Previous PageTable Of ContentsNext Page


 |s33/379 

APOLOGETIKUM
ODER VERTEIDIGUNG DER CHRISTLICHEN 
RELIGION UND IHRER ANHÄNGER.

[Übersetzt von Dr. K. A. Heinrich Kellner]

[Wenn Sie einen Fehler finden, senden Sie mir bitte eine Email.]

198 n. Chr.

Inhalt:

1. Kap. Unkenntnis des Christentums ist die Ursache, warum es gehaßt und verfolgt wird.

2. Kap. Das von den Obrigkeiten gegen die Christen eingehaltene Verfahren verstößt gegen die Prozeßordnung und die Rechtsprinzipien.

3. Kap. Von dem allgemeinen Hasse gegen den Namen „Christ" vermögen sich die Heiden selbst keinen vernünftigen Grund anzugeben.

4. Kap. Ob das Bestehen der christlichen Religion gegen die Staatsgesetze sei. Der Wert oder Unwert menschlicher Gesetze hängt von ihrer Zweckmäßigkeit und Moralität ab.

5. Kap. Prüfung der Gesetze gegen die Christen. Der Umstand, daß nur schlechte Kaiser Gesetze gegen die Christen erließen, erweckt eine ungünstige Meinung über deren Wert.

6. Kap. Geschichte und eigene Erfahrung lehren, daß Gesetze auch aufgehoben werden können und oft aufgehoben worden sind.

7. Kap. Daß bei den Christen thyesteische Mahlzeiten und Blutschande geübt werden, ist noch niemals nachgewiesen worden, sondern reine Erfindung der Fama.

8. Kap. Diese Anschuldigungen sind auch in sich unsinnig.

9. Kap. Bei den Heiden dagegen werden Dinge, wie man sie den Christen aufbürdet, tatsächlich geübt. 

10. Kap. Warum die Christen an der Verehrung der heidnischen Götter nicht teilnehmen wollen. Dieselben sind bloße vergötterte Menschen. |s34/380

11. Kap. Logische und physische Unmöglichkeit des Entstehens von Nebengöttern.

12. Kap. Die sogenannten Götter der Heiden sind verstorbene Menschen und ihre Bilder bloße Materie.

13. Kap. Dafür spricht auch deren Behandlung seitens ihrer Verehrer selbst und die Art der Verehrung.

14. Kap. Die verschiedenen Zweige der Literatur haben das gemein, daß sie vieles Unwürdige von diesen Göttern enthalten.

15. Kap. In den Theatern werden sie öffentlich beschimpft und verlacht und sogar in ihren Tempeln verunehrt und mißachtet.

16. Kap. Die Vulgärvorstellungen der Heiden über den Gott der Christen. Was der Christengott nicht ist.

17. Kap. Die Christen verehren den Schöpfer der Welt als den einzig wahren Gott. Auch die Heiden huldigen ihm manchmal unwillkürlich.

18. Kap. Gott hat sich geoffenbart. Die Hl. Schrift.

19. Kap. Die Schriften des Moses und ihr hohes Alter.

20. Kap. Erhabenheit und Glaubwürdigkeit der Hl. Schrift.

21. Kap. Der Zusammenhang des Christentums mit dem Judentum. Der Logos, seine Gottheit, Menschwerdung, Geburt, Leben, Wunder, Leiden, Sterben, Auferstehung und Himmelfahrt.

22. Kap. Über die Natur der Dämonen.

23. Kap. Die Vermutung, daß die Dämonen, deren Dasein auch die Heiden anerkennen, mit den sogenannten Göttern identisch seien, wird durch Tatsachen bestätigt. Die Macht des Namens Christi und des Exorzismus über sie.

24. Kap. Da die heidnischen Götter keine Götter sind, so beschuldigt man die Christen, wenn sie dieselben nicht verehren, mit Unrecht des Atheismus; man muß ihnen vielmehr die Religionsfreiheit gewähren, deren sich im römischen Reiche die Kulte anderer Völker tatsächlich erfreuen.

25. Kap. Daß die Römer die Herrschaft über den |s35/381 Erdkreis der eifrigen Verehrung ihrer Götter zu danken haben, ist ein Irrtum.

26. Kap. Der wahre Gott allein verleiht die Weltherrschaft nach seinem Wohlgefallen, wem er will.

27. Kap. Wenn die Christen sich dem Ansinnen der Heiden, den Göttern zu opfern, nicht fügen, so ist das kein bloßer Eigensinn. Denn diese Opfer beziehen sich in letzter Instanz immer auf die bösen Dämonen.

28. Kap. Selbst in dem Falle, daß nur verlangt wird, für das Wohlergehen des Kaisers den Göttern zu opfern, darf man es nicht.

29. Kap. Die vermeintlichen Götter sind nicht imstande, den Kaisern etwas zu nützen; sie sind ganz ohnmächtig.

30. Kap. Die Weigerung, für das Wohl der Kaiser den Göttern zu opfern, kann keine Majestätsbeleidigung sein; denn die Christen beten statt dessen für die Kaiser zum wahren Gott.

31. Kap. Dieses wird den Christen schon in ihren hl. Schriften befohlen.

32. Kap. Die Christen wünschen den Bestand des römischen Reiches und schwören beim Wohlergehen des Kaisers.

33. Kap. Wenn sie den Kaiser nicht als ein götttliches Wesen ansehen und ihn nicht „Gott" titulieren, so achten und lieben sie ihn darum doch, und gerade erst in der rechten Weise.

34. Kap. Fortsetzung.

35. Kap. Auffallender Eifer, den Kaisern solche sinnlose und schädliche Ehrenbezeigungen zu erweisen, ist noch nicht einmal ein sicherer Beweis treuer und loyaler Gesinnung.

36. Kap. Auch ist die Pflicht der Nächstenliebe für den Christen eine allgemeine, von der niemand auszuschließen ist, am wenigsten der Kaiser.

37. Kap. Ein Beweis der Treue der Christen ist es, daß sie, obwohl eine so zahlreiche Partei, doch nicht gegen ihre Unterdrücker die Waffen ergreifen oder in Masse auswandern. |s36/382 

38. Kap. Daß man den Christenbund unter die staatlich unerlaubten Faktionen rechnet, ist nicht motiviert.

39. Kap. Näherer Nachweis dessen aus den Zusammenkünften, Gottesdiensten, Einrichtungen und der Organisation der christlichen Genossenschaft.

40. Kap. Daß die allgemeinen Kalamitäten und Notstände von den Göttern aus Zorn wegen der Christen gesendet würden, ist ein bloßer Wahn, wie schon die Geschichte zeigt. Schuld daran ist in Wirklichkeit die allgemeine Sündhaftigkeit, besonders der Heiden. Den Christen hat man es zu danken, daß es nicht noch schlimmer geht.

41. Kap. Daß die Christen dabei mitbetroffen werden, liegt an der gegenwärtigen Weltordnung, die Gott nicht zugunsten der Guten umstößt.

42. Kap. Die Klage, daß die Christen nichts zum gemeinen Besten beitrügen und unnütze Mitglieder der menschlichen Gesellschaft seien, ist grundlos.

43. Kap. Fortsetzung.

44. Kap. Unter den Christen findet man keine Verbrecher.

45. Kap. Das Christentum enthält für seine Anhänger eine moralische Nötigung zum tugendhaften Verhalten.

46. Kap. Das Christentum ist nicht etwa nur eine neue Art philosophischer Lehre, sondern etwas Göttliches und steht hoch über jeder Philosophie.

47. Kap. Viele philosophische Ansichten sind weiter nichts als verderbte und verunstaltete Offenbarungslehren.

48. Kap. Kurze Verteidigung der Lehre von der Auferstehung.

49. Kap. Wenn man die Lehren des Christentums auch nicht billigt, so hat man doch keinesfalls Ursache, die Christen zu verfolgen, sondern müßte es so gut dulden als jede philosophische Sekte.

50. Kap. Die Philosophen werden von den Christen an Standhaftigkeit übertroffen. Lob und Würde des Martyriums. |s37/383 

1. Ihr Spitzen der römischen Reichsregierung, die ihr an augenfälliger und erhabenster Stelle, sozusagen auf dem höchsten Punkte der Stadt den Vorsitz führt, um Recht zu sprechen, -- wenn es euch nicht verstattet ist, offen zu untersuchen und vor aller Augen zu prüfen, was an der Sache der Christen Gewisses sei, -- wenn eure Würde bei diesem einen Rechtsfalle allein vor einer sorgfältigen öffentlichen Rechtspflege zurückschreckt oder sich der Untersuchung schämt, -- wenn endlich, wie kürzlich geschehen, bei den geheimen Prozessen im Palast1) die allzusehr beschäftigte Feindschaft gegen diese Genossenschaft der Verteidigung den Mund verschließt, -- so möge es der Wahrheit vergönnt sein, wenigstens auf dem verborgenen Wege stummer Schriften zu euren Ohren zu gelangen. Sie sucht nicht durch Bitten ihre Sache zu bessern, weil sie über ihre Lage nicht einmal verwundert ist. Sie weiß wohl, daß sie als Fremdling auf Erden weilt und unter Fremden leicht Feinde findet, daß sie im übrigen aber ihre Herkunft, Heimat, Hoffnung, ihren Lohn und ihre Würde im Himmel hat. Eins nur wünscht sie für jetzt: nicht ungekannt verdammt zu werden. Was können denn hierdurch2) die Gesetze, die in ihrem eigenen Gebiete herrschen, verlieren, wenn sie Gehör erhält? Wird etwa deren Macht dadurch in höherem Glänze erstrahlen, daß man die Wahrheit sogar unverhört3) verurteilt? Wenn man sie übrigens unverhört |s38/384 verdammt, so wird man neben der Gehässigkeit dieses ungerechten Verfahrens sich auch noch den Verdacht zuziehen, von der Sache doch eine gewisse Kenntnis zu besitzen4), indem man nicht anhören will, was angehört man nicht verurteilen könnte.

So legen wir euch denn als ersten Beschwerdepunkt vor: den ungerechten Haß gegen den Namen „Christ". Diese Ungerechtigkeit wird durch eben denselben Titel erschwert und bewiesen, der sie zu entschuldigen scheint, nämlich durch die Unkenntnis. Denn was ist ungerechter als hassen, was man nicht kennt, gesetzt auch, es verdiente Haß? Eine Sache verdient erst dann Haß, wenn man erkennt, ob sie ihn verdient. Fehlt die Erkenntnis, ob der Haß ein verdienter sei, womit wird dann die Gerechtigkeit des Hasses dargetan? Dieselbe ist ja doch nicht aus dem Ausgang, sondern aus der genauen Kenntnis der Sache zu erweisen. Wenn man also deswegen haßt, weil man nicht weiß, wie der Gegenstand, den man haßt, beschaffen ist, warum sollte er denn nicht so beschaffen sein können, daß man ihn nicht hassen darf?! So überführen wir sie des einen durch das andere, daß sie in Unkenntnis sind, wenn sie Haß hegen, als auch, daß ihr Haß ein ungerechter sei, wenn sie sich in Unkenntnis der Sache befinden. Beweis für ihre Unkenntnis, durch welche die Ungerechtigkeit, wenn sie sich damit entschuldigt, erst recht verdammlich wird, ist der Umstand, daß alle, die ehedem, weil sie in Unkenntnis waren, sich dem Hasse überließen, aufhören zu hassen, sobald ihre Unwissenheit aufhört. Aus solchen werden die Christen, sicherlich nach genauer Prüfung, und sie fangen an zu hassen, was sie |s39/385 früher waren, und zu bekennen, was sie haßten, und ihre Zahl ist gerade so groß, als, was ihr mit Unwillen bemerkt, groß unsere Zahl ist5). Die Stadt, schreit man, sei ganz damit erfüllt, auf dem Lande, in den Burgflecken, auf den Inseln seien Christen, man beklagt es als einen Nachteil, daß Leute jeden Geschlechts, jeden Alters und Standes, ja sogar Leute von Rang zu diesem Bekenntnis übergehen. Und doch erhebt man sich infolgedessen auch nicht einmal dazu, in ihm irgendeinen verborgenen Vorzug zu vermuten. Man darf nicht richtiger denken, man darf es nicht näher erforschen; hier allein bleibt der Wissenstrieb der Menschen untätig; man gefällt sich darin, unwissend zu bleiben, während andere sich der gewonnenen Erkenntnis freuen. Um wieviel mehr hätte Anacharsis6) diese gebrandmarkt, weil sie als Unkundige über Kundige zu Gericht sitzen wollen. Sie wollen lieber in Unkenntnis verharren, weil sie schon von Haß erfüllt sind. Somit sprechen sie im voraus das Urteil aus7), die Sache sei derart, daß sie, wenn |s40/386 sie sie kennten, sie sie nicht zu hassen vermöchten, weil, wenn kein Grund für den Haß gefunden wird, es dann, jedenfalls das beste ist, den ungerechten Haß aufzugeben, wenn aber die Schuld ausgemacht ist, dann der Haß nicht nur nichts verliert, sondern dazu noch zu seiner Fortdauer der Ruhm der Gerechtigkeit erworbenwird8).

Doch, sagt man, eine Sache wird noch nicht deswegen im voraus als gut beurteilt, weil sie Anziehungskraft für die Leute besitzt; denn wie viele lassen sich zum Schlechten verbilden, wie viele laufen der Verkehrtheit in die Arme! -- Wer kann das leugnen? Allein, was wirklich schlecht ist, das wagen auch nicht einmal diejenigen, welche sich haben anlocken lassen, als gut zu verteidigen. Alles Schlechte hat die Natur mit Furcht und Scham übergössen. So wünschen z. B. die Übeltäter, verborgen zu bleiben, sie meiden die Augen der Leute, sie zittern bei ihrer Ergreifung, leugnen bei der Anschuldigung, bekennen nicht einmal auf der Folter leicht und jedesmal, sie trauern sicherlich bei ihrer Verurteilung, sie durchgehen unter Vorwürfen gegen sich selbst ihr früheres Leben, die moralische Schwäche ihres verderbten Charakters schreiben sie dem Fatum oder den Sternen zu9). Denn sie wollen nicht, daß ihnen angehöre, was sie als schlecht erkennen. Beim Christen aber findet sich nichts Ähnliches. Keiner von ihnen empfindet Scham, keiner Reue, als darüber, nicht schon früher Christ geworden zu sein. Wenn er angezeigt wird, rühmt er sich; wenn er angeklagt wird, verteidigt er sich nicht; wenn er verhört wird, bekennt er |s41/387 von selbst; wenn er verurteilt wird, dankt er. Was kann« da Böses sein, wo die natürlichen Kennzeichen des Bösen fehlen? Furcht, Scham, Leugnen, Reue und Trauer? Ist das etwas Böses, worüber der Angeklagte sich freut? Wo angeklagt zu werden Gegenstand des Verlangens ist und die Verurteilung als Sieg10) gilt? Du darfst das nicht Wahnsinn nennen, was nicht zu kennen du überführt bist.

2. Wenn es gewiß ist, daß wir so große Verbrecher sind, warum werden wir von euch anders behandelt als unseresgleichen, die übrigen Verbrecher? Es müßte bei gleicher Schuldbarkeit doch auch die gleiche Behandlung eintreten. Mögen wir nun auch immer gehalten werden, wofür man will -- wenn andere dafür gehalten werden, so bedienen sie sich der eigenen und bezahlten Verteidigungsrede, um ihre Unschuld zu beweisen; sie dürfen sich verantworten und für ihre Sache streiten, weil es ja durchaus nicht erlaubt ist, jemanden ohne Verteidigung und Verhör zu verurteilen. Den Christen allein erlaubt man nicht, die Aussagen zu machen, wodurch ihre Sache entlastet, die Wahrheit verteidigt und es dem Richter möglich gemacht wird, nicht ungerecht zu sein, sondern man wartet einzig auf das, was der allgemeine Haß für allein wesentlich hält, nämlich nicht auf die Untersuchung über das Verbrechen, sondern auf das Bekenntnis zu jenem Namen. Wenn ihr hingegen über irgendeinen Verbrecher zu erkennen habt, mag er sich auch -- um bei unsern Titulaturen zu bleiben -- zu der Schuldbezeichnung: Mörder, Religionsverbrecher, Blutschänder oder Hochverräter bekannt haben, so begenügt ihr euch nicht damit und sprecht ohne weiteres das Urteil, sondern ihr forscht auch nach den damit zusammenhängenden Dingen, nach der Beschaffenheit der Tat, nach Zahl, Ort, Zeit, Mitwissern und Mitschuldigen. In Betreff unser findet nichts derart statt, obwohl man bei den gegen uns erhobenen falschen Anschuldigungen es gerade so gut herauspressen müßte, wieviel Kindsmorde ein jeder schon hinuntergeschlungen habe, wie viele Mal er zur Blutschande dunkel gemacht, wer als |s42/388 Koch und welche Hunde dabei gewesen seien. Welcher Ruhm wäre es für einen Präsidenten, einen ausfindig gemacht zu haben, der schon hundert Kinder gefressen hätte!

Im Gegenteil, wir finden, daß sogar das Nachforschen nach uns verboten ist. Als nämlich Plinius Se-cundus seine Provinz verwaltete und einige Christen verurteilt hatte, andere aber zu Falle gekommen waren11), fragte er, durch ihre Menge in Verlegenheit gesetzt, beim Kaiser Trajan an, was er in Zukunft tun solle, indem er beifügte, daß er außer dem Eigensinn, nicht opfern zu wollen, in Betreff ihres Religionswesens12) weiter nichts habe in Erfahrung bringen können, als Versammlungen, die zur Zeit der Morgendämmerung gehalten würden zu dem Zwecke, Christus als Gott Lob zu singen und die gemeinsame Sittenzucht zu befestigen, zufolge welcher Mord, Ehebruch, Betrug, Verrat und sonstige Verbrechen verboten seien. Da schrieb Trajan zurück, diese Art Leute sei nicht aufzusuchen, aber wenn sie angezeigt würden, zu bestrafen. Eine Entscheidung, die unvermeidlich verworren ausfallen mußte! Er sagt, wie bei Unschuldigen, man solle nicht auf sie fahnden, und befiehlt, sie doch, gleich Schuldigen, zu bestrafen! Er schont und wütet, er vertuscht und straft! Warum, o Zensur, umgarnst du dich selbst?13) Wenn du verdammst, warum läßest du nicht auch fahnden? Wenn du nicht fahnden läßest, warum sprichst du nicht auch frei? Zur Aufsuchung der Räuber wird in allen Provinzen eine Abteilung Soldaten beordert, gegen Majestätsverbrecher und Hochverräter wird jedermann zum Soldaten, bis auf die Helfer und Mitwisser wird die Nachsuchung ausgedehnt. Den Christen allein darf man nicht aufsuchen, wohl aber denunzieren, als ob die Aufsuchung etwas anderes bezweckte, als vor Gericht zu |s43/389 stellen. Ihr verurteilt also den Denunzierten, den doch niemand aufgesucht wissen wollte. Die Strafe also, so muß ich denken, hat er nicht deswegen verdient, weil er schuldig ist, sondern weil er als ein solcher erfunden wurde, auf den man nicht fahnden darf14).

Aber auch in dem Punkte behandelt ihr uns nicht nach den Formalitäten des Kriminalprozesses, daß ihr bei andern Verbrechern, wenn sie leugnen, die Folter anwendet, um sie zum Geständnis zu bringen, bei den Christen allein aber dazu, damit sie leugnen. Und doch, läge ein Verbrechen vor, so würden wir ganz gewiß uns aufs Leugnen verlegen, ihr aber würdet bemüht sein, uns durch die Folter zum Geständnis zu bringen. Denn ihr könnt unmöglich der Ansicht sein, von dem peinlichen Verfahren zur Ermittlung der Verbrechen sei deshalb abzusehen, weil ihr der festen Überzeugung seid, daß sie infolge des Bekennens zu diesem Namen begangen werden, da ihr doch aus einem Mörder, der bekannt hat, obwohl ihr recht gut wisset, was ein Mord ist, trotzdem jeden Tag auch noch den Hergang des Verbrechens herauszubringen sucht. Um wieviel ungerechter handelt ihr nun, wenn ihr uns, bei denen ihr schon infolge des Bekennens zu jenem Namen das Vorhandensein von Verbrechen voraussetzt, durch die Folter zwingen wollt, von dem Bekenntnis abzulassen und so mit Verleugnung des Namens in gleicher Weise auch die Verbrechen abzuleugnen, die ihr wegen des bloßen Bekenntnisses zu jenem Namen schon als vorhanden voraussetztet.

Aber vielleicht, dünkt mich, ist es nicht euer Wille, daß wir, die ihr für die schlechtesten Menschen haltet, umkommen. Denn so pflegt ihr zum Mörder zu sagen: „Leugne", vom Religionsverbrecher, er müsse zerfleischt werden, wenn er bei dem Bekenntnis verharrt15). Wenn ihr an Verbrechern nicht in dieser Weise handelt, so gebt ihr uns damit die Erklärung, daß wir unschuldig sind. Denn wie bei ganz Unschuldigen wollt ihr nicht, daß |s44/390 wir in einem Bekenntnis verharren, welches ihr nicht aus gerechten Ursachen, sondern nur notgedrungen verurteilen zu müssen glaubt. Es ruft jemand aus: „Ich bin ein Christ!" Er sagt, was er ist. Du -- willst hören, was er nicht ist. Ihr, die ihr als Vorsitzende bestellt seid, um die Wahrheit herauszubringen, von uns allein bemüht ihr euch Lügen zu hören. „Ich bin", sagt jener, „das, wovon du erforschen willst, ob ich es bin. Was folterst du mich ungerechter Weise?16) Ich bekenne und du folterst mich?! Was hättest du also getan, wenn ich geleugnet hätte?" Fürwahr! Wenn andere leugnen, so messet ihr ihnen nicht leicht Glauben bei; -- uns glaubt ihr, wenn wir geleugnet haben, sogleich.

Es sollte euch bei diesem völlig ungerechten Verfahren der Verdacht aufsteigen, ob nicht im geheimen irgendeine Macht17) verborgen liege, die euch gegen alle Form, gegen das Wesen des Gerichtsverfahrens, ja gegen die Gesetze selbst zu handeln treibt. Wenn ich nicht irre, so befehlen die Gesetze, die Übeltäter ans Licht zu bringen, nicht sie versteckt zu halten, und schreiben vor, die Geständigen zu bestrafen, nicht aber sie freizusprechen. Dies bestimmen die Senatsbeschlüsse, dies die Verordnungen der Kaiser. Unser Staatswesen, dessen Diener ihr seid, ist eine zivilisierte Regierungsform, keine Tyrannenherrschaft. Denn bei den Tyrannen wurde die Folter auch als Strafe angewandt, bei uns18) ist ihre Anwendung auf das Verhör beschränkt. Beobachtet nur in Bezug auf sie19) eure eigene, gesetzliche Vorschrift, wonach sie nur bis zum Geständnis notwendig ist. Kommt das Geständnis ihr zuvor, so wird sie unterbleiben; dann ist die Sentenz am Platze. An dem Schuldigen muß die verdiente Strafe vollzogen, er darf derselben nicht entzogen werden. Überhaupt wünscht |s45/391 niemand dessen Freisprechung; es ist nicht einmal erlaubt, sie zu wünschen. Deshalb wird auch niemand zum Ableugnen gezwungen. Den Christen aber hält man für einen Menschen, der sämtlicher Verbrechen schuldig ist, für einen Feind der Götter, Kaiser, Gesetze, Sitten, ja der ganzen Natur und -- man zwingt ihn zu leugnen, um ihn dann frei zu sprechen, ihn, den man nicht würde freisprechen können, außer wenn er geleugnet hat! Man setzt sich über die Gesetze hinweg. Man will, daß er seine Schuld leugne, um ihn schuldlos zu machen, und zwar gegen seinen Willen und sogar auch noch hinsichtlich der Vergangenheit! Woher kommt eine solche große Verkehrtheit, daß ihr nicht einmal das bedenket, einem, der freiwillig bekennt, sei eher zu glauben, als einem, der gezwungen leugnet, und nicht befürchtet, ob nicht etwa, wer gezwungen ableugnet, ohne Überzeugung ableugne, freigesprochen auf der Stelle nach eurer Gerichtssitzung sich über euren Haß lustig macht und wieder Christ ist?

Da ihr mit uns also in allen Stücken anders verfahrt als mit den übrigen Verbrechern und nur das eine anstrebt, daß wir jenes Namens verlustig werden -- wir gehen desselben nämlich verlustig, wenn wir tun, was die Nichtchristen tun --, so könnt ihr daraus ersehen, daß kein Verbrechen zum Prozeß steht, sondern es sich um einen Namen handelt, welcher verfolgt wird durch ein gewisses, ihm feindselig entgegenwirkendes Prinzip20), das in erster Linie das bezweckt, daß die Leute nicht den Willen haben möchten, mit Gewißheit etwas zu erkennen, wovon sie mit Gewißheit erkennen, daß sie es nicht kennen. Daher glauben sie auch in Betreff unser Dinge, die nicht bewiesen werden, wollen von einer Nachforschung nichts wissen, damit nicht bewiesen werde, daß die Dinge gar nicht existieren, welche sie für glaublich zu halten belieben, und so wird der jener feindseligen Macht so verhaßte Name auf bloß |s46/392 angenommene, nicht bewiesene Anschuldigungen hin, auf das bloße Bekennen zu ihm verurteilt. Deshalb werden wir gefoltert, obwohl wir bekennen, bestraft, wenn wir verharren, und freigesprochen, wenn wir ableugnen, weil es ein „Krieg gegen den Namen" ist. Zum Schluß endlich21), weshalb laßt ihr von der Schuldtafel ablesen22), der N. N. sei ein Christ? Warum nicht auch, er sei ein Mörder, wenn der Christ ein Mörder ist? Warum nicht auch, er sei ein Blutschänder und das, was ihr sonst von uns noch glaubt? Bei uns allein schämet und scheut ihr euch, die Verbrechen mit ihrem Namen (im Schuldprotokoll) öffentlich bekannt zu machen. Wenn das Wort „Christ" kein Name für irgendein Verbrechen ist, so ist es höchst albern, wenn es „das Verbrechen des bloßen Namens" ist23).

3. Was soll man dazu sagen, daß manche so mit geschlossenen Augen in den Haß gegen diesen Namen hineinrennen, daß sie, auch wenn sie jemand ein gutes Zeugnis geben, als Vorwurf beifügen, daß er ihn trägt? „Cajus Sejus ist ein braver Mann, nur daß er ein Christ ist." Ähnlich ein anderer: „Ich wundere mich, daß Lucius Titius, der doch ein verständiger Mann ist, auf |s47/393 einmal Christ geworden ist!" Niemandem kommt das Bedenken, ob nicht Cajus etwa gerade deshalb brav und Lucius deshalb klug ist, weil er ein Christ, oder deshalb Christ, weil er gut und klug ist. Man lobt, was man kennt, und tadelt, was man nicht kennt, und zieht gegen das, was man kennt, los mit dem, was man nicht kennt, da es doch gerechter wäre, ein Urteil über geheime Dinge auf Grund von offenkundigen zu fällen, als offenkundige Dinge im voraus zu verdammen auf Grund von etwas Unbekanntem. Andere brandmarken die, welche sie früher vor der Annahme dieses Namens als unstete, gemeine, gottlose Menschen kannten, durch denselben Namen, durch den sie sie loben24); in blindem Hasse verfallen sie auf das Urteil: „Dieses Weib da! Wie |s48/394 ausgelassen, wie vergnügungssüchtig war sie! Dieser Jüngling da! Wie ausschweifend, wie verbuhlt war er! Sie sind Christen geworden." So wird ihrer Besserung der Name als eine Schuld zugerechnet. Manche verkaufen sich sogar diesem Hasse auf Kosten ihres eigenen Nutzens und lassen sich den Schaden gern gefallen, wenn sie das nur nicht im Hause haben, was sie hassen. Der Ehemann, der jetzt nicht mehr eifersüchtig zu sein braucht, verstößt seine nunmehr züchtig gewordene Gattin, der früher so geduldige Vater enterbt einen nunmehr gehorsamen Sohn, der früher so nachsichtige Herr verweist den nun treu gewordenen Sklaven von seinem Angesicht. Sobald sich jemand unter dieser Bezeichnung bessert, stößt er an. So hohen Wert hat kein Gut -- es wird aufgewogen durch den Haß gegen die Christen.

Wenn es also nun der Haß gegen den Namen ist, welche Schuld können denn Namen haben, wessen können Worte angeklagt werden? Höchstens, daß der Klang eines Namens barbarisch sei oder Unglück verkündend laute, eine Verwünschung enthalte oder schamlos sei. Der Name Christ aber wird, was seine Etymologie angeht, von Salben hergeleitet. Und auch, wenn er von euch falsch Chrestianus ausgesprochen wird -- denn selbst den Namen kennt ihr noch nicht einmal genau --, so schließt er den Begriff Milde und Güte in sich25). Man haßt also an ganz schuldlosen Menschen auch noch einen ganz unschuldigen Namen, Aber, so erwidert ihr26), die Genossenschaft wird gehaßt, |s49/395 natürlich in dem Namen ihres Stifters. -- Ist das denn etwas Neues, wenn eine Lehre ihren Anhängern eine vom Lehrer hergenommene Benennung beilegt? Nennen sich nicht die Philosophen nach ihren Häuptern Platoniker, Epikuräer, Pythagoräer, oder sogar von ihren Versammlungs- und Standorten Stoiker und Akademiker? Nicht auch die Ärzte nach Erasistratus, die Grammatiker nach Aristarchus und sogar die Köche nach Apicius? Und doch stößt sich niemand an dem Bekenntnis zu einem Namen, der sich mitsamt der Institution vom Urheber herschreibt. Allerdings, wenn jemand nachweist, daß der Stifter schlecht und die Genossenschaft schlecht ist, so weist er auch die Schlechtigkeit und Hassenswürdig-keit des Namens damit nach, infolge des schlechten Charakters der Schule und des Stifters. Und daher hätte es sich gehört, bevor man den Namen verabscheut, den Charakter der Schule an ihrem Urheber oder den Charakter ihres Urhebers an der Schule zu prüfen. Nun aber wird ohne Untersuchung und Erkenntnis beider der Name festgenommen, der Name bekämpft, und für die noch unbekannte Schule wie den noch unbekannten Stifter liegt schon in dem bloßen Worte zum voraus eine Verurteilung, bloß weil sie so genannt, nicht weil sie überführt werden.

4. Nachdem ich somit dies, um die Ungerechtigkeit des öffentlichen Hasses gegen uns zu brandmarken, gleichsam als Vorrede vorausgeschickt habe, will ich nunmehr für unsere Unschuld den Beweis antreten, und zwar werde ich nicht bloß widerlegen, was uns vorgeworfen wird, sondern es auch auf die zurückschleudern, welche es uns vorwerfen, damit die Leute auch daraus erkennen, daß bei den Christen sich nicht findet, was sich bei ihnen selbst, nicht ohne ihr Wissen27), wirklich |s50/396 findet, und damit sie zugleich darüber erröten, daß sie als ganz schlechte Menschen anklagen, ich will nicht sagen die besten, sondern ihresgleichen, wie sie es haben wollen. Wir werden im einzelnen auf das antworten, was wir im geheimen verüben sollen, und was man als offen verübt28) bei uns findet, worin wir für Verbrecher, und worin wir für Toren, worin wir für strafbare und worin wir für lächerliche Menschen gehalten werden.

Indessen, da der von uns vertretenen Wahrheit, weil sie allen Anklagen zu begegnen weiß, zuletzt die Autorität der Gesetze entgegen gehalten und entweder gesagt wird, nach Erlaß der Gesetze dürfe keine Verhandlung weiter statthaben, oder dem notwendigen Gehorsam müsse selbst wider Willen vor der Wahrheit der Vorzug eingeräumt werden, so will ich zuerst in Betreff der Gesetze mit euch, als ihren Schutzherrn, in den Streit eintreten29), Erstens, wenn ihr nach dem Recht30) |s51/397 die Entscheidung fällt und sagt: ,,Es ist euch nicht erlaubt zu existieren", und wenn ihr dies ohne jede weitere Untersuchung, die doch menschenwürdiger wäre, einfach als Präjudiz aufstellt, so proklamiert ihr die Gewalt und eine ungerechte Tyrannenherrschaft, wie von einer Zwingburg herunter, wenn ihr das „Erlaubtsein" (unsere Existenzberechtigung) deshalb verneint, weil ihr es nicht wollt, nicht weil es (moralisch) nicht gestattet werden darf. Gesetzt aber, ihr wolltet es deshalb nicht gestatten, weil es nicht erlaubt werden dürfe, so unterliegt der Grundsatz keinem Zweifel, daß |s52/398 nur das nicht erlaubt werden darf, was schlecht ist, und eben dadurch ist der Schluß auf die Erlaubtheit dessen, was gut ist, gestattet. Wenn ich finde, daß gut ist, was das Gesetz verboten hat, so kann es -- infolge des obigen Schlusses -- mich unmöglich daran hindern, woran es mich von Rechtswegen hindern würde, wenn es etwas Schlechtes wäre. Wenn dein Gesetz geirrt hat, so ist es, meine ich, von einem Menschen verfaßt; es ist ja doch nicht vom Himmel gefallen.

Wundert ihr euch etwa, daß ein Mensch bei Erlaß eines Gesetzes sich habe irren können, oder daß er, wieder zur richtigen Einsicht gekommen, es verworfen habe? Hat nicht die Verbesserung der Gesetze sogar des Lykurg, welche die Lazedämonier vornahmen, ihrem Urheber solchen Schmerz verursacht, daß er in freiwilliger Verbannung sich selbst zum Tothungern verurteilte? Durchwühlet und fället ihr denn nicht, da neue Erfahrungen täglich die Dunkelheiten des Altertums erleuchten, jenen ganzen alten und wuchernden Wald von Gesetzen mit den neuen Äxten kaiserlicher Re-skripte und Edikte? Hat nicht kürzlich der charakterfeste Kaiser Severus die nichtsnutzigen Papischen Gesetze, welche früher Kinder zu haben gebieten, als die Julischen Gesetze zu heiraten vorschreiben, nach so langer Geltung aufgehoben? Doch es war ja früher Gesetz, daß die Verurteilten31) von ihren Gläubigern in Stücke geschnitten wurden, und dennoch wurde später mit allgemeiner Zustimmung diese Grausamkeit abgeschafft und die Todesstrafe in eine Strafe der Infamie verwandelt. Der angewandte Zwangsverkauf der Güter wollte lieber einem Menschen das Blut ins Gesicht treiben, als es vergießen. Wie viele Gesetze, die ihr verbessern müßtet, sind auch jetzt noch unbemerkt vorhanden! Gesetzen nämlich dient weder die Zahl ihrer Jahre, noch die hohe Stellung ihrer Urheber zur Empfehlung, sondern allein die Billigkeit32). Daher werden sie, |s53/399 sobald sie als ungerecht erkannt sind, mit Recht verurteilt, obwohl sie selbst verurteilen. -- Wie wir sie für ungerecht erklären können?! -- Sogar für einfältig, wenn sie nämlich einen bloßen Namen bestrafen; wofern aber Taten, so frage ich, warum bestrafen sie denn an uns auf Grund des bloßen Namens Taten, die sie an ändern nur dann ahnden, wenn sie als wirklich begangen erwiesen sind, nicht wenn sie auf Grund eines Namens als erwiesen angesehen werden? Bin ich ein Blutschänder, warum untersucht man es nicht? Bin ich ein Kindsmorder, warum foltert man mich nicht? Habe ich gegen die Götter oder gegen die Kaiser etwas verbrochen, warum hört man mich nicht an, obwohl ich mich zu verteidigen imstande bin? Kein Gesetz verwehrt, zu untersuchen, was es zu begehen verbietet, weil einerseits kein Richter gerechter Weise straft, wenn er noch nicht erkannt hat, daß etwas Unerlaubtes begangen worden sei, und andererseits kein Bürger dem Gesetze getreulich gehorcht, wenn er nicht weiß, von welcher Art das ist, was das Gesetz ahndet. Kein Gesetz schuldet sich allein das Bewußtsein von seiner Gerechtigkeit, sondern denen, von welchen es Gehorsam erwartet. Übrigens, ein Gesetz ist verdächtig, wenn es sich nicht prüfen lassen will; nichtswürdig aber ist es, wenn es, der Gerechtigkeit nicht würdig befunden33), tyrannisiert.

