschliche Leib ein irdenes Geschirr, weil er durch die Glut des göttlichen Hauches aus Lehm entstanden ist. Später wurde er mit Stücken von Fellen bekleidet, das ist mit Haut überzogen. Denn überall, wo man die Haut abstreift, wird das Fleisch blossgelegt. So war das, was jetzt, wenn es abgestreift wird, einen Balg bildet, damals, als es angelegt wurde, ein Gewand. Daher erklärt auch der Apostel, indem er die Beschneidung eine Wegnahme des Fleisches nennt, die Haut für ein Gewand.
Da sich dieses alles nun so verhält, so hat man einen durch die Hand Gottes geadelten Lehm und ein durch den Anhauch Gottes, wodurch das Fleisch zugleich die Spuren des Lehmes ablegte und die Auszeichnung einer Seele erhielt, noch mehr geadeltes Fleisch. Wir sind nicht kunstfertiger als Gott und fassen doch scythische und indische Edelsteine sowie die weissen Körnlein des Roten Meeres 19) nicht in Blei, nicht in Erz, nicht in Eisen, auch nicht einmal in Silber, sondern lassen sie in die ausgesuchteste und künstlichste Goldfassung ein; ebenso besorgt man für recht köstliche Weine und Salben zuvor auch angemessene Gefässe und sucht sich ebenso für ein Schwert, das in vollendeter Weise damasziert ist, eine würdige Scheide aus. Gott dagegen sollte den Schatten seiner Seele, den Hauch seines Geistes, das Werk seines Mundes in ein seiner ganz unwürdiges Behältnis eingesargt und fürwahr zu einem unwürdigen Aufenthalt verurteilt haben?! Er hat ihm aber zum Aufenthaltsort gegeben den Leib, besser gesagt, ihn darin eingesäet und ihn mit ihm vermischt und zwar in so inniger Verbindung, dass man es für zweifelhaft halten kann, ob der Leib der Seele oder die Seele dem Leibe als Träger diene, ob das Fleisch der Seele oder die Seele dem Fleische gehorche.
Jedoch man muss annehmen, die Seele, als das Gott mehr Verwandte, werde getragen und herrsche. Selbst die Thatsache schlägt wieder zur Verherrlichung des Leibes aus, dass er die Gott verwandte Seele enthält und ihr Gelegenheit zum Herrschen verschafft. Gibt es irgend eine Benutzung der Natur, einen Genuss von der Welt, eine Ergötzung durch die Elemente, welche die Seele nicht durch den Leib genösse? Durch ihn wird sie mit dem sämtlichen Hülfsapparat der Sinne versehen, mit dem Gesicht, Gehör, Geschmack, Geruch, Gefühl. Durch ihn wird sie mit der göttlichen Macht überflutet, sie, die alles nur durch die Sprache vollbringt, wenigstens durch die stillschweigend vorauf gegangene. Denn auch die |431 Sprache kommt von den leiblichen Organen. Die Künste vollziehen sich vermittelst des Leibes, die Studien und Bestrebungen vermittelst des Leibes, die Thätigkeiten, Geschäfte, Obliegenheiten vermittelst des Leibes, und so fusst die ganze Lebensthätigkeit der Seele auf dem Leibe, so dass nicht leben für die Seele nichts anderes heisst, als den Leib verlassen. So ist sogar das Sterben selbst eine Thätigkeit des Leibes, so gut wie das Leben. Also, wenn der Seele alles nur durch den Leib unterworfen ist, so ist es auch dem Leibe unterworfen. Durch wessen Hilfe du geniessest, in dessen Gemeinschaft musst du auch gemessen. So zeigt sich der Leib, obwohl er für den Diener und Knecht der Seele gehalten wird, als ihr Genosse und Mitbesitzer. ---- Wenn aber in zeitlichen Dingen, warum nicht auch hinsichtlich der ewigen?
8. Dies ist es, was ich gleichsam auf Grund der allgemeinen Gesetze des menschlichen Daseins zu gunsten des Leibes beibringen wollte. Sehen wir nun nach, welch grosse Vorzüge diese gebrechliche und unreine Substanz besonders auf Grund der dem christlichen Bekenntnisse eigentümlichen Gesetze bei Gott hat. Es dürfte schon genügen, dass überhaupt keine Seele ihr Heil erlangen kann, als wenn sie, so lange sie im Fleische wohnte, gläubig war. Also ist der Leib der Angelpunkt des Seelenheils. Und wenn die Seele Gottes Eigentum wird, so ist es der Leib, welcher bewirkt, dass sie es werden kann. Denn der Leib ist es, der abgewaschen wird, damit die Seele von ihren Flecken gereinigt werde; der Leib wird gesalbt, damit die Seele geheiligt werde. 20) Der Leib wird bezeichnet, damit die Seele befestigt werde; der Leib wird durch die Handauflegung beschattet, damit die Seele durch den Geist erleuchtet werde. 21) Der Leib geniesst das Fleisch und das Blut Christi, damit die Seele aus Gott genährt werde.
Was also bei der Arbeit verbunden ist, das kann bei der Belohnung nicht getrennt werden. Denn auch die Gott wohlgefälligen Opfer, ich meine die Kasteiungen der Seele, das Fasten, sowohl das eigentliche Fasten als auch die Xerophagien und die sonstigen Zeichen von Trauer, welche zu diesem Dienste gehören, sie alle stellt der Leib auf seine Kosten allein an. Auch der Wohlgeruch der Jungfräulichkeit und Witwenschaft, sowie der bloss angenommene Schein einer Ehe, der im verborgenen sittsam ist, und dass man sich mit der bloss einmaligen Kenntnis derselben genügen lässt, ---- alle diese Opfer werden Gott von den Gütern des Leibes dargebracht.
Endlich, was urteilst du wohl über den Leib, wenn er, wegen der Treue für sein Bekenntnis in die Öffentlichkeit geschleppt und dem |432 allgemeinen Hasse preisgegeben seinen Kampf kämpft, wenn er in Kerkern hinschmachtet in schmählicher Entbehrung des Tageslichtes, im Mangel an allem Nötigen, in schmutziger, unsauberer und schimpflicher Lebensweise, nicht einmal während des Schlafes frei, weil er sogar auf der Lagerstätte gefesselt bleibt und von der Streu zerstochen wird, wenn er dann gar am hellen Tage durch angewandte Martern aller Art zerfleischt und endlich von den Todesqualen aufgerieben wird, sich sehnend, für Christus zu sterben, wie dieser für ihn gestorben ist, und zwar oftmals sogar an demselben Kreuze, um von noch grässlicheren, ausgesuchten Todesstrafen zu schweigen? Nein, über das glückselige und höchst ruhmwürdige Fleisch, das imstande ist, bei Christus, dem Herrn, für eine solche Schuld aufzukommen, so dass es ihm nur insofern noch etwas schuldig bleibt, dass es sein Schuldner zu sein aufgehört hat, und dies mehr im gefesselten Zustande als in der Freiheit!
9. Um also die Sache kurz zusammenzufassen, sage ich, was Gott mit seinen eigenen Händen zu seinem Ebenbilde geformt hat, was er durch sein Anhauchen nach der Analogie seines Lebens belebt, was er mit der Bestimmung, seine ganze Schöpfung zu bewohnen, zu gemessen und zu beherrschen, ihr vorgesetzt hat, was er mit seinen Sakramenten und seiner Zucht umgeben hat, das, dessen Reinigkeit er liebt, dessen Kasteiungen er genehm hält, dessen Leiden vor ihm Wert haben ---- das sollte nicht auferstehen, während es in so vielen Hinsichten Gott angehört?! Fern, ja fern sei es, dass Gott das Werk seiner Hände, den Gegenstand der Sorge seines Schöpfergeistes, das Behältnis seines Hauches, den König seiner Schöpfung, den Erben seiner Freigebigkeit, den Priester seiner Religion, den Kämpfer für sein Zeugnis, den Bruder Christi einem immerwährenden Untergange preisgebe!
Dass Gott gut ist, haben wir gewusst, dass er das beste Wesen ist, haben wir von seinem Christus dazu gelernt. Da er nächst der Liebe zu Gott die zum Nächsten befiehlt, so wird er doch wohl auch selber thun, was er vorschreibt. Er wird den menschlichen Leib lieben, der ihm in so vielfacher Weise nahesteht, obwohl derselbe schwach ist, ---- "die Tugend wird ja in der Schwäche vollendet", 22) ---- obschon er krank ist, ---- "nur die sich schlecht Befindenden bedürfen eines Arztes", 23) ---- obschon er unansehnlich ist, ---- "aber die unansehnlicheren Glieder umkleiden wir mit grösserer Ehre", 24) ---- obschon er verloren war, ---- aber "ich bin", sagt er, "gekommen, um zu retten, was zu Grunde gegangen", 25) ---- obschon er sündhaft ist, ---- "aber ich will lieber", sagt er, "das Heil des Sünders als seinen Tod", 26) ---- obschon er verdammt ist, ---- "ich bin es", |433 er, "der Wunden schlagen und sie heilen wird". 27) Was machst Du dem Leibe seine Zustände zum Vorwurf, welche Gottes warten, welche auf Gott hoffen, welche bei ihm Ehre finden, denen er zur Hilfe kommt? Ich möchte fast wagen zu behaupten, wenn diese Zustände dem Leibe nicht zugestossen wären, so hätten Gottes Güte, Gnade, Erbarmung, ja die ganze Kraft des Wohlthuns Gottes keinen Gegenstand gehabt.
10. Man klammert sich immer an die Schriftstellen an, worin das Fleisch getadelt wird, halte auch die fest, worin es, gerühmt wird. Wenn es manchmal heruntergesetzt wird, so beachtet man das; mach' die Augen auch dann auf, wenn es erhoben wird. "Alles Fleisch ist nur Heu". 28) Aber nicht bloss diesen Ausspruch thut Isaias, sondern auch den, "dass alles Fleisch das Heil Gottes sehen wird". 29) Man merkt sich, wie in der Genesis Gott sagt: "Mein Geist wird nicht in diesen Menschen bleiben, weil sie Fleisch sind". 30) Aber man hört aus dem Munde Joëls auch: "Ich will von meinem Geiste über alles Fleisch ausgiessen". 31) Auch des Apostels Schreibart sollte man nicht bloss von der Seite kennen, wo er das Fleisch so oft herabdrückt. Denn wenn er auch in Abrede stellt, dass irgend etwas Gutes in seinem Fleische wohne, 32) obschon er behauptet, dass die, welche im Fleische sind, Gott nicht gefallen können, 33) weil es gegen den Geist gelüste, 34) und wenn er noch manche andere Aussprüche der Art hinstellt, wodurch zwar nicht der Substanz des Fleisches, sondern dessen Werken die Ehre entzogen wird, so werden wir auf der andern Seite doch wieder sagen müssen, dass dem Fleische im eigentlichen Sinne kein Vorwurf gemacht werden dürfe, als nur zum Zweck der Beschämung der Seele, welche sich der Dienste des Leibes bedient. Jedoch in eben jenen Briefen heisst es auch, dass Paulus die Male Christi an seinem Körper trage, 35) unsern Leib, als den Tempel Gottes, 36) zu beflecken verbiete, unsere Körper zu Gliedern Christi 37) mache, und er ermahnt, in unserm Leibe Gott zu verherrlichen und zu tragen? 38) Wenn die schmachvollen Seiten des Fleisches dessen Auferstehung verwehren, warum sind es nicht seine erhabenen Seiten, die sie wiederbringen? Denn es ist Gottes viel angemessener, das, was er verworfen hat, manchmal wieder zum Heil zurückzuführen, als das, was auch nur irgend einmal seinen Beifall hatte, dem Verderben preiszugeben.