5. Um über den Ursprung solcher Gesetze etwas beizubringen, so gab es ein altes Dekret, kein Kaiser solle einen Gott einführen außer mit Billigung des Senates. Das hat M. Aemilius erfahren mit seinem Gotte Alburnus34). Es gereicht unserer Sache auch der |s54/400 Umstand, daß bei euch die Gottheit von menschlichem Gutdünken abhängt, zum Vorteil. Wenn der Gott dem Menschen nicht zusagt, so wird er kein Gott. Bald wird der Mensch Gott gnädig sein müssen. Tiberius also, zu dessen Zeit der Christenname in der Welt aufkam, berichtete über die ihm aus dem palästinensischen Syrien überbrachten Tatsachen, durch welche daselbst die Wahrheit in Betreff dieser in Frage stehenden35) Gottheit geoffenbart worden war, an den Senat und gab als erster seine Stimme zu Gunsten derselben ab. Der Senat verwarf sie, weil er sie nicht selbst geprüft hatte; der Kaiser blieb aber bei seiner Meinung und drohte den Anklägern der Christen mit Nachteilen. Befragt eure Archive, dort werdet ihr finden, daß zuerst Nero das kaiserliche Schwert gegen diese Genossenschaft, als sie in Rom auftrat, wüten ließ. Daß ein solcher Mensch mit unserer Verdammung den Anfang machte, ist sogar ein Ruhm für uns. Denn wer ihn kennt, wird zu ermessen imstande sein, daß das, was ein Nero verdammt hat, gewiß nur ein sehr großes Gut sein konnte. Auch Domitian, an Grausamkeit ein halber Nero, versuchte es; aber weil er doch wenigstens noch ein Mensch war, so unterdrückte er schnell das Beginnen und rief sogar die von ihm Verbannten zurück. Solche Menschen waren unsere Verfolger, immer waren es Ungerechte, Ruchlose, Wollüstlinge. Ihr selbst seid gewohnt, sie zu verdammen, und ihr pflegt die von ihnen Verurteilten zu begnadigen. Hingegen zeigt uns aus der langen Reihe ihrer Nachfolger bis auf den heutigen Tag, unter den Kaisern, die in göttlichen und menschlichen Dingen weise waren, auch nur einen einzigen Christenverfolger! Wir aber können sogar unter ihnen einen Beschützer aufweisen, wenn man die Briefe des so würdevollen Kaisers Marc Aurel nachsähe, worin derselbe bezeugt, daß jener bekannte Wassermangel in Germanien durch einen Regen, der vielleicht durch das Gebet der Christen |s55/401 erlangt war, beendigt wurde. Befreite er gleich diese Klasse von Leuten nicht öffentlich von der Strafe, so annullierte er sie doch öffenllich auf andere Weise, indem er auch für die Angeber eine Strafe hinzufügte, und zwar eine schlimmere. Was sind das also für Gesetze, welche bloß die Gottlosen, die Ungerechten, die Schand-menschen, die Toren und Wahnsinnigen gegen uns in Vollzug setzen, welche ein Trajan aber zum Teil umging, indem er das Aufsuchen der Christen verbot, welchen ein Vespasian, obwohl Bezwinger der Juden, ein Hadrian, obwohl sonst ein beflissener Nachspürer aller Dinge, ein Pius, ein Verus keinen Nachdruck gab!36) Schlechte Menschen wären doch sicher eher von den besten, ihren natürlichen Widersachern, als von gleich-gesinnten Genossen zur Ausrottung verurteilt worden.

6. Nun sollten, wünschte ich, diese ehrfurchtsvollen Wächter und Rächer der Gesetze und Einrichtungen der Vorfahren sich ihrerseits hinsichtlich ihrer Treue, ihrer Ehrerbietigkeit und ihres Gehorsams gegen die Beschlüsse der Vorfahren verantworten, ob sie keinen verlassen, ob sie von keinem abgewichen, ob sie nicht gerade die Dinge, die zur Erhaltung der Sittlichkeit notwendig und die geeignetsten waren, aufgehoben haben. Wohin sind denn jene Gesetze gekommen, die den Aufwand und den Ehrgeiz einschränkten, wodurch verordnet wurde, nicht mehr als hundert Aß zu einer Mahlzeit zu verwenden, und auch nicht mehr als eine einzige Henne aufzutragen, und zwar eine ungemästete, wodurch ein Patrizier, weil er zehn Pfund Silbergeschirr gehabt hatte, aus dem Senate ausgestoßen wurde, weil man darin einen großen Schuldtitel des Ehrgeizes erblickte, wonach die Theater, die entstanden, um die Sitten zu korrumpieren, sogleich zerstört wurden, und welche nicht gestatteten, die Abzeichen von Würden und Adel sich vermessen und ungestraft anzumaßen? Denn ich finde, daß diese Hunderter-Gastmähler jetzt diese Benennung bekommen müßten nach den |s56/402 Hunderttausenden von Sesterzen, und daß das Silbermetall zu großen Schüsseln verarbeitet wird nicht für Senatoren -- das wäre noch nichts --, sondern für Freigelassene oder sogar für solche, auf denen noch Peitschen zerschlagen werden37). Ich sehe auch, was die Theater anlangt, daß nicht einmal mehr eins oder unbedeckte genügen. Für die Spiele also, damit die schamlose Lust von der Winterkälte nicht leide, haben die Lazedämo-nier zuerst den Gebrauch der schwerfälligen Mäntel erfunden38). Ich sehe auch, daß zwischen ehrbaren Matronen und Dirnen kein Unterschied mehr in der Kleidung geblieben ist. In Betreff der Frauen sind auch jene Anordnungen der Vorfahren, wodurch die Sittsamkeit und Mäßigkeit geschützt wurde, gefallen, indem nämlich keine Gold kannte, außer für einen einzigen Finger, den der Bräutigam sich mit dem Trauring verpfändete, und indem die Weiber sich bis zu dem Grade des Weines enthielten, daß eine Matrone wegen Öffnung der Behälter im Weinkeller von den Ihrigen durch Hunger getötet wurde. Unter Romulus aber wurde eine, die den Wein angerührt hatte, von ihrem Ehemann Metennius ungestraft umgebracht. Daher mußten sie auch ihre Verwandten mit einem Kusse begrüßen, damit man sie nach dem Atem beurteilen könne. Wo ist jenes, sicher nur aus der Sittlichkeit erblühte Glück der Ehen, daß fast sechshundert Jahre hindurch, von Gründung der Stadt Rom an, keine Frau einen Scheidebrief schrieb? Jetzt hingegen ist bei den Weibern kein Glied von Gold unbelastet und von Weingeruch kein Kuß frei, die Scheidung aber ist bereits Gegenstand der Wünsche, gleichsam wie eine natürliche Folge der Ehe. Auch hinsichtlich eurer Götter selbst habt ihr, was eure Väter mit Bedacht dekretiert hatten, aufgehoben, ihr gehorsamen Leute. Den Vater Liber mit seinen Mysterien hatten die Konsuln auf Senatsgutachten nicht bloß aus der Stadt Rom, sondern sogar aus ganz Italien verbannt. Den |s57/403 Serapis, die Isis und den Arpokrates mit seinem Hundskopf, die nicht auf das Kapitol gebracht werden durften, d. h. aus der Ratsversammlung der Götter ausgeschlossen waren, haben die Konsuln Piso und Gabinius -- sicher keine Christen -- sogar nach Zerstörung ihrer Altäre entfernt, um die aus schändlichem und müßigem Aberglauben hervorgehenden Laster zu verhindern. Diese habt ihr wieder eingesetzt und ihnen die höchste Majestät verliehen. Wo ist die Pietät, wo die Verehrung, die ihr den Vorfahren schuldig seid? In Kleidung, Lebensweise, Hauseinrichtung, Sinnesart, selbst in der Sprache habt ihr euch von den Vorvätern losgesagt. Ihr lobt immer das Altertum, lebt aber Tag für Tag auf eine neue Weise. Daraus geht hervor, daß ihr, indem ihr von den guten Einrichtungen der Vorfahren abweichet, das beibehaltet und bewahret, was ihr nicht solltet39), da ihr das nicht bewahrt, was ihr solltet. Und selbst, was den Punkt betrifft, den ihr als von den Vätern überkommen am treuesten zu beobachten scheint und worin ihr vorzugsweise die Christen als Übertreter bezeichnet, den Eifer in der Verehrung der Götter, worin das Altertum gerade am meisten geirrt hat, so wird er von euch, wie ich seines Ortes zeigen will, gänzlich verachtet und vernachlässigt und gegen das Ansehen der Vorfahren zerstört, obwohl ihr dem nunmehr römisch gewordenen Serapis seine Altäre wieder aufgerichtet habt, und obwohl ihr dem nunmehr italienischen Bacchus eure Raserei opfert. Denn nunmehr beabsichtige ich auf jene bekannte beschimpfende Anklage wegen der geheimen Verbrechen zu antworten, um mir den Weg zu jenen freizumachen, welche mehr der Öffentlichkeit angehören40).

7. Wir werden große Verbrecher genannt wegen des in Kindermord bestehenden Geheimkultus und des davon bereiteten Mahles und der auf das Mahl folgenden-Blutschande, zu der die Hunde, die das Licht |s58/404 umstürzen, als Kuppler der Finsternis zur Beschwichtigung der Scheu über die ruchlose Lust uns die Gelegenheit bereiten. Man sagt uns das in einem fort nach, und doch sorgt ihr nicht dafür, gerichtlich das zu ermitteln, was man uns schon so lange nachsagt. Folglich ermittelt es entweder, wenn ihr es glaubt, oder glaubt es nicht, wenn ihr es nicht ermittelt! Eure eigene Nachlässigkeit erhebt gegen euch die Prozeßeinrede, daß gar nicht existiere, was ihr nicht zu ermitteln wagt. Ihr stellt dem Folterknecht eine ganz andere Aufgabe bei den Christen: sie sollen nicht sagen, was sie tun, sondern verleugnen, was sie sind.

Die Entstehung unserer Lehre datiert, wie wir schon gesagt haben, von Tiberius an. Mit Verhaßtsein begann die Wahrheit. Sobald sie erschien, wurde sie als Feindin behandelt. Alle, die ihr fremd waren, waren auch ihre Feinde, und zwar im eigentlichen Sinn des Wortes aus Feindseligkeit die Juden, um der Gelderpressung willen die Soldaten, aus natürlichen Ursachen auch unsere Hausgenossen selbst. Täglich werden wir umlagert, täglich verraten, selbst bei unsern Versammlungen und Zusammenkünften häufig überfallen. Wer hat dabei jemals das weinende Kind erwischt? Wer hat die blutigen Zyklopen- und Sirenenschädel dem Richter, wie er sie gefunden, aufbewahrt? Oder wer hat bei seiner Gattin jemals unreine Spuren entdeckt? Wer hätte solche Schandtaten, wenn er sie vorgefunden, verheimlicht oder sie sich abkaufen lassen, während er die Täter selbst vor Gericht zog? Wenn wir uns immer verborgen lialten41), so frage ich, wann ist denn verraten worden, was wir treiben? Oder vielmehr, von wem konnte es verraten werden? Von den Schuldigen selbst doch sicher nicht, da ja schon nach dem bei allen Mysterien geltenden Gesetz42) die unverletzliche Pflicht der Verschwiegenheit auferlegt wird. Die samothrazischen und |s59/405 eleusinischen Mysterien werden geheim gehalten, um wieviel mehr noch solche, die, wenn verraten, auch dte menschliche Strafgerechtigkeit herausfordern würden, während die von Gott her drohende noch aufgespart bleibt. Wenn sie demnach nicht selbst ihre eigenen Verräter werden können, so folgt, es sind dem Bunde nicht Angehörige. Und woher sollte diesen die Kenntnis davon kommen, da man immer auch bei den erlaubten43) Mysterien die Uneingeweihten fernhält und sich vor Zeugen hütet? Es müßte denn sein, daß die Gottlosen weniger Scheu empfänden.

Wie es sich mit der Fama verhält, ist allen bekannt. Es ist eine eurer Redensarten: „Die Fama ist ein Übel, und keines ist geschwinder als sie."44) Warum ist die Fama ein Übel? Weil sie geschwind ist? Weil sie eine Verräterin ist oder weil sie meistens lügt? Sie ist auch nicht einmal dann, wenn sie etwas Wahres weiterträgt, vom Fehler des Lügens frei, indem sie an der Wahrheit Abstriche, Zusätze oder Änderungen vornimmt. Noch mehr, es ist mit ihr so bestellt, daß sie nur besteht, indem sie lügt. Und wirklich, sie lebt nur so lange, als sie nicht beweist45). Sobald sie etwas bewiesen hat, hört sie auf, Fama zu sein; als ob sie sich ihres Amtes, Überbringerin von Nachrichten zu sein, entledigt hätte, übermittelt sie jetzt eine Tatsache. Von jetzt an wird die Tatsache festgehalten, die Tatsache bestimmt zum Ausdruck gebracht. Niemand sagt z. B, mehr: „Das und das soll zu Rom geschehen sein" oder: „Es geht das Gerücht, der N. N. habe eine Provinz bekommen", sondern: „Er hat eine Provinz bekommen" und „das i s t zu Rom geschehen". Für die Fama, die Bezeichnung des Ungewissen, ist kein Platz mehr, sobald etwas |s60/406 gewiß ist. Oder glaubt der Fama sonst jemand, außer ein Unbesonnener? Wer weise ist, glaubt dem Ungewissen nicht. Mag ein Gerücht auch noch so eifrig umhergetragen werden, mag es mit noch so großer Hartnäckigkeit auftreten, alle können und sollten den Umstand würdigen, daß es notwendigerweise irgend einmal von einem einzigen Urheber ausgegangen ist. Von dort schlängelt es sich in die Zungen und Ohren, die es weiterpflanzen, und so kommt es, daß ein Rattenkönig von Gerüchten den Fehler der ersten noch unansehnlichen Ausgeburt so sehr verdeckt46), daß niemand daran denkt, ob nicht etwa jener erste Mund eine Lüge in die Welt setzte, was ja so oft geschieht, entweder durch die Erfindungsgabe der Feindschaft oder die Willkür des freventlichen Urteils oder eine nicht unbekannte, sondern manchen angeborene Lust am Lügen, Gut aber ist es, daß, wie eure eigenen Sprichwörter und Redensarten bezeugen, die Zeit alles an den Tag bringt, nach einer Einrichtung der Natur, welche es so angeordnet hat, daß nichts lange verborgen bleibt, auch was die Fama nicht |s61/407 herumgetragen hat. Mit Recht weiß so lange Zeit hindurch nur die Fama allein etwas von den Verbrechen der Christen. Diese ist es, die ihr als Angeberin gegen uns vorführt, sie, die das, was sie eines Tages ausgestreut und in einem so langen Zeitraum zur feststehenden Meinung gemacht hat, bis heute noch nicht zu beweisen imstande war. Was immer nur als Gerücht herumgetragen wird, das ist immer nicht Tatsache, weil das, was Tatsache ist, aufhört als bloßes Gerücht herumgetragen zu werden47).

8. Um gegen diejenigen, welche wähnen, dergleichen glauben zu müssen, an das natürliche ehrliche Gefühl zu appellieren: siehe, wir stellen vor Augen den Lohn für diese Schandtaten. Sie verheißen das ewige Leben. Glaubt vorläufig daran48). Denn darauf spitzt sich meine Frage zu, ob der, welcher daran glaubt, den Erwerb desselben mit einem solchen Gewissen für etwas so Hohes ansehen kann49). Komm, senke das Eisen in das Kind, das niemandes Feind, niemandem etwas zuleide getan, vielmehr gleichsam Kind aller ist; oder wenn dies das Amt eines ändern ist, so stehe nur dabei, wenn ein Mensch stirbt, ehe er eigentlich gelebt hat, erwarte die entweichende junge Seele, fange das frische Blut auf, sättige damit dein Brot und iß es mit Freude! Inzwischen zähle während des Mahles die Plätze ab, wo der Platz deiner Mutter, deiner Schwester ist; |s62/408 merke sie dir gut, damit, wenn die Finsternis durch den Hund eintritt, du dich nicht irrestl Denn du würdest einen Frevel verüben, wenn du keine Blutschande begingest. In solche Mysterien eingeweiht und besiegelt lebst du in Ewigkeit. -- Ich bitte, antworte mir, ob für so etwas die Ewigkeit der Lohn sein kann? Wenn aber nicht, dann sind auch solche Dinge nicht zu glauben. Wenn du sie auch wirklich glauben solltest, so behaupte ich, du wirst sie nicht wollen, und wenn du sie selbst wollen würdest, so behaupte ich, daß du sie nicht vollbringen kannst. Warum also sollten andere dazu imstande sein, wenn ihr es nicht seid? Warum solltet ihr nicht auch dazu imstande sein, wenn es andere sind? Wir sind, meine ich, wohl von einer anderen Natur. Etwa Hundsgesichter oder Schattenfüßler?50) Wir haben wohl andere Reihen von Zähnen, ganz andere Organe zu blutschänderischer Lust?! Wenn du so etwas von einem Menschen glaubst, bist du imstande, es auch selbst zu tun, du bist selber ja auch ein Mensch, was auch der Christ ist. Wenn du aber so etwas nicht zu tun imstande bist, so darfst du es auch (vom Christen) nicht glauben. Denn auch der Christ ist ein Mensch so gut wie du.

„Es wird ihnen", sagt ihr, „ohne daß sie es ahnen, zugeschoben und auferlegt. Denn sie wußten noch nicht, daß dergleichen den Christen nachgesagt werde, und sie mußten es natürlich erst für sich selbst beobachten und es vorsichtig ausspionieren." -- Aber es ist doch, dünkt mich, Sitte, daß diejenigen, welche die Aufnahme begehren, zuerst zum Vorsteher der Mysterien gehen und sich aufschreiben, was für Vorbereitungen zu treffen sind. Der wird dann sagen: „Du brauchst ein noch zartes Kind, eins, das vom Sterben noch nichts weiß, das unter deinem Messer lächelt; dann ein Brot, womit du die Brühe des Blutes auffängst, außerdem Leuchter und Lampen, Hunde und Bissen, welche jene zum Umstürzen |s63/409 der Lichter springen machen. Vor allem wirst du mit deiner Mutter und Schwester kommen müssen." Wie aber, wenn diese nicht wollen oder keine da sind? Was gibt's endlich mit den alleinstehenden Christen, die keine Verwandten haben? Du wirst also, scheint mir, kein rechter Christ sein können, wenn du nicht ein Bruder oder Sohn bist. „Was aber dann, wenn alle diese Dinge ohne Vorwissen der Betreffenden vorbereitet werden?" Dann werden sie es jedenfalls doch nachher gewahr, und -- lassen es sich gefallen und sehen darüber hinweg. Nicht wahr?! -- „Ja, sie fürchten Strafe, wenn sie es bekannt machen." -- Sie? Sie, die verteidigt zu werden verdienten, die es sogar vorziehen, lieber umzukommen, als unter einer solchen Gewissenslast fortzuleben? Gut denn, angenommen jetzt, sie fürchteten sich, warum verharren sie darin? Denn man will -- das ist eine logische Notwendigkeit -- nicht länger das bleiben, was man, wenn man es vorher gekannt hätte, gar nicht geworden wäre.

9. Damit meine Widerlegung um so schlagender sei, will ich zeigen, daß Derartiges bei euch teils öffentlich, teils im geheimen verübt wird, was vielleicht der Grund ist, warum ihr es auch von uns geglaubt habt, Kinder wurden in Afrika dem Saturn öffentlich geopfert bis zum Prokonsulat des Tiberius, der die Priester selbst an denselben Bäumen ihres Tempelhains, welche diese Verbrechen mit Schatten bedeckten, wie an ebensovielen Votivkreuzen lebendig aufhängte. Zeuge dessen ist die Kriegstruppe meines Vaters51), die dem genannten |s64/410 Prokonsul bei dieser Verrichtung ihren Dienst leistete. Im geheimen aber besteht die Übung dieser sakralen Schandtat auch jetzt noch fort. Nicht die Christen allein verachten euch; auch wird kein Verbrechen für ewige Zeiten ausgerottet, noch ändert seine Gewohnheiten irgendein Gott. Da Saturn seine eigenen Söhne nicht geschont hat, so blieb er seiner Sitte treu, indem er fremde natürlich auch nicht schonte, indes solche, welche die eigenen Eltern ihm darbrachten52). Sie sprachen gern die Weiheformel, sie liebkosten die Kleinen, damit sie nicht weinten, wenn sie geopfert würden. Und doch ist ein großer Unterschied zwischen Mord und Verwandtenmord. Leute hohen Alters wurden bei den Galliern dem Merkur geopfert. Die Erzählungen aus Taurus überlasse ich den Theatern, Siehe, in der so religiösen Stadt der frommen Äneaden53) ist ein Jupiter, den man zur Zeit seiner Spiele mit Menschenblut wäscht. ,,Es ist ja das Blut eines Tierkämpfers", werdet ihr sagen. Das ist, dünkt mich, weniger als Menschenblut. Oder ist es nicht darum noch schändlicher, weil es das Blut eines schlechten Menschen ist? Jedenfalls wird es doch infolge eines Mordes vergossen. Oho! der Jupiter |s65/411 ist Christ, und der einzige Sohn seines Vaters infolge von dessen Grausamkeit!54)

Jedoch da es beim Kindermord keinen Unterschied macht, ob er zum Zweck eines Opfers oder aus Willkür geschieht -- in Bezug auf den Umstand aber, ob er Verwandtenmord ist, ist ein Unterschied vorhanden55) --, so wende ich mich an das Volk. Wie viele von den hier Herumstehenden, die nach dem Blute der Christen lechzen, oder sogar von euch, ihr gerechten und gegen uns so gestrengen Präsidenten, wollt ihr, daß ich in ihrem Gewissen treffen soll als solche, welche die ihnen geborenen Kinder töten? Wenn aber auch noch die verschiedene Art des Todes nicht gleichgültig ist, so entreißt ihr ihnen jedenfalls auf eine grausamere Weise das Leben, entweder durch Wasser oder setzt sie der Kälte, dem Hungertode oder den Hunden aus; denn durch das Messer zu sterben, würde auch das reifere Alter vorziehen. Wir aber dürfen, da der Mord uns ein für allemal verboten ist, auch den Fötus im Mutterleibe, während noch das Blut zur Bildung eines Menschen absorbiert wird, nicht zerstören. Die Geburt |s66/412 verhindern ist nur eine Beschleunigung des Mordes, und es verschlägt nichts, ob man ein schon geborenes Leben entreißt oder ein in der Geburt begriffenes zerstört. Was erst ein Mensch werden soll, ist schon ein Mensch; ist ja doch auch jede Frucht schon in ihrem Samen enthalten.

Hinsichtlich des Blutgenusses und dergleichen Fabeln der Tragödie56) leset nach, ob nicht irgendwo -- ich meine, es ist bei Herodot -- erzählt wird, daß gewisse Nationen zur Abschließung von Bündnissen den Armen entzogenes und gegenseitig verkostetes Blut verwenden? Unter Catilina hat man auch etwas Derartiges, ich weiß nicht recht was, verkostet57). Wie man sagt, wird bei gewissen skythischen Völkerschaften jeder Verstorbene von den Seinigen verzehrt. Ich entferne mich etwas zu weit. Heutzutage gibt es hier bei uns blutig Geschnittene zu Ehren der Bellona58). Das mit der hohlen Hand aufgefangene und zum Genüsse gereichte Blut weiht ein. Wo sind diejenigen, welche gegen ein Stück Geld das frische Blut der in der Arena umgebrachten Verbrecher, wenn es aus der Kehle fließt, auffangen und es wie versessen auffangen, um damit die fallende Sucht zu heilen? Ebenso die, welche von den wilden Tieren aus der Arena sich eine Mahlzeit bereiten, die vom wilden Eber, vom Hirschen begehren? Und jener Eber hat im Kampfe den, welchen er blutig verletzt hat, abgewischt, und jener Hirsch hat im Blute des Gladiatoren gelegen. Sogar der Wanst des Bären, der noch mit Menschengedärmen vollgestopft ist, wird begehrt. |s67/413 Mensehen haben das Aufstoßen von einem Fleische, das mit Menschenfleisch genährt wurde. Ihr, die ihr dergleichen esset, wie weit seid ihr denn von den „Mahlzeiten der Christen" entfernt?!

Ist es vielleicht etwas Geringeres, was jene tun, die in wilder Lust nach menschlichen Gliedern ihr Maul aufsperren, weil sie Lebendige verschlingen? Werden sie etwa weniger durch Menschenblut zur Unfläterei eingeweiht, weil sie etwas lecken, was Blut werden wird?59) Sie verschlingen fürwahr nicht Kinder, sondern vielmehr Erwachsene. Eure Verirrung möge schamrot werden vor uns Christen, die wir nicht einmal Tierblut unter unsern Speisegerichten haben und uns deshalb von Ersticktem und Krepiertem enthalten, damit wir auf keine Weise mit Blut befleckt werden, auch nicht einmal mit dem im Leibe verborgenen. Zur Quälerei60) der Christen bringt ihr ja auch noch Blutwürste herbei, sicherlich doch in der festen Überzeugung, daß gerade das bei ihnen verboten sei, wodurch ihr sie vom rechten Wege abbringen wollt. Wie soll ich es aber qualifizieren, wenn ihr glaubt, die, von denen ihr überzeugt seid, daß sie Tierblut verabscheuen, Seien nach Menschenblut begierig? Es müßte denn sein, daß ihr das letztere etwa selber schmackhafter befunden habt. Gerade Menschenblut und nichts anderes sollte man daher als Probiermittel bei den Christen anwenden in derselben Weise, wie das Brandaltärchen und die Schale mit Räucherwerk. Denn geradeso würden durch das Verlangen nach Menschenblut die Christen als Christen erwiesen werden, wie Sie als solche durch die Verweigerung des Opfers erwiesen, werden, und umgekehrt darf man sie nicht für solche halten, wenn sie es nicht verkosteten, wie man sie nicht für solche hält, wenn sie opferten61). Sicher wird es euch |s68/414 beim Verhör und der Verurteilung der Eingekerkerten nicht an Menschenblut fehlen.

Ferner, wer begeht mehr Blutschande als diejenigen, welche Jupiter selbst zum Lehrer hatten? Ktesias berichtet, daß die Perser sich mit ihren Müttern geschlechtlich verbinden. Aber auch die Mazedonier sind dessen verdächtig, weil sie, als sie zuerst die Tragödie „Oedipus" hörten, seinen Schmerz über die geschehene Blutschande verlachten und riefen: Ἠλαυνε, εἰς τὴν μητέρα 62). Wohlan, bedenkt, welch großen Spielraum zur Herbeiführung von Blutschande eure Verirrungen haben, indem die unterschiedslos getriebene Unzucht reichlich die Werkzeuge dazu liefert! Erstens setzt ihr die Kinder aus, damit sie von einem vorübergehenden Fremden aus Mitleid aufgehoben werden, oder ihr entlaßt sie aus eurer Gewalt, damit sie von bessern Eltern adoptiert werden. Es ist nun unausbleiblich, daß bisweilen die Erinnerung an die Veränderung der Familienangehörigkeit verwischt wird. Sobald aber der Irrtum sich befestigt hat, wird von der Zeit an bereits das Vermittlungsglied für die Blutschande immer reichlicher vorhanden sein, indem die Familie samt dem Verbrechen sich ausbreitet. Dann ist weiterhin die Wollust an jedem Orte, zu Hause, in der Fremde und über See eure Gefährtin. Ihre stete und wahllose Befriedigung kann leicht irgendwo, selbst schon aus einem nur flüchtigen Geschlechtsverkehr, Kinder hervorrufen, ohne daß die Erzeuger selbst es erfahren. Infolge davon trifft dann die so gesäete Nachkommenschaft durch den Verkehr der Menschen mit ihren Blutsverwandten wieder zusammen, und keiner erkennt sie als solche, weil er von |s69/415 der sündhaften Blutsgemeinschaft keine Ahnung hat63); Wir sind vor solchen Vorkommnissen durch die sorgfältigste und treueste Keuschheit gewahrt, und so sicher wir vor Hurerei und jeder Ausschreitung nach der Ehe sind, ebenso sicher sind wir vor dem Eintreten der Blutschände. Manche halten die ganze Macht dieser Verirrung noch viel sicherer durch jungfräuliche Enthaltsamkeit von sich fern; als Greise sind sie noch (rein) wie die Kinder.

Wenn ihr erwogen hättet, daß solche Dinge bei euch vorkommen, so würdet ihr daraus erkannt haben, daß sie sich bei den Christen nicht finden. Dieselben Augen hätten euch beides kundgemacht. Allein beide Arten der Blindheit treffen leicht zusammen: wer nicht sieht, was ist, glaubt dafür zu sehen, was nicht ist. So will ich es bei allen Punkten zeigen. Jetzt zu den Dingen, die offenbar sind.

10. „Ihr ehret die Götter nicht", wirft man uns vor, „und bringet keine Opfer für die Kaiser." Es ist folgerichtig, daß wir, da wir die Götter nun einmal nicht verehren und darum auch nicht für uns selbst opfern, aus demselben Grunde es eben so wenig für andere tun. Daher kommt es, daß wir als eines Religions- und eines Majestätsverbrechens schuldig belangt werden. Dies ist nun die Hauptsache, ja die ganze Sache, und sie ist wahrhaftig einer Untersuchung wert; nur darf nicht die stolze Vermessenheit oder die Ungerechtigkeit zu Gericht sitzen, wovon die eine an der Wahrheit verzweifelt, die andere sie verschmäht. Wir hören auf, eure Götter zu verehren von dem Zeitpunkte an, wo wir |s70/416 erkennen, daß sie keine sind. Das also habt ihr zu verlangen, daß wir beweisen, daß sie keine Götter sind und deshalb nicht verehrt werden dürfen, weil sie nur dann verehrt werden müßten, wenn sie Götter wären. Und anderseits sind die Christen dann zu bestrafen, wenn sie sie nicht verehren, im Glauben sie existierten nicht, obwohl von ihnen feststeht, daß sie existieren64). „Aber für uns", sagt ihr, „steht es fest, daß sie Götter sind"65). Wir appellieren und berufen uns von euch an euer eigenes Bewußtsein, dieses soll uns verurteilen, dieses uns verdammen, wenn es imstande ist, zu leugnen, daß diese eure Götter alle Menschen gewesen sind. Wenn auch dieses versagen sollte, dann soll es aus den Zeugnissen des eigenen Altertums überführt werden, woraus es sie kennen gelernt hat, wobei bis heute Zeugnis ablegen die Städte, worin jene geboren s'ind, und die Gegenden, wo sie irgendwelche Spuren einer Wirksamkeit hinterlassen haben, wo auch ihre Gräber gezeigt werden. Soll ich die Götter also einzeln durchgehen, so viele und so verschiedene, die neuen und die alten, die griechischen und die der Barbaren, die römischen und die fremden, die gefangenen und die adoptierten, die speziellen und die allgemeinen, die männlichen und die weiblichen, die ländlichen und die städtischen, die Meeres- und Soldatengötter? Langweilig wäre es, auch nur die Titel durchzugehen. Somit will ich die Sache übersichtlich fassen, und zwar nicht, damit ihr sie zum erstenmal kennen lernt, sondern damit ihr sie nochmals kennen lernt; denn obwohl ihr von der Sache eine sichere Kenntnis habt, stellt ihr euch, als hättet ihr sie vergessen66) .

Vor Saturn gab es keinen Gott bei euch, von ihm stammt die ganze Klasse wenigstens der besseren und bekannteren Gottheiten ab. Was also hinsichtlich des |s71/417 Stammvaters feststeht, das wird auch von der Nachkommenschaft gelten. Was nun dasjenige angeht, was die schriftlichen Quellen lehren, so hat weder der Grieche Diodor oder Thallus, noch Cassius Severus67) oder Cornelius Nepos, noch sonst ein über diese Altertümer handelnder Schriftsteller etwas anderes veröffentlicht, als daß Saturn ein Mensch gewesen sei. Bezüglich der Zeugnisse aus den Tatsachen aber finde ich nirgends zuverlässigere als in Italien selbst, wo Saturn nach vielen Unternehmungen und nach seinen Besuchen in Attica sich niederließ, aufgenommen von Janus oder Janes, wie die Salier wollen. Der Berg, auf dem er wohnte, wurde Saturnusberg, die Stadt, welche er abgesteckt hatte, wird bis jetzt Saturnia genannt, ganz Italien endlich wird wie vorher Oenotria, nachher Saturnia beibenannt. Von ihm rühren die Wechseltische und die mit einem Bilde beprägten Münzen her, und daher steht er auch dem öffentlichen Schatz als Schutzgott vor. Indes, wenn Saturn ein Mensch war, so stammte er auch von einem Menschen und gewiß nicht vom Himmel oder von der Erde. Wenn seine Eltern unbekannt waren, so war es ein Leichtes, daß er der Erde oder des Himmels Sohn, als deren Söhne wir ja alle erscheinen können, genannt wurde. Denn wer sollte nicht den Himmel oder die Erde seinen Vater oder seine Mutter nennen, entweder der Ehre und Achtung halber oder auch einer menschlichen Gewohnheit zufolge, wonach die Unbekannten oder unversehens Erschienenen vom Himmel gekommen sein sollen? Daher widerfuhr es dem plötzlich erscheinenden Saturn, daß er überall als ein Himmlischer bezeichnet wurde; denn das gemeine Volk nennt die, deren Abkunft ungewiß ist, Söhne der Erde. Ich schweige davon, daß die damals noch ganz unzivilisierten Menschen es so trieben, daß sie beim Anblick eines jeden beliebigen, noch nicht gesehenen Menschen so außer sich gerieten, als hätten sie einen Gott geschaut, da heutzutage die hochzivilisierten solche zu Göttern |s72/418 machen, deren Tod und Begräbnis sie einige Tage vorher durch öffentliche Trauer anerkannt haben68). Genug nunmehr vom Saturn, wenn es auch kurz war. Auch in Betreff des Jupiter werden wir nachweisen, daß er ein Mensch war und von Menschen abstammte, und daß somit der ganze Schwärm seiner Nachkommenschaft so sterblich ist, als er seinem Ahnherrn gleich ist.

11. Weil ihr nun aber, wie ihr einerseits nicht zu leugnen wagt, daß die Genannten Menschen gewesen sind, so anderseits als eure Lehre die Behauptung aufgestellt habt, sie seien nach dem Tode Götter geworden, so wollen wir die Ursachen prüfen, die dies etwa bedingt haben könnten. Vorab müßt ihr notwendig zugestehen, daß es irgendeinen höheren Gott, gewissermaßen als Ureigentümer der Gotteswürde, gebe, der aus Menschen Götter gemacht habe. Denn weder konnten die Genannten die Göttlichkeit, die sie nicht hatten, sich selbst zulegen, noch auch konnte ein anderer sie denen, die sie nicht hatten, verleihen, wenn er nicht selbst sie ureigen besaß. Ferner, wenn niemand da gewesen wäre, der Götter hätte machen können, so würde eure Vermutung, sie seien zu Göttern gemacht worden, ganz grundlos sein, indem ihr ja den Macher hinwegnehmt. Denn ganz sicher würden sie, wenn sie sich selbst zu Göttern hätten machen können, niemals Menschen gewesen sein, da ja die Macht zu einer höheren Wesensbeschaffenheit in ihrem Besitz war. Wenn es demnach ein Wesen gibt, das die Götter macht, so kehre ich zur Prüfung der Ursachen zurück, welche es veranlassen konnten, aus Menschen Götter zu machen, und finde keine ändern außer der, jener große Gott wünschte Diener und Helfer bei seinen göttlichen Ämtern zu haben.

Es ist aber erstens etwas Unwürdiges, daß er jemandes Hilfe bedürfte, und zwar noch dazu die eines verstorbenen Menschen, da es viel würdiger gewesen wäre, er, der einst der Hilfe eines toten Menschen benötigt sein sollte, hätte sich von Anfang an irgendeinen Gott |s73/419 gebildet. Jedoch ich finde auch nicht einmal Raum für eine Hilfe. Denn dieser ganze Weltkörper, mag er nun der Lehre des Pythagoras zufolge ungeboren und ungeworden sein, oder nach Plato geboren und geworden, ist doch sicher als in seinem Ursprung ein für allemal nach der Richtschnur einer lauteren. Vernunft disponiert, ausgerüstet und geordnet erfunden worden69). Was alles zur Vollendung führt, konnte nicht unvollendet, sein. Nichts darin brauchte auf Saturn und das Saturnische Geschlecht zu warten. Die Menschen würden Toren sein, wenn sie nicht fest überzeugt wären, daß von allem Anfang an der Regen vom Himmel geflossen sei, die Gestirne gestrahlt, das Tageslicht geglänzt, der Donner gebrüllt und Jupiter selbst die Blitze gefürchtet habe, die ihr in seine Hand gelegt habt; ebenso daß jede Art Frucht vor Bacchus, Ceres und Minerva, ja sogar vor jenem, der der erste Mensch war, reichlich aus der Erde hervorgegangen sei, weil nichts von dem, was zur Entstehung und zur Erhaltung des Menschen vorgesehen ist, erst nach der Entstehung des Menschen konnte erfunden werden. Endlich sollen die Genannten diese zum Leben notwendigen Dinge auch nur aufgefunden, nicht hervorgebracht haben. Was aber aufgefunden wird, war da, und was da war, wird nicht dem zugeschrieben, der es aufgefunden, sondern dem, der es hervorgebracht hat; denn es war da, bevor es aufgefunden wurde. Wenn übrigens Liber deshalb Gott ist, weil er auf den Weinstock aufmerksam gemacht hat, so hat man an Lucull, der zuerst die Kirschen aus Pontus nach Italien verpflanzte, nicht schön gehandelt, weil man ihn nicht apotheosierte, obwohl er doch der Urheber einer neuen Frucht war, weil er sie zuerst kennen lehrte. Wenn folglich das Weltall von Anfang an gut eingerichtet und nach festen Normen zur Erfüllung seiner Aufgaben geordnet dastand, so ist von dieser Seite keine Ürsache vorhanden, Menschen der Gottheit beizugesellen, weil die Ämter und Gewalten, die ihr unter sie |s74/420 verteilt, von Anfang an da waren und dagewesen wären, wenn ihr auch jene nicht zu Göttern kreiert hättet.