11. Soweit nun die Lobeserhebungen des Fleisches gegenüber seinen Feinden, die nichtsdestoweniger dessen ärgste Liebhaber sind! Denn niemand lebt so fleischlich als die, welche die Auferstehung des Fleisches |434 leugnen, und wer die Strafe leugnet, macht sich auch nichts aus der Zucht. Von ihnen sagt klar und deutlich der Paraklet durch die Prophetin Priska: "Sie sind Fleisch und hassen doch das Fleisch." Wenn ihm eine so grosse Autorität zur Seite steht, dass es sogar zum Erwerb des Seelenheils beitragen kann, haben wir da noch nötig, auf Gottes Können, seine Macht und seine Freiheit zurückzugehen, ob er auch gross genug sei, das zerfallene, das verschlungene und auf irgend welche Weise abhanden gekommene Gezelt des menschlichen Leibes wieder herzustellen und aufzurichten? Hat er uns nicht auch Belege davon auf dem grossen Schauplatz der Natur hingestellt, damit niemand mehr danach zu dürsten brauche, Gott zu erkennen, den man sich nicht anders vorzustellen hat, als alles vermögend.
Unter den Philosophen freilich gibt es solche, welche behaupten, diese Welt sei ungeworden und ungeschaffen, viel besser aber ist es, dass fast alle Häresien diese Welt als entstanden und geworden ansehen und deren Erschaffung Gott zuschreiben. Glaube also fest, dass er diese ganze Welt aus nichts hervorgebracht habe, und du hast die Erkenntnis Gottes in dem Glauben, dass Gott eine so grosse Macht besitze. Denn einige, die zu schwach sind, vorerst zu glauben, dass dies das Frühere sei, stellen dafür lieber nach dem Vorgange der Philosophen die Lehre auf, er habe das Weltall aus einer vorhandenen Materie inauguriert. 39) Aber auch wenn es in Wirklichkeit so wäre, auch dann müsste man sagen, er habe bei dieser Umbildung der Materie ganz andere Substanzen und ganz andere Formen hervorgebracht, als in der Materie selber vorher waren. Ich würde daher auch dann noch die Behauptung aufrecht erhalten, er habe aus nichts geschaffen ---- wenn er nämlich Dinge hervorbrachte, die noch gar nicht dagewesen waren. Denn wodurch unterscheidet es sich denn, aus nichts hervorgebracht werden oder aus etwas, da nicht gewesen sein gleichbedeutend ist mit nichts gewesen sein? So ist umgekehrt gewesen sein, gleichbedeutend mit etwas gewesen sein. Nun aber spricht, auch wenn ein Unterschied zwischen beidem vorhanden ist, dennoch beides zu meinen gunsten. Denn entweder hat Gott alles aus nichts hergestellt, dann wird er auch das in nichts verwandelte Fleisch wieder aus dem Nichts hervorziehen können, oder er hat alles aus einer anders beschaffenen Materie gestaltet, dann wird er das Fleisch, wenn es auf irgend eine Weise absorbiert ist, auch wieder hervorrufen können. In jedem Falle ist der, welcher etwas gemacht hat, auch imstande, es wieder zu machen, da ja machen mehr ist als wiedermachen, und die Entstehung verleihen mehr als sie wieder verleihen. Somit muss man die Wiederherstellung des Leibes für leichter erachten als seine erste Herstellung. |435
12. Richte nun deinen Blick auf die Bethätigungen der göttlichen Macht selbst, die dem analog sind. Der Tag stirbt hin, es wird Nacht; er wird allüberall in Finsternis begraben. Der Glanz der Schöpfung verdunkelt sich und alles hüllt sich in Schatten. Alles entfärbt sich, schweigend und wie verblüfft; überall ist Stillstand und Ruhe aller Dinge. Das ist die Trauer um das verlorene Licht. Und dennoch erwacht es samt seinem Gefolge und seinen Gaben wiederum mit der Sonne, noch ganz dasselbe, unversehrt und vollständig über den ganzen Erdkreis; nun tötet es seinen Tod, die Nacht; es zerbricht sein Grab, die Finsternis; es wird sein eigener Erbe, bis endlich auch die Nacht wieder erwacht, auch ihrerseits mit all ihrer Zubehör. Denn auch die Strahlen der Sterne, welche in der Morgenglut erloschen waren, werden wieder angezündet; es stellen sich wieder ein die Planeten, welche die Zeitperiode des Verschwindens dem Blick entzogen hatte; es erscheint die Mondscheibe, welche durch den Lauf des Monats kleiner geworden, wieder in ihrem früheren Schmuck.
Zurück kehren Winter und Sommer, Frühling und Herbst mit ihren Triebkräften, Gewohnheiten und Produkten. Denn auch das Verhalten der Erde hängt vom Himmel ab, dass die Bäume sich wieder bekleiden nach der Entblätterung, dass die Blumen sich wieder färben, dass die Kräuter von neuem ansetzen und dieselben Samenkörner hervorbringen wie die, welche verbraucht wurden, ja auch nicht einmal eher welche hervorbringen, als bis dieselben verschwunden sind. Wunderbares Verhältnis! Aus einer Verderberin wird sie Erhalterin; sie entwendet, um wiederzubringen; sie verdirbt, um zu bewahren; sie beschädigt, um wiederherzustellen; sie zehrt auf, um reichlicher wiederzugeben, und stellt in reicherer und schönerer Weise wieder zurück, was sie vernichtet hat, mit wirklichem Wucherzins nach dem Untergang, mit Aufgeld nach dem Betrug, mit Gewinn nach dem Verlust.
Um es mit einem Male zu sagen, die ganze Schöpfung ist auf Wechsel eingerichtet. Alles, was du antriffst, ist schon dagewesen; wenn du etwas verlierest, es gibt nichts, was nicht wiederkommt. Alles kehrt, wenn es entschwunden, zum Bestande zurück; alles fängt dann an, wann es aufgehört hat; alles nimmt sein Ende, um zu entstehen. Nichts geht zu Grunde, es sei denn zu seiner Erhaltung. Dieser gesamte regelmässige Wechsel der Dinge ist ein Zeugnis für die Auferstehung der Toten. Gott hat dieselbe in seinen Werken früher als in seinen Schriften vorgezeichnet; er hat sie durch seine Macht eher gepredigt als durch sein Wort. Er hat zu deinem Nutzen die Natur als Lehrmeisterin vorausgeschickt mit der Absicht, die Prophezie nachzusenden, damit du, ein Schüler der Natur, der Prophezie leichter Glauben schenkest, damit du es sogleich annehmest, wenn du hörst, was du überall schon gesehen hast, und nicht mehr zweifelst, dass Gott, den du als den Wiederhersteller aller Dinge schon kennst, auch |436 der Wiedererwecker des Fleisches sei. Und fürwahr, wenn alles aufersteht zum Nutzen des Menschen, und wenn für den Menschen, dann folgerecht auch zum Nutzen des Leibes, was sollte man dazu sagen, wenn er selber, um dessentwillen und zu dessen Nutzen nichts vergeht, selbst gänzlich zu Grunde ginge?!
13. Wenn das "Weltall noch zu wenig Sinnbild der Auferstehung ist, wenn die Schöpfung nichts derart anzeigt, weil von den einzelnen Dingen in derselben nicht sowohl ein Sterben als ein Aufhören ausgesagt und keine Wiederbeseelung, sondern nur eine Wiederherstellung angenommen wird, so vernimm nun noch ein ganz vollständiges und zuverlässiges Beispiel dieser Hoffnung. Sein Gegenstand ist ein beseeltes, des Lebens und Sterbens fähiges Wesen. Ich meine nämlich den nur dem Orient, angehörigen Vogel, der, durch seine Einzigkeit ausgezeichnet, in beziig auf Nachkommenschaft ein Wunder der Natur ist, der, sich selbst freiwillig begrabend, sich selbst erneuert, an seinem Geburtstage sterbend und wieder eintretend abermals zum Phönix wird, nachdem er schon nichts mehr war, abermals er selber, er, der nicht mehr war, ein anderer und doch derselbe. Was gibt es Ausdrücklicheres und Bezeichnenderes in dieser Beziehung, oder für welche Sache findet sich eine so zutreffende Bestätigung? Gott sagt in der hl. Schrift auch: "Er wird blühen wie ein Phönix", 40) nämlich nach dem Tode und dem Begräbnis, damit man glaube, dass die Substanz des Körpers auch dem Feuer wieder entrissen werden könne. Nun hat aber der Herr den Ausspruch gethan, dass wir besser sind als viele Sperlinge; 41) das würde nichts Grosses sein, wenn wir nicht auch besser wären als der Phönix. Und die Menschen sollten für immer vergehen, während arabische Vögel ihrer Auferstehung sicher sind?!
14. Dieses ist vorläufig in ihren Umrissen gezeichnet, die Macht Gottes, welche er in Gleichnissen nicht sowohl ausgesprochen als ausgewirkt hat. Wir kommen nun zu seinen eigentlichen Befehlen und Beschlüssen, damit wir bei diesem Gegenstande die Einteilung in bester Ordnung treffen. Denn ausgegangen von der Würde des menschlichen Leibes, ob sie gross genug sei, dass ihm nach seinem Zerfall die Herstellung gebühre, haben wir im weitern Verlauf der Darstellung von der Macht Gottes gehandelt, ob sie von der Art sei, dass sie einer zerfallenen Sache die Herstellung zu verleihen pflege. Jetzt wünschte ich, wenn wir beides bewiesen haben, dass man auch untersuche, ob irgend ein Motiv von solchem Gewicht vorhanden sei, dass es die Auferstehung des |437 Fleisches als eine Notwendigkeit und als etwas der Vernunft in jeder Weise ganz sicher Entsprechendes erheische; denn es liegt nahe, zu sagen: Gut, wenn der Leih der Wiederherstellung auch fähig und die Gottheit ihn wiederherzustellen imstande ist, so wird doch auch eine Ursache für die Wiederherstellung vorhanden sein müssen.
Vernimm also die Ursache davon, du, der du bei Gott in die Schule gehst, dem gütigsten und auch gerechtesten, dem gütigen in Rücksicht auf sich, dem gerechten in Rücksicht auf uns. Wenn der Mensch nicht gesündigt hätte, dann würde er bloss von der Güte Gottes etwas erfahren haben, infolge von dessen natürlichen Eigenschaften. Nun aber erfährt er auch dessen Gerechtigkeit, weil eine dazu zwingende Veranlassung vorhanden ist, aber auch so ist Gott immer noch der Gütigste trotz seiner Gerechtigkeit. Auch wenn er in Unterstützung des Guten und in Bestrafung des Bösen seine Gerechtigkeit zeigt, dienen beide Sentenzen dem Guten, indem er auf der einen Seite dafür eintritt, auf der andern es belohnt. Indes du wirst es mit Marcion vollständiger einsehen lernen, 42) ob diese gesamte Thätigkeit Gott zukomme. Für jetzt genügt es, dass unser Gott mit Recht der Richter sei, weil er der Herr ist, mit Recht der Herr, weil der Schöpfer, mit Recht der Schöpfer, weil er Gott ist. Darum ist auch jener sogenannte Gott der Häretiker mit Recht nicht Richter; denn er ist nicht der Herr; mit Recht nicht der Herr, denn er ist nicht der Schöpfer, und ich weiss nicht mehr, ob der noch Gott sein kann, der nicht Schöpfer ist, was Gott doch ist, und nicht Herr, was der Schöpfer doch ist. Wenn es also dem Gott, dem Herrn und dem Schöpfer am meisten zusteht, das Gericht über den Menschen gerade in betreff der Frage anzustellen, ob er sich bemüht habe, seinen Herrn und Schöpfer zu erkennen und ihn zu ehren oder nicht, dann wird auch dieses Gericht in der Auferstehung zum Vollzug kommen. Darin beruht die Hauptursache, ja, sozusagen, die Notwendigkeit einer Auferstehung, in der Gott möglichst angemessenen Vornahme des Richteramts.