Indessen ihr wendet euch nun zu einer ändern Ursache und antwortet, die Verleihung der göttlichen Würde sei in Rücksicht auf zu belohnende Verdienste geschehen. Hierbei werdet ihr, hoffe ich, zugeben, daß jener Götter machende Gott eine vorzügliche Gerechtigkeitsliebe besitze, daß er nicht blindlings, unverdienter und verschwenderischer Weise eine solche Belohnung verliehen habe. Ich will also die Verdienste durchgehen, ob sie von der Art sind, daß sie eine Erhebung in den Himmel, oder nicht vielmehr eher eine Versenkung in den tiefsten Tartarus, den ihr immer dann, wenn es euch genehm ist, als den Kerker der unterweltlichen Bestrafung ausgebt, motivieren würden. Dorthin nämlich pflegen verstoßeh zu werden die, welche sich ruchlos gegen ihre Eltern oder blutschänderisch gegen ihre Schwestern aufführen, die Ehebrecher, die Mädchenräuber, die Knabenschänder, die Grausamen, die Mörder, die Diebe, die Betrüger und diejenigen, die sonstwie irgendeinem eurer Götter ähnlich sind, bei denen ihr von keinem beweisen könnt, daß er von Verbrechen und Fehlern vollständig frei sei, es sei denn, daß ihr in Abrede stellt, er sei ein Mensch gewesen. Wie ihr aber nicht leugnen könnt, daß sie Menschen waren, so treten auch noch diese Schandflecken hinzu, welche auch nicht gestatten, zu glauben, sie seien nachher Götter geworden70). Denn wenn ihr zur Bestrafung derartiger Leute angestellt seid, wenn alle Rechtschaffenen Verkehr, Gespräch, Umgang mit Bösewichten und schändlichen Menschen |s75/421 verschmähen, dabei aber jener große Gott gerade Leute, die diesen gleich sind, sich zu Genossen seiner Herrlichkeit erkoren hat, so muß man fragen, warum in aller Welt verurteilt ihr doch Leute, deren Genossen, ihr anbetet? Ein Hohn gegen den Himmel ist eure Gerechtigkeitspflege. Macht lieber alle großen Verbrecher zu Göttern, um küren Göttern zu gefallen! Die Apotheose ihrer Spießgesellen ist ja eine Ehrenbezeigung für sie.

Jedoch -- um die Erörterung einer so unwürdigen Sache fallen zu lassen -- ich gebe zu, sie mögen rechtschaffene, unbescholtene und gute Leute gewesen sein -- dann aber, wie viele weit bessere Männer habt ihr der Unterwelt überlassen! Einen Sokrates in seiner Weisheit, einen Aristides in seiner Gerechtigkeit, einen Themistokles in seinem Feldherrnruhm, einen Alexander in seiner Hoheit, einen Polykrates in seinem Glück, einen Krösus in seinem Reichtum, einen Demosthenes in seiner Beredsamkeit! Wer von jenen euren Göttern war denn besonnener und weiser als Cato, gerechter und soldatischer als Scipio, erhabener als Pompejus, glücklicher als Sulla, reicher als Crassus, beredter als Tullius? Wieviel würdiger wäre es gewesen, Gott hätte gewartet, bis er sich die genannten Männer als Mitgötler zugesellen konnte, da er ja sicher voraussah, daß bessere kommen würden! Er ist, meine ich, zu eilig gewesen, hat den Himmel nun einmal zugemacht und schämt sich gewiß jetzt, da bessere Leute in der Unterwelt brummen.

12. Ich lasse diesen Punkt nunmehr fallen, in der Überzeugung, auf Grund des wirklichen Zustandes dartun zu können, was sie nicht sind, wenn ich dargelegt haben werde, was sie sind. Was also eure Götter angeht, so sehe ich da einzig und allein Statuen71) von einigen Verstorbenen aus alter Zeit, und ich höre Fabeln |s76/422 und lerne den Kult aus den Fabeln kennen72). Was aber die Götterbilder selbst angeht, so finde ich nichts anderes, als daß der Stoff dazu dem Stoffe gewöhnlicher Gefäße und Geräte verwandt ist, oder gar von denselben Gefäßen und Geräten herrührt, indem er, sozusagen, sein Los durch die Weihe verbessert73) und die Macht der Kunst ihn umgestaltet -- und zwar auf eine ganz schmachvolle und sakrilegische Weise. Daher könnte es gerade uns, die wir der Götter wegen Strafen leiden, wahrhaftig zum Tröste in unseren Verfolgungen gereichen, daß sie dasselbe wie wir erleiden müssen, um nur zur Existenz zu gelangen. -- An Kreuze und Pfähle hängt ihr die Christen. -- Welches Götterbild wird nicht erst in Ton entworfen, der um ein Kreuz oder einen Pfahl herum aufgeschichtet wird? An einem Galgen empfängt also der Leib eurer Gottheit seine erste Weihe! -- Ihr zerkratzt mit Krallen uns Christen die Seiten. -- Aber bei euren Göttern arbeiten noch viel kräftiger an allen Gliedern Axt, Hobel und Raspet! -- Wir müssen unsern Nacken darbieten. -- Eure Götter sind ohne das Lötblei, den Leim und die Nägel gar ohne Köpfe! -- Wir werden vor die wilden Tiere getrieben. -- Verstellt sich, zu solchen, wie ihr sie dem Bacchus, der Cybele und de» Cölestis beigebt. -- Wir werden mit Feuer gebrannt. -- Das werden jene auch, und zwar von ihrer anfänglichen Masse an! -- Wir werden zu den Bergwerken verdammt. -- Daher stammen eure Götter! -- Wir werden auf Inseln verwiesen. -- Es pflegt auch der eine oder andere von euren Göttern auf einer Insel geboren zu werden oder zu sterben! Wenn durch diese Dinge die Gottheit ihre Existenz hat, so werden also die ver-göttlicht, die gestraft werden, und die Leibesstrafen wird man Gottheiten nennen müssen. Offenbar jedoch |s77/423 empfinden eure Götter die Schmach und Schande ihrer Verfertigung so wenig als eure Huldigungen. Was für gottlose Reden und sakrilegische Schmähungen! Knirschet, schäumet! Ihr seid ja dieselben Leute, welche einem Manne wie Seneca, der mit noch mehr und bittereren Worten über euren Aberglauben redete, Beifall zollt74). Wenn wir also Statuen, kalte, euren Toten ganz gleiche Bilder75), von denen die Reiher, Mäuse und Spinnen wissen, was sie sind, nicht anbeten, verdiente diese Ablegung eines erkannten Irrtums nicht vielmehr Lob denn Strafe? Können wir aber als Beleidiger derjenigen angesehen werden, von denen wir fest überzeugt sind, daß sie gar nicht existieren? Was nicht existiert, kann doch nichts von dem erleiden, der existiert76).

13. „Aber uns gelten sie als Götter", sagst du. Und wie gottlos, wie sakrilegisch, wie irreligiös gegen diese Götter werdet ihr nun im Gegensatz zu uns erfunden, so nämlich, daß ihr diejenigen vernachlässigt, deren |s78/424 Existenz ihr behauptet, diejenigen zerstört, die ihr fürchtet, diejenigen verspottet, deren Verletzung ihr sogar vor Gericht ahndet77). Widerlegt mich, wenn ich lüge. Erstens, da die einen unter euch diese, die ändern jene verehren, so beleidigt ihr jedenfalls die unter ihnen, welche ihr nicht verehrt. Die Bevorzugung des einen kann es nicht geben ohne Schimpf für den ändern, wie es keine Wahl gibt ohne Verwerfung. Ihr verachtet einmal schon die, welche ihr zurücksetzt und die ihr durch eure Zurücksetzung doch nicht zu beleidigen fürchtet. Denn wie wir oben tadelnd bemerkt haben, hing die Stellung eines jeden Gottes von der Prüfung des Senats ab. Der wäre kein Gott geworden, den ein darum befragter Mensch nicht gemocht und durch sein Nichtwollen verworfen hätte. Die Häusgötter, die ihr Laren nennt, behandelt ihr auch mit Hausherrngewalt durch Verpfänden, Verkaufen, und indem ihr bald aus dem Saturn ein Kochtöpfchen, bald aus der Minerva einen Schöpflöffel macht, je nachdem ein jeder infolge der langen Verehrung zerbrochen oder zerstoßen ist, je nachdem man den häuslichen Bedarf für höher und heiliger erachtet als den Gott. Die öffentlichen Götter beschimpft ihr in gleicher Weise öffentlich; sie bringen euch im Auktionslokal Geld ein. Man geht nach dem Kapitol wie nach dem Gemüsemarkt; unter einem und demselben Rufe des Zuschlägers, unter demselben Hammer, unter demselben Anschreiben durch den Quästor wird die Gottheit dem Meistbietenden zugeschlagen. Grundstücke jedoch, mit einer Abgabe belastet, sind |s79/425 wohlfeiler, die mit einer Kopfsteuer belegten Menschen verlieren an Achtung -- denn das sind Kennzeichen desVerlustes der Freiheit --, die Götter hingegen sind, je mehr besteuert, um so heiliger, oder besser gesagt, je heiliger, desto mehr besteuert. Die göttliche Majestät, wird zum Gegenstand des Schachers gemacht, die Religion geht bettelnd in den Schenken umher. Ihr fordert Bezahlung für den Grund und Boden des Tempels, für das Betreten des Heiligtums; man kann die Götter nicht ohne Bezahlung kennen lernen; sie sind nur für Geld zu haben. Was tut ihr denn überhaupt zu ihrer Ehre, was ihr nicht auch euren Verstorbenen widmet? Tempel hier wie dort," Altäre hier wie dort. Dieselbe Tracht, die gleichen Abzeichen an den Statuen. Wie das Alter, das Handwerk oder Geschäft des Verstorbenen war, so ist auch der Gott78). Unterscheidet sich etwa das Totenmahl von einem Festschmaus des Jupiter, das Trankgeschirr bei den Totenlibationen von dem bei dem Opfern, der Haruspex vom Leichenreiniger? Denn auch der Haruspex versieht Dienste bei den Verstorbenen. Eine würdige Einrichtung ist es da noch, daß ihr den verstorbenen Kaisern göttliche Ehre zuerkennt, da ihr sie ihnen ja auch schon bei Lebzeiten zollt. Das wird eure Götter freuen, ja sie werden sich gratulieren, daß ihre Herren ihnen nun gleich werden. Aber, daß ihr die Larentina, eine öffentliche Dirne -- ich wünschte, ihr nähmet wenigstens noch die Lais und Phryne79) hinzu --, mit der Juno, Ceres und Diana anbetet, daß ihr den Simon Magus mit einer Statue und der Inschrift: „Sanctus Deus" beehrt habt80), daß ihr einen, ich weiß nicht welchen Günstling81) aus den Knabeninstituten des |s80/426 Kaiserhofes zum Gott macht, das werden euch eure alten Götter, obwohl sie um nichts nobler sind, denn doch als eine angetane Beschimpfung anrechnen, daß das auch einem ändern erlaubt gewesen sein soll, was sie für sich allein von Alters her in Anspruch nehmen.

14. Auch eure Religionsgebräuche will82) ich durchgehen. Ich verbreite mich nicht über eure Verfahrungsweise beim Opfern, wie ihr nämlich alles, was abgerackert, hinfällig oder räudig ist, als Opfer schlachtet, wie ihr von dem fetten und gesunden Vieh nur das abschneidet, was entbehrlich ist, die Köpfe und Klauen, die ihr zu Hause wohl auch euren Kinflern oder den Hunden bestimmt haben würdet, daß ihr vom Zehnten des Herkules nicht einmal den dritten Teil auf seinen Altar legt -- sondern ich will vielmehr eure Weisheit loben, womit ihr von dem, was sonst doch verloren ist, etwas rettet -- aber indem ich mich zu eurer Literatur wende, wodurch ihr euch zur Wissenschaft und zu höheren Berufsarten heranbildet, wieviel Verächtliches finde ich dal Die Götter sollen wegen der Trojaner und Achiver, wie Gladiatorenpaare kämpfend, aneinander geraten, Venus soll von einem menschlichen Pfeile verwundet worden sein, als sie ihren Sohn Äneas dem Untergang entreißen wollte; Mars sei, dreizehn Monate lang gefesselt, beinahe umgekommen; Jupiter nur durch Hilfe eines gewissen Ungeheuers83) davon gerettet worden, daß ihm die übrigen Himmelsbewohner dasselbe Schicksal bereiteten; dann weine er wegen des Sarpedon und fröne mit seiner Schwester der schnöden Lust, wobei er an seine früheren Freundinnen denkt, die er nicht so heftig geliebt habe. Welcher Dichter hat sich nicht in der Folge nach dem Vorgange seines Meisters84) als ein Beschimpf er der Götter gezeigt? Der eine läßt den Apollo dem Könige Admet zum Viehweiden in |s81/427 Schuldhaft gegeben werden, der andere den Neptun sich dem Laomedon zu Frondiensten beim Bauen verdingen. Unter den Lyrikern gibt es einen, Pindar, meine ich, der da singt, Äskulap sei um seiner Habsucht willen, weil er die Heilkunde zum Schaden ausübte, durch den Blitz gezüchtigt worden. Das war niederträchtig von Jupiter, wenn er es nämlich ist, dem der Blitz gehört, hart war er gegen seinen Enkel und neidisch gegen den Heilkünstler. Dergleichen hätte, wenn es wahr, nicht mitgeteilt, wenn es falsch ist, von religiösen Leuten nicht einmal ersonnen werden sollen. Auch die Tragiker und Komiker üben keine Schonung, sondern machen die Sorgen oder Verirrungen in der Familie irgendeines Gottes zum Gegenstand des Prologs85), Von den Philosophen schweige ich und begnüge mich mit Sokrates, der -- zur Verachtung der Götter -- bei der Eiche, beim Bocke und beim Hunde zu schwören pflegte. Aber Sokrates ist doch deswegen verurteilt worden, weil er den Götterglauben untergrub! Ja seit lange, d. h. immer, ist die Wahrheit verhaßt gewesen. Da jedoch die Athener später ihr Urteil bereuten, so daß sie die Verleumder des Sokrates später bestraften und sein Bild, aus Gold verfertigt, im Tempel aufstellten, so haben sie durch den Widerruf der Verurteilung dem Sokrates seinen guten Ruf zurückgegeben. Auch Diogenes verspottet, ich weiß nicht was, am Herkules, und der römische Zyniker Varro führt dreihundert Joves, die richtiger Jupiters heißen müßten, ohne Köpfe auf. |s82/428

15. Ändere laszive Künste bedienen sich der Schandtaten der Götter sogar, um euch Vergnügen zu machen. Sehet nur die anmutigen Sachen von Leuten, wie Lentulus und Hostilius86) an, ob ihr bf.i ihren Spässen und Schwanken mehr über die Possenreißer oder über eure Götter lacht: über den Anubis als Ehebrecher, Luna als Mann, die gepeitschte Diana, die Eröffnung des Testaments des verstorbenen Jupiter und die drei gefoppten, hungrigen Herkules?87) Auch die Pantomimentexte88) machen alle Schändlichkeiten der Götter kund. Sol betrauert den Sturz seines Sohnes vom Himmel, und ihr amüsiert euch dabei; Cybele schmachtet nach dem blasierten Schäfer, ohne daß ihr dabei errötet; ihr haltet es aus, daß man die Sündenregister des Jupiter absingt und Juno, Venus und Minerva von einem Hirten ihr Urteil empfangen. Wenn selbst ein Bild eures Gottes ein schmachvolles und verrufenes Haupt umkleidet89), wenn ein geiler und für diese Kunst weibisch gemachter Körper bald eine Minerva, bald einen Herkules vorstellt, wird da nicht die göttliche Majestät verletzt und die Gottheit geschändet unter euren Beifallsrufen?! Noch religiöser fürwahr betragt ihr euch im Amphitheater, wo über Menschenblut, über dem von Vollziehung von Leibesstrafen herrührenden Unflat eure Götter Tänze aufführen, indem sie Verbrechern Gegenstand und Vorwurf bieten; freilich werden auch die Rollen eurer Götter öfters durch Verbrecher gegeben. Es gab einmal eine Zeit, wo wir zugesehen haben, wie Attis, jener euer Gott aus Pessinus, kastriert wurde, und wie einer, welcher lebendig verbrannt wurde, den Herkules spielte. Wir haben dazu gelacht, wenn zwischen den spaßhaften Grausamkeiten zur Mittagszeit Merkur die Toten mit dem Brenneisen untersuchte90); wir haben gesehen, wie |s83/429 der Bruder des Jupiter mit seinem Hammer die Leichname der Gladiatoren wegbrachte. Wenn diese Dinge und was man noch dazu ausfindig machen konnte, die Ehre der Gottheiten in Verruf bringen, wenn sie ihre erhabene Majestät in den Schmutz ziehen91), so sind verächtlich jedenfalls sowohl die, welche dergleichen ausüben, als auch die, gegen welche es aasgeübt wird. Das mag indessen als bloße Kurzweil noch passieren. Wenn ich aber weiter hinzufüge, was nicht weniger Wissen und Gewissen eines jeden als wahr anerkennen dürfte, daß in den Tempeln Ehebrüche verabredet, zwischen den Altären Kuppeleien verhandelt, ja unter den Zelten der Tempelhüter und Priester selbst, mit eben denselben gottesdienstlichen Kopfbinden, Hüten und Purpurgewändern, bei brennendem Weihrauch die Wollust befriedigt wird, so weiß ich nicht, ob sich eure Götter nicht über euch mehr als über die Christen beschweren. Ohne allen Zweifel sind die Tempelräuber, die ergriffen werden, jederzeit Leute aus eurer Zahl. Denn die Christen sind in den Tempeln nicht einmal bei Tage kundig. Sie würden sie aber vielleicht auch berauben, wenn sie Verehrer derselben wären.

Was ist es nun also wohl, was die verehren, welche solche Dinge nicht verehren? Unstreitig ist nunmehr die Erkenntnis nahegelegt, daß diejenigen, welche keine Anhänger der Lüge sind, Anhänger der Wahrheit sein müssen, und daß sie in dem nicht länger mehr irren, worin geirrt zu haben sie erkannten und wovon sie zurückgetreten sind. Dies begreifet zuerst, sodann vernehmet unsere heilige Lehre nach ihrem ganzen Zusammenhang, nachdem vorher erst noch die falschen Ansichten darüber zurückgewiesen sind!

16. Denn nach dem Vorbild gewisser Leute92) habt |s84/430 ihr geträumt, ein Eselskopf sei unser Gott. Diesen Verdacht eines solchen (Gottes) hat Cornelius Tacitus aufgebracht. Im vierten93) Buche seines Geschichtswerkes über den jüdischen Krieg beginnt er mit dem Ursprung besagten Volkes, und, nachdem er über Ursprung, Namen und Religion des Volkes nach Willkür berichtet hat, erzählt er, daß die Juden, aus Ägypten befreit oder, wie er glaubt, ausgewiesen, in den wüsten und wasserlosen Gegenden Arabiens von Durst ermattet sich der Waldesel, von welchen sie vielleicht vermuteten, daß sie nach der Weide zur Tränke liefen, zur Auffindung einer Quelle bedienten, und daß sie wegen dieser Wohltat das Abbild eines verwandten Tieres zur Gottheit machten. Daher ist, meine ich, die Vermutung entstanden, daß wir, als der jüdischen Religion nahestehend, zum Dienste desselben Götterbildes eingeweiht würden. Aber derselbe Cornelius Tacitus -- er ist wirklich in seinen Lügen sehr redselig -- erzählt doch selbst in demselben Geschichtswerke, daß Gnäus Pompejus, da er Jerusalem eingenommen hatte und, um die Heimlichkeiten des jüdischen Kultus aufzuspüren, den Tempel betrat, dort kein Götterbild gefunden habe. Wenn aber etwas bildlich Darstellbares verehrt wurde, so hätte es sich doch gewiß nirgends sicherer als in diesem seinem Heiligtum vorfinden müssen, um so mehr, als jener Kultus, mochte er noch so töricht sein, gar nicht einmal zu fürchten brauchte, fremde Lauscher zu haben. Denn nur den Priestern war der Zutritt gestattet, den übrigen war durch einen vorgespannten Vorhang sogar der Einblick versagt. Was euch betrifft, so werdet ihr doch wohl nicht leugnen, daß ihr alle Arten von Zugtieren und ganze Gäule mit ihrer Göttin Epona göttlich verehrt. Vielleicht ist das der Grund eures Mißfallens, daß wir mitten unter Anbetern sämtlichen zahmen und wilden Viehes bloß Eselsverehrer sind. |s85/431

Aber auch jeden, der uns für Verehrer des Kreuzes hält, werden wir als unsern Religionsgenossen ansprechen können94). Wenn zu einem Holze um Erbarmen gerufen wird, so liegt nichts an der äußeren Bekleidung, da ja die Materie dieselbe ist, und auch nichts an der äußeren Form, wenn das Holz selbst der Körper eines Gottes ist. Und doch, wie wenig unterscheiden sich die Pallas von Attica oder die Ceres von Pharos von einem Kreuzesholze, da sie sich ohne Menschenantlitz nur unter einem rohen Pfahl und gestaltlosen Holz darbieten? Denn jedes Holz, das in aufrechter Stellung befestigt ist, bildet ja einen Teil eines Kreuzes; wir beten darum im schlimmsten Falle doch noch einen vollständigen und ganzen Gott an. Wir haben oben gesagt, daß die Bildner den Anfang zu euren Göttern an einem Kreuze machen. Aber ihr betet ja auch die Siegesdenkmale an, trotzdem daß Kreuze die inneren Gestelle der Trophäen bilden. Die ganze römische Soldatenreligion besteht in der Verehrung der Feldzeichen, schwört bei den Feldzeichen und stellt die Feldzeichen über alle Götter. Der ganze Aufputz von Bildern an den Feldzeichen ist nur ein Behang für Kreuze; die Tücher der Reiter- und Prachtfahnen95) sind nur eine Bekleidung für Kreuze. Ich finde darin eine löbliche Gewissenhaftigkeit von eurer Seite. Ihr wollt keine unverzierten und nackten Kreuze für geheiligt erklären.

Andere haben wenigstens eine menschlichere und wahrscheinlichere Ansicht von uns, sie glauben, die Sonne sei unser Gott. So werden wir am Ende wohl gar noch zu den Persern gerechnet werden, obwohl wir keine auf Leinwand abgebildete Sonne anbeten, da wir sie selbst ja überall gegenwärtig haben an ihrem Him-melsrund. Um es kurz zu sagen, der Verdacht rührt daher, weil es bekannt geworden, daß wir nach Osten |s86/432 gewendet beten. Allein auch sehr viele von euch bewegen nach Sonnenaufgang hingewendet die Lippen, indem sie manchmal das Verlangen haben, auch himmlische Dinge anzubeten. Ebenso kommen wir, wenn wir den Sonntag der Freude widmen, und zwar aus einem ganz anderen Grunde als wegen Verehrung der Sonne, ja gleich nach denen, welche den Samstag dem Müßiggange und den Mahlzeiten widmen, wobei übrigens auch sie von der jüdischen Sitte, die sie nicht recht kennen, abweichen.

Aber da ist ja in hiesiger Stadt kürzlich eine neue Mitteilung über unsern Gott öffentlich zur Schau gestellt worden, seitdem ein Verbrecher, der für Geld das Geschäft betreibt, die wilden Tiere zu necken96), ein Bild zum Vorschein brachte mit der Inschrift: „Der Christengott Onokoites"97). Er hatte Eselsohren, einen Fuß von Huf, trug ein Buch und eine Toga. Wir lachten sowohl über den Namen als über die Gestalt. Unsere Gegner aber hätten sofort die zweigestaltige Gottheit anbeten müssen, weil sie Wesen, die mit dem Hundsund Löwenkopfe versehen sind, gehörnt wie ein Ziegenbock und Widder, von den Lenden an Böcke, von den Knieen an Schlangen, die an den Sohlen und auf dem Rücken mit Flügeln versehen sind, zu Göttern angenommen haben. Soviel zum Überflusse, damit wir nur nichts von all dem Gerede, gleichsam wie mit Absicht übergehen möchten! Von dem allem werden wir uns reinigen, indem wir uns zur Darlegung unserer Religion hinwenden.

17. Gegenstand unserer Verehrung ist der eine Gott, welcher diesen ganzen Weltenbau mit der gesamten |s87/433 Ausrüstung der Elemente, Körper und Geister durch das Wort, womit er befahl, und die Weisheit, womit er ordnete, und die Macht, womit er es vermochte, aus dem Nichts hervorbrachte zur Zierde seiner Herrlichkeit, woher auch die Griechen der Welt den Namen Kosmos beigelegt haben. Er ist unsichtbar, obwohl er gesehen wird, unfaßbar, obwohl er mittels seiner Huld vergegenwärtigt wird, unschätzbar, obwohl er durch die menschlichen Sinne geschätzt wird98). Deshalb ist er der wahre und so groß. Was gewöhnlich gesehen, umfaßt und abgeschätzt werden kann, das ist geringer als die Augen, durch die es erfaßt, als die Hände, durch die es berührt, und als die Sinne, durch die es ermittelt wird. Was dagegen unermeßlich ist, ist nur sich selbst bekannt. So kommt es99), daß Gott geschätzt werden kann, während er zugleich alle Schätzung überragt. So stellt ihn seine gewaltige Größe den Menschen dar als etwas |s88/434 Bekanntes und zugleich Unbekanntes. Darin beruht gerade das Hauptvergehen derer, die den nicht erkennen wollen, den sie nicht ignorieren können. Wollt ihr, daß wir aus seinen vielen und großen Werken," von denen wir umgeben sind, wodurch wir erhalten, wodurch wir ergötzt, wodurch wir auch erschreckt werden, oder wollt ihr, daß wir aus dem Zeugnis der Seele selbst sein Dasein beweisen? Obwohl durch den Kerker des Körpers beengt, obwohl von verkehrter Erziehung und Bildung umstrickt100), obwohl von Lüsten und Begierden entkräftet, obwohl falschen Göttern sklavisch unterworfen, nennt sie doch, sobald sie sich gleichsam wie nach einem Rausch, nach einem Schlaf oder nach einer Krankheit auf sich selbst besinnt und ihre natürliche Gesundheit wieder erlangt, nur Gott, mit diesem Namen allein, weil er der dem wahren Gott allein zukommende ist101). ,,Der große Gott", „der gute Gott", oder „was Gott geben möge", so spricht sie allüberall102). Auch daß er Richter sei, bezeugt sie: „Gott sieht es", „ich stelle es Gott an-heim" und „Gott wird es mir vergelten". O Zeugnis der Seele, die von Natur Christin ist! Endlich, wenn sie dergleichen spricht, so blickt sie nicht nach dem Kapitol, sondern zum Himmel; sie kennt nämlich den Sitz des lebendigen Gottes, von ihm und von dort ist sie ja auch herniedergestiegen.

18. Damit wir desto vollständiger und nachdrücklicher zu ihm, zu seinen Anordnungen und seinem Willen |s89/435 den Zugang fänden, hat er das Hilfsmittel des geschriebenen Wortes hinzugefügt, für den Fall, daß man in Betreff Gottes nachforschen, nachdem man nachgeforscht, ihn finden, nachdem man ihn gefunden, an ihn glauben, und nachdem man an ihn geglaubt, ihm dienen will. Denn von Anfang an hat er Männer, die um ihrer Gerechtigkeit und Tadellosigkeit willen würdig waren, Gott zu erkennen und ihn ändern zu zeigen, mit dem göttlichen Geiste überströmt in die Welt gesandt, damit sie verkündeten, daß ein einziger Gott sei, welcher alles erschaffen, welcher den Menschen aus Erde gebildet hat -- er ist nämlich der wahre Prometheus, welcher für den Lauf der Welt die Ordnung festgestellt hat in der bestimmten Einteilung und dem Ausgang der Zeitalter --, sodann, welche Zeichen seiner erhabenen Richterwürde er gegeben habe durch Wasserfluten und Feuerflammen, was er als sittliche Ordnung, wodurch man sich sein Wohlgefallen gewinnen könne, festgesetzt, was er als Vergeltung für deren Nichtachtung und Übertretung und für ihre Beobachtung vorher bestimmt habe. Denn er ist derjenige, welcher, nachdem die gegenwärtige Weltperiode verstrichen103), richten wird, seine Diener zur Belohnung des ewigen Lebens, die Gottlosen aber zum Feuer, das ebenso beständig und dauernd ist, nachdem alle von Anfang an Verstorbenen auferweckt, wieder hergestellt und zur vollen Ausgleichung des Verdienstes und Mißverdienstes klassifiziert worden sind104). Diese Dinge haben ehedem auch wir verlacht. Wir sind aus eurer Mitte hervorgegangen; man wird Christ, aber man wird nicht als solcher geboren. Die genannten Verkünder nun werden von ihrem Amte des Vorhersagens Propheten genannt. Ihre Aussprüche und ebenso ihre Wunder, welche sie zum Beweis ihrer göttlichen Sendung verrichteten, werden in den Schätzen der Literatur aufbewahrt, und diese ist nicht unzugänglich. Ptolemäus mit dem Zunamen Philadelphus -- ein sehr gelehrter König und Kenner in jeder Art Literatur und im Eifer für Büchersammlungen ein Rivale, glaube ich, des |s90/436 Pisistratus -- verlangte unter ändern Denkmälern, welchen entweder ihr Altertum oder irgendeine Besonderheit zur Berühmtheit verhalf, auf Anraten des damals bewährtesten Grammatikers, des Demetrius Phalereus, dem er die oberste Verwaltung105) übertragen hatte, auch von den Juden ihre Bücher, die ihnen eigentümlichen und in ihrer Muttersprache abgefaßten Schriften, welche sie ganz allein besaßen. Denn aus ihnen stammten und zu ihnen redeten immer die Propheten, nämlich zu dem Volke, das wegen der seinen Vätern zuteil gewordenen Gnade Gott eigentümlich zugehörte. Hebräer hießen früher die jetzt sogenannten Juden, daher auch die Schrift und Sprache hebräisch. Damit man aber ihres Verständnisses nicht entbehre, wurde dem Ptolemäus von den Juden auch das Hebräische übersetzt106), indem man ihm zweiundsiebzig Übersetzer gewährte, welche der Philosoph Menedemus, ein Verteidiger der Vorsehung, wegen der Übereinstimmung mit seiner Ansicht bewunderte107). Auch Aristäus versichert euch dieses Vorganges, So werden diese Schriftdenkmale, aufgeschlossen in die griechische Sprache, in der Bibliothek des Ptolemäus im Serapeum heute noch nebst den hebräischen Schriften gezeigt. Auch die Juden lesen sie ganz unverhohlen; für die Erlaubnis wird eine Abgabe bezahlt108), und es wird allgemein an Sabbaten davon |s91/437 Gebrauch gemacht. Wer sie hört, wird Gott finden; wer sich bemüht, in sie einzudringen, wird sich gezwungen sehen, auch daran zu glauben.

19. Das hohe Alter ist es also zunächst, was diesen Urkunden ihre Autorität verleiht. Auch bei euch verleiht es ja eine religiöse Weihe, wenn man Glaubwürdigkeit auf Grund der Zeit in Anspruch nehmen kann. Ansehen verleiht den Schriftstücken ein sehr hohes Alter. Der109) älteste Prophet war Moses. Er hat die Erschaffung der Welt, das Heranwachsen der Menschheit und sodann die Rache für die Gottlosigkeit jener Zeit, die gewaltige Sündflut, durch Sehergabe von der |s92/438 Vergangenheit an bis zu seiner Lebenszeit dargestellt und darnach durch sein eigenes Wirken Vorbilder der Zukunft kundgemacht. Bei ihm ist auch die Aufeinanderfolge der Zeiten genau dargelegt und damit die Berechnung der Dauer der Welt an die Hand gegeben. Ungefähr dreihundert Jahre waren seit ihm vergangen, als Danaus, bei euch der älteste, nach Argos herüberkam. Dem trojanischen Kriege geht er tausend Jahre voraus, und deshalb auch dem Saturn selbst. Denn in dem Ge-schichtswerk des Thallus, worin der Krieg des Belus und der des Saturnus, der Könige der Assyrier und der Titanen, mit Jupiter berichtet wird, wird gezeigt, daß Belus dem Untergang von Troja dreihundertzweiundzwanzig Jahre vorausgegangen sei. Durch diesen Moses ist auch den Juden das ihnen eigene Gesetz von Gott gegeben worden. Darnach gab es viele andere Propheten, welche älter sind als eure Urkunden. Denn auch der, welcher zuletzt geweissagt hat, geht entweder um etwas voraus oder gehörte demselben Zeitalter an wie die ersten Weisen und Gesetzgeber, Denn Zacharias lebte unter der Regierung des Kyros und Darius zur Zeit als Thales, der erste Physiker, auf die Fragen des Krösus in Betreff der Gottheit nichts Bestimmtes antwortete, in Verwirrung nämlich gesetzt durch die Aussprüche der Propheten. Solon hat demselben Könige gepredigt, man müsse das Ende des langen Lebens im Auge behalten, nicht anders als die Propheten.

Man kann also in Betracht ziehen, daß sowohl euer Rechtswesen als auch eure Wissenschaften von dem göttlichen Gesetz und der göttlichen Lehre befruchtet worden sind. Was das Frühere ist, muß auch der Same sein. Von dorther habt ihr manches mit uns oder doch fast wie wir. Von der Sophia, der Weisheit, hat die Philosophie ihren Namen, von der Prophetie hat das Haschen nach derselben die poetische Weissagung abgeleitet. Ruhmsüchtige Menschen haben das, was sie vorfanden, gefälscht, um es dann als ihr Eigentum auszugeben. Auch bei den Früchten kommt es ja vor, daß sie entarten. Auf vielerlei Weise möchte ich noch für das Alter der göttlichen Schriften den Kampf führen, wenn nicht ihnen zum Erweis ihrer Glaubwürdigkeit ein |s93/439 größeres Ansehen durch die Macht ihrer Wahrheit, als durch das Zeugnis ihres Alters verschafft würde. Denn was dürfte ihnen machtvoller zugute kommen, als das tägliche Gericht über die ganze Welt, wo die Lage der Reiche, die Unglücksfälle der Städte, die Schicksale der Völker und der Zustand der Zeiten in allem dem entsprechen, wie es vor tausend Jahren geweissagt wurde? Dadurch wird auch unsere Hoffnung, die ihr verlacht, belebt und unser Vertrauen, das ihr einen Wahn nennt, gekräftigt. Denn die Erwägung des Vergangenen ist geeignet, Vertrauen auf die Zukunft zu erwecken. Dieselben Aussprüche haben beides verkündigt, dieselben Schriften beides aufgezeichnet. Die Zeit ist bei ihnen nur eine, die bei uns. getrennt zu sein scheint. So ist alles, was noch Unerwiesenes übrig bleibt, für uns erwiesen, weil es mit dem, was bewährt ist, damals aber in der Zukunft lag, verkündet wurde. Soviel ich weiß, habt ihr auch eine Sibylle, insofern diese Benennung einer wahren Seherin des wahren Gottes hie und da in Bezug auf andere, die Sehergabe zu haben scheinen, gebraucht worden ist; so haben euere Sibyllen diesen Namen von der Wahrheit entwendet, wie es auch euere Götter getan haben110).

So wird denn der ganze Inhalt, werden alle Gegenstände, Ursprünge, Ordnungen und Quellen eines jeden eurer alten Schriftwerke, auch die meisten Völkerschaften und die berühmten Städte, die altersgrauen Geschichtserzählungen und Überlieferungen, sogar die Schriftzüge der Buchstaben, wodurch die Ereignisse gemeldet und aufbewahrt werden -- und, ich glaube, ich habe noch zu wenig gesagt -- selbst eure Götter, Tempel, Orakel und Opfer -- sie alle werden an Alter um Jahrhunderte durch die Schriftwerke eines einzigen Propheten übertroffen, worin wie in einem Schreine der Schatz der ganzen jüdischen und daher auch unserer Religionslehre niedergelegt ist. Moses, wenn ihr einstweilen von einem solchen Manne gehört habt, ist dem argivischen Inachus gleichzeitig; um fast vierhundert Jahre, nämlich nur sieben weniger, geht er selbst dem |s94/440 Danaus, der bei euch als der älteste gilt, voraus, um etwa tausend geht er der Niederlage des Priamus vorher, und, da ich Gewährsleute dafür habe, kann ich sagen, auch um mehr als fünfhundert Jahre dem Homer. Wenn die übrigen Propheten auch nach Moses lebten, so werden doch die allerletzten von ihnen nicht jünger erfunden, als eure uralten Weisen, Gesetzgeber und Geschichtschreiber. Auseinanderzusetzen, durch welche Zeitrechnungen man das beweisen kann, ist für mich mehr weitläufig als schwierig, die genaue Aufzählung ist nicht sosehr mühevoll als vorläufig zu umständlich. Viele Hilfsmittel unter fortwährenden Fingerbewegungen beim Rechnen wären nötig, um es darzulegen111). Aufzuschließen wären die Archive der ältesten Völker, der Ägypter, Chaldäer, Phönizier; zu Hilfe zu nehmen wären ihre Landsleute, durch welche uns die Kenntnis davon vermittelt wird, Männer wie Manethon der Ägypter, Berosus der Chaldäer, aber auch der Phönizier Hieromus, König von Tyrus, sowie ihre Nachfolger Ptolemäus von Mendes, Menander von Ephesus, Demetrius Phalereus, der König Juba, Appion, Thallus und der Jude Josephus, der einheimische Verteidiger der jüdischen Altertümer, der die eben Genannten entweder bestätigt oder widerlegt. Auch die Bücher über die Urgeschichte der Griechen wären zu vergleichen, was geschehen, und wann es geschehen ist, damit die Verkettungen der Zeiten, durch welche die Jahreszahlen der Annalen Licht erhalten, aufgehellt werden. Man müßte die Geschichte und die Literatur des ganzen Erdkreises durchgehen, -- Indes, wir haben gleichsam einen Teil des Beweises schon beigebracht, indem wir einfließen ließen, woraus er geführt wird. Doch es ist besser, den Beweis aufzuschieben, damit wir nicht etwa einerseits in der Eile ihn zu wenig erschöpfen, oder andererseits zu weit abschweifen, indem wir ihn vertiefen.

20. Statt dessen, was wir verschieben, bieten wir ein Höheres dar: die Erhabenheit der heiligen Schriften, |s95/441 für den Fall, daß unser Beweis für ihre Göttlichkeit aus dem Alter keine Zustimmung findet, für den Fall, daß ihr Alter in Zweifel gezogen wird. Auch braucht man nicht lange oder weit zu suchen, um sich von ihr zu überzeugen; vor den Augen liegen die Beweise: die Welt, die Zeit und die Ereignisse. Was geschieht, wurde vorher verkündet; was jetzt geschaut wird, wurde vorher angesagt, daß die Erde Städte verschlingt, daß das Meer Inseln raubt, daß auswärtige und innere Kriege zerfleischende Wirkungen ausüben, daß Reiche mit Reichen in Zusammenstoß geraten, daß Hunger und Seuchen, lokale Plagen, welcher Art auch immer, und oft sehr große Sterblichkeit Verwüstungen anrichten, daß die Geringen erhöht und die Hohen erniedrigt werden, daß die Gerechtigkeit selten wird, die Gottlosigkeit wächst, die Sorge für alle guten Bestrebungen einschläft, daß auch die Verrichtungen der Jahreszeiten und die Wirkungen der Elemente aus ihrer Bahn weichen, daß durch Mißgeburten und Ungeheuer die rechte Form der natürlichen Dinge gestört wird, -- das alles ist mit Voraussicht aufgeschrieben worden. Zur selben Zeit, wo wir solche Dinge erleben, werden sie vorgelesen, während wir uns ihrer erinnern, erfüllen sie sich. Die wirkliche Erfüllung einer Weissagung ist aber, sollte ich meinen, ein hinreichender Beweis für ihre Göttlichkeit. Daher also ist bei uns auch der Glaube an die noch zukünftigen Dinge ein zuverlässiger, indem sie nämlich schon beglaubigt sind, weil sie gemeinschaftlich mit denen, die täglich ihre Bestätigung finden, vorhergesagt wurden; es sind dieselben Stimmen, die es kundtun, dieselben Schriften, die es berichten, es ist derselbe Geist, der antreibt; für den Sehergeist, welcher die Zukunft vorher verkündet, gibt es nur eine Zeit. Unterschieden wird die Zeit höchstens von den Menschen, indem ihr Lauf sich vollendet, indem aus der Zukunft die Gegenwart und sodann aus der Gegenwart die Vergangenheit sich ableitet. Worin fehlen wir -- ich bitte euch -- wenn wir nun auch an die zukünftigen Dinge glauben, da wir ja schon durch zwei Vorstufen112) angeleitet sind, sie für wahr zu halten. |s96/442

21. Weil wir jedoch behauptet haben, daß diese unsere Religionsgesellschaft -- welche zwar noch ziemlich neu ist, wie alle wissen und auch wir bekennen, nämlich im tiberianischen Zeitalter entstanden ist -- weil wir also behauptet haben, daß sie sich doch auf die sehr alten Schriften der Juden stütze, so könnte man vielleicht in Betreff ihrer Beschaffenheit in der Hinsicht Bedenken hegen, als wollte sie unter dem Deckmantel einer so bekannten Religion, die sicherlich eine erlaubte ist, von ihren eigenen Meinungen etwas verbergen, um so mehr, da wir außer dem Alter weder in Betreff der Speiseverbote noch der Feiertage, noch sogar des körperlichen Zeichens, noch in der Namensgemeinschaft es mit den Juden halten, was doch der Fall sein müßte, wenn wir demselben Gott zugehörten. Indes, sogar der große Haufe kennt schon Christum, als einen Menschen freilich, der so war113), daß ihn die Juden verurteilt haben, ein Umstand, kraft dessen man uns um so leichter für Menschenanbeter hält. Allein wir schämen uns Christi nicht, wir freuen uns vielmehr nach seinem Namen benannt und um seinetwillen verurteilt zu werden; auch haben wir darum keine andere Auffassung von Gott. Es ist also notwendig, über Christus, insofern er Gott ist, einiges Wenige zu sagen.

Die ganze Zeit hindurch besaßen die Juden bei Gott einen besonderen Vorzug114) wegen der ausgezeichneten Rechtschaffenheit und des Glaubens ihrer Urväter. Daraus erblühte die Größe ihres Stammes und das Ansehen ihres Reiches, und ein besonders großes Glück stand ihnen zur Seite infolge der Aussprüche Gottes, wodurch sie sowohl belehrt wurden, wie man sich vor Gott verdient machen könne, als auch im voraus gemahnt wurden, ihn nicht zu beleidigen. Wie große Fehltritte sie trotzdem begangen haben, durch vermessenes Vertrauen auf ihre Väter so aufgebläht, daß sie das Gesetz in eine |s97/443 unheilige Art verkehrten, das würde, wenn sie es auch nicht selbst geständen, ihr heutiges Schicksal beweisen. Zerstreut, umherirrend, von ihrem heimischen Boden und Himmel verbannt, schweifen sie auf dem Erdkreise umher, ohne einen Menschen oder Gott zum König zu haben; es wird ihnen nicht einmal erlaubt, als Fremdlinge ihr Vaterland zu betreten und zu begrüßen. Die heiligen Aussprüche fügten, indem sie ihnen dieses Schicksal androhten, alle immer dasselbe bei: Gott werde in den letzten Zeitläufen sich aus jedem Stamme und Volke und an allen Orten treuere Verehrer auswählen und auf sie seine Gnade übertragen, und zwar eine reichlichere Gnade wegen des Reichtums des erhabeneren Lehrsystems. Es kam also derjenige, der nach Gottes Vorherverkündigung kommen sollte, um die Lehre zu erneuern und ins Licht zu stellen, Christus nämlich, der Sohn Gottes. Er, der Herr und Meister dieser Gnade und Lehre, der Erleuchter und Führer des Menschengeschlechtes, wurde als Sohn Gottes angekündigt, nicht zwar so erzeugt, daß er erröten müßte über den Namen „Sohn" oder über den Samen des Vaters, als über den Beischlaf eines Stieres115). Er hat nicht Gott zum Vater bekommen infolge von Blutschande mit der Schwester oder Schändung der Tochter oder Gattin eines ändern -- etwa einen schuppigen, gehörnten, befiederten oder als Liebhaber der Danae in Gold verwandelten Vater. Das ist das Menschliche, das ihr dem Jupiter beilegt116). Der Sohn Gottes aber hat nicht eine Mutter bekommen infolge einer Verletzung ihrer Keuschheit, auch die, welche als seine Mutter angesehen wird, war nicht verheiratet.

Doch ich will erst sein Wesen besprechen, dann wird man die Beschaffenheit seiner Geburt verstehen. |s98/444 Wir haben es schon ausgesprochen, Gott habe dieses Weltall durch sein Wort, seine Vernunft und seine Macht erschaffen. Auch bei euren Weisen steht es fest, daß der Logos, d. i. das Wort und die Vernunft, als der Bildner des All gelte. Ihn bezeichnet nämlich Zeno als den Hervorbringer, der alles in seinem Ratschluß gebildet habe; derselbe werde auch Fatum genannt, Gott, Seele des Jupiter und Notwendigkeit aller Dinge. Alle diese Prädikate zusammen überträgt Kleanthes auf den Geist, von dem er sagt, daß er das All durchdringe. Aber auch wir schreiben dem Worte, der Vernunft und ebenso der Macht, wovon wir gesagt haben, daß Gott alles durch sie geschaffen habe, als eigentümliche Substanz den Geist117) zu, in dem das Wort ist, wenn er spricht, bei dem die Vernunft ist, wenn er anordnet, und dem die Macht gegenwärtig ist, wenn er ausführt. Hinsichtlich seiner sind wir belehrt worden, er sei aus Gott hervorgebracht und durch Hervorbringen gezeugt und deswegen Sohn Gottes und Gott genannt wegen der Einheit der Substanz. Denn auch Gott ist Geist. Und wenn ein Strahl aus der Sonne ausgesendet wird, so ist er ein Teil vom Ganzen; aber dabei ist die Sonne doch in dem Strahl, weil er ein Sonnenstrahl ist, und die Substanz wird dabei nicht geteilt, sondern auseinandergebreitet, wie ein Licht am Lichte angezündet wird118). Es bleibt |s99/445 der Mutter-Stoff119) unversehrt und unvermindert, auch wenn man ihm mehrere gleichartige Ableitungen entnimmt. In dieser Weise ist auch, was von Gott ausgegangen ist, Gott und Gottes Sohn, und beide sind einer120). In dieser Weise Geist vom Geiste und Gott von Gott dem Maß (der Wesenheit) nach ein Zweiter, bewirkte er die Zahl durch die Abstufung, nicht durch die Beschaffenheit (der Substanz)121), und er ist von der mütterlichen Substanz nicht weggetreten, sondern aus ihr ausgetreten. Dieser Strahl Gottes nun ist, wie früher immer geweassagt wurde, in eine Jungfrau herabgekommen, und, in ihrem Mutterschoße Fleisch geworden, wird er geboren als ein Mensch, der mit Gott geeint ist122). Das vom Geiste gebildete123) Fleisch wird genährt, wächst heran, redet, lehrt, wirkt und ist Christus. |s100/446

Laßt euch diese Fabel -- sie ist ja den eurigen ähnlich -- einstweilen gefallen, bis wir euch zeigen, wie Christus bewiesen wird, und wer bei euch zum voraus für derartige Fabeln gesorgt hat, damit sie als Rivalen diese unsere Wahrheit zerstören sollten124). Auch die Juden wußten, daß Christus kommen würde, da zu ihnen ja die Propheten redeten. Denn sie erwarten seine Ankunft auch jetzt noch, und es gibt keinen größeren Streitpunkt zwischen ihnen und uns, als den, daß sie nicht glauben, er sei schon gekommen. Da nämlich in betreff seiner eine zweimalige Ankunft angezeigt wurde, die erste, welche schon vollbracht ist in der Niedrigkeit des menschlichen Lebens, und die zweite, welche zum Abschluß der Zeitlichkeit bevorsteht in der Hoheit der hell erstrahlenden Gottheit, so haben sie die erste nicht verstanden und die zweite, welche sie, weil deutlicher vorhergesagt, erhofften, für die einzige gehalten. Daß sie nämlich die frühere nicht verstanden, während sie doch, wenn sie sie verstanden, geglaubt und, wenn sie sie geglaubt haben würden, das Heil erlangt hätten, -- das hat ihre Sünde verschuldet. Daß sie gestraft seien um die Weisheit und um die Erkenntnis und um die Frucht der Augen und Ohren, das lesen sie selbst in der Schrift.

Da sie ihn also infolge seiner Niedrigkeit für einen bloßen Menschen hielten, so bereiteten sie ihm Nachstellungen125), so daß sie ihn wegen seiner Machttaten als |s101/447 einen Zauberer ansahen, da er durch sein bloßes Wort Dämonen aus den Menschen austrieb, Blinde wieder sehend machte, Aussätzige reinigte, Gelähmte wieder straff machte, Tote sogar durch sein Wort dem Leben wieder gab, die Elemente selbst zu Dienern machte, indem er die Stürme bändigte und auf dem Meere einherging, und so zeigte, daß er der Sohn Gottes war, jener, der von alters her verkündigt und zum Heil aller geboren war126), jenes uranfängliche, erstgeborene, von der Macht und der Vernunft begleitete und vom Geiste getragene Wort, eben derselbe, der alles durch sein bloßes Wort macht und gemacht hat. Die Lehrer und Vornehmen der Juden waren aber gegen seine Lehre, durch welche sie widerlegt wurden, so erbittert, am meisten deswegen, weil sich eine sehr große Menge von ihnen weg ihm zuwandte, daß sie ihn zuletzt dem Pontius Pilatus, damaligem Prokurator Syriens127) von römischer Seite, überlieferten und durch das Ungestüm ihrer Stimmen von ihm erzwangen, daß er ihnen zur Kreuzigung ausgeliefert wurde. Er hatte es auch selbst vorhergesagt, daß sie es so machen würden, was jedoch nicht genügen würde, hätten es nicht auch die früheren Propheten verkündet. Und doch hat er, ans Kreuz geheftet -- das war die für ihn bestimmte Todesstrafe -- noch Wunder getan128). Er hauchte nämlich, der Dienstleistung des Scharfrichters zuvorkommend129), freiwillig den Geist mit einem Ausrufe aus. In demselben Augenblick verschwand das Tageslicht, obwohl die Sonne Mittagshöhe zeigte. Das hielten die, welche nicht wußten, daß auch dies in betreff Christi vorhergesagt war, natürlich für |s102/448 eine bloße Sonnenfinsternis130). Und doch findet sich auch dieser Zwischenfall im Weltall in euren geheimen Archiven berichtet.

Nachdem er darauf herabgenommen und ins Grab gelegt war, ließen ihn die Juden mit großer Sorgfalt bewachen und von einer Militärwache umzingeln, damit ja die Jünger, weil er seine Auferstehung von den Toten nach drei Tagen vorhergesagt hatte, nicht den Leichnam durch Diebstahl auf die Seite brächten und die, um welche man bangte, in Irrtum führten131). Aber bei Anbruch des dritten Tages132) wurde plötzlich die Erde erschüttert, der Steinkoloß, welcher das Grab verschloß, weggewälzt, die Wache durch Schrecken zersprengt, und ohne daß irgendein Jünger dabei zugegen war, wurde nichts im Grabe gefunden, als die abgelegten Umhüllungen des Begrabenen. Nichtsdestoweniger |s103/449 sprengten die Vornehmen der Juden, denen daran lag, das Vorkommnis eines Verbrechens auszusprengen und das ihnen steuerpflichtige und untergebene Volk vom Glauben fernzuhalten, aus, er sei von den Jüngern gestohlen worden. Denn Christus selbst zeigte sich nicht mehr dem Volke, damit die Gottlosen nicht von ihrem Irrtum befreit würden, damit auch der Glaube, dem ja eine nicht gewöhnliche Belohnung vorbehalten ist, nicht ohne Schwierigkeit sei. Mit einigen Schülern aber verkehrte er gegen vierzig Tage in Galiläa, einer Provinz des Judenlandes, sie lehrend, was sie lehren sollten. Nachdem diese hierauf für das Amt, auf dem ganzen Erdkreis zu predigen, bestimmt waren, wurde er, von einer Wolke umgeben, in den Himmel aufgenommen, was viel zuverlässiger ist, als was bei euch Leute wie Proculus von Leuten wie Romulus zu bekräftigen pflegen133). Dies alles hat Pilatus, selbst schon in seinem Innersten ein Christ, dem damaligen Kaiser Tiberius über Christus gemeldet. Aber auch die Kaiser hätten hinsichtlich Christi geglaubt, wenn nicht einesteils die Kaiser für den Weltlauf134) notwendig wären, oder wenn andererseits Christen Kaiser sein könnten. -- Die Jünger aber gehorchten folgend dem Befehl ihres göttlichen Lehrers und zerstreuten sich über den Erdkreis, und nachdem auch sie von den sie verfolgenden Juden vieles erduldet, haben sie -- ihrem Vertrauen auf die Wahrheit entsprechend, mit Freudigkeit -- zuletzt zu Rom durch die Grausamkeit des Nero ihr Christenblut als Samen ausgestreut135).

Jedoch, ich werde euch später sogar noch diejenigen, welche ihr anbetet, als geeignete Zeugen für Christus vorführen136). Etwas Großes ist es, wenn ich, |s104/450 damit ihr den Christen Glauben schenket, diejenigen als Mittel anwende, durch deren Einfluß ihr den Christen den Glauben versaget. Für jetzt habt ihr den geschichtlichen Zusammenhang, in dem unser Religionssystem steht, so legen wir dar137) den Ursprung unserer Genossenschaft und unseres Namens im Zusammenhang mit ihrem Stifter.

Es möge nun niemand mehr uns in Verruf bringen, niemand denken, es sei doch anders, da es doch keinem möglich ist, in betreff seiner Religion lügnerische Angaben zu machen. Denn dadurch, daß man vorgibt, man verehre ein anderes Wesen, als man wirklich verehrt, verleugnet man das, welches man eigentlich verehrt, überträgt Kult und Ehre auf ein anderes und verehrt eben durch diese Übertragung das auch schon nicht mehr, welches man verleugnet hat. Wir machen ja die Aussage, und zwar die öffentliche Aussage und rufen es unter euren Martern, zerfleischt und von Blut übergössen, laut aus: „Wir verehren Gott durch Christus!" Haltet ihn immerhin für einen bloßen Menschen! Dennoch will Gott durch ihn und in ihm erkannt und verehrt werden. Um den Juden Rede zu stehen, sagen wir: sie haben selbst durch den Menschen Moses Gott verehren gelernt; um den Hellenen zu entgegnen: Orpheus hat in Pieria, Musäus in Athen, Melampus zu Argos, Trophonius zu Böotien die Leute durch Einweihungszeremonien in religiöse Pflicht genommen; um mich an euch, ihr Beherrscher der Völker, zu wenden, sagen wir: Numa Pompilius war nur ein Mensch und hat doch die Römer mit so mühevollem Aberglauben belastet. Es dürfte auch wohl Christus freigestanden haben, Erklärungen über die Gottheit, sein Eigentum138), zu geben, nicht in der Weise, daß er ganz ungebildete und noch wilde Menschen durch eine so große Anzahl Gottheiten, deren Wohlwollen zu gewinnen sei, gleichsam verblüfft machte und sie so zur Zivilisation heranbildete, wie Numa es tat, sondern wie einer, der schon |s105/451 zivilisierten und durch Überbildung in die Irre geführten Menschen die Augen zur Erkenntnis öffnet. Untersuchet also, ob diese Gottheit eine wahre sei. Wenn sie das ist, so folgt aus ihrer Erkenntnis, daß man der falschen entsagen muß, nachdem man vor allem jene in ihrer ganzen Art genau kennen gelernt hat, die, unter Namen und Bildern von Verstorbenen versteckt, durch gewisse Zeichen, Wunder und Orakel den Glauben an ihre Göttlichkeit hervorzurufen sucht139).

22. Und somit behaupten wir denn, daß es gewisse geistige Wesen gebe. Auch der Name ist nicht neu. Dämonen sind den Philosophen bekannt, indem Sokrates selbst die Willensäußerung seines Dämonium abwartete. |s106/452 Warum auch nicht? Soll ihm ja ein Dämonium von seiner Kindheit an angehangen haben, das ihn selbstverständlich vom Guten zurückhielt. Alle Dichter kennen sie; auch der ungebildete Haufe bedient sich häufig ihrer Namen zum Zweck eines Fluches. Denn auch den Namen Satans, des Fürsten dieser schlimmen Gattung, stößt er -- infolge der der Seele von Natur innewohnenden Überzeugung140) -- im Tone der Verwünschung aus. Auch Plato hat das Dasein von Engeln nicht in Abrede gestellt. Als Zeugen für beide Namen stehen besonders die Magier da141). Indessen, wie aus gewissen Engeln, die freiwillig gesunken sind, ein noch gesunkeneres Geschlecht von Dämonen geworden ist, das von Gott samt den Urhebern des Geschlechtes und mit dem, welchen wir eben den Fürsten genannt haben, verdammt wurde, -- dieser Hergang wird aus den heiligen Schriften erkannt142). Für jetzt wird es genügen, ihr Wirken auseinanderzusetzen. Gegenstand ihres Strebens ist, den Menschen zu verderben. So nahm von Anbeginn an die Bosheit der Geister damit ihren Anfang, daß sie den Menschen ins Verderben stürzte. So also verursachen sie einerseits dem Körper sowohl Krankheiten als auch bittere Unfälle verschiedener Art, der Seele dagegen plötzliche und außerordentliche Ausschreitungen durch Gewalt. Es kommt ihnen, um beide Bestandteile des Menschen angreifen zu können, ihre wunderbare Feinheit und Dünnheit zustatten. Vielmals ist es den geistigen Mächten gegönnt, daß sie -- an sich unsichtbar und mit den Sinnen nicht wahrnehmbar -- mehr in ihren Wirkungen als beim Akte sichtbar werden, wenn z. B, eine unerklärliche, verborgene, fehlerhafte Beschaffenheit der Atmosphäre die Baum- und Feldfrüchte in der Blüte herabwirft, im Keime tötet, in der Jugendkraft verwundet, und wenn die durch eine geheime Ursache verschlechterte Luft ihren pestbringenden Hauch herabschüttet. Mit |s107/453 derselben Heimlichkeit der Ansteckung bewirkt die Einflüsterung der Dämonen und Engel auch Verderbnis des Geistes durch Raserei, Abscheu erregenden Wahnsinn oder wilde Gelüste, verbunden mit verschiedenen Verirrungen, wovon die schwerwiegendste jene ist, daß sie den verlockten und betörten143) Menschengeistern jene bewußten Götter empfehlen, um sich auch das ihnen gemäße, in Opferdampf und Blut bestehende Futter zu verschaffen. Und was könnte es für eine ausgesuchtere Weide für sie geben, als daß sie den Menschen von der Erforschung der wahren Gottheit durch das Blendwerk einer falschen Wahrsagung abziehen? Auch wie sie dieses Blendwerk bewirken, will ich entwickeln. Jeder Geist ist wie beflügelt; so sind die Engel sowohl wie die Dämonen. Sie sind also im Augenblick überall. Der ganze Erdkreis ist für sie nur ein einziger Ort; was geschieht und wo es geschieht, erfahren und melden sie mit gleicher Leichtigkeit. Ihre Schnelligkeit nun hält man für Göttlichkeit, weil man ihr Wesen nicht kennt. So wollen sie mitunter auch als Urheber der Dinge erscheinen, die sie nur verkünden, und sie sind es zuweilen wirklich bei den schlechten Dingen, bei den guten jedoch niemals. Sogar die Ratschlüsse Gottes entnahmen sie früher den Propheten, die sie verkündeten, und jetzt entnehmen sie dieselben den Vorlesungen, welche sie wieder ertönen lassen144). Auf diese Art und aus dieser Quelle erfahren |s108/454 sie manche Geschicke der Zeiten und suchen es der Gottheit gleichzutun, obwohl sie die Sehergabe nur stehlen.

Wie schlau sie aber bei den Orakeln die Zweideutigkeiten auf den etwaigen Erfolg berechnen, davon wissen Leute wie Krösus und Pyrrhus zu erzählen. Daß eine Schildkröte mit Schaffleisch zusammengekocht werde, wußte der pythische Apollo übrigens auf die oben angegebene Weise zu verkündigen -- sie waren145) im Augenblick in Lydien gewesen. Infolge ihres Wohnens in der Luft, ihrer Nachbarschaft zu den Gestirnen und ihrer Verbindung mit den Wolken können sie sofort wissen, was sich am Himmel vorbereitet, so daß sie den Regen, den sie schon fühlen, versprechen können. Allerliebst wohltätig fürwahr sind sie in bezug auf Heilmittel der Krankheiten146). Sie schädigen nämlich zuerst, darnach schreiben sie Heilmittel vor, und zwar, damit es ein Wunder sei, ungewöhnliche oder anscheinend gegenteilige, nach deren Anwendung sie aufhören zu schädigen und nun für die Heilbringer gehalten werden. Was soll ich also noch von der übrigen Schlauheit oder auch von der Macht der betrügerischen Geisterschar sprechen, wenn sie Wahrsagungen feilbietet, wenn sie Wunder wirkt147), etwa von den Trugbildern der Kastoren, dem in einem Sieb getragenen Wasser, dem mittels eines Gürtels in Bewegung gesetzten Schiff, dem durch einfaches Anrühren rot gefärbten Bart? Daß Steine für Götter gehalten werden und der wahre Gott nicht gesucht wird, das haben sie bewirkt148). |s109/455

23. Ferner, wenn die Zauberer Spukgesichte sehen lassen und Seelen Verstorbener herabwürdigen, wenn sie Knaben töten, damit sie Orakelsprüche gewinnen149), wenn sie viele wunderbare Schaustücke durch marktschreierische Blendwerke aufführen, wenn sie sogar Träume senden, indem sie die Macht der zitierten Engel und Dämonen, durch welche es etwas Gewöhnliches gegeworden ist, daß sogar Ziegen und Tische weissagen, zu ihrer Hilfe ein- für allemal bei der Hand halten, -- um wieviel mehr wird dann dieselbe Macht bestrebt sein, nach ihrem eigenen Gutdünken und zu ihrem Nutzen mit allen Kräften das zu wirken, was sie fremdem Geschäftsbetriebe zu Gebote stellt! Oder wenn die Engel und Dämonen dasselbe bewirken wie eure Götter, wo bleibt dann der Vorzug der Gottheit, die man doch schlechterdings für erhabener als jegliche andere Macht halten muß? Würde die Vorstellung, sie selbst seien es, die sich zu Göttern machen, indem sie gerade die Dinge tun, welche den Glauben an Götter hervorrufen, nicht würdiger sein, als zu glauben, daß die Götter den Engeln und Dämonen gleich seien. Nur noch die Ortsverschiedenheit, meine ich, gibt den Ausschlag dafür, daß ihr in den Tempeln die für Götter haltet, die ihr anderswo nicht Götter nennt, daß der, welcher durch die heiligen Türme fliegt150), in einer ändern Art des Wahnsinns befangen scheint als der, welcher über die Dächer der Nachbarschaft springt, und das Walten einer anderen Gewalt verkündigt wird in dem, welcher sich die Zeugungsglieder oder Arme, als in dem, der sich die Kehle zerschneidet. Vergleiche151) nur den Verlauf des |s110/456 Wahnsinns bis zu Ende und die Ursache der Anstiftung ist eine und dieselbe.

Doch nun keine Worte weiter, schon trete die Sache selbst als Beweis auf, ein Verfahren, wodurch wir augenscheinlich zeigen wollen, daß beide Namen dieselbe Wesensbeschaffenheit haben. Es möge sich hier vor eurem Tribunal irgend jemand präsentieren, von dem es feststeht, daß er von einem Dämon regiert wird. Auf eines beliebigen Christen Befehl zu reden, wird jener Geist so sicher bekennen ein Dämon zu sein, was er in Wahrheit ist, wie er sich anderswo für einen Gott ausgibt, was er in Wahrheit nicht ist152). Ebenso möge einer von denen vorgeführt werden, die vermeintlich unter Einwirkung eines Gottes stehen, welche, wenn sie die Altäre anhauchen, den göttlichen Geist aus dem Opferfette empfangen, welche dann durch schlucksende Bewegungen kuriert werden und unter Keuchen Weissagungen geben. Und selbst eure Jungfrau Cölestis, die Verheißerin des Regens, und ebenso euer Äskulap, der Mitteiler von Arzneien, der das Leben mit Scordium, Thanatium und Asclepiodotum erhielt und dann am ändern Tage sterben mußte153), -- wenn sie nicht sofort bekennen, daß sie Dämonen sind, indem sie nicht wagen, |s111/457 einen Christen zu belügen, so vergießet auf der Stelle das Blut dieses unverschämtesten aller Christen! Was ist einleuchtender als ein solcher tatsächlicher Vorgang, was zuverlässiger als diese Beweisführung? Die Wahrheit in ihrer Einfalt steht vor den Schranken des Gerichts, ihre Kraft steht ihr zur Seite; nicht der geringste Argwohn ist gestattet. Daß es durch Zauberei oder sonst eine Betrügerei vollbracht werde, werdet ihr nur dann sagen können, wenn eure Augen und Ohren es euch erlauben154). Was aber kann man vorbringen gegen das, was in unverhüllter Ehrlichkeit sich zeigt? Wenn auf der einen Seite jene wirklich Götter sind, warum geben sie sich lügenhafter Weise für Dämonen aus? Etwa, um uns einen Gefallen zu tun? Dann wäre eure Gottheit ja schon den Christen unterworfen; was aber einem Menschen, und zwar sogar dann, wenn er etwas zu ihrer Unehre tut, also ihrem Widersacher, Untertan ist, das ist schlechterdings nicht für eine Gottheit anzusehen155). Auf der ändern Seite, wenn sie aber Dämonen oder Engel sind, warum antworten156) sie an anderer Stelle, daß sie das Amt der Götter ausüben? So gut wie denen, welche für Götter gehalten werden, es niemals in den Sinn kommen würde, sich Dämonen zu nennen, wenn sie wirklich Götter wären, nämlich um sich nicht ihrer Hoheit zu entledigen, so wenig würden es diese, welche ihr direkt als Dämonen kennt, wagen, anderwärts als Götter aufzutreten, wenn das überhaupt Götter wären, deren Namen sie sich bedienen. Sie würden dann nicht wagen, die Majestät höherer Wesen, die sie ohne Zweifel auch zu fürchten halten, zu mißbrauchen. Also, was ihr als solche festhaltet, das ist überhaupt keine Gottheit, weil sie, wenn sie es wirklich |s112/458 wäre, weder von den Dämonen erheuchelt, noch beim Bekenntnis157) von den Göttern abgeleugnet werden könnte. Da also beide Teile in dem Bekenntnis zusammentreffen, keine Götter zu sein, so erkennet an, daß sie nur Wesen einer Art sind, nämlich Dämonen hier wie dort158). Sehet euch nun nach Göttern um! Die, welche ihr dafür gehalten hattet, erkennt ihr nun als Dämonen. Durch diese unsere Tätigkeit159) aber und von eben diesen euren Göttern, die nicht bloß das eine verraten, daß weder sie selbst noch irgendwelche andere Wesen Götter sind, werdet ihr nun sofort auch das weitere erfahren, nämlich wer der wahre Gott sei, ob es der sei und ob der allein, den wir Christen bekennen, und ob er so zu glauben und so zu verehren sei, wie es dem Glauben und der Sittenzucht der Christen entspricht. Mögen doch auch sie uns sagen160): Wer ist denn jener Christus mit seiner Fabel, wenn er nur ein gewöhnlicher Mensch, wenn er ein Zauberer war, wenn er nach seinem Tode von den |s113/459 Schülern aus dem Grabe gestohlen wurde, wenn er endlich jetzt in der Unterwelt ist, wenn er nicht vielmehr im Himmel ist und von dannen unter Erschütterung der ganzen Welt, unter dem Wehklagen aller, nur nicht der Christen, wiederkommen wird, als die Kraft Gottes und der Geist Gottes, als das Wort und die Vernunft Gottes, als der Sohn Gottes und alles, was Gottes ist!161) Alles, was ihr verlacht, das mögen doch auch jene mit euch verlachen! Mögen sie doch leugnen, daß Christus alle Seelen von Anbeginn der Zeiten an in ihren wiederhergestellten Körpern richten werde; mögen sie doch sagen, nach der einstimmigen Lehre Platos und der Dichter hätten doch ein Minos und Rhadamanthus wohl dieses Amt für ihr Tribunal erhalten!162) Mögen sie doch wenigstens das Brandmal ihrer Schande und Verwerfung zurückweisen; mögen sie doch in Abrede stellen, daß sie unreine Geister sind, was man doch schon aus ihrer Nahrung, dem Blut, dem Rauch, den stinkenden Brandopfern von Vieh, den ganz unsauberen Reden ihrer Propheten selbst ersehen sollte! Mögen sie doch in Abrede stellen, daß sie mit ihren sämtlichen Anbetern und Werken für denselben Gerichtstag schon zum voraus verworfen sind! Aber diese unsere volle Herrschaft und Gewalt übt ihre Macht auf sie aus bei Nennung des Namens Christi und durch Erinnerung an das, was sie von Gott durch Christus, den Richter, als bevorstehend zu gewärtigen haben. Indem sie Christum in Gott fürchten und Gott in Christo, sind sie den Dienern Gottes und Christi unterworfen. So weichen sie, infolge unseres Berührens und Anhauchens, durch Betrachtung und Vergegenwärtigung jenes Feuers bestürzt gemacht, auf unsern Befehl sogar aus den Körpern, ungern zwar und mit Schmerz und in eurer Gegenwart sich schämend. Glaubet ihnen, wenn sie in betreff ihrer die Wahrheit sagen -- ihr, die ihr ihnen glaubet, wenn sie lügen! Niemand lügt zu seiner eigenen Schande, |s114/460 sondern vielmehr zu seiner Ehre. Der Glaube neigt sich mehr zu denen hin, welche gegen sich selbst etwas eingestehen, als zu denen, welche zu ihren Gunsten etwas leugnen. Diese Zeugnisse eurer Gotter haben die Gewohnheit an sich, Übertritte zum Christentum zu bewirken. Sehr häufig glauben wir dadurch, daß wir ihnen glauben, an Christus und durch ihn an Gott163). Sie selbst zünden den Glauben an unsere heiligen Schriften an, sie selbst bauen das Vertrauen zu unserer Hoffnung auf. Ihr verehret sie ja, soviel ich weiß, sogar mit Christenblut. Sie würden daher es gewiß nicht zulassen, Leute, die ihnen so nützlich und so diensteifrig sind wie ihr, zu verlieren, schon damit sie nicht auch aus euch, eines Tages vielleicht Christen164), ausgetrieben werden, wenn es ihnen gestattet wäre, unter der Macht eines Christen, der euch die Wahrheit beweisen will, zu lügen.

24. Dieses ihr gesamtes Bekenntnis, wodurch sie in Abrede stellen, Götter zu sein, und andererseits aussagen, daß es außer dem einen Gott, dem wir angehören, keinen ändern mehr gibt, ist vollständig genügend, um uns von der Beschuldigung öffentlicher165) und schwerer Verletzung der römischen Religion zu entlasten. Denn wenn die Götter sicher nicht existieren, so hat auch ihre Religion sicher keine Existenz; hat aber ihre Religion sicher keine Existenz, weil die Götter keine haben, so sind wir auch sicher der Verletzung der Religion nicht schuldig. Im Gegenteil, auf euch wird dieser Vorwurf zurückprallen, die ihr etwas Nichtiges verehrend in Wahrheit das Verbrechen wirklicher Irreligiosität begeht, dadurch, daß ihr die Religion des wahren Gottes |s115/461 nicht nur verschmähet, sondern sie noch dazu bekämpfet. Aber gesetzt nun, es stände fest, daß jene Götter existierten, müßtet ihr nicht zugestehen, daß es nach allgemeiner Annahme einen gibt, der der Höhere und Mächtigere, gleichsam der Weltbeherrscher von vollkommener Majestät ist? So legen sich ja die meisten von euch die Gottheit zurecht, daß sie lehren, die Gewalt der Oberleitung stehe nur bei einem, seine Ämter aber würden durch viele verwaltet, wie z. B. Plato auch den großen Zeus im Himmel beschreibt als begleitet von einem Heere von Göttern sowohl als Dämonen. Man müsse daher auch die Verwalter, Statthalter und Vorsteher auf gleiche Weise verehren. Und doch, wie kann der ein Verbrechen begehen, welcher, um den Kaiser sich geneigt zu machen, seinen Dienst und seine Hoffnung auf ihn bezieht und auch die Benennung „Gott", ebenso wie „Kaiser", als keinem ändern als dem höchststehenden zukommend erklärt, da es doch für ein Hauptverbrechen gehalten wird, einen ändern als den Kaiser Kaiser zu nennen und nennen zu lassen? Mag also nun der eine immerhin Gott verehren, der andere den Jupiter; der eine seine betenden Hände zum Himmel ausstrecken, der andere zum Altar der Fides; der eine, wenn ihr das doch einmal glaubt, beim Beten die Wolken166), der andere die Felder des Getäfels an der Decke zählen; der eine seinem Gott seine Seele, der andere das Leben eines Bockes weihen!

Sehet vielmehr zu, ob nicht auch das auf den Vorwurf der Gottlosigkeit hinausläuft, wenn man jemand die Freiheit der Religion nimmt und ihm die freie Wahl seiner Gottheit verbietet, so daß mir nicht freisteht, zu verehren, wen ich will, sondern ich gezwungen werde, den zu verehren, den ich nicht will. Niemand möchte wohl von jemand geehrt werden wollen, der es nicht gern tut, nicht einmal ein Mensch. Daher ist sogar den Ägyptern die Erlaubnis zu ihrem so nichtigen Aberglauben erteilt worden, Vögel und Vierfüßler für geheiligt |s116/462 zu erklären, und den mit dem Tode zu bestrafen, welcher etwa einen solchen Gott getötet hatte. Auch hatte jede Provinz und Stadt ihren Gott, Syrien die Atargatis, Arabien den Dusares, Noricum den Belenus, Afrika die Cälestis, Mauretanien seine kleinen Königlein. Die Länder, die ich da hergezählt habe, sind -- meine ich -- römische Provinzen, aber ihre Götter sind keine römischen167) , weil sie zu Rom nicht mehr Verehrung genießen, als die Götter, welche in Italien selbst in irgendeiner Munizipalstadt angebetet werden, z. B. der Delventinus der Einwohner von Casinum, der Visidianus von Narnia, die Ancharia von Asculum, die Nortia der Volsinier, die Valentia von Ocriculum, die Hostia von Sutrium. Die Juno der Falisker hat zur Ehre des Vaters Curis sogar einen Beinamen empfangen168). Uns allein verwehrt man, unsere besondere Religion zu haben. Wir beleidigen die Römer und werden nicht für Römer gehalten, weil wir den Gott der Römer nicht verehren. Gut nur, daß Gott der Gott aller ist, dem wir alle angehören, wir mögen wollen oder nicht. Aber bei euch ist gesetzlich gestattet, alles beliebige zu verehren außer dem wahren Gott, als ob nicht dieser mehr als alles zu verehren sei169), dessen Eigentum wir alle sind.