In betreff der Einrichtung desselben magst du nun untersuchen, ob der göttliche Sittenrichter über beide Bestandteile des Menschen zu Gerichte sitzt, über den Leib und die Seele. Denn was gerichtet werden soll, das muss auferweckt werden. Wir wissen zuvörderst, dass das Gericht Gottes für ein vollständiges und vollkommenes zu halten sei, weil es das letzte und schon aus diesem Grunde das ewig gültige ist, weil es auch insofern das gerechte ist, dass es für keinen zu gelinde, und weil es auch in der Beziehung Gottes würdig ist, dass es entsprechend der grossen Langmut Gottes ein vollständiges und vollendetes ist. Daher ist, behaupten wir weiter, die Vollständigkeit und Vollkommenheit des |438 Gerichtes nur dann vorhanden, wenn der ganze Mensch vor dasselbe gestellt wird, mithin erscheint der ganze Mensch, der aus der Verbindung der beiden Wesenheiten besteht, vor ihm. Darum muss er, der in seiner Ganzheit gerichtet werden soll, auch in beiden Wesenheiten dargestellt werden. Denn wenn er nicht nach seiner Wesenheit lebte, so würde er überhaupt nicht leben. In derselben Beschaffenheit also, wie er in seinem Leben war, wird er gerichtet; denn er soll eben über sein Leben gerichtet werden. Das Leben ist die Ursache, warum das Gericht stattfindet, und dies muss sich über eben so viele Substanzen erstrecken, als zur Lebensthätigkeit gehören.
15. Gut denn, mögen nun unsere Gegner den Zusammenhang des Leibes mit dem Geiste schon zum voraus in Hinsicht auf die Lebensthätigkeiten spalten, um das Wagnis unternehmen zu können, ihn auch bei der Belohnung für die Lebensthätigkeiten zu spalten! Mögen sie die Gemeinsamkeit des Wirkens leugnen, um auch die der Belohnung leugnen zu können! Das Fleisch habe keinen Anteil am Gerichte, wenn es an der Veranlassung dazu nicht beteiligt gewesen ist! Mag die Seele allein zurückgerufen werden, wenn sie allein dahinscheidet!
Aber sie scheidet ebensowenig für sich allein dahin, als sie dasjenige für sich allein durchlaufen hat, woraus sie scheidet, ich meine das gegenwärtige Leben. Die Seele verbringt so wenig das Leben für sich allein, dass wir nicht einmal die blossen Gedanken, welche nicht zur Verwirklichung durch den Leib gelangen, von der Gemeinschaft mit dem Leibe trennen. Denn, was die Seele im Herzen thut, das thut sie im Fleische, mit dem Fleische und durch das Fleisch. So macht denn der Herr auch gerade diesen Teil des Leibes, das Bollwerk der Seele, beim Tadel der Gedanken verantwortlich. "Warum denkt Ihr Böses in Euren Herzen?" 43) und: "Wer ein Weib ansieht, um sie zu begehren, der hat im Herzen die Ehe gebrochen." 44) Also ist der Gedanke auch ohne That und ohne Verwirklichung eine Handlung des Leibes. Aber auch wenn im Gehirn oder in der Mitte des Raumes, der die Augenbrauen trennt, oder wohin sonst die Philosophen den Hauptpunkt für die Wahrnehmungen, das, was man das Hegemonikon nennt, verlegen, jedenfalls wird der Sitz des Denkens der Seele 45) aus Fleisch bestehen. So lange die Seele sich im Körper befindet, ist sie niemals ohne den Körper. Sie thut nichts ohne den, ohne welchen sie nicht ist. Nun untersuche noch lange, ob die Gedanken auch durch den Leib vor sich gehen, sie, die mit Hilfe des Leibes äusserlich erkannt werden! Beschäftigt sich die Seele mit |439 irgend etwas, so gibt das Gesicht davon ein Zeichen; das Antlitz ist der Spiegel für alle Absichten. Mögen sie denn dem Bestandteile, welchem sie die Teilnahme an dem Gedanken nicht abszuprechen imstande sind, den Anteil an den Thaten absprechen!
Und da zählen diese Leute noch die Mängel und Fehltritte des Leibes auf ---- gut, dann wird also der Delinquent seine Strafe bekommen. Wir aber halten ihnen auch die guten Seiten des Leibes entgegen; es wird also auch das brav Handelnde seine Belohnung bekommen. Wenn es auch die Seele ist, die eigentlich wirkt und zu allem antreibt, so ist doch der Leib der gehorchende Teil. Es ist unstatthaft, Gott für einen ungerechten oder fahrlässigen Richter zu halten. Er wäre aber ungerecht, wenn er den Teilnehmer an den guten Werken von den Belohnungen ausschlösse, und fahrlässig, wenn er den Teilnehmer am Bösen straffrei liesse, während jeder menschliche Urteilsspruch für um so vollkommener angesehen wird, je mehr er auch die untergeordneten Teilnehmer an einer Handlung heranzieht, ohne sie zu schonen oder sie zu verkürzen, so dass sie also mit den eigentlichen Urhebern sowohl die Strafe als die Belohnung teilen.
16. Wenn wir der Seele das Amt der Leitung, dem Leibe das des Gehorchens zuteilen, so müssen wir uns vorsehen, dass sie nicht diese Wahrheit durch eine gegenteilige Argumentation umstossen und den Leib in den Dienst der Seele bringen, aber nicht in der Weise eines Dieners, um nicht gezwungen zu werden, ihn infolge davon als deren Gefährten anzuerkennen. Sie werden nämlich sagen, Diener und Genossen haben die Selbstbestimmung in betreff ihres Dienens und ihres Genosseseins, sowie die Gewalt über ihren Willen in beiden Beziehungen, da sie Menschen sind. Deshalb teilen sie sich auch mit den eigentlichen Anstiftern, denen sie ihre Mitwirkung freiwillig zur Verfügung stellen, in das Verdienst. Der Leib hingegen, der aus eigener Kraft nichts denkt und nichts fühlt, der auch das Wollen oder Nichtwollen nicht besitzt, erscheint vielmehr wie ein Gefäss der Seele, wie ein Instrument, nicht wie ein Diener. Daher sitzt der Richter bloss für die Seele, wie sie sich des Leibes als Gefäss bedient habe, auf seinem Richterstuhl; das Gefäss selber aber wird nicht Gegenstand des Richterspruches, so wenig wie der Becher verurteilt wird, wenn er zur Giftmischerei gedient hat, noch das Schwert zu den wilden Tieren verdammt wird, mit welchem jemand einen Raubmord damit vollbracht hat.
Gut, dann ist also der Leib auch schuldlos insofern, dass ihm die bösen Thaten nicht zugerechnet werden können, und nichts mehr verbietet, ihm wegen seiner Schuldlosigkeit die Wiederherstellung zuzubilligen. Denn obschon ihm dann weder die guten noch die bösen Thaten angerechnet |440 werden, so steht es doch der göttlichen Güte besser an, das Schuldlose zu befreien. Wer wohlthätig ist, der muss das. Beweis der höchsten Güte aber ist es, auch das, was man nicht muss, zu geben. Und doch, was den Becher angeht ---- ich meine nicht einen Giftbecher, in welchen ein Sterbender sich hinein erbrochen hat, ---- sondern den Becher, der durch den Atem der Reiberin, des Archigallus, eines Gladiators oder Henkers, verpestet wurde, so frage ich, ob du ihn dir nicht ebenso verbitten würdest, als Küsse von solchen Leuten? Auch wenn er durch Unreinigkeiten, die von uns selbst herrühren, befleckt ist oder sonst unserem Geschmacke nicht zusagt, so pflegen wir ihn zu zerbrechen, je mehr wir dem Diener zürnen. 46) Ein Schwert aber, das von Mordthaten trunken ist, wer wird es nicht aus seinem Hause und vollends aus seinem Schlafgemach oder gar von seinem Kopfkissen weit entfernen, im Glauben, er werde sonst von nichts als Spukerscheinungen solcher Seelen träumen, die den Bettgenossen ihres Blutes beängstigen und beunruhigen? Dagegen wird der Becher, der von nichts Bösem weiss und sich durch treuen Dienst empfohlen hat, auch wohl von den Kränzen dessen, der aus ihm trinkt, mitgeschmückt oder durch Anheften von Blumen geehrt. Das Schwert aber, das in einem verdienstvollen Kampfe von Blut gerötet worden und besser als das Schwert des Mörders ist, wird als Weihegeschenk den Lohn für sein Verdienst erhalten. 47)
Es kommt also wirklich vor, dass auch gegen Gefässe und Werkzeuge ein Urteilsspruch ergeht, so dass auch sie am Lose ihrer Herren und Eigentümer teilnehmen. Damit dürfte ich auch den Beweis geführt haben, wenngleich die Verschiedenheit der Dinge einer Analogie entbehrt. Denn jedes Gefäss und Werkzeug wird von anderswoher genommen, und sein Stoff befindet sich durchaus ausserhalb der menschlichen Wesenheit. Der Leib aber, im Mutterleibe keimend und sich bildend, mit der Seele mitgeschaffen von Anfang an, bleibt bei jeder Handlung ihr innig zugesellt. Denn wenngleich er vom Apostel ein Gefäss genannt wird, 48) welches man in Ehren halten soll, so wird er gleichwohl von ihm als der äussere Mensch bezeichnet. Er ist der erste Lehm, welcher bezeichnet wurde mit der Aufschrift Mensch, nicht der Lehm, woraus der Becher, das Schwert oder Gefäss besteht. Denn die Benennung Gefäss hat er nur wegen seiner Aufnahmefähigkeit erhalten, vermöge deren er die Seele aufnimmt und enthält, Mensch aber heisst er in Rücksicht auf seine Teilnahme an der Natur, welche ihn bei den einzelnen Thätigkeiten nicht als Werkzeug hinstellt, sondern als ein dienendes Wesen. So wird denn das dienende Wesen, obschon es aus sich nichts denkt, auch vor Gericht |441 gestellt werden, weil es ein Teil dessen ist, was denkt, und nicht sein blosses Hausgerät. Darum hält auch der Apostel, obwohl er sehr gut weiss, dass das Fleisch durch sich selbst nichts thut, was nicht der Seele anzurechnen wäre, es dennoch für ein sündiges, 49) damit man nicht glaube, es bleibe deswegen vom Gericht frei, weil es seine Antriebe von der Seele zu erhalten scheint. So sagt er auch da, wo er einige löbliche Werke des Fleisches anzeigt: "Verherrlichet und traget Gott in Eurem Fleische", 50) obwohl er gewiss ist, dass auch diese Antriebe durch die Seele geschehen. Er schreibt sie dem Fleische deswegen zu, weil er ihm auch Lohn in Aussicht stellt. Andernfalls hätte eine Anschuldigung gegen ein Wesen, welches der Schuld gänzlich fern steht, keinen Sinn, ebensowenig als eine Aufmunterung bei einem Wesen, das mit der Verherrlichung nichts zu schaffen hat. Sowohl Anklage als Aufmunterung wären dem Fleische gegenüber gegenstandslos, wenn es einen Lohn, wie er in der Auferstehung erlangt wird, nicht gäbe.
17. Weniger einsichtsvolle Anhänger unserer Meinung könnten vielleicht glauben, der Leib müsse auch deshalb vor Gericht gestellt werden, weil sonst die Seele, als körperlos, keiner Empfindung von Qual oder Wohlsein fähig wäre, da sie unkörperlich ist. Letzteres meint nämlich der grosse Haufe. Wir aber bekennen uns auch hier zur Körperlichkeit derselben und liefern in einem eigenen Werke den Beweis dafür, dass sie eine besondere Art von Dichtigkeit ihrer Substanz besitzt, wodurch sie sowohl zu fühlen als zu leiden imstande ist. Denn dass die Seelen, obwohl sie noch überkleidet und von ihrem Leibe getrennt sind, auch jetzt schon in der Unterwelt gequält oder getröstet werden, das dürfte das Beispiel des Lazarus beweisen.
Ich lasse daher die Gegner den Einwand erheben: Also, die Seele, welche ihre besondere Körperlichkeit hat, wird auch für sich allein imstande sein, zu leiden und zu fühlen, so dass sie einer Wiederherstellung des Fleisches nicht bedarf. ---- Im Gegenteil, sie wird sie bedürfen in dem Sinne, als wäre sie ohne das Fleisch nicht imstande, etwas zu empfinden, sondern weil sie notwendig in der Gesellschaft mit dem Leibe empfinden muss. Denn wie die Seele mit ihren eigenen Kräften ausreicht zum Behuf des Handelns, so auch zum Leiden. Zum Handeln reicht sie aber mit ihren Kräften nicht ganz aus. Denn aus ihrer eigenen Kraft vermag sie nur zu denken, zu wollen, zu wünschen und zu planen; zum Vollbringen aber muss sie auf die Thätigkeit des Fleisches warten. Ebenso ist es auch hinsichtlich des Leidens; sie verlangt auch zum Leiden nach der Mitgenossenschaft des Leibes, um in ebenso vollkommener Weise leiden zu können, als sie ohne ihn mit Vollständigkeit zu handeln nicht vermochte. |442
Deshalb zahlt sie für die Dinge, wozu sie mit ihren eigenen Kräften ausreichte, vorläufig die Sühne: für das Begehren, das Denken und das Wollen. Wenn die genannten Thätigkeiten zur Vollständigkeit des Verdienstes genügten und keine Thaten dazu verlangt würden, so würde weiterhin auch zur Vollkommenheit des Gerichtes die Seele allein vollständig ausreichen, indem sie über das zu richten wäre, was zu thun sie für sich allein das Vermögen hatte. Da nun aber auch für die Thaten der Lohn nicht ausbleiben kann, die Thaten sich aber mit Hilfe des Leibes vollziehen, so reicht es schon nicht mehr aus, dass die Seele ohne den Leib beseligt oder gequält werde wegen der Werke, die auch dem Fleische angehören, obschon sie einen Körper und Glieder hat. Diese genügen ihr ebensowenig zum vollständigen Empfinden als zum vollkommenen Handeln. Daher leidet sie in der Unterwelt auch nach Massgabe ihres Handelns; sie kostet zuerst das Urteil, wie sie auch die erste war, die dem Vergehen den Eintritt gestattet hat; sie erwartet aber noch den Leib, damit sie mit Hülfe dessen, dem sie ihre Gedanken anvertraut hat, ihre Thaten wieder gut mache. Somit wird der Grund, warum das Gericht auf das äusserste Weltende angesetzt ist, eben der sein, dass die göttliche Strafsentenz in der Wiederherstellung alles Fleisches ihre Vollendung finde. Im andern Falle, wenn sie bloss für die Seelen allein bestimmt wäre, würde sie nicht erst am Weitende zu erwarten sein, wovon die Seelen jetzt schon in der Unterwelt den Vorgeschmack empfinden.
18. Soviel möchte ich als Unterbauten errichtet haben, um den Sinn der Schriftstellen, welche ein Wiedererscheinen des Leibes in Aussicht stellen, zu sichern. Da für dasselbe so viele Gewährschaften von höchster Beweiskraft sprechen: die Vorzüge der betreffenden Substanz selbst, die Macht Gottes, dann die vorhandenen Beweise derselben, die Rücksichten auf das Gericht und dessen wesentliche Erfordernisse, so wird es nicht zu umgehen sein, die Schriftstellen in dem durch diese so zahlreichen Gewährschaften gebotenen Sinne zu verstehen, nicht aber den Klügeleien der Häretiker entsprechend, die aus blosser Ungeneigtheit zum Glauben hervorgehen. Man hält es bloss für etwas Unglaubliches, dass eine durch Vernichtung unfindbar gewordene Substanz wieder hergestellt werde, nicht weil es für die betreffende Substanz selber unerreichbar oder für Gott unmöglich und für das Gericht unpassend wäre. Jene Lehre wäre allerdings unglaublich, wäre sie nicht von Gott verkündet worden. Sie müsste jedoch, wäre sie auch nicht von Gott verkündigt worden, von selbst vorausgesetzt werden, als gerade deswegen nicht ausdrücklich verkündigt, weil sie durch so viele Autoritäten von vornherein nahegelegt ist. Ertönt aber nun diese Lehre sogar aus dem göttlichen Munde selber, so darf sie nicht |443 im entferntesten anders verstanden werden, als jene Gewährschaften, wodurch sie, auch abgesehen von den göttlichen Aussprüchen, gepredigt wird, es verlangen.
Sehen wir uns also zuerst danach um, unter welchem Titel diese Hoffnung bekannt gemacht worden sei. Eine einzige Bekanntmachung Gottes, meine ich, ist es, die bei allen aushängt: "Auferstehung der Toten!" Zwei leicht verständliche, bestimmte, propere Worte! An sie will ich mich halten und untersuchen, an welche Substanz sie gerichtet sind. Wenn ich höre, dass dem Menschen "Auferstehung" in Aussicht stehe, so werde ich notwendigerweise fragen müssen, was an ihm denn das Schicksal gehabt habe, hinzufallen, da ja doch wohl nur das ein Aufstehen zu erwarten hat, was zuvor hingefallen ist. Wer nicht weiss, dass der Leib im Tode hinfällt, der kann auch nicht wissen, dass er steht im Leben. Den Urteilsspruch Gottes: "Du bist Erde und wirst zur Erde werden" 51) verkündigt die Natur. Wer das nicht gehört hat, der sieht es. Jeder Tod besteht in einem Hinstürzen der Glieder. Diesem Lose des Leibes hat der Herr selbst Ausdruck gegeben, da er, mit derselben Substanz überkleidet, sagte: "Zerstöret diesen Tempel, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufrichten". 52) Er gab damit zu verstehen, wen die Zerstörung treffe, wen das Verschwinden, wen das Hinfallen, wen also auch das wieder aufgerichtet und aufgehoben werden. Wiewohl er eine Seele in sich trug, die bange war bis zum Tode, 53) so doch keine, die im Tode hinfiel; denn es heisst in der hl. Schrift: "Er hatte dieses aber von seinem Leibe gesagt". 54)
So ist es denn also der Leib, welcher im Tode hinstürzt und vom Hinfallen den Namen Kadaver 55) erhält. Von der Seele dagegen braucht man den Ausdruck fallen gar nicht; denn sie stürzt nicht hin ihrer Lage nach. Sie ist es im Gegenteil, welche, wenn sie ausgehaucht wird, das Hinstürzen des Körpers bewirkt, sowie sie es auch ist, welche ihn, wenn sie wieder einzieht, von der Erde aufrichten wird. Was durch seinen Eintritt die Aufrichtung bewirken wird, das kann nicht fallen; was durch seinen Hinausgang zu Boden wirft, das kann nicht hinstürzen. Ich will mich noch knapper ausdrücken, die Seele fällt nicht einmal mit dem Körper gemeinschaftlich in Schlaf und schnarcht auch nicht mit dem Leibe. Denn sie ist sogar im Schlafe noch regsam und bewegt; sie würde aber ruhen, wenn sie daläge, und daliegen, wenn sie hinstürzte. So fällt sie dem wirklichen Tode nicht selber zur Beute, so wenig als seinem Nachbilde.
Betrachte nun in gleicher Weise, an welche Substanz sich der darauffolgende Ausdruck "der Toten" hefte. Wir müssen freilich hierbei |444 zugeben, dass die Häretiker zuweilen der Seele Sterblichkeit zuschreiben. Würde die sterbliche Seele zur Auferstehung gelangen, dann wäre dies ein günstiges Vorzeichen dafür, dass sie dem Leibe, der ebenso sterblich, die Auferstehung mitteilen werde. Doch es muss nunmehr dem betreffenden Ausdruck seine Bestimmung vindiziert werden. Weil aufstehen Sache eines hingefallenen Wesens ist, nämlich des Leibes, so wird letzterer auch in dem Namen "Toter" stecken, weil es sich um das Aufstehen hingefallener Wesen handelt, und das sind eben die Toten. So lernen wir es auch von Abraham, dem Stammvater des Glaubens, dem Mann der göttlichen Freundschaft. Da er nämlich zur Beerdigung der Sara von den Söhnen Cheth einen Platz forderte, drückte er sich also aus: "Gebt mir den Besitz eines Grabes bei Euch, und ich werde mein Totes begraben", 56) natürlich den Leib. Denn zum Begraben der Seele würde er keinen Platz begehrt haben, auch wenn er sie für sterblich gehalten und sie wirklich verdient hätte, "das Tote" genannt zu werden. Wenn also der Körper das Toto genannt wird, so wird die Auferstehung, da sie Auferstehung der Toten genannt wird, eine Auferstehung der Körper sein.
19. Die Prüfung besagten Titels und seines Inhalts, welche die Worte in ihrer eigentlichen Bedeutung nimmt und verteidigt, wird dahin operieren müssen, dass, wenn die Gegenpartei die Sache etwas durch Vorschieben von Figuren und Rätseln trübt, immer das Handgreiflichere die Oberhand erhalte und das Ungewisse durch das Gewisse abgewiesen werde. Sie klammern sich nämlich an eine sehr gewöhnliche Form der prophetischen Ausdrucksweise, die häufig ---- aber doch nicht immer ----allegorisch und figürlich ist, und schwächen die Bedeutung der Auferstehung, die ganz deutlich angekündigt ist, zu einer bloss bildlichen ab, indem sie behaupten, dass auch das Sterben nur geistig zu verstehen sei. Es sei nämlich nicht das Sterben in Wirklichkeit, welches wir stets vor Augen haben, die Trennung der Seele vom Leibe hier gemeint, sondern die Unkenntnis Gottes, wodurch der Mensch, Gott abgestorben, im Irrtum darnieder liegt geradeso wie im Grabe. Und darum sei es auch für eine Auferstehung zu halten, wenn jemand den Zugang zur Wahrheit gefunden habe, dadurch für Gott wieder beseelt und wieder belebt, nach Beseitigung des Todes der Unwissenheit, gleichsam aus dem Grabe des alten Menschen hervorgehe. Denn der Herr habe die Schriftgelehrten und Pharisäer auch mit übertünchten Gräbern verglichen. Von dem Zeitpunkt an also, wo man den Herrn in der Taufe angezogen habe, habe man durch den Glauben die Auferstehung mit ihm erlangt. |445
Durch diesen Kunstgriff pflegen sie auch bei Unterredungen häufig die unsrigen zu fangen, als wenn sie ihrerseits ebenfalls die Auferstehung zugäben. Um nicht gleich vor den Kopf zu stossen, wenn sie sofort die Auferstehung leugnen, sagen sie: Wehe dem, welcher nicht in diesem Fleische aufersteht. Im stillen aber denken sie sich dabei ihrer Wissenschaft entsprechend: Wehe dem, welcher nicht, so lange er in diesem Leibe lebt, die häretischen Geheimlehren erkannt hat! Denn das ist ihre Auferstehung. Viele aber haben bei der Auferstehung das Herausgehen der Seele im Auge und erklären, aus dem Grabe Hervorgehen heisse: die Welt verlassen, weil die Welt der Wohnort der Toten sei, d. h. der Menschen, die Gott nicht kennen, oder sie verstehen es sogar vom Körper selbst, weil der Körper, als Kerker dienend, die eingeschlossene Seele im Tode dieses zeitlichen Lebens festhalte.