25. In betreff der wahren und falschen Gottheit glaube ich nun genug bewiesen zu haben, da ich gezeigt habe, wie die Beweisführung nicht bloß auf Erörterungen und Untersuchungen, sondern auch auf den Aussagen solcher beruht, die ihr für Götter haltet, so daß in bezug auf diesen Punkt keine weitere Behandlung mehr nötig ist. Indes, da die Autorität des römischen Namens vorzugsweise hier auftritt170), so will ich dem |s117/463 Kampfe nicht aus dem Wege gehen, zu welchem die Annahme derer herausfordert, die da behaupten, die Römer seien dem Verdienste ihrer gewissenhaften Religionsübung entsprechend zu dieser Höhe emporgestiegen171), daß sie die Herren des Erdkreises geworden sind, -- und somit hätten ihre Götter bewirkt172), daß die, welche ihnen vor allen ändern religiösen Dienst erweisen, auch vor allen ändern in Blüte stehen. Man denke nur, dieser Lohn ist dem römischen Namen von den Göttern als besondere Bevorzugung173) verliehen worden. Sterculus, Mutunus und Larentina haben das Reich gemehrt. Denn ich glaube nicht, daß ausländische Götter |s118/464 ein fremdes Volk mehr begünstigt haben als das eigene, noch auch, daß sie den vaterländischen Boden, wo sie geboren, herangewachsen, geadelt und begraben wurden, überseeischen Fremdlingen überliefert haben. Mag Cybele immerhin die Stadt Rom in Erinnerung174) an das trojanische Volk, ihr vaterländisches und gegen die Waffen der Argiver geschütztes Volk, liebgewonnen haben, wenn sie voraussah, daß sie zu ihren Rächern übertragen werde, von welchen sie wußte, daß sie die Griechen, die Besieger von Phrygien, einst unterwerfen würden! Hat sie doch deshalb in unsern Tagen einen so großartigen Beweis von ihrer nach Rom übertragenen Majestät gegeben, indem ihr Oberpriester, der hochehrwürdige175) Archigallus, nachdem Marc Aurel bei Sirmium dem Staate am 17. März entrissen worden war, noch am 24. desselben Monats, wo er auch seine Arme zu zerschneiden und sein unreines Blut zu opfern pflegt, für das Wohl des Kaisers Marcus die üblichen Anempfehlungen machte, obwohl er schon durch den Tod weggerafft war. Daß die Boten auch so langsam, die Berichte so verschlafen sein mußten! Durch deren Schuld erfuhr Cybele den Hintritt des Kaisers nicht früher. Wahrhaftig, eine solche Göttin würden die Christen auslachen! Aber Jupiter hätte doch nicht sofort zugelassen, daß sein Kreta durch die römischen Fasces in Schrecken gesetzt wurde, ganz vergessend der bekannten Höhle im Ida, der korybantischen Pauken und des so lieblichen Geruches seiner dortigen Amme176). Würde er nicht seinen dortigen Grabhügel dem ganzen Kapitolium vorgezogen haben, damit vielmehr das Land, welches die Asche Jupiters deckte, den ersten Rang auf dem Erdkreise einnehme? Würde Juno wohl darein gewilligt haben, daß ihre punische Stadt, welche sie mit Zurücksetzung von Samos liebte, sogar durch das Volk |s119/465 der Äneaden zerstört würde? Soviel ich weiß, „befand sich hier ihre Waffenrüstung, hier ihr Wagen, darum strebte schon damals die Göttin darnach, daß dieses Reich Herrscherin der Völker werde, wenn es irgend das Fatum erlaube, und begünstigte es"177). Diese beklagenswerte Gattin und Schwester des Jupiter, gegen das Fatum vermochte sie nichts! Freilich, „vor dem Fatum macht selbst Jupiter halt". Und dennoch haben die Römer dem Fatum, das ihnen gegen die Bestimmung und gegen den Wunsch der Juno Karthago preisgab, noch nicht einmal soviel Ehre erwiesen, als der Larentina, dieser erzliederlichen Hure.

Von mehreren eurer Götter steht es fest, daß sie Könige gewesen sind. Wenn sie also die Macht haben, die Weltherrschaft zu verleihen, von wem haben denn sie selber, als sie regierten, diese Gunst empfangen? Wen hat denn Saturnus und Jupiter angebetet? Vermutlich einen Sterculus. Aber er findet sich mit seinem Rituale erst in späterer Zeit, in Rom178). Wenn einige von ihnen keine Könige waren, so wurde doch von ändern Königen regiert, die auch noch nicht ihre Verehrer waren, weil sie noch gar nicht für Götter gehalten wurden. Es sind also andere, deren Sache es ist, die Herrschaft zu verleihen, weil schon in viel früherer Zeit regiert wurde, bevor die genannten Götter auftreten179). Nach Vermehrung des Besitzes mag immerhin die Religion sich weiter entfaltet haben180). Aber wie |s120/466 töricht ist es, die Größe des römischen Namens dem Verdienst der Religiosität beizumessen, da doch die Religion sich nach Aufrichtung des Reiches bezw. des Königreiches entfaltete. Denn wenn auch schon in Nu-mas Geist jene abergläubische peinliche Religionsordnung entstand, so hatte doch der religiöse Kult noch keine Götterbilder und Tempel. Die Gottesverehrung war dürftig, die Riten ärmlich, es gab noch keine wetteifernd zum Himmel strebende Kapitole, sondern nur improvisierte, aus Rasen errichtete Altäre und tönerne Gefäße; der Opferdampf war gering und der Gott selbst181) nirgends zu sehen. Denn noch hatten die griechischen und etrurischen Künstler Rom nicht überschwemmt, um Götterbilder zu verfertigen. Also waren die Römer nicht erst religiös und dann groß; folglich auch nicht deshalb groß, weil religiös.

Im Gegenteil, wie können die durch ihre Religion groß geworden sein, deren Größe aus Irreligiosität hervorging? Jedes Königreich oder jede Herrschaft wird nämlich, wenn ich mich nicht sehr irre, durch Kriege erlangt und durch Siege ausgedehnt. Nun aber bestehen Kriege und Siege meistens in der Einnahme und Zerstörung von Städten. Dieses geht aber nicht ohne Gewalttätigkeit gegen die Götter vor sich. Zerstörung von Stadtmauern und Tempeln ist nicht zu trennen, Nieder-metzlung von Bürgern und Priestern ist beisammen, Raub von heiligen und profanen Schätzen geht Hand in Hand. Die Zahl der Sakrilegien der Römer ist also gerade so groß, als die ihrer Trophäen, ihre Triumphe über Götter so zahlreich, als ihre Triumphe über Völker; der Beutestücke sind so viele als Bilder der gefangen genommenen Götter vorhanden sind. Einerseits ertragen diese es, daß sie von ihren Feinden angebetet |s121/467 werden, andererseits dekretieren sie für die, denen sie eher Unbilden als Huldigungen zu vergelten hätten, eine Herrschaft ohne Ende! Freilich, Wesen, welche nichts fühlen, verletzt man ebenso ungestraft, als man sie nutzlos verehrt. Sicherlich kann die Annahme doch nicht zu Recht bestehen, daß die um ihrer Religiosität willen zur Größe gelangt seien, welche, wie wir gezeigt haben, entweder durch Verletzung der Religion gewachsen sind, oder sie durch ihr Anwachsen verletzt haben. Auch die, deren Länder zum römischen Gesamtstaate verschmolzen worden sind, waren, als sie dieselben verloren, nicht ohne Religion.

26. Schauet also zu182), ob nicht jener, dem sowohl der Erdkreis, der regiert wird, zugehört, als auch die Menschen, welche ihn regieren, es sei, der die Reiche verteilt, ob nicht jener, der vor aller Zeit gewesen ist und der den Weltlauf gleichsam zum Körper der Zeiten gemacht hat, den Wechsel der herrschenden Reiche nach Zeitperioden im Weltlauf183) bestimmt hat, ob nicht etwa jener, unter welchem eine Zeitlang das Menschengeschlecht ohne Staatenbildung lebte, es ist, der die Staaten erhöht und erniedrigt. Was geht ihr noch in der Irre? Rom, das waldumgebene, existierte eher als einige seiner Götter, und herrschte schon, bevor es das so große, vielumfassende Kapitol184) erbaute. Auch haben die Babylonier die Weltherrschaft besessen, bevor es römische Priester, die Meder, bevor es Quindecimvirn, die Ägypter, bevor es Salier, die Assyrier, bevor es Luperci, und die Amazonen, bevor es vestalische Jungfrauen gab. Schließlich, wenn die römischen Götterverehrungen es sind, welche die Reiche verleihen, |s122/468 dann würde in früherer Zeit Judäa, die Verächterin aller dieser gemeinschaftlichen Gottheiten, niemals ein Reich besessen haben. Und doch habt ihr Römer seinen Gott einmal durch Opfer, seinen Tempel durch Geschenke, und das Volk durch Bündnisse geehrt, und ihr wäret niemals Herren über Judäa geworden, wenn es nicht zuletzt gegen Christus gefrevelt hätte.

27. Das Gesagte genügt wider die Anklage auf Frevel gegen die Religion und gegen die Gottheit185); auf daß wir nicht als Frevler gegen dieselbe angesehen werden können, haben wir gezeigt, daß sie nicht existiert. Zum Opfern vorgefordert, stemmen wir uns also dagegen, entsprechend der Festigkeit unserer Überzeugung, in der wir Sicherheit darüber haben, auf wen sich jener Dienst unter schändlichem Mißbrauch der Bilder und unter der Apotheose menschlicher Namen bezieht. Allein manche halten dies für Wahnsinn; wir gäben unserem Eigensinn den Vorzug vor der Erhaltung des Lebens, da es ja in unserer Macht stehe, für den Augenblick zu opfern und mit heiler Haut wegzukommen, wobei im Geiste der Vorsatz bestehen bleibe. Fürwahr, ihr gebt uns einen Rat, wodurch wir mit euch ein Spiel |s123/469 treiben würden. Aber wir durchschauen es, von woher solche Eingebungen kommen, wer das alles betreibt, und wie einmal verschmitztes Zureden, dann wieder die grausamste Härte tätig sind, um unsere Festigkeit zu erschüttern. Jener Geist nämlich von dämonischer und engelhafter Ausrüstung, der wegen seines Abfalles unser Feind und wegen der Gnade Gottes unser Neider ist, kämpft gegen uns von eurem Innern aus, welches er durch versteckte Einflüsterung umstimmt und zu jenem gesetzlosen Gerichtsverfahren und jener ungerechten und grausamen Verfolgung antreibt, wovon wir anfangs geredet haben. Denn, mag uns auch die ganze Menge der Dämonen und derartiger Geister unterworfen sein, so gesellt sich doch bei ihnen wie bei nichtsnutzigen Sklaven nicht selten zur Furcht der Trotz, und sie brennen vor Verlangen, diejenigen verletzen zu können, welche sie sonst fürchten. Denn auch die Furcht flößt Haß ein186). Außerdem hält es auch ihre, infolge der vorausgegangenen Verwerfung verzweifelte Lage für einen Trost, in der Zwischenzeit infolge des Aufschubs ihrer Strafe ihrer Bosheit fröhnen zu können. Dennoch werden sie, wenn ergriffen, sogleich überwunden, sie fügen sich in ihre Lage und sind unterwürfig187) und flehen in der Nähe diejenigen an, welche sie von weitem bekämpfen. Nach Art derjenigen, welche ihre Zwangsarbeit, ihre Kerkerstrafe oder ihre Verurteilung zu den Bergwerken mit Unwillen ertragen und sich gegen sie auflehnen, bricht also auch diese zur Sklaverei verurteilte Sippe aus und kämpft gegen uns, in deren Gewalt sie sich befindet. Wir aber, die wir sicher sind, daß sie schon verloren sind und wegen dieses Kampfes gegen uns noch tiefer verdammt werden, widerstehen ihnen nur ungern als solche, die ihnen gewachsen sind, wir schlagen sie zurück dadurch, daß wir in dem beharren, |s124/470 was sie bekämpfen, und wir triumphieren niemals glänzender über sie, als wenn wir für die Standhaftigkeit im Glauben verurteilt werden188).

28. Weil es aber leicht als Ruchlosigkeit erscheinen würde, freie Leute wider ihren Willen zum Opfern zu zwingen -- denn es wird sonst für Begehung einer gottesdienstlichen Handlung eine bereitwillige Stimmung anbefohlen --, weil es sicher als Widersinn erachtet würde, wenn jemand von einem ändern gezwungen würde, die Götter zu ehren, da er sie ja in seinem eigenen Interesse von freien Stücken ehren müßte, und damit das Recht der Freiheit nicht zu Gebote stehe, kraft dessen man sagen darf: „Jupiter braucht mir nicht gnädig zu sein! -- wer bist du denn? -- mag mir Janus im Zorne begegnen, mit welchem Gesichte er Lust hat! -- was habe ich mit dir zu schaffen?" seid ihr von denselben Geistern natürlich angeleitet worden, uns zu zwingen, für die Wohlfahrt der Kaiser zu opfern, und es ist euch ebensowohl die Notwendigkeit, uns zu zwingen, auferlegt, als uns die Verpflichtung, unser Leben der |s125/471 Gefahr auszusetzen. Wir sind also beim zweiten Anklagepunkt angekommen, dem der Verletzung einer noch höheren Majestät, da ihr ja dem Kaiser mit größerer Furcht und erfinderischerer Ängstlichkeit dient, als dem olympischen Jupiter selbst. Und mit Recht, wenn ihr gescheit seid. Denn welcher Lebende, wer es auch sei, ist nicht mächtiger als jedweder Toter? Aber auch das tut ihr nicht sowohl aus Vernunftgründen189), als vielmehr aus Rücksicht auf die sieht- und fühlbare Macht. Ihr zeigt euch also auch darin irreligiös gegen eure Götter, daß ihr einem menschlichen Herrscher größere Ehrfurcht zollt. Infolge dessen wird bei euch leichter bei allen Göttern zusammen ein Meineid geschworen, als bei dem Genius des Kaisers allein.

29. Es möge also erst festgesetellt werden, ob die, denen man opfert, dem Kaiser oder irgendeinem beliebigen Menschen Heil und Wohlergehen zu verschaffen imstande sind; und dann erklärt uns der Majestätsbeleidigung schuldig, wenn Engel oder Dämonen, ihrer Substanz nach böse Geister, irgend etwas Wohltätiges bewirken, wenn Verworfene Erhaltung, wenn Verurteilte Befreiung, wenn endlich Tote, und ihr wißt ja wohl, daß sie das sind, Lebenden Schutz gewähren. Sicher würden sie vorerst ihre Statuen, Bilder und Tempel schützen, welche, meine ich, nur durch die Wachtposten der kaiserlichen Soldaten unversehrt bewahrt werden. Ich glaube aber, daß selbst das Material dazu erst aus den Bergwerken der Kaiser kommt und die Tempel alle nur durch die Zustimmung der Kaiser bestehen. Viele Götter endlich haben sich den Zorn des Kaisers zugezogen. Besitzen sie aber seine Gewogenheit, so stimmt das ebenso zu unserer Behauptung, indem er es ist, der ihnen eine Schenkung oder ein Privilegium erteilt. Wie können mithin Wesen, welche in der Gewalt des Kaisers sind und ihm gänzlich angehören, über die Wohlfahrt des Kaisers Macht haben, und imstande sein, sie ihm zu verleihen, während sie selbst eher die ihrige vom Kaiser |s126/472 erlangen. Deshalb also begehen wir ein Verbrechen gegen die kaiserliche Majestät, weil wir sie nicht von ihrem Eigentum abhängig sein lassen, weil wir mit der pflichtmäßigen Sorge für ihre Wohlfahrt kein Spiel treiben, da wir nicht glauben, sie sei in Hände gelegt, die mit Blei verlötet sindl Ihr dagegen seid religiös190), ihr, die ihr diese Wohlfahrt da suchet, wo sie nicht ist, sie von denen erbittet, die sie nicht verleihen können, denjenigen übergehet, der sie wirklich in seiner Hand hat, und überdies noch diejenigen niederkämpft, welche um dieselbe zu bitten verstehen und sie auch erlangen können, eben weil sie zu bitten verstehen!

30. Wir rufen nämlich für die Wohlfahrt der Kaiser den ewigen Gott an, den wahren Gott, den lebendigen Gott191), dessen Geneigtheit die Kaiser selber mehr wollen, als die der übrigen Götter. Sie wissen wohl, wer ihnen das Kaisertum, sie wissen, da sie Menschen sind, auch, wer ihnen ihr Leben verliehen habe, sie sind sich bewußt, daß jener der alleinige Gott ist, in dessen alleiniger Gewalt sie sich befinden, von welchem an gerechnet sie die zweiten, nach welchem sie aber die ersten sind, vor allen und über allen sogenannten Göttern. Warum auch nicht, da sie über allen Menschen stehen, die als Lebende jedenfalls über den Toten stehen? Sie erwägen, wie weit die Macht ihrer Kaiserwürde reiche, und so erkennen sie Gott; sie sehen ein, daß sie durch den, gegen den sie nichts vermögen, stark sind. Möge der Kaiser z. B. einmal den Himmel bekriegen, den Himmel gefangen in seinem Triumphe einherführen, gegen den Himmel Vorposten aussenden, dem Himmel Tribut auferlegen! Er kann es nicht. Deshalb ist er eben groß, weil er geringer ist als der Himmel; er gehört nämlich mit seiner Person selbst jenem an, dem auch der Himmel und jede Kreatur angehört. Durch |s127/473 den ist er Kaiser, durch den er Mensch ist, bevor er Kaiser war; von daher hat er seine Macht, von woher er seinen Lebensodem hat. Dort hinauf blicken wir Christen und beten, die Hände aufgehoben, weil sie unschuldig sind, das Haupt entblößt, weil wir nicht zu erröten brauchen, und ohne Vorbeter192), weil aus dem Herzen. Wir beten allezeit für alle Kaiser um ein langes Leben, um eine ungestörte Herrschaft, um die Sicherheit ihres Hauses, um tapfere Heere, einen treuen Senat, ein rechtschaffenes Volk, um die Ruhe des Erdkreises und welche Wünsche sie immer als Mensch und als Kaiser haben mögen. Ich bin nicht imstande, um diese Dinge irgendeinen ändern zu bitten als den, von welchem ich es zu erlangen überzeugt bin, weil er es selbst ist, der allein sie verleiht, und ich es bin, dem Erhörung gebührt, ich, sein Knecht, der allein ihm dient, der für seine Lehre in den Tod geht, der ihm ein fettes und besseres Schlachtopfer darbringt, das er selbst darzubringen befohlen hat, nämlich Gebet, das von einem keuschen Leibe, einem unschuldigen Herzen und einem heiligen Geiste ausgeht, nicht aber Weihrauchkörner von einem As, Tränen eines Baumes in Arabien, auch nicht zwei Tropfen Wein oder das Blut eines auszähligen, lebensmüden Ochsen, und dazu noch nach all diesen Unsauberkeiten ein besudeltes Gewissen, so daß ich mich verwundert fragen muß, warum da bei euch die Opfertiere durch höchst lasterhafte Priester besichtigt werden, das Innere der Opfertiere untersucht wird, und nicht vielmehr das der Opfernden selbst. So also, die Hände zu Gott ausgebreitet, mögen wir durch die eisernen Krallen zerfurcht, an die Kreuze erhöht werden, mag das Feuer an uns emporzüngeln, mögen Schwerter uns den Hals durchhauen, die Bestien uns anfallen, -- gerüstet ist zu jeder Todesqual der betende Christ schon in seiner Haltung. Frisch voran, ihr wackeren Präsidenten! Presset die für den Kaiser zu Gott betende Seele aus ihrem Leibe! Da wird das Verbrechen |s128/474 wohnen, wo die Wahrheit Gottes thront und die Treue gegen ihn!193)

31. Nun haben wir dem Kaiser geschmeichelt, und die genannten Wünsche sind erlogen, um uns der Gewalt zu entziehen!194) Allein dieser angebliche Betrug kommt uns zu statten195), denn ihr laßt uns nun zum Beweise alles dessen zu, was wir behaupten. Wenn du also etwa glaubst, es liege uns nichts an der Wohlfahrt des Kaisers, so tue einen Blick in die Aussprache Gottes, in unsere Schriften, womit wir selbst einerseits nicht zurückhalten und welche andererseits der Zufall sehr oft in fremde Hände spielt. Wisset, daß uns darin, damit unsere Güte überfließe, die Vorschrift gegeben wird, auch für unsere Feinde Gott zu bitten und für unsere Verfolger Gutes zu erflehen196). Welche sind nun ärgere Feinde und Verfolger der Christen als die, um derentwillen wir als Majestätsverbrecher belangt |s129/475 werden? Aber auch mit Nennung des Namens und ganz ausdrücklich heißt es: „Betet für die Konige, Fürsten und Gewalten, damit ihr in allem Ruhe habt"197). Denn wenn das Reich erschüttert wird, so werden mit Erschütterung seiner übrigen Glieder natürlicherweise auch wir, obwohl wir uns von der Menge fernhalten198), an irgendeinem Flecke von Unglück getroffen.

32. Es gibt für uns auch eine andere, noch größere Nötigung, für die Kaiser, ja, sogar für den Bestand des Reiches überhaupt und den römischen Staat zu beten. Wir wissen nämlich, daß die dem ganzen Erdkreis bevorstehende gewaltsame Erschütterung und das mit schrecklichen Trübsalen drohende Ende der Zeiten nur durch die dem römischen Reiche eingeräumte Frist aufgehalten wird. Daher wünschen wir es nicht zu erleben und, indem wir um Aufschub dieser Dinge beten, befördern wir die Fortdauer Roms. So auch schwören wir nicht beim Genius der Kaiser, wohl aber bei ihrem Wohlergehen, welches erhabener ist als alle Genien. Wißt ihr nicht, daß die Genien Dämonen genannt werden und in der Diminutivform Dämonia? Wir verehren in den Kaisern die Entscheidung Gottes, der sie über die Völker gesetzt hat. Wir wissen, daß sie das sind und das besitzen, was Gott will; deshalb wünschen wir auch, daß wohlbehalten sei, was Gott will, und dies gilt uns als ein großer Eidschwur. Die Dämonen aber, d. i. die Genien, sind wir gewohnt zu beschwören, um sie aus den Menschen auszutreiben, aber nicht bei ihnen zu schwören in der Art, daß wir ihnen göttliche Ehre beilegten.

33. Indessen, was soll ich noch länger über die |s130/476 Ehrfurcht und Pietät der Christen gegen den Kaiser reden, den wir mit Notwendigkeit hochachten müssen, als einen, den unser Gott auserwählt hat, weshalb ich mit Recht sagen könnte: Als von unserem Gott eingesetzt, gehört der Kaiser mit größerem Recht uns. Und da er so mein Kaiser ist, so trage ich mehr zu seiner Wohlfahrt bei, nicht nur dadurch, daß ich sie von dem erflehe, der sie wirklich verleihen kann, und bei meinem Flehen solche Eigenschaften habe, daß ich der Erhörung würdig bin, sondern auch dadurch, daß ich die Majestät des Kaisers in das Verhältnis der Unterordnung zu Gott setze und ihn so angelegentlicher dem Gott empfehle, dem allein ich ihn unterworfen sein lasse; ich lasse ihn aber dem unterworfen sein, dem ich ihn nicht gleich stelle. Ich nenne den Kaiser nicht Gott, einerseits, weil ich nicht zu lügen verstehe, andererseits, weil ich ihn nicht zu verspotten wage und er auch selbst nicht einmal Gott genannt sein will199). Wenn er ein Mensch ist, so ist es ihm als Menschen nützlich, Gott den Vorrang zu überlassen. Er möge sich genügen lassen, Kaiser tituliert zu werden; erhaben ist auch dieser Titel, welcher von Gott erteilt wird. Es negiert eigentlich den Kaiser, wer ihn Gott nennt. Wenn derselbe nicht Mensch ist, so ist er auch gar nicht Kaiser. Daß er Mensch sei, daran wird er auch beim Triumph auf seiner hohen Prachtkarosse gemahnt. Denn es wird ihm von hinten zugerufen: „Blicke hinter dich, bleibe eingedenk, daß du Mensch bist!" Und sicherlich ist es ihm eine um so größere Freude, in solchem Ruhme zu strahlen, daß ihm eine Erinnerung an seinen eigentlichen Zustand notwendig wird. Geringer wäre er, wenn er alsdann200) Gott genannt würde, weil er nicht mit Recht so genannt würde. Größer ist der, welcher von seiner Höhe herabgerufen wird, damit er sich nicht Gott zu sein dünke.

34. Augustus, der Schöpfer der Kaiserwürde, wollte nicht einmal „Herr" genannt werden. Das ist nämlich |s131/477 auch ein Beiname Gottes. Ich werde allerdings den Kaiser Herr nennen, aber nicht, wenn ich gezwungen werde, ihn an Gottes Stelle Herr zu nennen201). Übrigens bin ich ihm gegenüber ein Freier. Denn mein Herr ist nur" einer, der allmächtige und ewige Gott, derselbe, der auch der seinige ist. Und wer der Vater des Vaterlandes ist, wie kann der Herr sein? Aber auch wohltuender ist der das Kindesverhältnis bezeichnende Titel als der vom Machtverhältnis hergenommene; auch die Häupter der Familien nennt man lieber Väter als Herren. Um so weniger darf der Kaiser Gott genannt werden in einer Schmeichelei, die ihm nicht bloß schweren Schimpf antut, sondern auch Unheil wünscht, was man doch nicht als beabsichtigt annehmen kann202). Wenn man schon einen Kaiser hätte und trotzdem noch jemand anders so titulieren wollte, würde man da nicht dem, den man schon hat, eine sehr große, nicht wieder gut zu machende Beleidigung zufügen, die auch dem so Titulierten Besorgnis verursachen müßte?203) Diene also mit religiöser Ehrfurcht Gott, wenn du willst, daß Gott dem Kaiser gnädig sei. Höre auf, an einen ändern Gott zu glauben204), und auf diese Weise den Gott zu nennen, der Gott nötig hat. Wenn diese Art Schmeichelei, die einen Menschen als Gott anredet, nicht über ihre innere Unwahrheit errötet, so möge sie wenigstens in Furcht sein wegen des zugewünschten Unheils. Es ist eine Verwünschung, den Kaiser vor seiner Apotheose Gott zu nennen205). |s132/478

35. Die Christen gelten also deshalb für Feinde des Staates, weil sie den Kaisern keine sinnlosen, lügenhaften und vermessenen Ehrenbezeugungen zollen, weil sie als Anhänger der wahren Religion auch die Festlichkeiten der Kaiser mehr im Herzen als durch Ausgelassenheit feiern. Fürwahr, ein großer Ehrendienst ist es, Räucherpfannen und gepolsterte Pfühle auf die Straßen herauszutragen, gassenweise zu schmausen, die ganze Stadt in eine Garküche zu verwandeln, den Straßendreck nach Wein duften zu lassen206), in hellen Haufen herumzulaufen zu Schabernack, Schamlosigkeit und schändlicher Unzucht! So also wird der allgemeinen Freude Ausdruck gegeben durch eine allgemeine Entwürdigung! Solche Dinge ordnen sie für die Festtage der Fürsten an, die sich für die ändern Tage nicht geziemen! Leute, welche Zucht und Ordnung aus Rücksicht auf den Kaiser beobachten, übertreten sie zu Ehren |s133/479 des Kaisers!207) Unsittliche Zügellosigkeit wird also als Pietät gegen ihn, Gelegenheit zur Ausschweifung als religiöse Ehrfurcht ausgegeben werden! O, wir sind mit Recht zu verdammen! Warum begehen wir auch den Tag der feierlichen Gelübde und der kaiserlichen Festfreude durch Keuschheit, Mäßigkeit und Rechtschaffenheit?! Warum behängen wir auch an dem Freudentage unsere Türpfosten nicht mit Lorbeerkränzen und trüben nicht das Tageslicht durch Lampen?! Seinem Hause, wenn eine öffentliche Festfreude es verlangt, den Aufputz eines neueröffneten Hurenhauses zu geben, das gilt als anständig.

Doch auch in betreff dieser Verehrung, der zweiten Majestät -- hinsichtlich deren wir Christen des zweiten Religionsverbrechens angeklagt werden, weil wir die Feste der Kaiser nicht mit euch auf eine Weise feiern, wie Sittsamkeit, Ehrbarkeit und Schamhaftigkeit sie einmal nicht zu feiern verstatten, wozu mehr die dabei gebotene Gelegenheit zur Wollust als irgendein ehrbarer Grund antreibt -- auch in dieser Hinsicht habe ich Lust, eure Treue und eure Wahrhaftigkeit zu beleuchten, ob nicht etwa auch in bezug auf diesen Punkt diejenigen, welche wollen, daß wir nicht als Römer, sondern als Feinde der römischen Herrscher gelten sollen, schlechter befunden werden als die Christen. Die Qui-riten selbst, die eingeborene Bevölkerung selbst der sieben Hügel, klage ich an, ob die Zunge der Römer irgendeinen ihrer Kaiser schone? Zeugen dafür sind der Tiber und die Schulen der wilden Tiere208). Wenn nun |s134/480 gar die Natur die menschliche Brust, um sie durchsichtig zu machen, mit durchsichtigem Material umgeben hätte, in wessen Herzen würde dann nicht eingegraben erscheinen ein neuer und wieder ein neuer Kaiser, wie er mit Pomp bei der Austeilung der Spenden auf seinem Sitze thront209), sogar in jener Stunde, wo man ihm zuruft: „Jupiter, nehme von unsern Jahren und vermehre die deinigen!" Zu solchen Zurufen versteht der Christ sich so wenig, als einen neuen Kaiser zu wünschen. Aber es ist ja nur das gemeine Volk, entgegnet man. -- Freilich, das gemeine Volk, aber doch sind es Römer; und es gibt auch keine ärgeren Schreier gegen die Christen als das gemeine Volk. Jawohl, die übrigen Stände sind ihrem Ansehen entsprechend voll Loyalität und Treue; nichts Feindseliges geht vom Senate, vom Ritterstande, vom Militär oder gar vom Palaste selbst aus!210) -- Woher kommen denn Leute wie Cassius, Niger und Albinus? Woher die Leute, welche zwischen den zwei Lorbeerbäumen211) dem Kaiser nachstellen? Woher die, welche die Kunst des Ringens ausüben, um ihm die Kehle zuzuschnüren?212) Woher die, welche, noch verwegener wie alle Sigerius und Parthenius, bewaffnet in den |s135/481 Palast einbrechen?213) Aus den Römern natürlicherweise, d. h. aus den Nichtchristen. Und so pflegten alle Genannten bis zu dem Augenblick, wo ihre Frevelhaftig-keit hervorbrach, für das Wohl des Kaisers zu opfern, bei seinem Genius zu schwören, die einen öffentlich, die ändern für sich, gleichzeitig gaben sie natürlich den Christen den Namen: Feinde des Staates. Aber auch die, welche noch jetzt täglich entlarvt werden als Genossen und Begünstiger der verbrecherischen Parteien, gleichsam als die noch übrige Nachlese nach einer ganzen Ernte von Hochverrätern214), wie pflegten sie nicht ihre Türpfosten mit den frischesten und dichtesten Lorbeerzweigen zu versehen, wie die Vorhöfe mit hoch angebrachten und hell leuchtenden Lampen förmlich zu verräuchern, wie den Raum des Forums für die herrlich geschmückten und prachtvollen Polster unter sich zu verteilen?! Das taten sie nicht, um die allgemeine Freude mitzufeiern, sondern um bereits ihre eigenen Wünsche bei der Festlichkeit eines ändern auszusprechen215), und um ein Modell und ein Abbild des Gegenstandes ihrer eigenen Hoffnung zu inaugurieren, indem sie in ihrem Herzen den Namen des Kaisers vertauschten. Eben dieselben Ehrendienste werden auch von denen geleistet, welche Astrologen, Opferbeschauer und Auguren in betreff des Lebens der Kaiser befragen, Künste, welche die Christen, weil sie von den |s136/482 abtrünnigen Engeln bekannt gegeben, von Gott aber verboten sind, nicht einmal in ihren persönlichen Angelegenheiten zur Anwendung bringen. Wer aber kommt denn sonst in die Lage, über die Wohlfahrt des Kaisers Nachforschungen anstellen zu müssen, als nur, wer etwas gegen ihn'im Schilde führt und dergleichen Wünsche hegt, oder wer nach dessen Tode etwas hofft und erwartet? Denn nicht mit derselben Gesinnung stellt man Fragen in betreff seiner Herren, wie hinsichtlich seiner eigenen Lieben216). Anders beflissen ist die Besorgnis beim Verhältnis der Blutsverwandtschaft, anders beim Verhältnis der Knechtschaft.

36. Wenn das sich so verhält und Leute als Feinde erfunden werden, welche beständig den Namen Römer führen, warum versagt man uns, die wir als Feinde gelten, den Namen Römer? Wir können nicht Nicht-Römer sein, wenn wir Feinde sind, da die als Feinde erfunden werden, die für Römer gehalten wurden. Also besteht die den Kaisern schuldige Liebe, Ehrfurcht und Treue nicht in derartigen Erweisungen, die auch ein feindseliger Sinn verrichten kann, eher noch zum Deckmantel für sich, sondern sie besteht in einem Betragen, wie es die dem göttlichen Befehl Gehorchenden ebenso aufrichtig als gegen alle an den Tag legen müssen217). Wir sind |s137/483 nämlich nicht bloß den Kaisern allein solche Erweise einer guten Gesinnung schuldig. Nichts Gutes verrichten wir unter Bevorzugung bestimmter Personen, weil wir es ja eigentlich uns erweisen, da wir nicht von Menschen eine Bezahlung durch Lob oder Lohn begehren, sondern von Gott, der eine Güte fordert und vergilt, die keinen Unterschied macht. Seinetwegen sind wir dieselben gegenüber den Kaisern wie gegenüber unseren Nachbarn. Denn Übles zu wünschen, Übles zu tun, Schlechtes zu reden und Schlechtes zu denken ist uns in gleicher Weise jedem gegenüber verboten. Was gegen den Kaiser nicht erlaubt ist, das ist es auch gegen keinen ändern; was gegen keinen ändern erlaubt ist, das äst es vielleicht gerade darum noch weniger gegen den Kaiser, der durch Gott eine so hohe Person ist.

37. Wenn uns, wie eben gesagt, die Feinde zu lieben befohlen ist, wen gibt es da noch, den wir hassen könnten? Ebenso, wenn wir Beleidigungen nicht mit Gleichem vergelten dürfen, um nicht faktisch dasselbe zu tun, wen können wir denn da überhaupt beleidigen? Befragt darüber nur euch selber! Wie oft wütet ihr gegen die Christen, teils aus eigenem Antriebe, teils infolge der bestehenden Gesetze! Wie oft auch fällt uns mit Übergehung eurer Person218) der feindselige Pöbel auf eigene Faust mit Steinwürfen und Brandlegung an! In der Raserei bei den Bacchanalien schont man nicht einmal der verstorbenen Christen, man reißt sie aus der Ruhe des Grabes, aus dem Asyle des Todes heraus, obwohl sie schon verändert, obwohl sie nicht mehr ganz sind, zerschneidet, zerstückelt sie. Welche Kränkung habt ihr jemals von Leuten erfahren, die so eng miteinander verbunden sind, welche Wiedervergeltung für das erlittene Unrecht habt ihr erlebt von Leuten, die von solchem Mute, einem Mute bis in den Tod beseelt sind, während doch eine einzige Nacht und ein paar armselige Fackeln schon genügen würden, um reichliche Rache zu üben, wenn es bei uns erlaubt wäre, Böses mit Bösem zu vergelten?! Doch fern sei es von uns, |s138/484 daß unsere, Gott angehörige Genossenschaft durch irdisches Feuer sich räche, oder auch nur ungern das leide, wodurch sie bewährt wird. Sogar dann, wenn wir nicht bloß die heimlichen Rächer, sondern die offenen Staatsfeinde spielen wollten, würde uns dann etwa die nötige Zahl von Regimentern und Hilfstruppen fehlen? Fürwahr, die Mauren, Markomannen und auch sie, die Parther, oder andere, wenn auch noch so ansehnliche, aber doch nur auf einen einzigen Raum und auf ihre Landesgrenzen beschränkte Völker, sind sie zahlreicher als das Weltvolk?219) Von gestern erst sind wir, und doch haben wir schon den Erdkreis und all das eurige erfüllt220), die Städte, Inseln, Kastelle, Munizipalstädte, Ratsversammlungen, sogar die Heerlager, Zünfte, Dekurien, den Palast, den Senat und das Forum; wir haben euch nur die Tempel gelassen. Gibt es einen Krieg, für welchen wir, wenn auch ungleich in bezug auf militärische Macht, nicht bereit wären, wir, die wir uns so gern töten lassen, wenn es nicht bei dieser unserer Lehre eher erlaubt wäre, sich töten zu lassen, als selbst zu töten? Wir wären imstande gewesen, auch ohne Waffen, auch ohne Aufstand, als bloße Unzufriedene schon durch Haß und Absonderung gegen euch zu kämpfen. Denn, wenn wir -- eine solche Anzahl von Menschen -- uns von euch losgerissen und nach irgendeinem abgelegenen Winkel des Erdkreises begeben hätten, so hätte eure ganze Regierung vor Scham erblassen müssen; bei dem Stillstande des Verkehrs und dem unheimlichen Anblick des gleichsam ausgestorbenen Erdkreises hättet ihr euch nach Leuten umsehen müssen, über welche ihr befehlen könntet221). Es wären auch mehr Feinde als Bürger |s139/485 zurückgeblieben. Jetzt nämlich ist die Zahl der Feinde, die ihr habt, geringer als die Zahl der Bürger, wegen der Menge der Christen, die fast die Gesamtzahl der loyalen Bürger ausmachen222). Und indem ihr in den Christen beinahe alle Bürger für Feinde haltet, wolltet ihr sie doch lieber Feinde des menschlichen Geschlechts nennen, als Feinde der menschlichen Irrtümer. Aber wer würde euch dann jenen verborgenen, euch die geistige und körperliche Gesundheit beständig verwüstenden Feinden entreißen, ich meine, den Angriffen der Dämonen, welche wir von euch ohne Belohnung, ohne Bezahlung vertreiben? Es wäre schon eine hinreichende Rache für uns gewesen, daß ihr von da an223) den unreinen Geistern wie ein freiliegender Besitz offen gestanden hättet. Ihr habt es aber vorgezogen, anstatt auf eine angemessene Belohnung für solchen Schutz Bedacht zu nehmen, eine Menschenklasse, die euch nicht nur nicht lästig, sondern sogar unentbehrlich ist, für Feinde anzusehen, was wir fürwahr sind -- aber nicht des menschlichen Geschlechts, sondern vielmehr des menschlichen Irrtums.