20. Wegen solcher Hypothesen also will ich nun ihr erstes Bollwerk zerstören, nämlich, dass sie behaupten, die Propheten hätten alles nur in Bildern verkündigt. Wenn das richtig wäre, so könnten die Bilder selber nicht, mehr unterschieden werden, wofern nämlich nicht auch wirkliche Dinge vorausgesagt wurden, nach welchen die Bilder gezeichnet sind. Oder vielmehr, wenn alles nur Figuren sind, was wird denn das sein, wovon sie die Figuren sind? Wird man einen Spiegel vorhalten, wenn nirgendswo ein Gesicht ist? Mithin ist nicht alles Bild, sondern es gibt auch Wirklichkeiten, nicht alles Schatten, sondern es gibt auch Körper, dergestalt nämlich, dass einige wichtigere Prophezeiungen auf den Herrn selbst auch ganz klar lauten. Zum Beispiel, die Jungfrau empfing in ihrem Mutterleibe nicht figürlich und gebar den Emmanuel, den Gottmituns, nicht uneigentlicher Weise; und wenn er "die Kraft von Damaskus und die Beute von Samaria" 57) auch in nur uneigentlicher Weise empfangen sollte, so sollte er doch in buchstäblicher Weise "wieder kommen zum Gericht mit den Ältesten und den Ersten des Volkes." 58) Denn es haben ja auch "gegen ihn getobt die Heiden" 59) ----in der Person des Pilatus ---- und "die Völker Eitles gegen ihn ersonnen" ---- in der Person Israels. "Es haben die Könige der Erde dagestanden" ---- Herodes ---- und "die Obrigkeiten sich gegen ihn versammelt," ---- Annas und Caiphas ---- "gegen den Herrn und seinen Gesalbten". Er ist "wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt worden, und wie ein Schaf vor dem, der es schert" ---- vor Herodes ---- "stumm ist, so öffnete er seinen Mund nicht"; 60) "seinen Rücken gab er preis den Geisseihieben, seine Wangen den Backenstreichen, und sein Gesicht wandte er nicht ab vor dem Auswurf ihres Speichels. Er wurde unter die Gottlosen gerechnet; an Händen und |446 Füssen durchbohrt, über sein Gewand musste er das Los werfen lassen, den bittern Trank und das Kopfschütteln der Spötter hinnehmen, nachdem er von dem Verräter auf dreissig Silberlinge geschätzt war." 61)
Wo sind in diesen Stellen des Isaias die Figuren, bei David die Bilder, die Gleichnisreden bei Jeremias? Nicht einmal seine Wunderkräfte haben sie in blossen Bildern prophezeit. Oder sind etwa den Blinden nicht die Augen geöffnet worden, hat die Zunge der Stummen keinen Laut gegeben, sind die erschlafften Hände und die wankenden Knie nicht wieder erstarkt, ist der Lahme nicht gesprungen wie ein Hirsch? 62)
Wenn wir diese Dinge allerdings auch in geistiger Weise zu deuten pflegen mit Beziehung auf die Heilung entsprechender Seelenfehler durch den Herrn, so sind sie doch, da sie auch in körperlicher Weise in Erfüllung gingen, ein Zeichen, dass die Propheten auf beide Arten geredet haben, wobei jedoch bestehen bleibt, dass ihre unverhüllten, eigentlichen und von jedem Schleier der Allegorie freien Aussprüche zahlreicher sind, wie z. B., wenn sie vom Untergang von Völkern und Städten, Tyrus, Ägypten, Idumäa, Karthago, sprechen, wie z. B. wenn sie über die Schläge und Begnadigungen, die Israel treffen, über seine Gefangenschaft, Befreiung und dessen endliche letzte Zerstreuung reden. Wer wird hier nach Interpretationen und nicht vielmehr nach blossen Anwendungen suchen? Die Thatsachen sind in dem Geschriebenen enthalten, sowie auch das Geschriebene in den Thatsachen gelesen wird. So ist die Form der prophetischen Ausdrucksweise nicht immer und nicht bei allen Dingen allegorisch, sondern nur zuweilen und bei einigen Dingen.
21. Wenn also doch zuweilen und bei einigen Dingen, warum sind sie denn nicht, höre ich einwenden, auch in der Ankündigung der Auferstehung geistig zu verstehen? Weil mehrfache Gründe dagegen vorhanden sind. Erstens nämlich, was wird aus der so ansehnlichen Menge göttlicher Schriftstellen werden, welche die leibliche Auferstehung so bündig bezeugen, dass sie auch nicht einmal den Gedanken an eine figürliche Deutung aufkommen lassen? Und dann würde es zweitens, wie wir schon oben angedeutet haben, billig sein, das Ungewisse auf Grund des Gewissen, das Undeutliche auf Grund des Deutlichen zu beurteilen, damit wenigstens bei dem Zwiespalt zwischen gewiss und ungewiss, deutlich und undeutlich der Glaube nicht zu Grunde gehe, die Wahrheit keine Gefahr laufe und nicht die Gottheit selbst, als sich nicht gleich bleibend, getadelt werde.
Sodann ist es nicht wahrscheinlich, dass gerade der Punkt der christlichen Heilslehre, der den Glauben in seinem ganzen Umfange in |447 Anspruch nimmt und worauf sich die ganze Kirchenzucht gründet, in doppelsinniger Weise verkündigt und in dunkeln Worten hingestellt erscheine, da doch die Hoffnung auf die Auferstehung, nur wenn sie in Beziehung auf Lohn und etwaige Strafe klar und bündig ist, jemand zur Annahme der Religion bewegen wird, zumal einer solchen, welche sich dem öffentlichen Hasse ausgesetzt sieht. Kein sicheres Unternehmen kann bei einem unsichern Lohn bestehen, keine Furcht ist begründet bei einer nur zweifelhaften Gefahr. Nun aber hängt sowohl der Lohn als die etwaige Gefahr von dem wirklichen Eintritt der Auferstehung ab. Wenn nun schon die Ratschlüsse Gottes, welche einzelne Zeiten, Orte und Personen betreffen, in so klarer und bündiger Prophezeiung an dieselben gerichtet sind, was sollte man dazu sagen, wenn seine ewigen und allgemeinen, für das ganze Menschengeschlecht geltenden Anordnungen ihr eigenes Licht scheuen würden?! Sie müssen vielmehr, je wichtiger, auch desto klarer sein, gerade damit sie für wichtig gehalten werden. Und ich sollte doch denken, dass man Gott weder Missgunst noch List, weder die Unbeständigkeit noch den Wortprunk, womit öffentliche Ankündigungen hochgestellter Personen sonst wohl die Leute hänseln, zutrauen dürfe.
22. Hiernach müssen wir unsere Blicke auf die Schriftstellen werfen, welche es als unzulässig erscheinen lassen, die Auferstehung entweder hier auf Erden in der Erkenntnis der Wahrheit bestehend zu denken, wie jene seelischen, um nicht zu sagen Geistesmänner, 63) wollen, oder sie sofort auf den Ausgang aus dem Leben anzusetzen. Da der Zeitpunkt für unser gesamtes Hoffen in den hochheiligen Blättern festgesetzt ist und es nicht freisteht, ihn früher anzusetzen, als, denke ich, auf die Zeit der Ankunft Christi, so sind unsere sehnsuchtsvollen Wünsche auf den Ablauf dieser Zeitlichkeit gerichtet, auf den Untergang der Welt, den grossen Tag des Herrn, den Tag des Zornes und der Vergeltung, den jüngsten und verborgenen Tag, der keinem ausser dem Vater bekannt, und der doch durch Wunderzeichen, Erschütterung der Elemente und den Zusammenstoss der Nationen zum voraus gekennzeichnet ist. Ich würde, wenn Christus geschwiegen hätte ---- freilich sind auch die Prophezeiungen eine Stimme Christi ---- die Prophezeiungen aufschlagen, aber wichtiger ist, dass er sie mit seinem eigenen Munde besiegelt hat.
Von seinen Jüngern befragt, wann die Dinge eintreffen würden, welche er vorläufig über die Schicksale des Tempels hatte verlauten lassen, gibt er den Verlauf der Geschichtsperioden, erstlich den der jüdischen bis |448 zur Zerstörung von Jerusalem, sodann den der gemeinsamen bis zum Schluss der Zeitlichkeit genau an. Nachdem er nämlich ausgesagt hat: "Dann wird Jerusalem von den Heiden zertreten werden, bis die Zeiten der Heiden erfüllt sind", 64) nämlich die Zeiten, wo sich Gott ihrer annehmen und sie mit den Resten Israels vereinigen will, da wendet er sich an den ganzen Erdkreis und diese ganze Zeitlichkeit und verkündet, ähnlich wie Joël, Daniel und der Chor sämtlicher Propheten, die zukünftigen Zeichen an Sonne, Mond und Sternen, den Zusammenstoss der Nationen und ihr Entsetzen über das Getöse des Meeres sowie die Unruhe der von Furcht und Erwartung der Dinge, die den Erdkreis treffen sollen, schaudernden Menschen. 65) "Denn die Kräfte der Himmel", sagt er, "werden erschüttert werden, und dann wird man den Sohn des Menschen auf den Wolken kommen sehen mit vieler Macht und Herrlichkeit. Wenn aber dies zu geschehen beginnt, so werdet Ihr Eure Häupter aufrichten und erheben, denn Eure Erlösung kommt heran." 66) Und doch sagt er nur, sie komme heran, nicht, sie sei schon da, und "wann das anfange zu geschehen", nicht, wenn es geschehen ist, weil dann, wenn es geschehen sein wird, die Erlösung wirklich da ist, bis dahin aber noch immer gesagt werden muss, sie sei nahe, indem er für jetzt die Gemüter aufrichtet und ermuntert zur nächsten Frucht, zur Hoffnung.
Hierfür wird auch ein Gleichnis beigefügt, das von den schwellenden Bäumen, deren Blütenstengeln und der Blüte, der dann folgenden Vorbotin der Frucht. "So sollt auch Ihr, wenn Ihr das alles geschehen sehet, wissen, dass das Reich Gottes nahe ist. Wachet also zu jeder Zeit, damit Ihr würdig erachtet werdet, allem dem zu entgehen, und vor dem Sohne Gottes bestellet", 67) nämlich dann, wenn zuvor alles durch die Auferstehung seine Vollendung gefunden hat. Wenn so also auch der Baum ausschlägt ---- in der Erkenntnis des Herrn, ---- so bekommt er doch zuvor erst Blüten und Früchte bei der Erscheinung desselben.
Wer ist es also, der den Herrn so unzeitiger, so bitterer Weise aufgefordert hat, bereits zur Rechten Gottes, die Erde zu zerschlagen nach dem Ausdruck des Isaias, 68) die doch, sollte ich denken, noch unversehrt ist? Wo ist der, der nach Davids Worten die Feinde Christi ihm schon zu Füssen gelegt hat 69) ---- schneller als Gott der Vater ---- während noch jede Volksversammlung durch Geschrei fordert, dass die Christen den Löwen vorgeworfen werden? Wer hat gesehen, dass Jesus ebenso vom Himmel herabgestiegen ist, in Gemässheit mit der von den Engeln gegebenen Bestimmung, wie die Apostel ihn hatten hinaufsteigen sehen? Noch haben die Juden nicht Stamm für Stamm an die Brust geschlagen, |449 sehend auf den, den sie durchbohrt haben, 70) niemand hat bis jetzt den Elias aufgenommen, 71) niemand ist noch vor dem Antichrist entflohen, 72) niemand hat noch den Untergang Babylons beweint. 73) Und doch gibt es Leute, die schon auferstanden sind! Es sind aber nur Häretiker. Fürwahr, sie haben das Grab ihres Körpers verlassen, obwohl sie noch Fiebern und Geschwüren ausgesetzt sind! Sie haben die Feinde schon niedergetreten, obwohl sie noch mit den Mächtigen der Erde zu kämpfen haben! Jedenfalls herrschen sie auch schon, obwohl sie noch immer dem Kaiser geben müssen, was des Kaisers ist.
23. Zwar lehrt der Apostel in seinem Briefe an die Kolosser, wir seien einmal "gestorben und abgeirrt und Feinde des Sinnes des Herrn gewesen, damals, als wir in den schlechtesten Werken wandelten", 74) sodann aber "mitbegraben mit Christus in der Taufe und mitauferweckt in ihm durch den Glauben an die Kraft Gottes, die ihn von den Toten auferweckt hat". "Auch Euch, die Ihr tot waret in Sünden und in der Vorhaut Eures Fleisches, hat er mitbelebt mit ihm und Euch alle Sünden erlassen." Und wiederum: "Wenn Ihr mit Christus gestorben seid den Kindheitslehren der Welt, warum traget Ihr noch, als lebtet Ihr in der Welt, die Satzung?" Wenn er uns in der Weise als geistig tot darstellt, dass er dabei doch noch unser künftiges leibliches Sterben zugibt, so leugnet er, wenn er uns schon für geistig Auferstandene ansieht, damit offenbar ebensowenig unsere künftige leibliche Auferstehung. So sagt er z. B.: "Wenn Ihr mit Christus auferstanden seid, so suchet, was droben ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt; denket an das, was droben, nicht an das, was hier unten ist." In dieser Weise werden wir, lehrt er, dem Geiste nach auferstehen, womit wir bis jetzt ja allein erst nur das Himmlische zu erfassen imstande sind. Wir würden es nicht suchen und nicht daran denken, wenn wir es besässen. Er fügt auch noch hinzu: "Denn Ihr seid gestorben" ---- nämlich den Sünden, nicht Euch selbst ---- "und Euer Leben ist mit Christo in Gott verborgen." 75) Ähnlich Johannes: "Noch ist nicht offenbar, was wir sein werden; wir wissen, dass wir, wenn er es geoffenbart hat, ihm ähnlich sein werden." 76)
So viel fehlt also daran, dass wir bereits das wären, was wir nicht kennen; wenn wir es aber schon wären, so würden wir es kennen. Mithin ist das Schauen der Hoffnung in dieser Zeitperiode ein Schauen durch den Glauben, keine Gegenwart; kein Besitz, sondern eine Erwartung. In betreff dieser Hoffnung und Erwartung sagt Paulus im Galaterbriefe: "Im Geiste durch den Glauben sind wir der Hoffnung der Gerechtigkeit |450 gewärtig." 77) Er sagt nicht: Wir halten sie fest. Mit der Gerechtigkeit Gottes aber meint er die Gerechtigkeit als Folge des Gerichts, wo wir unser Urteil in betreff des Lohnes empfangen werden. Auf diese auch seinerseits harrend, schreibt er an die Philipper und sagt: "Wo ich auf irgend eine Weise zur Auferstehung gelange, zur Auferstehung von den Toten, nicht als hätte ich es schon ergriffen oder als wäre ich schon vollkommen." 78) Er hatte doch gewiss Glauben und Kenntnis von allen Geheimnissen, er, das Gefäss der Auserwählung, der Lehrer der Heiden, und doch setzt er noch hinzu: "Ich jage ihm aber nach, ob ich es ergreife in dem, worin ich ergriffen bin von Christus." Und weiter: "Brüder, ich erachte nicht, als hätte ich es ergriffen, eins fürwahr, vergessend des Vergangenen, strecke ich meine Hand zu den künftigen Dingen aus und laufe der untadeligen Palme nach, zu der ich gelangen soll", natürlich zur Auferstehung von den Toten, jedoch erst zu seiner Zeit, wie er im Briefe an die Galater sagt: "Gutes thuend lasset uns nicht ermüden, denn zu seiner Zeit werden wir ernten." 79) Ähnlich im Briefe an Timotheus in betreff des Onesiphorus: "Möge ihm der Herr geben, dass er Barmherzigkeit finde an jenem Tage." 80) Für jenen Tag und jene Zeit empfiehlt er ihm selber auch "zu halten das Gebot unbefleckt, untadelig, bis zur Erscheinung des Herrn Jesu Christi, welche dieser zu schauen geben wird zu ihrer Zeit, er, der selige und alleinige Machthaber, der König der Könige und der Herr der Herren", 81) womit er Gott meint. Von diesen Zeiten redet auch Petrus in der Apostelgeschichte: "Thuet nun Busse und bekehret Euch, damit Eure Sünden getilgt werden, damit nun komme die Zeit der Tröstung vom Angesichte des Herrn und er Euch den vorherverkündigten Herrn Jesus Christus sende, welchen die Himmel aufnehmen müssen, bis zu den Zeiten der Erfüllung aller Dinge, die Gott geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten." 82)
24. Diese Zeiten lerne nun mit den Thessalonichern kennen. Wir lesen nämlich: "Wie Ihr umgekehrt seid von den Götzen zum Dienste des wahren und lebendigen Gottes und zur Erwartung seines Sohnes Jesus, den er von den Toten auferweckt hat, vom Himmel her." 83) Und wiederum: "Wer ist unsere Hoffnung, unser Trost und unsere Freudenkrone, wenn nicht Ihr sie seid vor dem Herrn, unserem Gott, Jesus Christus, am Tage seiner Ankunft!" 84) Ebenso: "Vor Gott und unserem Vater bei der Ankunft unseres Herrn Jesu Christi mit allen seinen Heiligen!" 85) Dass über ihr Entschlafen nicht so sehr zu trauern sei, lehrt er zugleich mit dem Zeitpunkt der Auferstehung in den Worten: "Wenn wir geglaubt |451 haben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, welche entschlafen sind, durch Jesus herbeiführen mit ihm selbst. Denn dies sagen wir Euch in den Worten des Herrn: dass wir, die wir leben, und die wir auch zurückbleiben für die Wiederkunft unseres Herrn, denen, die entschlafen sind, nicht zuvorkommen werden. Weil der Herr selbst in seinem Befehl, in der Stimme des Erzengels und in der Posaune Gottes herabsteigen wird vom Himmel und die in Christus Gestorbenen zuerst auferstehen werden. Dann werden wir, die wir noch leben, zugleich mit ihnen in die Wolken emporgehoben werden, Christus entgegen in die Luft, und so werden wir immerdar bei dem Herrn sein." 86) Wo hat man sonst schon die Stimme eines Erzengels oder eine Posaune Gottes gehört, als nur in den Kammern der Häretiker? Denn wenn auch das Wort des Evangeliums, welches sie allerdings schon gerufen haben dürfte, eine Posaune Gottes genannt werden kann, so würden sie entweder dem Körper nach schon gestorben sein, um auferstehen zu können ---- wie kommt es dann aber, dass sie noch leben? ---- oder sie würden in die Wolken entrückt sein müssen ---- aber sie sind ja noch hier? Jedenfalls wären sie nach dem Ausspruche des Apostels als "die beklagenswertesten Menschen", 87) die nur auf dieses Leben ihre Hoffnung setzen, auszuschliessen, indem sie das, was für das künftige Leiten verheissen ist, für das gegenwärtige vorweg nehmen, in betreff der Wahrheit in nicht geringerem Grade getäuscht, als Phygelus und Hermogenes.
Daher fügt in Voraussicht solcher Gesinnungen in eben dem Briefe an die Thessalonicher die Majestät des hl. Geistes noch bei: "Über die Zeiten und Zeiträume aber, Ihr Brüder, ist nicht nötig, Euch zu schreiben. Denn Ihr selbst wisst aufs genaueste, dass der Tag des Herrn kommen wird, wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen werden: Friede, und alles sicher ist, dann wird ihnen der Untergang plötzlich bevorstehen." 88) Im zweiten Briefe an sie aber schreibt er mit noch grösserer Bekümmernis: "Ich beschwöre Euch aber, Ihr Brüder, bei der Ankunft unseres Herrn Jesu Christi und unserer Vereinigung mit ihm, dass Ihr Euch nicht leicht im Geiste beunruhigen und verwirrt machen lasset, weder durch einen Geist noch durch eine Rede ---- nämlich der Pseudopropheten ---- noch durch einen Brief ---- nämlich von Pseudo-Aposteln ----- als wäre er von uns, der Tag des Herrn stände bevor. Möge Euch niemand auf irgend eine Weise verführen. Denn erst muss der Abfall kommen ---- nämlich von diesem Seiche ---- und der Mensch der Sünde ---- d. i. der Antichrist ---- sich enthüllen, der Sohn des Verderbens, der kämpfen und sich erheben wird gegen alles, was Gott oder Religion genannt wird, damit er sitze im Tempel Gottes, vorgebend, er sei Gott. Seid Ihr nicht mehr |452 dessen eingedenk, dass ich Euch dieses sagte, als ich bei Euch war? Und was ihn nun zurückhält, damit er offenbar werde zu seiner Zeit, das wisst Ihr. Denn schon geht das Geheimnis der Gottlosigkeit vor sich, nur dass der Zurückhaltende ihn noch zurückhält, bis er den Platz räumen wird." ---- Wer denn? Kein anderer als der römische Staat, dessen Untergang und Verteilung unter zehn Könige der Antichrist herbeiführen wird. "Und dann wird der Mensch der Sünde enthüllt werden, den der Herr Jesus töten wird mit dem Hauche seines Mundes und zunichte machen mit dem Glanze seiner Ankunft, ihn, der kommt in der Wirksamkeit des Satans, in aller Macht und in den Zeichen und Wundern der Lüge und mit jeglicher Verführung der Ungerechtigkeit für die, welche verloren gehen." 89)
25. Auch in der Apokalypse des Johannes wird der Verlauf der Zeiten entrollt, den auch "die Seelen der Martyrer unter dem Altare", welche um Rache und Gericht rufen, 90) abwarten gelernt haben, damit erst der Erdkreis "aus den Schalen der Engel" 91) seine Plagen austrinke, die Stadt der Unzucht durch die zehn Könige ihr verdientes Ende finde 92) und das Tier, der Antichrist und sein Pseudoprophet, mit der Kirche Gottes den Kampf beginne, damit so, nachdem der Teufel inzwischen in den Abgrund verwiesen ist, die Auszeichnung der ersten Auferstehung von den Thronen aus geordnet und sodann den ins Feuer Geworfenen das Urteil der allgemeinen Auferstehung aus den Büchern gesprochen werde. 93) Da also die hl. Schrift auch die Zustände der letzten Zeiten bekannt gibt und die gesamte Frucht der christlichen Hoffnung auf den Ausgang der Zeiten ansetzt, so leuchtet ein, dass entweder alles, was auch immer von Gott versprochen ist, in jener Zeit erfüllt werde ---- und dann ist das, was hier von den Häretikern behauptet wird, gegenstandslos ----- oder aber dass, wenn die Erkenntnis der Heilsgeheimnisse auch eine Auferstehung ist, unbeschadet dieser letztern auch noch an jene Auferstehung geglaubt werde, welche von der Predigt des Heiles auf das Weltende angesetzt wird. Und gerade darum, weil jene für geistig angesehen wird, folgt, dass diese für eine leibliche gehalten werden muss, weil, wenn für jenen Zeitpunkt gar keine Auferstehung angekündigt wäre, mit Recht diese allein und bloss als eine geistige aufrecht erhalten würde. Da sie aber für die letzten Zeiten angesagt wird, so ist sie für eine leibliche anzusehen, weil für jenen Zeitpunkt eine geistige nicht angekündigt ist. Warum sollte wohl eine abermalige Auferstehung von derselben Beschaffenheit, nämlich eine geistige, angekündigt |453 werden, da dieselbe ja entweder jetzt abgemacht werden müsste ohne Unterschied der Zeit, oder erst beim allgemeinen Abschluss der Zeiten? Und so käme es mit viel mehr Recht uns zu, eine geistige Auferstehung zu behaupten, nämlich von der Annahme des Glaubens an, da wir die vollständige Auferstehung, nämlich die am Ende der Zeiten, ebenfalls anerkennen.