38. Demgemäß hätte man auch nicht in etwas |s140/486 milderer Beurteilung diese Genossenschaft zu den unerlaubten Verbindungen224) rechnen sollen, welche nichts von jenen Dingen begeht, hinsichtlich deren man durch das Verbot von Verbindungen Vorsorge trifft. Denn, wenn ich nicht sehr irre, so beruht die Ursache des Verbots der Parteiverbindungen in der Fürsorge für die öffentliche Loyalität, damit nicht die Bürgerschaft in Parteiungen zerrissen werde, insofern sie leicht die Komitien, die berufenen Versammlungen, die Kurien, die Volksversammlungen und sogar die Schauspiele durch den Kampf eifersüchtiger Bestrebungen beunruhigen könnten, zumal wenn sie schon die feilen und käuflichen Leistungen ihrer Gewalttätigkeiten als einen Erwerbszweig zu betrachten begonnen haben. Wir hingegen, die wir von dem Feuer der Ruhm- und Ehrsucht durchaus nichts empfinden, wir haben auch kein Bedürfnis einer Parteistiftung, und es ist uns nichts fremder als die Politik. Wir erkennen nur ein einziges Gemeinwesen für alle an, die Welt. Und sogar euren Schauspielen entsagen wir in demselben Maße, wie den Ursprüngen derselben, welche wir aus dem Aberglauben entnommen wissen, da wir auch den Dingen ganz fern stehen, wodurch sie sich vollziehen. Unsere Zunge, unser Auge, unser Ohr hat keine Beziehung zum Wahnsinn des Zirkus, zur Schamlosigkeit des Theaters, zu den Gräßlichkeiten der Arena, zu den Eitelkeiten der Fechthalle. War es doch auch den Epikuräern erlaubt, eine andere Lehre darüber aufzustellen, worin die wahre Lust bestehe, nämlich in der Ruhe des Gemütes225). Wodurch |s141/487 denn in aller Welt beleidigen wir euch, wenn wir uns andere Vergnügungen auswählen? Wenn wir zuletzt226) nicht amüsiert sein wollen, so ist der etwaige Schaden unser, nicht euer. Aber wir strafen das, woran ihr Gefallen findet, mit Verachtung! -- Ihr findet ja auch an dem unserigen keinen Gefallen.

39. Ich selbst will nunmehr die Zwecke der christlichen Verbindung darlegen; um zurückzuweisen, daß sie schlecht seien, werde ich zeigen, daß sie gut sind, schon wenn ich die Wahrheit über sie offenkundig mache227). Wir bilden eine Korporation durch unsere religiöse Überzeugung, durch eine göttliche Sittenzucht228) und durch das Band einer gemeinschaftlichen Hoffnung. Wir treten zu einem Bunde zusammen und halten gemeinschaftliche Versammlungen229) ab, um, gleichsam ein |s142/488 Heer bildend, Gott mit Bitten zu umlagern. Eine solche Gewalttätigkeit ist Gott wohlgefällig. Wir beten auch für die Kaiser, für diejenigen, welche kaiserliche Ämter bekleiden230) und Machtvollkommenheiten ausüben, für den Bestand der Welt, für die Ruhe der Staaten, für den Aufschub des Endes. Wir kommen zusammen zur Erforschung und Erwägung der göttlichen Schriften, wenn die Beschaffenheit der gegenwärtigen Zeitläufte eine Ermahnung oder Erinnerung erheischt; zum wenigsten nähren wir durch heilige Worte unsern Glauben, richten die Hoffnung auf, befestigen das Vertrauen und geben ebensosehr der Disziplin Festigkeit durch Einschärfung231) der sittlichen Vorschriften. Ebenda geschehen auch die Aufmunterungen, Zurechtweisungen und die göttliche Rüge. Es wird nämlich auch Gericht gehalten mit großem Nachdruck, wie bei Leuten, die der Gegenwart Gottes gewiß sind, und es ist ein höchst ergreifendes Vorgericht des künftigen Gerichtes, wenn jemand so gefehlt hat, daß er von der Gemeinschaft des Gebetes, der Zusammenkünfte und des gesamten heiligen Verkehrs zurückgewiesen wird. Es führen den Vorsitz die jedesmaligen bewährteren Ältesten, die jene Ehre nicht durch Geld, sondern durch gutes Zeugnis erlangt haben; denn es ist keine göttliche Gabe um Geld feil. Und wenn auch eine Art von Kasse vorhanden ist, so wird sie nicht etwa durch eine Aufnahmegebühr232), was eine Art von Verkauf der Religion wäre, gebildet, sondern jeder einzelne steuert eine mäßige Gabe bei an einem bestimmten Tage des Monats, oder wann er will, wofern er |s143/489 nur will und kann. Denn niemand wird dazu genötigt, sondern jeder gibt freiwillig seinen Beitrag. Das sind gleichsam die Sparpfennige der Gottseligkeit. Denn es wird nichts davon für Schmausereien und Trinkgelage oder nutzlose Freßwirtschaften ausgegeben, sondern zum Unterhalt und Begräbnis von Armen, von elternlosen Kindern ohne Vermögen233), auch für bejahrte, bereits arbeitsunfähige Hausgenossen234), ebenso für Schiffbrüchige, und wenn welche in den Bergwerken, auf Inseln oder in den Gefängnissen, selbstverständlich nur dann, wenn wegen der Sache der Genossenschaft Gottes diese Heimsuchung sie trifft, Versorgungsberechtigte ihres Bekenntnisses werden. Aber sogar die Ausübung dieser hohen Art von Liebe drückt uns bei gewissen Leuten eine Makel auf235). „Siehe", sagen sie, „wie sie sich untereinander lieben" -- sie selber nämlich hassen sich untereinander -- und „wie einer für den ändern zu sterben bereit ist"; sie selber nämlich wären eher bereit, sich gegenseitig umzubringen.

Aber auch darüber, daß wir mit dem Namen Brüder |s144/490 bezeichnet werden236), geraten sie, wie mich dünkt, aus keinem ändern Grunde in Aufregung, als weil bei ihnen jeder der Blutsverwandtschaft entnommene Name, was herzliche Zuneigung betrifft, nur Heuchelei ist237). Was aber die Bezeichnung Bruder angeht, so sind wir sogar auch eure Bruder nach dem Rechte der Natur, die unsere gemeinsame Mutter ist, wenn auch ihr nicht einmal ganze Menschen seid, weil ihr böse Brüder seid. Mit wieviel mehr Recht werden diejenigen Brüder genannt und als solche angesehen, welche Gott als ihren einen Vater erkannt, welche den einen Geist der Heiligkeit eingesogen haben, welche aus demselben Dunkel der Unwissenheit zu dem einen Licht der Wahrheit staunend übergegangen sind! Aber vielleicht werden wir deshalb für weniger legitime Brüder gehalten, weil unser Bruderverhältnis nicht Gegenstand einer lärmenden Tragödie ist, oder weil wir, auch wenn es sich um das Familienvermögen handelt, wo bei euch in der Regel die Brüderlichkeit aufhört, Brüder sind.

Und so haben wir, die wir nach Geist und Seele innigst verbunden sind, keine Bedenklichkeit hinsichtlich der Mitteilung unserer Habe, Alles ist bei uns gemeinschaftlich, nur nicht die Weiber. In diesem Punkte, welcher der einzige ist, worin die übrigen Menschen Gemeinsamkeit haben, lösen wir die Gemeinsamkeit. Sie maßen sich nicht nur die ehelichen Rechte ihrer |s145/491 Freunde an, sondern treten auch die ihrigen ihren Freunden mit dem größten Gleichmut ab, wie ich glaube, zufolge der Praxis ihrer Vorfahren und ihrer weisen Männer, welche, wie Sokrates unter den Griechen, wie Cato unter den Römern, von ihren Freunden ihre Gattinnen mitbenutzen ließen, die sie wohl geheiratet hatten, damit sie auch noch anderweitig Kinder gebären sollten. Ich weiß nicht gerade, ob dies wider den Willen der Gattinnen geschah; denn warum sollten sie um ihre Keuschheit, welche die Ehemänner so leichten Kaufs hinweggaben, so sehr besorgt sein? O über dieses Beispiel von attischer Weisheit und römischer Würde! Kuppler ist der Philosoph so gut wie der Zensor!

Was ist es nun also Wunderbares, wenn eine so große Liebe auch gemeinschaftliche Mahlzeiten veranstaltet238). Denn sogar unsere geringen Mahlzeiten -- außerdem verrufen als verbrecherisch -- verspottet ihr auch noch als verschwenderisch. Auf uns wird nämlich der Ausspruch des Diogenes angewendet: „Die Me-garenser schmausen, als wenn sie morgen sterben müßten, und bauen, als wenn sie niemals sterben müßten." Allein man bemerkt leichter den Strohhalm im Auge eines ändern, als den Balken in dem seinigen. Wenn so viele Tribus, Kurien und Dekurien rülpsen, so wird die ganze Atmosphäre weinsäuerlich; wenn die Salier schmausen wollen, so wäre eine Anleihe erforderlich; den Aufwand der Herkuleszehnten und Opferschmäuse müssen Registratoren zusammenrechnen; für die Apatu-rien, Bacchanalien und attischen Mysterien wird eine Aushebung unter den Köchen angesagt, durch den beim Bereiten des Serapismahles verursachten Qualm könnte die Löschmannschaft alarmiert werden. Aber nur über das Gastmahl der Christen stellt man Untersuchungen an.

Unser Mahl gibt durch seinen Namen schon sein Wesen und seine Bestimmung an; es trägt den Namen, womit man im Griechischen die Liebe bezeichnet (Agape). Wie teuer es auch kommt, ein Gewinst ist |s146/492 es, im Namen der Frömmigkeit Aufwand zu machen, zumal da wir die Dürftigen mit jener Erholung erquicken, nicht in der Weise, wie bei euch die Schmarotzer nach der Ehre begierig sind, ihre Freiheit in Sklaverei zu verwandeln, um den Lohn, daß sie unter Beschimpfungen ihren Bauch füllen dürfen, sondern deswegen, weil bei Gott das Ansehen der Niedrigen größer ist. Wenn die Veranlassung des Mahles schon eine ehrbare ist, so beurteilt auf Grund derselben die Zucht, die beim ganzen Verlauf desselben herrscht. Was zu den religiösen Pflichten gehört, das duldet keine Gemeinheit und keine Unsitte. Man geht nicht eher zu Tisch, als bis man des Gebetes zu Gott verkostet hat, man ißt so viel, als Hungrigen genügt, man trinkt so viel, als züchtigen Leuten dienlich ist. So sättigen sie sich wie Leute, die nicht vergessen, daß sie auch in der Nacht Gott anbeten müssen; so unterhalten sie sich wie Leute, die wissen, daß Gott es hört. Wenn die Hände gewaschen und die Lichter angezündet sind, wird jeder aufgefordert, vorzutreten und Gott Lob zu singen, wie er es aus der. Heiligen Schrift oder nach eigenem Talente vermag; daran erkennt man, wie er getrunken hat. Ebenso bildet das Gebet den Schluß des Mahles. Von da geht man auseinander, nicht um sich zu Keilereien zusammenzurotten, nicht um in hellen Haufen herumzuschwärmen, noch zu den heimlichen Schlichen239) der Liederlichkeit, sondern zu der früheren Sorge für Sittsamkeit und Keuschheit, wie Leute, die nicht so sehr ein Mahl, als vielmehr eine Lehre verkostet haben. Das ist die Zusammenkunft der Christen; allerdings mit Recht unerlaubt, wofern sie unerlaubten Zusammenkünften gleich ist, mit Recht zu verdammen, wenn jemand darüber auf den Titel hin zu klagen hat, auf den hin man über die Parteiverbindungen klagt240). Zu wessen Verderben sind wir denn irgend einmal zusammengekommen? Versammelt sind wir genau das, was wir zerstreut, alle miteinander das, was die einzelnen sind, niemanden |s147/493 beschädigend, niemanden betrübend. Wenn rechtschaffene und gute Leute zusammenkommen, wenn fromme und keusche Menschen sich vereinigen, so verdient das nicht den Namen einer Parteiverbindung, sondern eines Senates.

40. Man müßte im Gegenteil denen den Namen einer Parteiung beilegen, welche zum Haß gegen die Guten und Rechtschaffenen sich verschwören, welche nach dem Blute Unschuldiger schreien, indem sie zur Rechtfertigung ihres Hasses auch noch jenen leeren Vorwand gebrauchen, daß sie wähnen, von jeder öffentlichen Kalamität, von jedem das Volk treffenden Ungemach seien die Christen die Ursache241). Wenn der Tiber bis in die Stadtmauern steigt, wenn der Nil nicht bis über die Feldfluren steigt, wenn die Witterung nicht umschlagen will, wenn die Erde bebt, wenn es eine Hungersnot, wenn es eine Seuche gibt, sogleich wird das Geschrei gehört: ,,Die Christen vor den Löwen!" So viele vor einen?! Ich bitte euch, wie viele Kalamitäten haben nicht schon vor Tiberius, d, h. vor der Ankunft Christi, den Erdkreis und die Stadt242) betroffen? Wir lesen, daß die Inseln Hiera, Anaphe, Delos, Rhodus und Cos mit vielen tausend Menschen zugrunde gegangen sind. Auch berichtet Plato, daß ein Land größer als Asien oder Afrika vom Atlantischen Meere verschlungen sei243). Ein Erdbeben hat das korinthische Meer entleert, und die Macht der Wogen Lucanien abgerissen und unter dem Namen Sizilien abgesondert. Das alles konnte natürlich nicht ohne großen Schaden für die Bewohner geschehen. Wo waren damals, als die große Flut den ganzen Erdkreis, oder doch, wie Plato meint, das niedere Land vertilgte, ich will nicht fragen, die Verächter eurer Götter, die Christen, sondern sie selber, eure Götter? Denn daß sie einer späteren Zeit angehören als die Not |s148/494 der großen Flut, das beweisen eben die Städte, in welchen sie geboren sind und gelebt haben244), sowie auch diejenigen, die von ihnen gegründet wurden. Denn nur dann, wenn sie nach jener Kalamität entstanden sind, konnten sie bis zum heutigen Tage bestehen.

Noch hatte Palästina den aus Ägypten ausziehenden Schwärm der Juden nicht aufgenommen, noch hatte sich dort nicht jenes Volk, aus dem die christliche Genossenschaft entsprungen ist, niedergelassen, als schon daran anstoßende Gegenden, Sodoma und Gomorrha, durch einen Feuerregen versengt wurden. Die Erde riecht jetzt noch brennerig, und wenn dort etwa Baumfruchte zu wachsen versuchen, so sind sie nur zum Ansehen, angerührt aber zerfallen sie zu Asche245). Auch Etrurien und Kampanien hatten sich noch nicht über das Vorhandensein von Christen zu beklagen zu der Zeit, als Vulsinii vom Himmel und Pompeji von seinem Berge mit Feuer überschüttet wurde. Niemand betete noch zu Rom den wahren Gott an zur Zeit, als Hannibal bei Kannä die römischen Ringe infolge des von ihm angerichteten Gemetzels mit dem Scheffel maß246). Zur Zeit, als die Senonen das Kapitol selbst eingenommen247) hatten, wurden ausschließlich eure sämtlichen Götter von allen verehrt.

Gut ist es nur, daß, so oft irgendeiner Stadt ein widriges Geschick zugestoßen ist, auch die Tempel von demselben Unheil wie die Stadtmauern getroffen wurden, so daß ich auch noch das hinzubeweise, daß diese Geschicke nicht von jenen herrühren können, die selbst von ihnen in gleicher Weise betroffen wurden248). |s149/495

Zu allen Zeiten hat sich das Menschengeschlecht gegen Gott schwer verschuldet, und zwar zuerst durch Mangel an Diensteifer gegen den, welchen es, da es ihn doch zum Teil erkannte, nicht zu verehren suchte, sondern sich vielmehr andere ersann, die es verehrte; zweitens dadurch, daß es, weil es den Lehrer der Sittenreinheit, den Richter und den Rächer der Schuld nicht suchte, in Laster und Verbrechen versank249). Wenn es ihn nämlich gesucht hätte, so wäre die Folge gewesen, daß es den gesuchten Gott erkannt, den erkannten geehrt, und wenn es ihn geehrt, dann mehr seine Erbarmung als seinen Zorn erfahren hätte. Darum muß es auch jetzt noch seinen Zorn erfahren, so gut wie früher immer, ehe man noch von Christen etwas gehört hatte. Seine Güter, die er spendete, bevor es sich noch Götter ersann, genoß das Menschengeschlecht -- warum sollte es nicht zur Einsicht gelangen, daß auch das Unglück von dem ausgehe, von welchem es nicht anerkannte, daß er der Urheber der Güter sei? Der Strafe schuldig ist es vor dem, gegen dessen Wohltaten es undankbar ist. Und doch, wenn wir die früheren Unglücksfälle in Vergleich ziehen, so ist, was sich jetzt ereignet, seitdem Gott den Erdkreis mit Christen beschenkt hat, nicht so schlimm. Seither nämlich sind die Schlechtigkeiten der Welt durch die sittliche Reinheit vermindert worden und es hat angefangen, Fürbitter bei Gott zu geben. Schließlich, wenn die Sommertemperatur den Regen aus der Winterzone ausbleiben läßt und man wegen des Jahres in Sorgen ist, dann macht ihr es also: ihr eßt euch täglich voll und seid bereit, sofort wieder zur Mahlzeit zu gehen, die Bäder, die Schenken und Hurenhäuser sind in voller Tätigkeit. Ihr opfert dem Jupiter |s150/496 die sog. Aquilicien, sagt dem Volke Umgänge mit bloßen Füßen an250), sucht den Himmel beim Kapitol und erwartet Wolken von den getäfelten Decken der Tempel, während ihr dem eigentlichen Gott sowohl als dem Himmel den Rücken kehrt. Wir aber, abgemagert vom Fasten und ausgemergelt durch jede Art von Enthaltsamkeit, von jedem Lebensgenuß uns fernhaltend, in Sack und Asche uns wälzend, wir klopfen durch unsere Enthaltsamkeit an den Himmel251) und greifen Gott an und haben wir Barmherzigkeit errungen, dann -- erhält von euch Jupiter die Ehre, Gott aber keine Beachtung252).

41. Ihr also seid es, die den menschlichen Geschicken Unheil bringen, ihr seid immer diejenigen, welche die öffentlichen Unglücksfälle herabziehen, ihr, die ihr Gott verachtet und Bildsäulen anbetet253). Denn es muß doch durchaus für wahrscheinlicher gelten, daß der zürnt, der vernachlässigt wird, als daß die zürnen, welche Verehrung erhalten; oder fürwahr, jene eure Götter sind die ungerechtesten von der Welt, wenn sie wegen der Christen auch ihre eigenen Verehrer schädigen, die sie doch von dem, was die Christen verdient |s151/497 haben, ausnehmen müßten. Diesen Vorwurf, sagt ihr, kann man auch auf euren Gott zurückschleudern, da er selbst ja ebenfalls zugibt, daß wegen der Unheiligen auch seine Verehrer geschädigt werden. -- Nehmet doch nur erst seine Anordnungen an, und ihr werdet keine Gegenbeschuldigung mehr machen! Da er nämlich einmal das ewige Gericht nach dem Ende der Welt anberaumt hat, so drängt es ihn nicht, vor dem Weltende die Sonderung vorzunehmen, welche die Vorbedingung für das Gericht ist. Bis dahin verhält er sich in Betreff des ganzen Menschengeschlechtes gleichmäßig -- in seiner Nachsicht wie im Ahnden. Gemeinsam sollen sowohl die Güter den Unheiligen, als die Übel den Seinigen zuteil werden, so daß wir alle in gleicher Weise seine Milde wie seine Strenge erfahren. Wir, die wir das so bei ihm selbst gelernt haben, lieben seine Milde und fürchten seine Strenge, ihr dagegen verachtet beides. Und daraus folgt, daß alle Plagen hienieden uns, wenn sie uns etwa treffen, zur Mahnung, euch hingegen zur Strafe von Gott zukommen. Gleichwohl leiden wir doch auf keine Weise Schaden; vornehmlich deswegen, weil uns auf dieser Welt an nichts liegt, als sie so schnell wie möglich zu verlassen; sodann, weil, wenn uns etwas Widriges trifft, es euren Vergehen zuzuschreiben ist. Aber selbst wenn wir, insofern wir ja mit euch zusammenhängen, von Dingen der Art berührt werden, so freuen wir uns vielmehr; durch die Erinnerung an die göttlichen Weissagungen werden wir gestärkt, da wir nämlich erkennen, daß wir auf sie bauen können und unsere Hoffnung auf festem Grunde ruht254). Wenn aber wirklich alle eure Übel auf Betreiben dieser eurer Götter um unsertwillen euch zuteil werden, warum fahrt ihr dann fort, so undankbare und so ungerechte Wesen zu verehren, die euch bei der Heimsuchung der Christen doch viel mehr hätten helfen und schützen sollen?255) |s152/498 

42. Wir werden aber auch noch auf einen anderen Titel hin der widerrechtlichen Schädigung angeklagt: man sagt, wir seien unnütz für das geschäftliche Leben. Wie? Leute, die mit euch zusammenleben, Leute von derselben Lebensweise, Kleidung, Einrichtung und denselben Bedürfnissen des Lebens? Wir sind doch keine Brahmanen oder indische Gymnosophisten, Waldmenschen und aus dem Leben ausgeschieden! Wir sind dessen stets eingedenk, daß wir Gott, als Herrn und als Schöpfer, Dank schuldig sind und verschmähen keine der Früchte seiner Werke, Allerdings zügeln wir uns, daß wir uns ihrer nicht über das rechte Maß oder in verkehrter Weise bedienen. Daher wohnen wir mit euch in dieser Welt zusammen nicht ohne den Gebrauch des Forums, nicht ohne den Fleischmarkt, ohne die Bäder, ohne eure Kaufläden, Werkstätten, Gasthäuser, Jahrmärkte und den sonstigen Handelsverkehr, Wir betreiben mit euch zusammen die Schiffahrt, tun mit euch Kriegsdienst, treiben Ackerbau und bringen dann unsern Erwerb in den Handel, die Erzeugnisse unserer Kunstfertigkeit und unserer Arbeit geben wir öffentlich zu eurem Gebrauche hin. Da wir mit euch und von euch leben, so begreife ich nicht, wie wir als unnütz erscheinen können für eure Geschäfte. Wenn ich auch deinen Zeremonien nicht beiwohne, so bin ich doch wohl auch an jenem Tage noch ein Mensch, Ich bade mich an den Saturnalien nicht während es noch Nacht ist256), um mir nicht den Tag mit der Nacht zu verderben. Dafür bade ich mich zu einer Stunde, die dafür angebracht und der Gesundheit zuträglich ist, wo ich meine Lebens- und Blutwärme behalte; denn kalt und bleich nach einem Bade zu sein, das kann ich als Leiche genießen257). Am Bacchusfeste liege ich nicht öffentlich zu Tisch, wie die Tierkämpfer bei ihrer Henkersmahlzeit zu tun pflegen, |s153/499 jedoch wo auch immer, ich speise von deinen Vorräten. Ich kaufe mir keinen Blumenkranz für mein Haupt. Was kann dir daran liegen, wie ich meine Blumen, die ich nichtsdestoweniger kaufe, verwende? Ich glaube, es ist angenehmer, sich nicht gebundener, loser und von allen Seiten frei herabhängender Blumen zu bedienen. Aber auch dann, wenn sie zu einem Kranze gebunden sind, so nehmen wir den Kranz mit der Nase wahr; mögen andere meinetwegen mit den Haaren riechen258). Zu den Schauspielen finden wir uns nicht ein; die Gegenstände aber, welche bei jenem Zusammenfluß von Menschen feilgehalten werden, werde ich, wenn ich ihrer begehre, ungenierter ihren eigentlichen Kaufplätzen259) entnehmen. Weihrauchkörner kaufen wir allerdings gar nicht. Wenn sich aber Arabien über uns beklagen sollte, so mögen die Sabäer wissen, daß eine größere Menge und bessere Sorte ihrer Ware beim Begräbnis von Christen sozusagen verschwendet wird, als die ist, womit man die Götter beräuchert.

Sicher ist, klagt ihr, daß die Tempelsteuern täglich mehr zusammenschmelzen; wie wenige geben noch Spenden in den Tempeln! Jawohl; wir sind nicht imstande, zu gleicher Zeit den Betteleien der Menschen und denen euerer Götter Hilfe zu gewähren, und sind auch der Meinung, daß man nur denen, die darum bitten, etwas geben müsse. So strecke denn Jupiter erst seine Hand aus, dann soll er etwas bekommen. Vorläufig gibt unsere mitleidige Gesinnung auf den Gassen mehr Geld aus, als eure Religiosität in den Tempeln. Aber auch die übrigen Steuern werden geschädigt! Zur Antwort genügt, daß diese sich bei den Christen bedanken |s154/500 können260) weil wir mit eben der Gewissenhaftigkeit, vermöge deren wir uns betrügerischer Aneignung fremden Gutes enthalten, bezahlen, was wir schuldig sind, so daß, wenn ein Überschlag gemacht würde, wieviel der Staatskasse durch eure Betrügereien und lügenhaften Angaben verloren geht, dieser Überschlag leicht zu haben ist, da die Klage in Bezug auf eine Art weit auf gewogen wird durch die Sicherheit in Bezug auf die übrigen Posten261).

43. Ich will aber unumwunden angeben, welche Leute sich allenfalls mit Grund über die Nutzlosigkeit der Christen beklagen können. Die ersten dürften sein die Kuppler, die Zuführer von Mädchen und die Gelegenheitsmacher, zweitens die Meuchelmörder, Giftmischer und Zauberer, ingleichen die Opferbeschauer, Wahrsager und Sterndeuter. Diesen Leuten keinen Nutzen zu bringen, ist ein großer Nutzen! Und dennoch, jeder etwaige Verlust, den ihr durch unsere Genossenschaft an eurer Habe erleidet, kann sicherlich durch einen in anderer Hinsicht geleisteten Schutz aufgewogen werden. Wie viele habt ihr jetzt unter euch, die, ich sage nicht einmal, die bösen Geister von euch austreiben, ich sage auch nicht einmal, die dem wahren Gott auch für euch Gebete darbringen262), sondern ich sage nur, von denen ihr nichts zu fürchten braucht!

44. Aber freilich, niemand bedenkt jene ebenso unleugbare als große Schädigung des Gemeinwesens, keiner erwägt jene Benachteiligung des Staates, die darin besteht, daß wir, eine solche Anzahl |s155/501 rechtschaffener Leute, dahin geopfert und so viele Unschuldige zugrunde gerichtet werden! Wir rufen nunmehr eure eigenen Akten zu Zeugen auf, indem ihr ja täglich, um die Gefangenen abzuurteilen, zu Gericht sitzet und die Liste der Angeklagten durch eure Richtersprüche erledigt. Wie viele Verbrecher werden mit den verschiedenen Schuldbezeichnungen von euch heruntergelesen -- aber wer, der dort als Mörder, als Beutelschneider, als Tempelräuber, als Verführer, als Bestehler der Badenden aufgeschrieben steht, wer von diesen wird auch noch unter dein Prädikat Christ aufgeschrieben? Und, was damit zusammenhängt, wenn Christen unter diesem ihrem Titel aufgeführt werden, wer aus ihnen steht da als nur einzig und allein unter jenem Schuldtitel, der durch den Namen Christ ausgedrückt wird?263) Mit Leuten aus eurer Mitte sind stets die Gefängnisse überfüllt, von dem Ächzen der eurigen hallen stets die Bergwerke wieder, mit Leuten aus eurer Mitte werden auch die wilden Tiere gemästet, aus eurer Mitte stammen die Verbrecher, welche die Veranstalter von Gladiatorenspielen wie Herdenvieh mästen. Dort264) findet sich kein Christ, außer nur als solcher, oder wenn auch noch als etwas anderes, dann ist er schon kein Christ mehr265).

45. Wir sind also die einzigen sittenreinen Menschen. Was Wunder, wenn es so sein muß? Und in der Tat, es muß so sein. Da uns die Sittenreinheit von |s156/502 Gott gelehrt worden ist, so kennen wir sie einerseits vollkommen, da sie uns von einem vollkommenen Lehrer geoffenbart worden ist, und anderseits bewahren wir sie getreulich, da sie uns von einem Wächter vorgeschrieben ist, der sich nicht verachten läßt. Euch aber hat nur menschliche Abwägung und Wertschätzung den Begriff der Sittenreinheit beigebracht, und ebenso ist es nur die Kundgebung menschlicher Herrschaft, welche sie euch zum Gebot gemacht hat. Daher besitzt ihr weder eine vollkommene, noch eine genügenden Respekt einflößende Anleitung zur wahren Moralität. Die Autorität des Menschen, die Erfüllung des sittlich Guten zu fordern, ist nicht größer als seine geistige Fähigkeit, aufzuzeigen, was wahrhaft sittlich gut ist266); ebenso leicht wie diese getäuscht, kann jene verachtet werden. Wohlan denn, welcher Ausspruch ist von tieferem Gehalt267): D u sollst nicht töten, oder aber: Du sollst nicht einmal zürnen ? Was ist vollkommener, den Ehebruch verbieten, oder sogar von der Begierlich-keit der Augen, auch wenn sie im Herzen verborgen bleibt, zurückhalten? Was verrät größere Weisheit, die böse Tat oder auch schon die böse Rede verbieten? Was dringt tiefer ein, Unrecht nicht gestatten, oder nicht einmal das Wiedervergelten des Unrechts zuzulassen? Wenn ihr doch nur einsähet, daß eure Gesetze selber, die auf die Pflege der Sittlichkeit hingerichtet sind, vom göttlichen Gesetze ihre ältere Form entlehnt haben!268) Es ist ja schon vom Alter des Moses die Rede gewesen. Wie gering aber ist oft das Ansehen |s157/503 menschlicher Gesetze, da es zutrifft, daß der Mensch, da seine begangenen Taten verborgen bleiben, sich ihnen entzieht, und manchmal daß er sie, sei es freiwillig sei es genötigt, verachtet. Beurteilt ihr Ansehen269) auch nach der Kürze jedweder Strafe, die ja doch nicht über den Tod hinaus fortdauert! Auf diese Weise schätzt selbst Epi-kur jede Qual und jeden Schmerz nur gering ein, indem er den Ausspruch tut, ein mäßiger Schmerz sei zu verachten, ein großer aber dauere nicht lange. Wir aber, die wir unter der Aufsicht Gottes, des Beobachters aller, stehen und gegen seine ewige Strafe Vorsorge treffen, wir streben notwendig nach wahrer Sittenreinhelt, indem Wir entsprechend der Fülle unserer Erkenntnis und der Schwierigkeit, sich zu verbergen, und ebenso wegen der Größe der Strafe, die nicht bloß lange, sondern ewig dauert, den fürchten, den auch jener fürchten muß, der selbst über solche zu Gericht sitzt, die ihn fürchten, indem wir mit einem Wort Gott fürchten, nicht den Prokonsul.

46. Wir haben nun, wie ich hoffe, standgehalten gegen sämtliche uns aufgebürdete Beschuldigungen, welche das Blut der Christen fordern könnten. Wir haben dargelegt alles, was wir sind270), dargelegt auch, wodurch |s158/504 wir beweisen können, daß es sich in Wirklichkeit so verhält, wie wir es dargelegt haben, nämlich durch die. Glaubwürdigkeit und das Altertum der Hl. Schriften, sowie durch das Geständnis der geistigen Mächte. Sollte einer auftreten und es wagen, uns zu widerlegen, nicht durch gekünstelte Worte, sondern auf dieselbe Weise, wie w i r den Beweis geliefert haben, so wird er durch die Wahrheit zu Boden geworfen, allerdings vorausgesetzt, daß unsere Wahrheit jedermann zur Kenntnis gebracht wird271). Vorläufig hält die Hartgläubigkeit, wenn sie |s159/505 davon überführt wird, daß unsere Genossenschaft etwas Gutes ist, was ja schon durch den täglichen Umgang und durch den Verkehr sich kundgemacht hat, dieselbe keineswegs für eine göttliche Sache, sondern höchstens für eine Art Philosophie. Zu eben denselben Tugenden, sagt man, bekennen sich und ermahnen auch die Philosophen, zur Sittlichkeit, Gerechtigkeit, Geduld, Mäßigkeit und Keuschheit. Wenn wir also mit ihnen hinsichtlich unserer Lehre verglichen werden, warum werden wir nicht sofort auch in Bezug auf Erlaubtheit und Freiheit der Lehre272) ihnen gleichgestellt? Oder warum werden jene als unseresgleichen nicht auch zu den Leistungen gedrängt, deren Unterlassung uns Gefahr bringt? Wer zwingt denn einen Philosophen, zu opfern oder zu schwören oder mitten am Tage zwecklos Lampen zur Schau zu stellen? Weit entfernt davon suchen sie vielmehr öffentlich eure Götter zu vernichten und klagen in ihren Schriften eure öffentlichen Religionsgebräuche als Aberglauben an -- und ihr lobt sie. Sehr viele kläffen auch gegen die Fürsten -- und ihr seht ruhig zu; ja sie bringen es eher zu Ehrenstandbildern und Jahrgehältern, als daß sie zu den wilden Tieren verdammt würden. Natürlich! Sie führen ja auch nicht den Beinamen Christen, sondern Philosophen.

Diesen Namen Philosoph fliehen die Dämonen nicht273). Warum auch, da die Philosophen die Dämonen den Göttern für gleich halten. Eine der Redensarten des Sokrates lautet: „Wenn das Dämonium es erlaubt." |s160/506 Derselbe Sokrates aber, der etwas von der Wahrheit erkannt hatte, als er das Dasein der Götter leugnete, befahl doch bei seinem Ende, dem Äskulap als Opfer einen Truthahn zu schlachten, vermutlich aber nur, um dessen Vater zu ehren, da ja Apollo den Sokrates als den weisesten aller Menschen gepriesen hatte. Dieser unbesonnene Apollo! Ein Weisheitszeugnis stellte er einem Manne aus, der das Dasein der Götter leugnete. Wer die Wahrheit aus Überzeugung vertritt, stößt in dem Grade an, als diese selbst den Haß entzündet; derjenige aber, welcher sie verfälscht und nachäfft, befestigt sich gerade dadurch am meisten in der Gunst der Verfolger der Wahrheit. Dieselbe Wahrheit, welche die Philosophen, um mit ihr Spott zu treiben und sie zu verfälschen, in theatralischer Weise affektieren und durch ihr Affektieren fälschen, weil sie nur von Ruhmsucht geleitet sind, dieselbe Wahrheit suchen die Christen mit Notwendigkeit und treten für sie ein mit voller Kraft, weil sie für ihr Heil besorgt sind. Daher haben wir weder in Bezug auf Wissen, noch in Bezug auf Sittenzucht, wie ihr meint, unseresgleichen. Denn was hat Thaies, jener Begründer der Physik, dem Krösus, der nach der Gottheit forschte, Gewisses zu antworten gewußt, nachdem er ihn mit der erbetenen Bedenkzeit so oft hingehalten hatte274). Jeder beliebige christliche Handwerker aber hat Gott bereits gefunden, tut ihn kund und besiegelt in der Folge alles, was man in Bezug auf Gott fragen kann, durch die Tat, während Plato behauptet, daß man den Werkmeister des Weltalls nicht leicht finden und, wenn man ihn gefunden habe, nur schwer allen verkünden könne.

Im übrigen, wenn wir nun zum Wettstreit herausfordern in Betreff der Keuschheit, so lese ich da einen Teil der Sentenz Athens gegen Sokrates: als ein Verderber der Jünglinge wird er erklärt. Der Christ |s161/507 vertauscht zum geschlechtlichen. Verkehr nicht einmal seine Frau gegen eine andere275). Ich kenne auch die Phryne, die Buhlerin des Diogenes, wie sie mit ihm zusammenliegend in Wollust schwelgte276), und ich höre, daß ein gewisser Speusippus aus der Schule des Plato beim Ehebruch den Tod fand. Ein Christ ist Mann nur für seine Frau allein. Dadurch, daß Demokrit sich selbst blendete, weil er die Weiber nicht ohne Begierlichkeit anblicken konnte, und sich ärgerte, wenn er sie nicht besitzen konnte, gestand er selbst durch seine Selbstzüchtigung seine Unenthaltsamkeit ein. Aber der Christ behält seine Augen und sieht doch die Frauen nicht an; er ist der Lust gegenüber geistig blind.