26. Eins will ich noch auf die frühere Proportion in betreff der allegorischen Schriftstellen zur Antwort geben: Wir dürfen, auch auf die figürlichen Aussprüche der Propheten gestützt, eine körperliche Auferstehung behaupten. Denn siehe, der Ausspruch Gottes nennt den Menschen im Anfang Erde: "Erde bist Du und zur Erde wirst Du hingehen", 94) versteht sich der Substanz des Fleisches nach, welches von der Erde genommen wurde und, wie wir gezeigt haben, 95) zuerst die Benennung Mensch erhielt. Er gibt mir damit eine Anleitung, auch alles das, was der Herr an Zorn oder Gnade über die Erde ausspricht, auf das Fleisch zu beziehen. Denn die Erde, die weder etwas Böses noch etwas Gutes gethan hat, ist ja seinem Gericht auch nicht einmal im eigentlichen Sinne anheim gefallen. Sie, die Blut getrunken hat, wird zwar verflucht, aber auch dies nur im Bilde, in Rücksicht auf das Fleisch, welches den Mord begangen hat. Wenn die Erde Hilfe erfährt oder Schaden leidet, so geschieht auch das des Menschen wegen, damit er durch das Geschick seines Aufenthaltsortes Hilfe oder Schaden erfahre. Noch viel mehr wird er das, was die Erde seinetwegen leidet, zu tragen haben. Und so möchte ich, wenn Gott der Erde drohet, lieber sagen, er drohe dem Fleische, und wenn er der Erde etwas verheisst, lieber darunter verstehen, dass er dem Fleische etwas verheisst, so z. B. bei David: "Der Herr regiert, es frohlocke die Erde", 96) d. i. die Leiber der Heiligen, für welche der Genuss des Reiches Gottes bestimmt ist. Dann fährt er fort: "Die Erde sah es und erbebte, die Berge zerflossen wie Wachs vor seinem Angesichte", 97) nämlich die Leiber der Gottlosen; und: "Sie werden sehen, wen sie durchbohrt haben". 98)
Wenn beiderlei Aussprüche einfachhin von der Erde als blossem Element zu verstehen sind, wie reimt es sich dann, dass dieselbe vor dem Angesichte des Herrn, über dessen Regieren sie oben frohlockte, nun erbebt und zerfliesst? So wird man die Worte bei Isaias: "Ihr werdet das Gute der Erde essen" 99) auf die Güter des Leibes beziehen können, welche demselben verbleiben, wenn er, im Reiche Gottes wieder hergestellt und engelhaft geworden, das erlangen wird, "was kein Auge gesehen, kein |454 Ohr gehört hat und was in keines Menschen Herz gekommen ist. 100)" Sonst wäre es albern genug, wenn Gott zum Gehorsam einladen wollte, um der Feldfrüchte und Nahrungsmittel des jetzigen Lebens willen, welche er ja auch den Gottlosen und Lästerern zuteil werden lässt. Denn die Schöpfung ist dem Menschen einmal zu eigen gegeben, und Gott lässt regnen über Gute und Döse und seine Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte. 101) Es wäre meiner Treu ein grosses Glück für die Gläubigen, zu erlangen, was die Feinde Gottes und Christi auch haben und nicht nur gebrauchen, sondern auch missbrauchen, indem sie die Schöpfung selbst anbeten anstatt des Schöpfers. 102) Man wird dann wohl Zwiebeln und Erdschwämme für "die Güter der Erde" ansehen, während der Herr doch sagt, dass der Mensch nicht vom Brote allein leben werde. 103)
Die Juden haben in dieser Weise ihre Hoffnung auf das Irdische allein gesetzt und verlieren darüber das Ewige, indem sie weder das vom Himmel versprochene Brot kennen, noch das Öl der göttlichen Salbung, den Wein des Geistes oder das Wasser der Seele, welche von dem Weinstocke Christi belebt wird. So halten sie ja sogar auch das Judenland im eigentlichen Sinne für das heilige Land selbst, da letzteres doch vielmehr auf den Leib des Herrn zu deuten ist, welcher von da an und an allen, die Christum angezogen haben, ein heiliges Land ist, wahrhaft heilig durch die Einwohnung des heiligen Geistes, wahrhaft von Milch und Honig fliessend vermöge der Lieblichkeit seiner Hoffnung, in Wahrheit ein Judenland vermöge der Freundschaft und Nähe Gottes. Denn nicht, wer es äusserlich ist, ist ein Israelit, sondern wer es im verborgenen ist. Darum ist das Fleisch auch der Tempel Gottes und jenes Jerusalem, an welches Isaias die Worte richtet: "Erhebe Dich, erhebe Dich, Jerusalem, bekleide Dich mit der Stärke Deines Armes; erhebe Dich wie zu Anbegiun des Tages", 104) d. h. in Unversehrtheit, wie sie war vor dem Vergehen und der Übertretung. Denn wie würden solche ermahnende und aufmunternde Zurufe für das Jerusalem passen, welches die Propheten getötet und die gesteinigt hat, die zu ihm gesandt sind, und schliesslich sogar ihn, seinen eigenen Herrn, durchbohrt hat?! Indessen es ist überhaupt nicht einmal die Erde, der das Heil versprochen wird; denn sie soll, mit der ganzen Gestalt der Welt untergehen. Auch wenn es jemand unternehmen sollte, das "heilige Land" auf das Paradies zu deuten, worauf auch der Ausdruck "Land der Väter", nämlich Land, des Adam und der Eva, passt, so wird es den Schein gewinnen, als würde dadurch dem Fleische die Wiedereinsetzung in das Paradies versprochen, welches so glücklich war, seine Wohnung darin zu bekommen, und der |455 Mensch würde alsdann ebenso dorthin zurückversetzt, wie er daraus verstossen worden ist.
27. Auch die Erwähnung von Kleidern in der hl. Schrift haben wir im Sinne der Hoffnung des Leibes allegorisch zu erklären. In der Apokalypse des Johannes heisst es nämlich beispielsweise: "Das sind die, welche ihre Gewänder nicht befleckt haben mit Weibern"; 105) darunter werden die Jungfrauen verstanden und diejenigen, welche sich selbst verschnitten haben wegen des Reiches Gottes. Und so werden sie denn weiss gekleidet sein, d. h. in die Klarheit eines jungfräulichen Leibes. Auch im Evangelium kann man in dem "hochzeitlichen Kleide" 106) die Heiligkeit des Leibes wiedererkennen. Daher sagt Isaias da, wo er lehrt, welches das Fasten sei, das der Herr sich auserwählt hat, und über den Lohn für das Gute Angaben macht: "Dann wird Dein Licht hervorbrechen wie der Morgen und Dein Gewand wird schneller kommen", 107) doch wohl kein halbseidenes oder ein Pallium, sondern er wollte, dass man den Leib darunter verstehe, und hat so bei Gelegenheit der Erwähnung des Unterganges des Todes die Entstehung des wieder auferstehenden Fleisches verkündet. Also steht auch uns die Verteidigung der körperlichen Auferstehung mit Hilfe der Allegorie zu.
Wenn wir lesen: "Tritt ein mein Volk, in deine Vorratskammern. .. einen Augenblick, bis mein Zorn vorüber ist", 108) so werden die Vorratskammern wohl die Gräber sein, in welchen diejenigen eine kurze Zeit zu ruhen haben, die am Ende der Welt unter dem letzten Zorne durch die Gewalt des Antichrists umkommen. Oder aber, warum hat er es vorgezogen, sich des Ausdrucks "Vorratskammern" zu bedienen und nicht des Namens irgend eines andern Aufbewahrungsortes, wenn nicht aus dem Grunde, weil in den Vorratskammern das gesalzene und zum Gebrauche bestimmte Fleisch aufbewahrt wird, welches daraus zu seiner Zeit soll hervorgeholt werden. Denn gerade so werden die Leiber mit Spezereien für das Begräbnis einbalsamiert und in Mausoleen und Grabmälern beigesetzt, um daraus wieder hervorzugehen, sobald es der Herr befiehlt. Da dies nun so zu verstehen ist ---- denn wo gäbe es sonst Vorratskammern, die uns vor dem Zorne Gottes als Zufluchtsörter dienen könnten? ---- und gerade deshalb, weil er sagt: "Eis mein Zorn vorübergeht", der nämlich, welcher den Antichrist vernichten wird, ---- so gibt er damit zu erkennen, dass der Leib aus dem Grabe, in welches er vor dem Ausbrechen des Zornes gebracht worden war, wieder hervorgehen werde. Denn aus den Vorratskammern wird nichts anderes herausgeholt, als was hineingetragen wurde, und die Auferstehung wird nach der Vertilgung des Antichrists vor sich gehen. |456
28. Wir wissen aber, dass Prophezeiungen nicht nur in Worten, sondern auch mit Zuhilfenahme von Handlungen gegeben wurden. Sowohl in Worten als auch durch Handlungen wird die Auferstehung verkündigt, z. B. wenn Moses seine Hand in seinen Busen steckt, sie abgestorben wieder herauszieht, sie wieder hineinsteckt und lebendig herauswickelt. Ist dieses nicht ein Vorzeichen für den ganzen Menschen? indem durch jenes dreifache Zeichen mit Beobachtung der Aufeinanderfolge bemerklich gemacht wird die dreifache Macht Gottes, welche den Teufel, die Entsetzen erregende Schlange, erstlich dem Menschen unterwerfen, alsdann das Fleisch aus dem Versteck des Todes hervorziehen und endlich alles Blut im Gerichte zurückfordern wird. In betreff des letztern spricht bei demselben Propheten Gott: "Ich will Euer Blut von allen wilden Tieren zurückfordern, sowie aus der Hand des Menschen und aus der Hand des Bruders will ich es wieder fordern." 109) Nun wird aber nichts gesucht, als was zurückverlangt wird; es wird nichts zurückverlangt, als was auch zurückgegeben werden wird, und zurückgegeben wird natürlich das, was zur Vergeltung zurückgefordert und verlangt wird. Denn es kann nichts vergolten werden, was niemals vorhanden gewesen ist behufs der Vergeltung. Es wird aber vorhanden sein, wenn es wird hergestellt werden.