Wenn ich mich über die Tüchtigkeit des Charakters auslassen soll, siehe, so ist das nur Stolz anderer Art, wenn Diogenes mit kotigen Füßen die stolzen Sofas des Plato zertritt. Der Christ zeigt hochfahrende Verachtung nicht einmal gegen einen Armen277). Wenn ich über die Freiheit von politischem Ehrgeiz streiten soll, siehe, so sind da Pythagoras, der zu Thurii, und Zeno, der zu Priene nach der Alleinherrschaft strebte: -- der Christ aber begehrt nicht einmal die Ädilenwürde, Wenn ich in Bezug auf Gleichmut der Seele mich messen soll, so hat Lykurg sich den Hungertod gewünscht, weil die Lazedämonier seine Gesetze verbessert hatten -- der Christ aber dankt, selbst wenn er verurteilt worden ist. Wenn ich die Redlichkeit in Vergleich stellen soll, |s162/508 Anaxagoras verweigerte seinen Gastfreunden das ihm anvertraute Gut -- der Christ aber gilt allgemein auch bei den außer seiner Gemeinschaft Stehenden278) als ehrlich. Wenn ich für die schlichte Geradheit der Gesinnung einstehen soll, Aristoteles hat seinen Freund Her-mias auf schimpfliche Weise von seiner Stelle verdrängt -- der Christ fügt auch nicht einmal seinem Feinde Schaden zu. Derselbe Aristoteles schmeichelte dem Alexander, den er vielmehr hätte leiten sollen279), auf ebenso unziemliche Weise, als Plato sich bei Dionysius des Wohllebens halber einzuschmeicheln suchte. Ari-stippus schwelgt im Purpur unter dem äußeren Schein großer Sittenstrenge, und Hippias wird getötet, während er dem Staate Gefahren bereitet. Dergleichen hat kein Christ je unternommen, noch nicht einmal für die Seinigen, wenn sie durch jede Art Grausamkeit auseinandergesprengt wurden.

Doch es wird vielleicht einer oder der andere einwerfen, daß auch aus unserer Mitte manche von der sittlichen Zucht und Regel abweichen. Ja sie hören aber auf, bei uns für Christen zu gelten, die genannten Philosophen hingegen behalten bei euch trotz solcher Handlungen den Namen und das Ansehen von Weisen. Was haben also schließlich miteinander der Philosoph und der Christ gemein, der Zögling Griechenlands und der Zögling des Himmels, der nur in Worten macht und der Taten vollbringt, der eitlem Ruhme und der dem Heile nachjagt, der Auferbauer und der Zerstörer der Irrtümer, der Verfälscher und der Wiederhersteller der Wahrheit, der Entwender und der Wächter derselben?280) |s163/509

47. Außerdem kommt mir der oben gelieferte Nachweis des hohen Alters der göttlichen Schriften zustatten281), wodurch man leicht zu dem Glauben geführt wird, daß sie für jede spätere Weisheit als Schatzkammer gedient haben. Und wenn ich den Umfang meines Buches nicht schon beschränken müßte, so würde ich mich auch noch auf diesen Nachweis eingelassen haben. Wen gibt es unter den Dichtern, wen unter den Weisen282), der gar nicht aus den Propheten als einer Quelle geschöpft hätte? Von dort haben also auch die Philosophen ihren dürstenden Geist benetzt. Darf man uns aber deshalb mit ihnen in eine Art zusammenstellen, weil sie einiges von dem Unsrigen besitzen?283) [Deshalb, |s164/510 vermute ich, ist die Philosophie auch sogar von einigen durch die Gesetze verbannt worden, nämlich von den Thebanern, den Spartanern und Argivern.]284) Wenn sie sich an das Unsere heranwagen, aber als Männer, die einzig und allein, wie schon bemerkt, einerseits auf Ruhm, andererseits auf Wortgepränge ausgehen, so haben sie, wenn sie an etwas in den hl. Schriften Anstoß nahmen, dies je nach der Zugehörigkeit zu einer besonderen Schule so umgestaltet, daß es in ihr System paßte285). Entweder glaubten sie nämlich nicht fest genug, daß sie etwas Göttliches vor sich hatten, um von Fälschungen abzustehen, oder sie verstanden es nicht hinreichend, da es damals noch dunkel und selbst den Juden, deren Eigentum es schien, verhüllt war. Sogar, wenn eine Wahrheit leicht und verständlich war, schwankte der menschliche Grübelgeist, weil er die gläubige Hingabe verschmähte, um so mehr hin und her. Infolge dessen |s165/511 brachten sie auch das, was sie als sicher gefunden hatten, so in Verwirrung, daß es unsicher wurde286).

Hatten sie nämlich unsern Gott schlechthin gefunden, so behandelten sie die Lehre von ihm nicht, wie sie sie gefunden hatten, sondern so, daß sie auch über seine Beschaffenheit, seine Natur und seinen Wohnsitz Debatten anstellten. Die einen behaupten, er sei unkörperlich, die ändern, er sei körperlich, so einerseits die Platoniker, andererseits die Stoiker; andere, er bestehe aus Atomen, wieder andere, er bestehe aus Zahlen, so einerseits Epikur, andererseits Pythagoras. Einem anderen däuchte es, er bestehe aus Feuer, so Heraklit. Die Platoniker nahmen an, er bekümmere sich um die Dinge, da er sie gebildet habe und sie beeinflusse, die Epikureer dagegen, er sei müßig und unbeschäftigt und sozusagen ein Nichts in den menschlichen Angelegenheiten287). Die Stoiker glauben, er befinde sich außerhalb der Welt und drehe wie ein Töpfer von draußen das Weltgebäude, die |s166/512 Platoniker, er sei innerhalb der Welt und bleibe nach dem Beispiel des Steuermannes innerhalb dessen, was er regiere. So sind sie auch verschiedener Meinung in Betreff der Lehre von der Welt, ob sie geworden oder ungeworden sei, ob sie vergehen oder bleiben werde, sowie auch in Betreff der Beschaffenheit der Seele, von der die einen behaupten, sie sei göttlich und ewig, die ändern, sie löse sich wieder auf. Je nach semer Meinung machte jeder seine Zusätze und Umgestaltungen. Es ist auch nicht zu verwundern, wenn die alten Urkunden288) durch die Erfindungen der Philosophen verunstaltet wurden. Von ihrem Samen befruchtet hat man auch schon diese unsere noch so jungen schriftlichen Denkmäler289) durch allerlei eigene Meinungen290) in Anpassung an philosophische Lehrsätze verfälscht und den einen geraden Weg in viele krumme und in die Irre führende Pfade gespalten.

Dieses Umstandes habe ich deswegen gedacht, damit nicht jemand, dem die Mannigfaltigkeit unserer Genossenschaft291) bekannt geworden, meine, er könne auch in der Hinsicht uns mit den Philosophen gleichstellen, daß er aus der Mannigfaltigkeit den Mangel der Wahrheit erweist292). Ohne Mühe aber weisen wir diejenigen, die das Unsrige verfälschen, mit der Rechtseinrede ab, daß nur jene die Regel der Wahrheit ist, die von Christus, durch seine Gefährten überliefert, herrührt, und daß diese abweichenden Ausleger als solche erfunden werden, die bedeutend später als jene sind. Alles, was gegen die Wahrheit aufgestellt wird, ist aus der Wahrheit selbst entnommen293), indem die Geister |s167/513 des Irrtums es sind, die eine solche Nebenbuhlerschaft bewirken. Von ihnen sind derartige Verfälschungen der heilbringenden Lehre heimlich ins Werk gesetzt, von ihnen auch gewisse Fabeln294) eulgegeben worden, welche vermöge ihrer Ähnlichkeit mit der Wahrheit den Glauben an letztere schwächen oder vielmehr durch diese Ähnlichkeit den Glauben für sich stehlen295) sollten, so daß manche meinen, den Christen sei deswegen nicht zu glauben, weil auch den Dichtern und Philosophen nicht zu glauben sei, oder wähnen, deshalb müsse man den Dichtern und Philosophen mehr glauben, weil man den Christen nicht glauben dürfe. Daher werden wir verlacht, wenn wir einen Gott predigen, der Gericht halten wird. In dieser Weise nehmen nämlich auch die Dichter und Philosophen ein Tribunal in der Unterwelt an. Und wenn wir mit der Hölle drohen, welche ein unterirdischer Behälter eines geheimnisvollen Feuers zum Zweck der Strafe ist, so werden wir tüchtig ausgelacht. So ist nämlich auch der Pyriphlegethon ein Strom für die Toten296). Und wenn wir vom Paradies sprechen, einem Ort voll göttlicher Anmut, der für die Aufnahme der heiligen Seelen bestimmt und durch die bekannte Feuerzone gleichsam umfriedigt und der Kenntnis des gewöhnlichen Erdkreises entrückt ist297), so haben die elyseischen Gefilde bereits den Glauben in Besitz genommen. Woher, frage ich, haben die Philosophen oder Dichter diese so verwandten Vorstellungen? Nur aus unsern Heilsgeheimnissen. Wenn dieselben aber aus unsern Heilsgeheimnissen als der ursprünglicheren Form298) |s168/514 stammen, so sind unsere Lehren treuer und glaubwürdiger, deren Nachbildungen ja schon Glauben gefunden haben. Wenn sie aber dem eigenen Denken entstammen, dann würden unsere Heilsgeheimnisse damit sofort als Nachbildungen dieser späteren gelten müssen. Das aber gestattet die Natur der Dinge nicht. Denn niemals ist der Schatten früher als der Körper, das Abbild früher als das Original.

48. Wohlan! Gesetzt, irgendein Philosoph behaupte, wie Laberius299) auf Grund der Meinung des Pythagoras angibt, der Mensch entstehe aus dem Maultiere, und aus dem Weibe eine Schlange, und er wüßte mit seiner Zungenfertigkeit alle Beweise zugunsten dieser Behauptung zuzustutzen, wird er nicht Zustimmung finden und Glauben erwecken? Manch einer möchte sogar der Überzeugung sein, er müsse sich von Fleischspeisen enthalten, um nicht etwa einmal Ochsenfleisch von einem seiner Urgroßväter zu verspeisen. Aber freilich, wenn der Christ verheißt, aus dem Menschen solle wieder ein Mensch und sogar aus dem Cajus wieder der Cajus werden, so sucht man ihn sofort an Ort und Stelle zu bepissen300), und vom Volke wird er weggesteinigt und nicht |s169/515 etwa bloß weggestäupt werden301), als ob nicht jeder Vernunftgrund, der für die Rückkehr menschlicher Seelen im Körper vorliegt, fordere, daß sie in dieselben Körper zurückversetzt werden, denn das gerade heißt „zurückversetzt werden", nämlich das sein, was sie waren. Denn wenn sie nicht das sind, was sie waren, das heißt, wenn sie nicht Seelen sind, die einen menschlichen und denselben individuellen Körper angenommen haben, so sind sie auch selbst schon nicht mehr, was sie waren. Wie aber in aller Welt kann man von ihnen sagen, sie seien zurückgekehrt, wenn sie selbst nicht mehr dieselben sind? Entweder sind sie etwas anderes geworden, und dann sind sie nicht mehr dieselben, oder sie bleiben dieselben, und dann können sie unmöglich etwas anderes geworden sein302), Ich müßte auch mit Muße eine Menge |s170/516 Stellen beibringen, wenn ich nach der Richtung hin scherzende Erörterungen anstellen wollte, wer in ein Tier und in welches ein jeder verwandelt zu sein schien303). Aber es trägt mehr zu unserer Verteidigung |s171/517 bei, wenn wir vor Augen stellen, es sei doch schlechthin viel glaubwürdiger, daß aus dem Menschen wieder ein Mensch zurückkehren werde, Mensch für Mensch, wofern es nur ein Mensch ist, so daß also die Seele, ihre Seinsbeschaffenheit bewahrend, wenn auch nicht in dieselbe Gestalt, so doch sicher in denselben Seinszustand zurückversetzt wird304). Weil aber305) der Grund der Wiederherstellung in der Bestimmung zum Gericht liegt, so wird notwendig genau derselbe, der früher war, vorgeführt werden müssen, damit er das Urteil über seine guten und schlechten Werke, wie er es verdient hat, von Gott empfange. Folglich werden auch die Leiber vorgeführt werden müssen, weil einerseits die Seele allein ohne eine feste Materie, d, h. ohne das Fleisch, nichts erleiden kann, und andererseits überhaupt die Seelen dem Gerichte Gottes gemäß das erleiden müssen, was sie nicht ohne das Fleisch verdient haben306), da sie mit ihm vereinigt alles vollbrachten.

Aber wie kann, wendet man ein, die aufgelöste Materie wieder vorgeführt werden? Betrachte dich selbst, o Mensch, und du wirst den Glauben daran finden. Bedenke, was du gewesen bist, ehe du warst. Offenbar nichts; denn, wenn du etwas gewesen wärest, so würdest du dich daran erinnern. Du also, der du, bevor du wurdest, nichts warst, und der du demselben Nichts angehören wirst, wenn du zu sein aufhörst, warum solltest du durch den Willen desselben |s172/518 Schöpfers, der dich aus dem Nichts entstehen machte, nicht nochmals aus dem Nichts entstehen? Nichts Neues also wird dir passieren. Du warst nicht und bist geworden, und wiederum wirst du werden, wenn du nicht mehr bist307). Erkläre, wenn du kannst, wie du geworden bist, und dann suche zu erklären, wie du wieder werden wirst. Und doch wird es sicherlich leichter sein, daß du wieder wirst, was du schon einmal gewesen bist, da es gleich unschwer war, daß du wurdest, was du noch niemals warst.

Darf man aber, meine ich, an der Macht Gottes zweifeln, der da diesen so großen Weltkörper aus dem Nichtsein, was nicht weniger ist wie aus dem Tode der Öde und Leerheit, hervorgezogen und hingestellt hat, der vom Geiste, der aller Dinge Gestalten308) ist, durchhaucht und der sogar durch denselben Geist zum ausdrucksvollen Vorbild der menschlichen Auferstehung gestaltet ist, euch zum Zeugnis? Das Tageslicht, das erstorben ist, erglänzt jeden Tag wieder; die Finsternis weicht und kehrt wieder in gleichem Wechsel; die erblichenen Gestirne gewinnen wieder Leben, die Zeitperioden fangen wieder an, sobald sie aufgehört haben; die Früchte werden zeitig und vergehen wieder; die Samen erheben sich sicher nur dann, wenn sie verwest und aufgelöst sind, wieder zu größerer Fruchtbarkeit. Alles wird dadurch erhalten, daß es untergeht; alles wird infolge des Unterganges wieder hergestellt. Und du, o Mensch, ein so erhabenes Wesen, wenn du dich, |s173/519 selbst nur von der Aufschrift des Pythischen Gottes"309) lernend, erkennst, du, der Herr aller sterbenden und wiedererstehenden Dinge, du solltest nur darum sterben, um vernichtet zu bleiben? Nein, du wirst wiedererstehen310), wo immer du auch aufgelöst worden sein solltest, welche Materie dich auch immer zerstören, verzehren, verschlingen, ins Nichts versetzen wird, sie wird dich wieder herausgeben. Demselben, dem das All zugehört, gehört auch das Nichts.

Demzufolge, höre ich euch nun sagen, muß man immerfort sterben und immerfort wieder erstehen! Ja, wenn der Herr der Welt es so bestimmt hätte, so würdest du, magst du wollen oder nicht, das Naturgesetz deiner Erschaffung an dir erfahren. Nun aber hat er es nicht anders bestimmt, als er es kundgetan hat. Dieselbe Weisheit, welche das Weltall aus Gegensätzen gebildet hat, so daß alles aus gegensätzlichen |s174/520 Substanzen unter der Herrschaft der Einheit bestehen sollte, aus dem Leeren und Festen, aus dem Belebten und dem Leblosen, aus dem Faßbaren und dem Unfaßbaren, aus Licht und Finsternis, sogar aus Leben und Tod -- dieselbe Weisheit hat auch die Dauer der Welt so geschieden und auf Grund der Scheidung verknüpft311), daß der gegenwärtige erste Teil, den wir vom Anfange der Dinge an als Bewohner innehaben, in zeitlicher Dauer abfließt und ein Ende nimmt, der zweite aber, den wir noch erwarten, in eine unendliche Ewigkeit sich fortsetzt. Sobald also das Ende und die Grenzscheide, welche trennend in der Mitte steht, gekommen sind, so daß auch die in gleicher Weise zeitliche Gestalt dieser Welt, welche nur nach Art eines Vorhanges vor jene Gestaltung in der Ewigkeit gespannt ist, umgewandelt wird, dann wird auch das Menschengeschlecht wieder erneuert, damit voll ausgezahlt werde312), was es in dieser Zeitlichkeit an Gutem oder Bösem verdient hat, um es von da an die ganze unermeßliche Dauer der Ewigkeit hindurch abzubezahlen.

Darum gibt es dann auch keinen weiteren Tod mehr und keine wiederum stattfindende Auferstehung313), sondern wir werden dieselben sein, die wir jetzt sind, und nicht andere nachher, und zwar die Verehrer Gottes bei Gott314), überkleidet mit der der Ewigkeit eigenen Substanz, die Gottlosen dagegen und die, welche sich nicht |s175/521 gänzlich zu Gott gehalten, in der Strafe eines ebenfalls ewigen Feuers; sie besitzen nämlich die Unvergänglichkeit aus der Natur dieses Feuers, selbstverständlich durch göttliche Zuteilung315). Die Verschiedenheit jenes geheimnisvollen Feuers vom gemeinen war auch den Philosophen316) bekannt. Ganz anders ist das Feuer, welches zu menschlichem Gebrauche, und ganz anders jenes, welches zur Vollstreckung eines Gerichtes Gottes dient, mag es nun vom Himmel Blitze schleudern oder aus der Erde durch Berggipfel herausquellen; es zehrt nämlich das, an dem es flammet, nicht auf, sondern stellt wieder her in dem Maße wie es zerstört. Daher bleiben die Berge, obwohl sie immer im Feuer stehen, und wer durch Feuer vom Himmel getroffen wird, bleibt unverletzt, so daß er durch kein Feuer mehr ganz zu Asche wird317). Das ist ein Beweis für das ewige Feuer, das ein |s176/522 Vorbild des ewigen Gerichtes, das sein Opfer ernährt: die Berge brennen und bleiben bestehen. Wie wird es den Schuldbeladenen und Feinden Gottes ergehen?

49. Das sind Lehren, welche man nur bei uns verwegene Phantastereien, bei den Philosophen und Dichtern aber höchste Wissenschaft und erhabene geistige Einblicke nennt. Jene sind die Klugen, wir die Narren, sie müssen geehrt, wir ausgelacht, nein, noch mehr, sogar bestraft werden. Gesetzt nun, es sei falsch, was wir verteidigen, und es werde mit Recht eine Verwegenheit genannt, so ist es doch notwendig; gesetzt, es sei läppisch, so ist es doch nützlich, da ja diejenigen, welche daran glauben, gezwungen sind, besser zu werden durch die Furcht vor der ewigen Pein und durch die Hoffnung auf die ewige Freude. Und somit frommt es nicht, falsch zu schelten und für läppisch zu halten, was frommt, wenn man es als wahr annimmt. Folglich darf auf keinen Titel hin das irgendwie zu einer Strafe verurteilt werden, was Nutzen bringt. Somit liegt bei euch Verwegenheit vor, Verwegenheit ist es, wenn ihr das verurteilt, was nützlich ist! Folglich können unsere Lehren auch nicht läppisch sein -- sicherlich sind sie, selbst wenn sie falsch und läppisch wären, doch niemandem schädlich. Denn sie sind vielen anderen ähnlich, worauf ihr keine Strafen setzt. Bei Dingen solcher Art, die, unter Klage gestellt, ungestraft bleiben, weil sie unschädlich sind318), muß man doch, mit gleichem Maße |s177/523 messend, das Urteil fällen, wenn überhaupt ein solches gesprochen werden soll, sie seien dem Spott preiszugeben, aber nicht dem Schwert, Feuer, Kreuz und wilden Tieren, ein ungerechtes Wüten, über das nicht bloß die blinde Volksmenge jauchzt und dabei ihrem Mutwillen frönt, sondern auch Gewisse aus eurer Mitte, welche durch Ungerechtigkeit sich populär zu machen wünschen, suchen ihren Ruhm darin.

Als ob nicht alles, was ihr gegen uns vermöget, eigentlich unser freier Wille wäre! Fürwahr nur wenn ich will, werde ich Christ. Nur dann also wirst du mich verurteilen können, wenn ich verurteilt werden will. Da du aber alles, was du gegen mich vermagst, nicht vermöchtest, wenn ich es nicht will, so ist dein Können Sache meines Wollens, nicht Sache deiner Macht. Ebenso freut sich der Pöbel durchaus ohne Grund über die uns zugefügten Quälereien. Denn unser ist die Freude, die er sich aneignet, deshalb weil wir uns lieber verurteilen lassen, als daß wir von Gott abfallen. Jene, die uns hassen, müßten im Gegenteil betrübt sein, statt sich zu freuen, da wir ja erlangten, was wir frei gewählt haben.

50. „Nun denn", heißt es da, „wenn ihr also leiden wollt, warum beklagt ihr euch denn darüber, daß wir euch verfolgen, da ihr doch vielmehr diejenigen lieben müßtet, durch welche euch das begehrte Leiden zuteil |s178/524 wird?" Allerdings, wir wollen das Leiden, aber in der Weise, wie man auch den Krieg auf sich nimmt319). Keiner nimmt ihn gern auf sich, da er notwendig auch Unruhe und Gefahr im Gefolge hat. Dennoch wird der Kampf mit aller Kraft geführt und, wer sich über den Kampf beklagte, freut sich, wenn er im Kampfe siegt, weil ihm Ruhm und Beute zuteil wird. Ein Kampf ist es für uns, wenn wir vor die Schranken des Gerichts gerufen werden, um dort, unser Leben in die Wagschale werfend, für die Wahrheit zu streiten. Siegen aber heißt, das erlangen, wofür man gestritten hat. Dieser Sieg trägt als Ruhm das Wohlgefallen Gottes heim und als Beute das ewige Leben.

Aber, wir werden niedergemacht! -- Dann, wenn wir sie (die Beute) sicher im Besitz haben. Also siegen wir, wenn wir niedergemacht werden320); kurz, wir |s179/525 entrinnen, wenn wir vorgeführt werden321). Möget ihr uns immerhin Sarmentitier und Semiaxier titulieren, weil wir an einen aus einem halben Wellbaume bestehenden Pfahl angebunden, rings mit Reisigbündeln umgeben, verbrannt werden. Das ist unser Siegesaufzug, dies ist unser Siegeskleid, auf solchem Wagen triumphieren wir. Mit Recht gefallen wir also den Besiegten nicht, mit Recht hält man uns für aufgegebene und verlorene Leute322), Allein ein solches Sichaufgeben und Verlorensein für den Ruhm und die Ehre hebt ja auch bei euch hoch empor die Standarte der Tugend.

Mucius ließ bereitwillig seine rechte Hand im Altarfeuer zurück. Welche Hochherzigkeit! Empedokles opferte seine ganze Person dem Feuerregen des Ätna323). Welche Geistesstärke! Jene bekannte Gründerin324) von Karthago entrann durch den Scheiterhaufen einer drohenden zweiten Ehe325). Welche Verherrlichung der Keuschheit und Züchtigkeitl Regulus duldete, um nicht durch die Erhaltung seines Lebens vielen Feinden das Leben zu erhalten, am ganzen Leibe Kreuzespeinen. Welch ein tapferer Mann, Sieger selbst als Gefangener! |s180/526 Als Anaxarchus zum abschreckenden Beispiel326) mit dem Stößer eines Gerstenmörsers zerstampft wurde, rief er aus: „Stampfe, stampfe nur die Hülse des Anaxarchus; denn den Anaxarchus stampfest du nicht!" Welche Seelengröße des Philosophen, der über einen solchen Tod noch scherzte!

Ich übergehe die, welche sich mit Hilfe ihres eigenen Schwertes oder durch eine andere sanftere Todesart des Nachruhmes versicherten. Denn siehe da, auch der Kampf gegen Folterqualen findet bei euch seine Krone! Eine Buhlerin zu Athen spie, als der Folterknecht schon müde war, zuletzt dem rasenden Tyrannen327) ihre zerkaute Zunge ins Gesicht, um damit auch ihre Stimme von sich zu werfen, damit sie nicht die Mitverschworenen angeben könne, selbst wenn sie es, etwa überwunden, wollen würde. Zeno, der Eleat, von Dionysius befragt, was die Philosophie denn gewähre, antwortete: „Verachtung des Todes; die Apathie"328) und |s181/527 besiegelte, den Geißelhieben des Tyrannen preisgegeben, seinen Ausspruch mit dem Tode. Bekannt ist, daß bei den Lazedämoniern Geißelstreiche, die unter den Augen der sogar noch aufmunternden Verwandten verschärft werden, der Familie ebensoviel Lob der Ausdauer einbringen, als sie Blut kosteten.

O, ein Ruhm, der erlaubt ist, weil er ein menschlicher ist329), ein Ruhm, dem, wenn er den Tod und jegliche Grausamkeit verachtet, weder eine sich verloren gebende Verwegenheit noch eine an allem verzweifelnde Gesinnung als Beweggrund untergeschoben wird, dem vielmehr für das Vaterland, für die heimatliche Scholle, für das Reich und für die Freundschaft alles das zu leiden erlaubt ist, was für Gott zu leiden nicht erlaubt wird330). Und ihr beschließt, den Genannten Standbilder zu errichten331), ihr grabet ihre Brustbilder und zeichnet Ehrentitel ein, um sie so zu verewigen. Soviel ihr es durch Monumente vermöget, verleihet auch ihr den Toten gewissermaßen die Auferstehung. Wer aber, für Gott leidend, die wirkliche Auferstehung von Gott erwartet, den haltet ihr für einen Narren.

Aber fahrt nur so fort, treffliche Präsidenten, die ihr beim Pöbel viel beliebter werdet, wenn ihr ihm Christen opfert; quält, martert, verurteilt uns, reibt uns auf; eure Ungerechtigkeit ist der Beweis unserer Unschuld! Deswegen duldet Gott, daß wir solches dulden. Denn noch neulich, als ihr eine Christin zum Hurenhaus anstatt zur Löwengrube verurteiltet332), habt ihr das Geständnis abgelegt, daß bei uns eine Verletzung der Schamhaftigkeit für schlimmer gelte als jede Strafe, als jede Todesart. Und doch, die ausgesuchteste Grausamkeit von eurer Seite nützt nichts; sie ist eher ein Verbreitungsmittel unserer Genossenschaft. Wir |s182/528 werden jedesmal zahlreicher, so oft wir von euch niedergemäht werden; ein Same ist das Blut der Christen.

Schmerz und Tod geduldig zu ertragen, dazu fordern viele der Eurigen auf, Cicero in den Tuskulanen, Seneca in der Schrift: Über die Zufälligkeiten, Diogenes, Pyrrho, Callinicus; aber ihre Worte finden nicht so viele Schüler, als die Christen, die durch Taten lehren.

Gerade jener „hartnäckige Trotz", den ihr uns zum Vorwurf macht, ist ein Lehrer. Denn welcher Mensch fühlt sich nicht, wenn er ihn betrachtet, mit Gewalt angetrieben, zu untersuchen, was innerlich der Sache zugrunde liegt. Wer tritt, wenn er untersucht hat, uns nicht bei? Wer wünscht nicht, wenn er beigetreten ist, zu leiden, um sich die Fülle der Gnade Gottes zu erwerben und sich von ihm Vergebung aller Schuld durch den Preis seines Blutes zu erkaufen? Denn um solcher Tat willen werden alle Vergehungen nachgelassen. Das ist der Grund, warum wir euch sofort für eure Richtersprüche Dank sagen. So beschaffen ist der Widerstreit zwischen einer göttlichen und menschlichen Sache: von euch verurteilt werden wir von Gott losgesprochen.


Anmerkungen

1. s383 1) Judicia domestica sind nicht Urteile gegen Hausgenossen, sondern solche, die beim geheimen Verfahren im Hause der Statthalter gefällt wurden. Tertullian erhebt also den Vorwurf 1) daß nicht auf dem öffentlichen Tribunal verhandelt und 2) daß bei dem geheimen Verfahren jedes Wort der Verteidigung, selbst dem Angeklagten, abgeschnitten werde.

2. 2) B. hat hier wohl die richtige Lesart: quid hinc (nicht hic) deperit. -- In den folgenden Anmerkungen bezeichnet F den Codex Fuldensis, P den Vulgatatext (nach der Handschrift Paris, 1623), B die Handschrift der Bremer Stadtbibliothek, vgl. hierzu Waltzing, Les trois principaux manuscripts de l'Apol. de Tert. 1912 u. Schrörs 1 ff.

3. 3) Nach der Lesart: inauditam. Die falsche Lesart auditam in P durfte nicht verteidigt werden. Tert, steht auf dem Standpunkt des rechtlich denkenden Menschen, daß ein gerechter Richter die Wahrheit, wenn er sie verhört, nicht verurfeilen darf und verurteilen wird, und daß ein Gesetz, welches sie verurteilt, als ungerecht erkannt und abgeschafft wird, was er cap. 4 deutlich ausspricht. Daß inauditam zu lesen ist, beweist auch der folgende mit ceterum beginnende Satz und der Schloß von ad nat. I.

4. s384 1) alicuius conscientiae wird von Waltzing (L'Apolog. de Tert. Traduction litterale 1910) unrichtig mit ,,arriere-pensee" übersetzt. Der Sinn ist: sie setzen sich dem Verdacht aus, von der Sache der Christen und ihrer Unschuld Kenntnis zu besitzen.

5. s385 1) et sunt tanti, quanti denotamur, so liest richtig F; das et vor denotamur in P ist mindestens überflüssig; die Lesart: quanti et denotantur ist falsch. Tert. will sagen: allen Christen ist es so ergangen, daß sie diesen Werdeprozeß durchmachten. Damals galt das Wort: fiunt, non nascuntur christiani. -- Das an unzähligen Stellen vorkommende denotare hat bei Tert. fast immer eine tadelnde Bedeutung. Daß es sie auch hier hat, beweist der folgende Satz und die Parallelstelle ad nat. I, 1 (59/7) quotidie adolescentem numerum christianorum ingemitis. Die vorgeschlagene Übersetzung: ihrer sind so viele, als wir in der Öffentlichkeit bemerkt werden, trifft nicht den Sinn.

6. 2) Ein Skythe, der Griechenland bereiste. Der Sinn ist: Mehr noch würde er sich über diese Richter gewundert haben als über die Athener, bei denen die Ungebildeten das große Wort führen, obwohl sie sich so sehr ihrer Bildung rühmen. Der Zusatz in P „quam immusicos de musicis'' ist eingeschoben und wird mit Recht von Rauschen, 17 f. abgelehnt.

7. 3) nämlich durch ihren bewußt festgehaltenen blinden Haß. Die Lesart in F: Adeo praeiudicant id esse, quod non poterant odisse, si sciant verdient den Vorzug. Der Zusatz in P quod nesciunt ist überflüssig. Auch ist wahrscheinlich mit F zu lesen: malunt nescire, qui iam oderunt. Dann wäre zu übersetzen: Diejenigen ziehen es vor, in Unkenntnis zu verharren, die schon von Haß erfüllt sind. Im folgenden Satz ist vielleicht statt „id esse" „odisse" zu lesen, und es wäre dann zu übersetzen: So sind sie schon im voraus mit ihrem Urteil fertig, das zu hassen usw. quando wäre dann (wie oft bei Tert.) zu übersetzen: obwohl doch.

8. s386 1) Die Lesart in F ist schon durch die Parallelstelle ad nat. I, 1 (59/18) gesichert, vgl. Kauschen 40f.

9. 2) Der Text lautet: enumerant in semetipsos, mentis malae ignaviam (P hat impetus) vel fato vel astris imputant. Der erste Textteil ist verstümmelt. Ich übersetze nach dem Paralleltext ad nat. I, 1 (60/8) exprobrant quod erant in semetipsos. Vielleicht steckt in enumerant das quod erant (Homoteleuton).

10. s387 1) Nach der schönen Lesart in F victoria.

11. s388 1) quibusdam de gradu pulsis (so ist mit F zu lesen) wird unrichtig übersetzt „andere aber aus ihrem Range ausgestoßen waren"; vgl. Heinze, Tert. Apologetikum. Verh. d. Sächs. Ges. d. Wissensch. phil. hist. Klasse 62. Bd. 10. H. 1910, 3011.

12. 2) Die Lesart in F sacramento verdient entschieden den Vorzug.

13. 3) censura ist personifiziert, wie edictum de pud. 1.

14. s389 1) So glaube ich „quia non requirendus inventus est" übersetzen zu müssen. Die Übersetzung ,,weil er, obschon nicht aufzusuchen, doch zufällig gefunden wurde" trifft nicht den pointierten sarkastischen Sinn.

15. 2) Der Satz ist ironisch.

16. s390 1) in perversum stellt für das Adverb, wie in vacuum, in vanum = frustra steht.

17. 2) T. meint die Dämonen vgl. ad nat. I, 3 (62/11) quaedam occulta vis.

18. 3) Statt „apud vos" ist wohl „apud nos" im Gegensatz zu „apud tyrannos" zu lesen.

19. 4) Nämlich in Bezug auf die Anwendung der Folter. Mit F ist zu lesen: Vestram illis (sc. tormentis) servate legem usque ad confessionem necessariis (nicht necessariam).

20. s391 1) quaedam ratio aemulae operationis; gemeint sind die Dämonen; vgl. cap, 21 am Schluß, cap. 27 Spiritus daemonicae . . paraturae, qui noster ob divortium aemulus, cap, 47 operantibus aemulationem istam spiritibus erroris, und öfters in den Schriften T.

21. s392 1) Was die Art des Prozesses beweist, bestätigt die Form der Urteilsverkündigung. Nur als Christ, nicht als Mörder, Blutschänder usw. wurde der Verurteilte bezeichnet.

22. 2) Der Name des Schuldigen und sein Verbrechen würden von einer Tafel abgelesen.

23. 3) Die Lesart in F Christianus si nullius criminis nomen est, valde ineptum si solius nominis crimen est bringt zweifellos den Text so wie ihn T. geschrieben hat. Es ist dieselbe, nur feiner pointierte Antithese wie ad nat. I, 3 (63/9): nullum criminis nomen exstat, nisi nominis crimen est. T. denkt an die Schuldtafel, auf der bloß stand: N. N. Christianus, und will sagen: Wenn ihr kein Verbrechen namhaft machen und auf die Tafel schreiben könnt, so handelt ihr höchst töricht, wenn ihr das Verbrechen einzig im Namen bestehen laßt. -- Der Text in P, der keinen Sinn gibt und stets als eine crux interpretum galt, durfte F gegenüber nicht verteidigt werden. Die unglückliche Verteidigung bei Schrörs 82 f. ist nur ein Beweis dafür, daß er nicht verteidigt werden kann. Wie dieser verderbte Text wahrscheinlich entstanden ist, siehe Räuschen, 19.

24. s393 1) Der Text in den Ausgaben lautet: Alii, quos retro ante hoc nomen . . . noverant, ex hoc ipso (so F, in P fehlt hoc) denotant, quod laudant. Gegen die Deutung, die Schrörs (94) dieser Stelle gibt, ist zu bemerken: 1) denotare kann hier nur tadelnde Bedeutung haben, weil der Zusammenhang sie fordert. T. führt Beispiele dafür an, daß dem guten Zeugnis, das die Heiden auszustellen sich genötigt sahen, der Name Christ als Vorwurf beigefügt wird. 2) in suffragium impingunt ist nicht „ein günstiges Urteil'', vielmehr will T. sagen, daß sie auf ein sehr sonderbares Urteil verfallen, wie auch die Parallelstelle ad nat. I, 4 (64/20) beweist, die besagt, daß die Gegner die plötzliche Besserung zwar bewundern, aber doch den Christen in ihrem Urteil nicht gerecht werden. 3) Ita nomen emendationi imputatur darf nicht übersetzt werden: „So wird der Name zur Besserung angerechnet". T. sagt das gerade Gegenteil. Aber auch die von Rauschen (89) vorgeschlagene Übersetzung: „Manche tadeln . . . eben darin, worin sie sie loben", ist schwerlich richtig, denn abgesehen davon, daß der Satz alsdann einen Widerspruch enthalten würde, will T. sagen, daß die Gegner das jetzige Leben seit dem Übertritt zum christl. Namen im Vergleich mit dem frühern loben müssen, weil ihr sittliches Gefühl sie dazu zwingt, daß sie aber trotzdem zugleich die Annahme des christl. Namens tadeln. Daß sie nicht einsehen wollen, daß der Grund für die Lebensbesserung in der Annahme des christl. Bekenntnisses liegt, ist caecitas odii. Ex hoc ipso steht gegenüber dem retro ante hoc nomen, und zu ipso ist nomine zu ergänzen. Der Fehler steckt in „quod'', und mit F und ändern Handschriften ist „quo" zu lesen. Der Sinn ist: Der Grund dafür, daß sie jetzt loben müssen, liegt in der Annahme des christl. Namens, trotzdem machen sie, durch Haß verblendet, gerade ihn zum Gegenstand des Vorwurfes. Kellner faßte ex ipso, quo zeitlich auf und übersetzte „von eben derselben Zeit an, wo sie sie loben." Aber dann würde T. wohl „ex quo laudant" geschrieben haben vgl. cap. 40, 13, und zudem bringt diese Übersetzung den von T. intendierten Gedanken nicht zum Ausdruck, daß nämlich im „Namen'' einerseits der Grund für die Lebensbesserung anderseits der Grund für den blinden Haß liegt.

25. s394 1) Das griechische χρηστότης.

26. 2) At bringt eine Einrede der Gegner, die sich dagegen verwahren, bloß das Wort „Christ" zu hassen. Sie hassen die Genossenschaft, die diesen Namen trägt, als schlecht, aber auf bloße Torurteile hin, und sie hassen in ihr auch den Stifter, den sie nicht kennen, und von dem sie nur wissen, daß er zum Tode verurteilt worden ist. So ist es zuletzt doch nur Haß gegen den Namen.

27. s395 1) Die Lesart in F quae in se non nesciunt (in P fehlt „non") ist die richtige, wie die folgenden Kapitel beweisen. Auch die Stelle c. 9, 20 haec in vobis esse si consideraretis etc., die Heinze (3081) für die Lesart in P anführt, spricht nicht gegen F; vgl. auch ad nat. I, 10 (74/23) palam subiacet; I, 15 (85/13) tam impune tam secure, sub omnium conscientia ; I, 12 (86/11) tota caeli conscientia usw. vgl. auch Rauschen, 42 f.