Alles also, was nur immer gegen das Blut ausgesagt wird, richtet sich gegen das Fleisch, ohne welches das Blut ja kein Blut wäre. Das Fleisch wird auferweckt, damit das Blut gerächt werde. Einiges wenige findet sich auch in einer Weise ausgesprochen, dass es des Schleiers der Allegorie entbehrt, nichtsdestoweniger aber trotz seiner Einfachheit einer Deutung bedürftig ist, wie die Stelle bei Isaias': "Ich bin es, der töten und lebendig machen wird". 110) Sicher wird er beleben, erst nachdem er getötet hat. Also der, welcher durch den Tod getötet hat, wird durch die Auferstehung beleben. Es ist aber das Fleisch, welches durch den Tod getötet wird; somit wird es auch das Fleisch sein, welches in der Auferstehung wieder belebt wird. Wenn dem Fleische die Seele entreissen töten, und das Gegenteil davon, dem Fleische die Seele wiedergeben, beleben heisst, so ist es notwendig, dass dasjenige Fleisch aufsteht, dem die durch die Tötung entrissene Seele durch Belebung wiedergegeben werden muss.
29. Wenn also allegorische Schriftstellen, thatsächliche Beweise und wörtlich zu nehmende Aussprüche die Auferstehung des Fleisches, wiewohl ohne Nennung der betreffenden Substanz selbst, durchblicken lassen, um wie viel weniger werden dann die Stellen, wodurch jene Hoffnung auf die körperliche Substanz selbst unter spezieller Erwähnung bestimmt ausgesprochen wird, in Frage zu ziehen sein! Nimm beispielsweise den Ezechiel! |457 "Es kam", sagt er, "die Hand des Herrn über mich, und es führte mich der Herr im Geiste hinaus und stellte mich in die Mitte eines Feldes. Dasselbe war mit Gebeinen angefüllt und er führte mich über sie im Kreise herum, und siehe, es waren ihrer viele auf der Oberfläche des Feldes, und sie waren dürre genug. Und er sprach zu mir: Menschensohn, ob diese Gebeine wohl leben werden? Und ich sagte: Adonai, Herr, Du weisst es. Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich: Dürres Gebein, höre die Stimme des Herrn! So spricht der Herr Adonai zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Geist in Euch bringen, und ihr werdet leben; ich will Geist in Euch geben und Euch in Leiber zurück führen, Euch mit Haut umgeben und Geist in Euch geben, und Ihr werdet leben und erkennen, dass ich der Herr bin. Und ich weissagte nach seinem Gebot. Und siehe, es ward ein Geräusch, während ich weissagte, und eine Bewegung und Gebein näherte sich dem Gebein. Und ich schaute und siehe, die Gebeine überzogen sich mit Seimen; Fleisch und Haut bildeten sich darüber, aber Geist war noch nicht in ihnen. Und er sprach zu mir: Menschensohn, Prophet, weissage zum Geiste und sage zum Geiste: So spricht der Herr Adonai: Komm, Du Geist, von den vier Winden und wehe in den Toten und sie werden leben. Und ich weissagte zum Geiste, wie er mir vorgeschrieben hatte. Da kehrte der Geist in sie ein, und sie lebten und standen auf ihren Füssen, stark und gross genug. Und er sprach zu mir: Menschensohn, es ist das ganze Haus Israel, diese Gebeine. Sie sprachen: Unsere Gebeine sind verdorret, unsere Hoffnung ist zu Grunde gegangen, wir sind Abgeschnittene in ihnen. Deshalb prophezeie ihnen: Siehe, ich werde Eure Gräber öffnen und Euch herausführen aus Euren Gräbern als mein Volk und Euch führen in das Land Israel, und Ihr werdet erkennen, dass ich, der Herr, Eure Gräber geöffnet und Euch hinausgeführt habe aus Euren Gräbern, mein Volk; und ich will Euch den Geist geben und Ihr werdet leben und ruhen in Eurem Lande und erkennen, dass ich, der Herr, geredet und es gethan habe, spricht der Herr." 111)
30. Ich weiss wohl, wie sie diese Ankündigung durchstöbern, um eine Allegorie herauszuklügeln. Sie sagen: Weil jene Gebeine das ganze Haus Israel sind, so hat er sie zu einem Bilde Israels gemacht und sie ihres eigentümlichen Charakters entkleidet, und so habe man eine bloss figürliche, keine reale Verkündigung der Auferstehung vor sich. Der jüdische Staat gerate nämlich in Verfall, sei wie tot, vertrocknet und werde über das Feld des Erdkreises verstreut. Darum sei auch das Bild von der Auferstehung eine Allegorie auf ihn; denn es finde eine |458 Wiederansammlung und eine Wiederbefestigung von Gebein an Gebein statt, d. h. von Stamm an Stamm und von Volk an Volk, und sie würden wieder als Körper hergestellt vermittelst des Fleisches des Reichtums und der Sehnen der Königsherrschaft; so aus den Gräbern, d. h. aus den so traurigen und trübseligen Verbannungsörtern, herausgeführt, kämen sie zum Zwecke des Trostes wieder zu sich und würden von da an in ihrem Lande Judäa leben. ---- Und was danach? Ohne Zweifel werden sie sterben. Und was nach dem Tode? Dann gibt es vermutlich keine Auferweckung, wenn es nicht eben die ist, welche dem Ezechiel geoffenbart wurde.
Allein es wird auch anderwärts sonst noch eine Auferstehung verkündigt; folglich wird es diese sein, und es ist vergebens, sie auf den Zustand des jüdischen Staates umzudeuten. Ist es aber eine andere als die, welche wir verteidigen, so ist mir auch weiter nichts daran gelegen, wenn es nur eine Auferstehung der Körper ist so gut wie des jüdischen Staates. Dadurch endlich, dass die Wiedererweckung des jüdischen Staates durch eine Wiedereinkörperung und Wiedervereinigung von Gebeinen versinnbildet ist, wird bewiesen, dass eben dasselbe sich mit den Gebeinen auch ereignen werde. Denn obschon im Bilde nur eine Fiktion der Realität liegt, so hat doch das Bild selbst seine eigene Realität für sich. Es muss vorerst denn doch für sich bestehen, um etwas anderem angepasst werden zu können. Eine aus Wesenlosem entnommene Ähnlichkeit hat keinen Sinn, eine auf nichts basirte Gleichnisrede lässt keine Anwendung zu. So wird es denn nötig sein, auch hinsichtlich der Gebeine anzunehmen, dass sie wieder mit Eingeweiden und Atmungsorganen, wie angegeben, versehen werden, welchem Vorgänge entsprechend dann die Wiederherstellung des jüdischen Staates ausgemalt werden kann, wie sie ihm angedichtet wird.
Doch es entspricht der Frömmigkeit mehr, auf Grund des Ansehens des buchstäblichen Verständnisses die Wirklichkeit zu verteidigen, wie es der Sinn der göttlichen Kundgebung verlangt. Denn wenn sich diese Vision auf den jüdischen Staat bezöge, so hätte Gott sogleich nach enthülltem Anblick der Lage der Gebeine hinzugesetzt: "Alle diese Gebeine sind das ganze Haus Israel" und so weiter. Aber da er, nachdem er die Knochen gezeigt hat, erst noch von der besondern Hoffnung derselben redet, ohne Israel zu nennen, und den Glauben des Propheten auf die Probe stellt: "Menschensohn, werden diese Gebeine wohl leben?"', so dass jener erst antwortete: "Herr, Du weisst es", so würde Gott wahrhaftig den Glauben des Propheten doch nicht mit einer Sache auf die Probe gestellt haben, welche sich niemals zutragen sollte, wovon Israel niemals hören würde, die es nicht zu glauben brauchte. Weil jedoch die Auferstehung der Toten allerdings verkündigt wurde, Israel aber, seiner Ungläubigkeit entsprechend, zweifelte und Ärgernis nahm und bei dem Anblicke des sich lange hinziehenden |459 Zustandes des Begrabenseins an der Auferstehung verzweifelte oder doch wenigstens den Sinn nicht sowohl auf sie richtete als auf seine Notlage deshalb eben hat Gott den Propheten, insofern er selber auch schwankend war, vorerst zur Standhaftigkeit in der Verkündigung befähigt, indem er ihm den Hergang der Auferstehung offenbarte. Auch befahl er dem Volke, zu glauben, was er dem Propheten geoffenbart hatte, indem er sich des Ausdrucks bediente, die Gebeine, die da auferstehen sollten, aeien das Volk selbst, es, das an die Auferstehung nicht glaubte. So sagt er auch am Schluss: "Und Ihr werdet erkennen, dass ich, der Herr, es gesagt habe und thun werde"; er wollte nämlich thun, was er gesagt hatte, würde aber nicht thun, was er gesagt hatte, wenn er es in anderere Weise ausführt, als er gesagt hat.
31. Wenn das Volk nur allegorisch darüber gemurrt hätte, 112) dass sein Mark aufgezehrt und seine Hoffnung verloren sei, sich über das Schicksal der Zerstreuung beklagend, dann würde Gott allerdings mit Recht eine solche figürliche Hoffnungslosigkeit auch durch eine bloss figürliche Versprechung trösten. Aber da das Unglück des Zerstreutseins das Volk noch nicht getroffen hatte, die Hoffnung der Auferstehung dagegen bei ihm sehr oft gesunken war, so hat Gott in der Weise, wie 113) es das Vertrauen darauf aus Anlass des Vergehens der Leiber offenbar erschütterte, diesen Glauben, den das Volk zerstörte, in entsprechender Weise wieder aufgerichtet. Auch wenn irgend ein niederschlagendes Zeitereignis Israel in jenem Augenblicke mit Betrübnis erfüllt hätte, so wäre darum doch der Inhalt jener Vision nicht als eine blosse Parabel zu nehmen, sondern als ein Zeugnis der Auferstehung, um es wieder zu jener Hoffnung aufzurichten, nämlich zur Hoffnung auf das ewige Heil und eine noch notwendigere Auferstehung, und um es vom Anblicke der gegenwärtigen Zustände abzulenken.
Diesen Zweck haben auch andere Propheten: "Ihr werdet aus den Gräbern hervorgehen wie die Kälber, wenn sie von den Banden befreit sind, und Eure Feinde unter die Füsse treten." 114) Und wiederum: "Euer Herz wird sich freuen und Eure Gebeine aufkeimen wie ein Kraut", 115) weil auch das Kraut aus der Auflösung und Verwesung des Samenkorns wieder ersteht.
In Summa, wenn