28. s396 1) Die Stelle enthält die Einteilung, c. 7-9 handeln von den Verbrechen, die die Christen im geheimen, c. 10-49 von denjenigen, die sie öffentlich begehen sollen, bzw. von solchen Anschauungen, die sie als Menschen erscheinen lassen, die ausgelacht zu werden verdienen. Die Lesart in F „quae palam adinveni-untur" ist zweifellos die richtige und die in P „quae illos palam admittentes invenimus'' eine verderbte. Sie ist wahrscheinlich entstanden, weil man „adinveniuntur" für falsch hielt und es in „admittentes invenimus" glaubte umändern zu müssen, ähnlich wie man de idol. 16 „adsacrificii'' umänderte in „in sacrificiis". -- Es ist übrigens eine volle Inkonsequenz, wenn Verteidiger des P-Textes ,,non'' vor nesciunt beanstanden, weil T. von der Annahme ausgehe, die Heiden wüßten nicht, daß solche Verbrechen-sich bei ihnen finden, und nichtsdestoweniger den wenige Zeilen später folgenden Text: quae illos palam admittentes invenimus durch dick und dünn verteidigen und sogar behaupten, er sei eine verbesserte, jede Zweideutigkeit wegräumende Fassung des Textes in F.

29. 2) Vor Eintritt in die eigentliche Verteidigung bringt T. cap. 4 -- 6 die sog. praemunitio, eine Erörterung über die Rechtskraft der gegen die Christen ins Feld geführten Gesetze; vgl. Heinze 311 ff.

30. 3) Nach der Lesart in F „iure", die unstreitig den Vorzug verdient, denn a) es handelt sich um die „auctoritas legum". Das Gesetz ist da und verlangt ausgeführt zu werden; b) „praescribitis" steht im streng juristischen Sinne, setzt also ,,iure" voraus; c) auch im folgenden hat F die richtigen Lesarten. -- „Dure" (statt iure) in P ist entstanden, weil man den Satzteil „et hoc sine ullo retractatu humaniore praescribitis" falsch verstand. Ketractatns heißt nicht „Bedenken" und erst recht nicht „Umarbeitung" oder „Verbesserung". Ebensowenig ist an eine bald strengere oder mildere Praxis in der Anwendung der Gesetze gedacht. Über den. Sinn von retractare, retractatus vgl. Apol. 11; de praescr. haer. 7; de res. carn. 2 u.s.w. Um jeden Einwand abzuschneiden, zitiere ich die Stelle adv. Prax. 2, wo praescriptio und retractatus in demselben Gedankenzusammenhang wie hier gebraucht sind. „Sed salva ista praescriptione ubique tamen propter instructionem et munitionem quorundam dandus est etiam retractatibus locus, vel ne videatur unaquaeque perversitas non examinata sed praeiudicata damnari. „Praescribere" heißt demnach an unserer Stelle: ein praeiudicium aufstellen, das jeden Rechtseinspruch niederschlägt und jede Verhandlung abschneidet. -- Auf die Frage, ob die Argumentation T.'s ein ausdrücklich gegen die Christen gerichtetes Gesetz voraussetzt, braucht, hier nicht eingegangen zu werden. Bemerkt sei aber, daß alle Folgerungen, welche man aus der falsch übersetzten und falsch gedeuteten Stelle gezogen hat, hinfällig sind. -- Im folgenden liest F richtig: „si ideo negatis licere, quia non vultis, non quia debuit non licere. Quodsi quia non debet licere, ideo noluistis . . ." Der Sinn ist: Ihr wollt euch einfach auf den Rechtsboden stellen: Non licet esse vos. Aber tatsächlich ist euer Verbot des Christentums reine Tyrannei -- nolumus esse vos. Vergebens sucht ihr euch so zu stellen, als ob dem „nolumus" ein Rechtsgrund, ein „debet non licere" zu Grunde liege, denn alsdann müßtet ihr untersuchen. (Vgl. ad nat. I, 6.) Derselbe Gedanke wird am Schluß des Kapitels nochmals urgiert zum Beweise, daß das Verbot der Christenqualität reine Gewalt sei. Der Satz: nulla lex sibi soli conscientiam iustitiae suae debet bedeutet: Kein Gesetz ist schon deshalb ein gerechtes, weil es existiert.

31. s398 1) Die verurteilten Schuldner oder Bankerotteure.

32. 2) Es ist zu lesen: quot . . . leges! Quas . . . sola. Siehe Schrörs, 98 u. Rauschen 90, vgl. adv. Marc. I, 27 (328/23): Plane nec pater tuus est, in quem competat amor etc. Also ist er auch nicht dein Vater; einem Vater gegenüber gebührt sich Liebe usw.

33. s399 1) Mit F ist zu lesen: ceterum suspecta lex est, si (nicht quae) probari se non vult, improba autem, si non probata dominatur (nicht dominetur). ,,non probata" wird mit ,,ohne geprüft worden zu sein" nicht richtig übersetzt. „Improba" -- „non probata" ist ein Wortspiel und „non probata" ein Begriff = das die Prüfung nicht bestanden hat, als der Gerechtigkeit unwürdig, als ungerecht befunden wurde.

34. 2) Diese Stelle hat Eusebius in seine Kirchengeschichte aufgenommen II, 2. Der folgende Überblick über das Verhalten der Kaiser zum Christentum enthält manche historische Irrtümer.

35. s400 1) Die Lesarten in F adnuntiata sibi . . . quae und istius (nicht ipsius) divinitatis sind richtig. Es handelt sich um die von den Christen verehrte Gottheit, um die Gottheit Christi. Darnach hätte Trajan Christus unter die Zahl der Götter aufnehmen wollen, was unrichtig ist.

36. s401 1) Mit Recht spricht sich Rauschen für die Lesart in F aus (S. 45).

37. s402 1) d. i. für Sklaven.

38. 2) Der Satz enthält eine scharfe Ironie. Das in P vor „ne" stehende „nam" ist falsch und zu streichen; ebenso ist sicher mit F „odium penulae" nicht mit P ,,penulam" zu lesen, vgl. Rauschen, 91 f.

39. s403 1) nämlich den Kult der falschen Götter. 

40. 2) Die Erörterung über die „auctoritas legum" ist abgeschlossen,, und T. geht zur eigentlichen Abhandlung über, vgl. cap. 4.

41. s404 1) Der Sinn ist: Wenn ihr erwidert, wir versammelten uns immer im verborgenen, und so sei es uns gelungen, auch unsere Missetaten zu verbergen.

42. 2) Mit F ist zu lesen „ex forma omnium mysteriorum"; die andere Lesart „omnibus mysteriis" ist falsch, vgl. auch ad nat. I, 7 (68/21).

43. s405 1) Die Lesart in F „piae initiationes" ist allgemein als die richtige anerkannt. Die Lesart in P „impiae" durfte nicht verteidigt werden.

44. 2) Verg. Aen. IV 174.

45. 3) In den Ausgaben liest man: „Quid? quod ea illi condicio est, ut non nisi cum mentitur perseveret, et tamdiu vivit, quamdiu non probat. Aber dann müßte „vivat" stehen. Nach perseveret ist also ein Fragezeichen zu setzen, und „Et" beginnt einen neuen Satz.

46. s406 1) Die schwierige Stelle lautet: Exinde in traduces linguarum et aurium serpit, et ita modici seminis'vitium cetera rumoris obscurat, ut nemo recogitet, ne primum illud os mendacium seminaverit. Waltzing wollte „obscurat" in „obscurant" verbessern, von der richtigen Erkenntnis geleitet, daß „cetera rumoris" Subjekt sein muß. Aber „obscurat" ist allgemein überliefert, und überdies gibt „cetera rumoris'' kaum einen Sinn. Der Fehler muß also in „cetera" stecken. Die Bemerkung von Schrörs (102), es sei „das bis ins einzelne durchgeführte Bild von einer rankenden Pflanze gebraucht" ist unrichtig. . Denn „princeps'' heißt nicht Wurzel, und später steht „primum illud os"; tradux ferner heißt hier nicht Eanke, sondern steht in seinem ursprünglichen Sinne = Fortpflanzer, Vermittler. So steht es sehr oft bei T. Ich zitiere bloß die kurz nachher folgende Stelle (cap. 9, 17), wo es wie hier in Verbindung mit „serpo" steht: Et simul error impegerit, exinde iam tradux proficiet incesti, serpente genere cum scelere. -- Ich schlage vor, statt ..cetera" „excetra" zu lesen: Schlangengewürm, Bandwurm, und übersetze es etwas frei mit „Rattenkönig". Ich verweise auf de patientia cap. 5, wo (9/15 ed. Kroymann) „excetra delictorum" in demselben Zusammenhang und demselben Sinne wie hier steht. Ich halte deshalb „excetra" für gesichert.

47. s407 1) Der in F überlieferte Satz: quod dicitur semper, semper non est (nach der Bremer Handschrift, vgl. Rauschen 47 f.), quia quod est, desinit dici ist so echt tertullianisch und paßt so gut in den Zusammenhang, daß er als von T. geschrieben anzusehen ist. Wenn P ihn ausläßt, so ist dies ein Beweis für den geringeren Wert dieses Textes.

48. 2) nämlich daß es ein ewiges Leben gibt; stellt euch vorläufig auf diesen nnsern Glaubensstandpunkt.

49. 3) Nach der Lesart in F „an et qui crediderit, tanti habeat etc.", die doch den Vorzug verdient, „credideris", „habeas" in P ist offenbar aas der folgenden rhetorischen Ausführung entstanden. Der Sinn ist: Es ist unmöglich, daß einer, der an ein ewiges Leben glaubt, der Überzeugung sein könne, es sei der Lohn für solche Schandtaten.

50. s408 1) Cynopennae (Cynopae) und Sciapodes sind unbekannte Völkerschaften; vgl. ad nat. I, 8; August., de civ. Dei XVI, 8 (cynocephalis), Plin. nat. h. VII, 2. Die Sciapodes finden sich übrigens auf der tabula Peutingeriana als wirkliches Volk an der Westküste des arabischen Meerbusens verzeichnet.

51. s409 1) Nach der Lesart in F „patris nostri", die anderen haben „patriae nostrae", vgl. Schrörs 103 ff. und gegen ihn Rauschen 93f. Nach Hieronymus (de vir. inlustr. 53) war Tert. der Sohn eines centurio proconsularis. Wenn er diese Nachricht aus der Rezension F schöpfte, wie man vorgibt, so liegt darin ein starkes Zeugnis für die Richtigkeit dieser Lesart. Oder sollte schon damals der Text so gefälscht gewesen sein, daß man anstatt „patriae nostrae" „patris nostri" las?! Schrörs findet „patris nostri" auffallend. T. liebe es sonst, von sich selbst sprechend, den Singular zu gebrauchen, und hier handle es sich um eine „höchstpersönliche und private Beziehung". Auch Rauschen, obwohl für F eintretend, findet „nostri" bedenklich. Aber T. gebraucht, von sich selbst sprechend, sehr oft den Plural, z. B. gleich im ersten Satze, der in der Ausgabe Oehlers steht: capite aliquid et a nobis (ad märt. 1). Er schreibt, um nur noch zwei Beispiele anzuführen, „mediocritas nostra" (de bapt. 10) und in einer „höchstpersönlichen und privaten" Sache, an seine eigene Frau, „post excessum nostrum" = nach meinem Tode, obwohl er einige Zeilen vorher „post discessum meum" geschrieben hat (ad ux. 1,1).

52. s410 1) F liest perseverasset, sed quos quidem; perseverasset ist verschrieben aus perseverat sed, aber „sed" ist sehr treffend, = indes solche. Die Anklage richtet sich hier weniger gegen Saturn als gegen die Menschen, die ihre eigenen Kinder ihm darbrachten. Mit Et libentes respondebant ist ein neuer Satz zu beginnen, wie auch das wiederholte „infantibus" zeigt; „respondere" heißt hier so viel wie „antworten" auf die Fragen der Priester, also das Weiheformular sprechen, das, wie auch das Taufgelübde, aus Fragen und Antworten bestand (vgl. Schrörs, 106 f.).

53. 2) Gemeint ist Rom und der Jupiter Latiaris.

54. s411 1) Weil nur er dem Schicksal entrann, von seinem Vater verschlungen zu werden. In ,,solum patris filium de crudelitate" kann man eine Gegenüberstellung zu Christus finden, der als einziger Sohn des Vaters aus Liebe der Welt gesandt wurde.

55. 2) Nach der richtigen Lesart in F „licet de parricidio intersit." P hat die falsche Lesart „licet parricidium de homicidio intersit". Sie entstand aus dem kurz vorhergehenden: Et tarnen multum homicidio parricidium dif fert, und weil man den Gebrauch von ,,de" bei T. nicht berücksichtigte. Es ist anrichtig, daß T. in dieser Ausführung den Heiden vor allem vorhalten will, daß sie parricidiam, also Schlimmeres verüben als vermeintlich die Christen. Das hat er ihnen schon vorgehalten. Der Hauptvorwurf ist jetzt, daß bei ihnen der Kindermord ganz allgemein, so allgemein ist, daß er an das Zeugnis des Volkes (convertar ad populum) appellieren kann. Allerdings nicht zum sakralen Zweck, aber das mache keinen Unterschied. Nebenbei erinnert er nochmals an den schon ausgesprochenen Gedanken, daß; bei ihnen -- und zwar beim Kindermord zu sakralem Zwecke wie auch sonst -- vielfach auch noch parricidium vorliegt. Deshalb der Zwischensatz „licet de parricidio intersit'', den P zweifellos, ans so überliefert hat, wie T. ihn schrieb.

56. s412 1) Nach der Lesart in F „tragicis fabulis"; eine Anspielung anf die ans der griechischen Tragödie bekannten „thyesteischen Mahlzeiten", vgl. vorher: Remitto fabulas Tauricas theatris suis und ad nat. I, 7 (70/13) nihil tragoediae Thyestae Tel Oedipodis erumpunt.

57. 2) vgl. Sallust, Cat. 22.

58. 3) Nach der Lesart in F (nach der Bremer Handschrift): Hodie istic Bellonae secatos. Ein Zeugnis, daß der rohe Kult der Bellona, einer ursprünglich asiatischen Gottheit, in Karthago eingedrungen war. Mit sanguis wäre ein neuer Satz zu beginnen. Andere lesen sacratus, was Rigaltius in sacratos änderte; andere secatus sanguis.

59. s413 1) Die hier nur von weitem angedeutete Unfläterei ist die der sogenannten fellatores.

60. 2) Nach der Lesart in F in tormenta.

61. 3) Nach der Lesart in F Proinde enim probarentur sanguinem humanum adpetendo, qui sacrificium respuendo. Im folgenden Absatz ist unbedingt zu lesen alioquin negandi (necandi ist ein Schreibfehler), si non gustassent, quemadmodum si immolassent, denn „alioquin negandi" ist der Gegensatz zu „proinde probarentur". Ferner, wer „necandi" lesen wollte, müßte auch lesen „si gustassent, quemadmodum si non immolassent".

62. s414 1) Unsicher ist die Lesart und die Erklärung, vgl. ad nat., I. 16; statt ἤλαυνε wollen andere ἔλαυνε lesen. F hat „ἔλαγγαε εἰς τὴν μητέρα" (nach B), das man auf verschiedene Weise (vgl. Waltzing, Les trois princ. man. S. 200 u. Rauschen in seiner Ausgabe S. 391) zu erklären sucht. Vielleicht liegt in ἔλαγγαε eine Wortform aus ἔλαγνεύω = geil sein vor. Kellner faßte „ἔλαυνε" als Ermunterungsruf wie ἄγε δή etwa: Nur zu.

63. s415 1) Der Text lautet nach F ut ita sparsam genus per commercia humana concurrit in memorias suas, ne quis eas caecus incesti sanguinis agnoscat. „ita sparsam genus" ist sicher besser als „adspersum genus"; concurrit ist Schreibfehler statt „concurrat", oder statt „ut ita" ist „et ita" zu lesen; statt ne quis lesen andere neque. Zum Gebrauch von ne = ut non und zum Gebrauch des Genitivs bei caecus vgl. Hoppe, Syntax und Stil des Tert. 1903 S. 82 und 21. Memorias suas ist = genealogias and bezeichnet nicht bloß die Eltern, sondern Blutsverwandte überhaupt, wie die Parallelstelle ad nat. I, 16 (87/16) beweist.

64. s416 1) Nach der Lesart in F si eos non colerent, quia putarent non esse, quos constaret esse.

65. 2) Nach der Lesart in F Sed apud nos, inquitis, constat Deos esse illos.

66. 3) Nach der Lesart in F „certi (sieht certe) enim oblitos agitis", die doch offenbar die richtige ist.

67. s417 1) Hier liegt ein Irrtum T.s vor; der in Frage stehende Cassius ist nicht der Rhetor Cassius Severus, sondern der auch bei Eusebius genannte Chronograph Cassius Longinus, vgl. Heinze 342.

68. s418 1) Die römischen Kaiser.

69. s419 1) Nach der Lesart in F in ipsa conceptione (nicht constructione) und cum omnis (nicht omni) rationis gubernaculo. Die Rücksicht, die hier T. auf die stoische Lehre nimmt, empfehlen diese Lesarten.

70. s420 1) Nach der richtigen Lesart in F „non potestis negare"; „possitis negare" in P ist ein entstellter Text, der dem Zusammenhang widerspricht. „Istae notae" sind nicht „neue Erkennungszeichen" oder „neue Momente", sondern die obengenannten Verbrechen und Schandflecken. Der Sinn ist: Von keinem eurer Götter könnt ihr beweisen, sie seien frei von Schuld, schon deshalb nicht, weil ihr zugesteht, sie seien Menschen gewesen; kein Mensch aber ist frei von Schuld. Daß sie aber nicht vergöttlicht werden konnten, beweisen die Schandflecken, die vielmehr schwerste Strafen verdienen, ein Satz, der durch die Ausübung der menschlichen Gerechtigkeit kräftig illustriert wird.

71. s421 1) Nach der richtigen Lesart in F „statuas" (nicht nomina, wie P liest); statuas wird gefordert durch ,,video", durch das gegenübergestellte „audio fabulas" und durch das folgende „simulacris".

72. s422 1) „sacra de fabulis recognosco", den spezifischen Kult der einzelnen Götter lernt man aus den Götterfabeln. Über den Gebrauch von „de" vgl. Hoppe, 38.

73. 2) quasi fatum consecratione mutantes. F hat statt „fatum" „factum", vgl. ad nat. II, 17 (180/11) und Apol. 25, 3 „factum voluisse", wo ebenfalls „factum" in „fatum" oder ,,fautum" umgeändert wurde, Oehler hat I, 394 Anm. erklärt, daß er „factum" für richtig hielt, und gegen seinen Willen „fautum" gedruckt worden sei.

74. s423 1) Nach der richtigen Lesart in P quem . . . perorantem probetis". In P steht „quem . . . reprehendistis", ein offenbar entstellter Text, der übersetzt werden müßte: „den ... ihr getadelt habt", während T. das gerade Gegenteil sagen will. Schrörs, der auch hier den P-text verteidigen will, möchte „reprehendistis" in dem Sinne von „erfaßt, gefunden habt" nehmen. Aber 1) gibt dies keinen annehmbaren Sinn und 2) würde T. deprehendistis geschrieben haben, wie dies der Gebrauch in sämtlichen Schriften T.s beweist. Man darf auch nicht auf Apol. 12, 2; 19, 4 verweisen ; denn auch an diesen Stellen hat F richtig deprehendere. Übrigens will T. zum Ausdruck bringen, nicht, wie Rauschen will, daß man Seneca als großen Philosoph achtete, sondern daß man seiner in dem verlorenen Dialog de superstitione geübten Kritik am Götterglauben Beifall zollte. Zwar möchte Schrörs (S. 39) T. diesen Gedanken nicht zutrauen und deshalb die Lesart in F beanstanden. Indes als Gegenbeweis genügt der Satz Apol. 46, 4: quinimmo et deos vestros palam destruunt (sc. philosophi) et superstitiones publicas commentariis quoque accosant laudantibus vobis, vgl. auch ad nat I, 4 (63/25).

75. 2) nach der Lesart in F „mortuorum vestrorum simillimas" (nicht suorum) vgl. 13, 7 mortuis vestris. Es ist ein Vergleich mit dem Totenkult.

76. 3) Nach der Lesart in F: Possumus autem (nicht enim) . . . quod non est, nihil patitur ab eo, qui est.

77. s424 1) Dieser Satz hängt mit dem Schlußgedanken des vorhergehenden Kapitels eng zusammen. Et quomodo vos e contrario drückt den Gegensatz des Verhaltens der Heiden zum Verhalten der Christen aus. Jene sind es, die sich des wahren crimen laesae religionis schuldig machen. Sie mißachten die Götter, obwohl sie ihre Existenz behaupten. Die Christen verehren sie nicht, weil sie von ihrer Nichtexistenz überzeugt sind, Vgl. ad nat. I, 10 (75/5), wo der hier kurz ausgedrückte Gedanke und die Verschiedenheit des heidnischen und christlichen Verhaltens zu den (lottern weiter ausgeführt ist. Der Satz: Et quomodo etc. ist also we oben zu übersetzen und mit F ist zu lesen: „ut, quos praesumitis esse, neglegatis" etc.

78. s425 1) Vgl. die Ausführung ad nat. I, 10 (77/14): easdem statuis inducitis formas (bei den Verstorbeneu und bei den Göttern), ut cuique ars, aut negotium, aut aetas fuit: senex de Saturno, imberbis de Apolline, virgo de Diana figuratur etc.

79. 2) Griechische Dirnen.

80. 3) Eine Verwechselung mit dem Gott Semo Sancus, die sich, schon bei Justin Apol. I, 26 findet.

81. 4) Die Lesart synodi (F cinhothi) deum ist schwer zu erklären. Andere schlagen vor cynaedum, cinaedum. T. denkt an, Antinous, den Hadrian unter die Götter versetzte.

82. s427 1) Man vermißt aber die Ausführung über die Riten, und er wendet sich der Literatur zu. Wie Heinze (3581) vermutet, hat T. „volo" gleich ,,velim" gebraucht, ,,ich hätte wohl Lust . . . aber."

83. 2) des Briareus. 

84. 3) des Homer.

85. s427 1) „ut non aerumnas vel errores domus alicuius dei praefarentur (oder praefentur)". T. denkt an den Prolog in der Tragödie und Komödie. Für den Gebrauch von praefor und die Übersetzung dieses vielgequälten Satzes zitiere ich bloß den Satz adv. Marc. I, cap. l hunc opusculi sui exitum neoessario praefatur = muß dieses Schicksal seines Werkes zum Gegenstand der Vorrede machen, in der Einleitung berühren. Damit erledigen sieh die von Schrörs (S. 109) zur Übersetzung dieses Satzes gemachten Bemerkungen. Die von ihm gebrachte Übersetzung „daß die Götter nicht das Unglück oder die Irrungen einer Familie voraussagen" ist vollständig verfehlt. „dei" ist Genitiv, nicht Subjekt, wie dies der Sinn fordert und der Paralleltext ad nat. I, 10 (79/14) beweist.

86. s428 1) Verfasser von Schwanken und Possen niederer Gattung für die Bühne.

87. 2) Titel von Schwanken.

88. 3) Unter histrionum litterae sind nach Heinze die Pantomimentexte zu verstehen.

89. 4) Die Theatermasken wurden von den Schauspielern über den Kopf gezogen.

90. 5) Um die Mittagspause auszufüllen, mußten sich die vormittags übrig gebliebenen Gladiatoren zur Kurzweil balgen und einer untersuchte als Merkur verkleidet die umherliegenden, ob sie tot seien.

91. s429 1) Nach der Lesart in F: si maiestatis fastigium adsolant vgl. ad nat. I, 10 (80/16).

92. 2) Nam, ut quidam, somniastis wird, glaube ich, unrichtig übersetzt: Gewisse Leute aus eurer Mitte haben geträumt. Bei

„ut quidam" denkt T. au bestimmte Personen, als Urheber der Götterfabeln und anderer Sagen, etwa an die Sage über Romulus und Remus --, oder er denkt an Tacitus.

93. s430 1) F hat in quarto, wie ad nat. I, 11 (80/26) in quarta steht. Tatsächlich steht der Bericht bei Tac. hist. V, 4.

94. s431 1) consecraneus noster erit. Bei der Übersetzung ist zu berücksichtigen, daß T. sich der retorsio bedient (vgl. c. 4). Wenn ihr uns verspotten wollt als Verehrer des Kreuzes, ihr tut ja dasselbe, und so könnten wir euch als Religionsgenossen in Anspruch nehmen.

95. 2) Diese hatten die form unserer Kirchenfahnen, nicht der Schwungfahnen.

96. s432 1) In der Arena, um sie für die Kämpfe desto wilder zu machen. Nach ad nat. I, 14 war er ein abgefallener Jude.

97. 2) Manche halten die Form Ὀνοκοίτης für richtig und erklären sie als eine Bildung nach Analogie von παρακοίτης mit der Bedeutung ex concubitu hominis et asini procreatus. Man will eine entsprechende Abbildung dazu finden in dem bekannten Grafitto des Kircher'schen Museums in Rom, einen gekreuzigten Menschen mit Eselskopf darstellend und der Beischrift Ἀλεξάμενος σέβεται θεον. Andere schreiben und erklären das Wort anders.

98. s433 1) T. denkt hier an Rom. 1, 20 ff. Es ist keineswegs von einer bloß sinnlichen Erkenntnis die Eede, sondern von einer durch die sichtbare Schöpfung und die sinnliche Anschauung derselben vermittelten Erkenntnis. Vgl. de anima 18, wo der Sinn dieser Stelle im Anschluß an dasselbe Schriftwort näher erklärt wird. „Repraesentatur" = er wird vergegenwärtigt, durch die sichtbare Schöpfung, durch die der Unfaßbare uns nahetritt. Aestimare bedeutet die Schätzung einer Größe. Man vgl. adv. Marc. I, cap. 3 ff., wo T. über den Begriff Gottes als des summum magnum handelt. Humanis sensibus sind nicht bloß die sinnlichen Erkenntnismittel, wie ans vielen Stellen sich ergibt, vgl. z. B. adv. Hermogen. 45, wo die „invisibilia dei", die „sensualia ipsius" genannt werden, insofern sie durch die Schöpfung der menschlichen Erkenntnis zugänglich werden. Was adv. Marc. I, cap. 3 ff. weit ausgeführt wird, drückt hier T. in dem kurzen Satz aus: Ideo verus et tantus.

99. 2) Nach der richtigen Lesart in F Hoc est, quod (nicht hoc, quod est, wie P liest). Vgl. z. B. de praescr. 42: Et hoc est, quod Schismata apud haereticos fere non sunt, wo hoc est, quod in derselben Bedeutung steht wie das kurz vorhergehende Ita fit, ut. -- Auch an unserer Stelle ist hoc est, quod = dem kurz nachherfolgenden „ita". Hoc est quod blickt auf die vorhergehende Ausführung zurück und ebenfalls „ita". Die Übersetzung bei Rauschen (S. 26): „Das ist es, was uns einen Begriff von Gott gibt, daß er nicht begriffen werden kann", scheint mir unrichtig zu sein.

100. s434 1) „institutionibus pravis" sind die schädlichen Einflüsse der Erziehung und Bildung; vgl. de testim. an. 1. (135/21). Wie sollte auch der Ausdruck von „körperlichen Einrichtungen" zu verstehen sein?!

101. 2) Nach der schönen und zweifellos richtigen Lesart in F: „hoc solo nomine, quia proprio dei veri". Den Kommentar gibt de test. an. 2. (136/9). Die Seele sagt in solchen Augenblicken bloß „deus", nicht „Saturnus", „Mars" etc. (solum deum confir-mas, quem tantum deum nominas); sie sagt ferner nicht „dei" (cum illos interdum deos appellas, de alieno et quasi pro mutuo usa videaris). -- Auch „nomine" darf nicht, wie Rauschen (S. 27) annimmt, fehlen; Tgl. de test. an. 2. (136.3): deum praedicantes hoc nomine unico unicum; vgl. auch adv. Marc. I, 7.

102. 3) Vgl. de test. an. 6.

103. s435 1) Nach der Lesart in F „peracto".

104. 2) Nach der richtigen Lesart in F „recensis". T. denkt an die Schilderung des Gerichtes Matth. 25, 31 ff.

105. s436 1) seiner Bibliothek.

106. 2) Die Ausgaben haben: hoc quoque a Judaeis Ptolomaeo subscriptum est, was übersetzt wird: „wurde auch dies dem Ptolomäus zugestanden". Diese Lesart und Übersetzung gibt keinen Sinn; denn was ihm zugestanden wurde, fehlt gänzlich. Die richtige Lesart hat F: „rescriptum est". Das „hoc quoque" ist das vorhergehende „eloquium", das Hebräische, und rescribere bedeutet „umarbeiten, übersetzen''.

107. 3) „de communione sententiae suspexit". Menedemus bewunderte die volle Übereinstimmung der hl. Schriften mit der von ihm besonders verteidigten Lehre von der göttlichen Vorsehung. So erklärt Oehler, dem Heinze zustimmt. Diese Erklärung verdient den Vorzug vor der anderen, welche die Stelle auf die Übereinstimmung der Übersetzer bezieht.

108. 4) Die Juden mußten für die Erlaubnis, eine Synagoge zu besitzen und Gottesdienst zu halten, eine Abgabe an den Jupiter Capitolinus bezahlen.

109. s437 1) Hier beginnt das sog. Fragmentum Fuldense. Man kann, mit Sicherheit sagen, daß es ein Einschiebsel ist, da die Gedanken desselben später Apol. 19 u. 20 und zwar in knapperer und verfeinerter Form wiederkehren. Die Ansicht Harnacks (Chronol. II, 2662), das Fragment sei als ursprünglicher Bestandteil des ApoL anzuerkennen, ist deshalb nicht haltbar. Dagegen ist Harnack zuzustimmen, daß Inhalt und Stil unbedingt für die Autorschaft T. sprechen. Zwar sprechen sich andere (vgl. Rauschen S. 84) gegen die Autorschaft T. aus. Indes, wer die Autorschaft T. hinsichtlich des Fragmentes bestreitet, muß auch bestreiten, daß cap. 19 n. 20 des Apol. inhaltlich und vielfach auch stilistisch von T. kommen, oder behaupten, der Verfasser des Fragmentes habe T. und dessen Quelle Theophilus gekannt (vgl. Heinze 386 f.). Die letztere Annahme aber, die an sich schon wenig glaubwürdig ist, scheitert an dem Stil des Fragmentes. Sie erklärt auf keinen Fall, daß der Stil des Fragmentes durchweg echt tertullianisches Gepräge trägt, und zwar auch da, wo der Gedanke im Fragment anders ausgedrückt ist, wie im Apol. Andere halten das Fragment für eine Materialsammlung, die T. zum Zwecke der späteren Ausarbeitung anlegte. Da denkt man aber am besten an eine Arbeit, die T. für das 2. Buch ad nat. schrieb, wo er ja den positiven Beweis für die Wahrheit der christl. Religion in Aussicht stellt, ohne daß dieser Nachweis vorliegt. Daß die Schrift ad nat. nicht vollständig ist, ist anerkannt. Vielleicht ist sie uns aber nicht vollständig erhalten und hat das Fragment uns einen Teil des verloren gegangenen Abschnittes erhalten. Jedenfalls verhalten sich die Ausführungen Apol. 19 u. 20 zum Fragment wie die anderen Abschnitte des Apol. zu dem parallelen Material in ad nat. Auch der Stil des Fragmentes berührt sich aufs engste mit dem Stil in der Schrift an die Heiden.

110. s439 1) Hier schließt das Fragment.

111. s440 1) Nach der Lesart in F „asserendum est", nicht adsidendum.

112. s441 1) Durch die Vergangenheit und Gegenwart.

113. s442 1) Nach der Lesart in F : hominem utique aliquem, qualem Judaei iudicaverunt.

114. 2) Nach der Lesart in F: Totum Judaeis erat apud deum praerogativa. Totum = in totum, entweder „die ganze Zeit hindurch'' oder „ganz und gar, vollständig, in allem".

115. s443 1) Nach, der Lesart in F: aut de patris semine, sicut de concubitu tauri.

116. 2) Nach der richtigen Lesart in F: Jovis ista sunt humana vestra. Die Lesart in P: Jovis ista sunt numina vestra durfte nicht verteidigt werden. Den Ausdruck „humana" wählt T. in bitterem Sarkasmus zum Vergleich mit der Menschwerdung des Sohnes Gottes.

117. s444 1) propriam substantiam spiritum. „Spiritum" ist in F ausgelassen, darf aber nicht fehlen. T. benutzt für seinen apologetischen Zweck die stoische Pneumalehre. Unrichtig ist es, wenn Schrörs (S. 21) meint, sermo, ratio und virtus seien nicht gleichgeordnete Begriffe. „Virtus" bei T. stammt aus Lukas l, 35 „virtus altissimi", das ebenso wie „spiritus dei superveniet in te" von ihm auf die zweite Person in der Gottheit gedeutet und mit „sermo", „ratio", „Logos" identifiziert wird. Vgl. adv. Prax. 26; de carne Christi 14; 19; de orat. 1. Auch darf sermo et ratio nicht mit „Wort--Vernunft" übersetzt werden.

118. 2) P hat hier den Text ... nec separatur substantia sed extenditur. Ita de spiritu spiritus et de deo deus, ut lumen de lumine accensum. Mit Recht sind in P die Worte: Ita de spiritu ... deus ausgelassen. Sie finden sich einige Zeilen später, und sind hier eingedrungen, wo sie nicht passen. Es ist also zu lesen ... nec ... expanditur (oder extenditur) ut lumen de lumina accensum.

119. s445 1) Nach der richtigen Lesart in F: „materia matrix", vgl. Rauschen S. 55.

120. 2) unus ambo, nämlich: unus Deus.

121. 3) F gibt zweifellos den Text so, wie ihn T. geschrieben hat: modulo alter, numerum gradu non statu fecit. P hat den entstellten Text: modulo alternum numerum, gradu non statu fecit. Er entstand durch Anhängung der drei ersten Buchstaben von numerum an alter. -- Alter kann „ein Zweiter" oder „ein Anderer" übersetzt werden, da bei T. alter = alius steht. Modulo alter = er ist ein Anderer, ein vom Vater Unterschiedener durch das Maß der Substanz, weil er portio ex summa ist. Die weitere Ausführung dieses subordinatianischen Gedankens enthält die Schrift adv. Prax. -- Status ist hier die „Beschaffenheit" der Substanz; Status steht sehr oft bei T. als Zusammenfassung der sog. naturalia, also gleichbedeutend mit dem, was wir im philosophischen Sinne die Natur nennen. Vgl. z. B. de anima 4. Post definitionem census quaestionem Status patitur, und diese Untersuchung erstreckt sich auf die der Seele kraft ihrer Wesenheit zukommenden, stets gleichbleibenden natnralia. -- A matrice non recessit, sed excessit will sagen: durch seinen Ursprung ist er so aus der göttlichen Wesenheit hervorgegangen, daß er diese Wesenheit, wenn auch in abgestuftem Maße, behält, aber er ist der göttlichen Wesenheit nicht fremd geworden, nicht von ihr getrennt, er ist nicht alienus, nicht separatus a patre. Vgl. ady. Prax. 8 den Unterschied zwischen der προβολὴ veritatis und der προβολὴ bei Valentinus.

122. 4) homo deo mixtus. Ähnlich de carne Christi 18: homo cum deo. Die nähere Erklärung enthält die Schrift de carne Christi und adv. Prax. 27.

123. 5) Nach der Lesart in F caro spiritu structa. T. denkt an Luk. 1, 35; Matth. 1, 20 und will die Empfängnis „sine viri semine" hervorheben. Zum Sprachgebrauch vgl. de carne Christi 8 caro Christi de caelestibus structa; de an. 18 neque animum aliud quid esse quam animae structum; de an. 14 non magis instructilis aliunde. Unter „spiritu" versteht, wie schon hervorgehoben, T. nicht die dritte, sondern die zweite göttliche Person.

124. 1) Nach der richtigen Lesart in F qui penes vos eiusmodi labulas ad destruetionem veritatis istius aemulas praeministraverint. P hat eiusmodi fabulas aemulas ad destruetionem veritatis istiusmodi praeministraverint. Schon „istiusmodi" beweist, daß diese Lesart entstellt ist. Während T. an hunderten von Stellen eiusmodi, huiusmodi schreibt, schreibt er immer nur „istius", niemals „istiusmodi:', Weitere Bemerkungen zu dieser Stelle bei Rauschen 56.

125. 2) Nach der Lesart in F insequebantur. P hat sequebatur; dann wäre zu übersetzen: so ergab sich als Folge, daß sie ihn usw.

126. s447 1) Nach der Lesart in F ostendens se esse filium, et illum olim a deo praedicatum et ad omnium salutem natum, verbum dei illud primordiale etc. P hat ostendens se esse verbum dei, id est λόγον, illud primordiale etc., ein Text, der wegen des „id est λόγον" sehr verdächtig ist.

127. 2) Pilatus war nicht Prokurator von Syrien, sondern von Judäa, dieses aber gehörte zur Provinz Syrien.

128. 3) Et tamen subfixus, multa mortis illius propria, ostendit insignia. Nam spiritum cum verbo sponte dimisit. Die Worte multa... Nam fehlen in F und anderen Handschriften.

129. 4) Job. 19, 31 ff. „non fregerunt eius crura".

130. s448 1) P hat hier folgenden Text: Deliquium utique putaverunt, qui id quoque super Christo praedicatum non scierunt, ratione non deprehensa negaverunt; et tarnen etc. Dieser Text verdient deshalb den Vorzug, weil er weit besser den Nachsatz: et tarnen eum mundi casum relatum in arcanis vestris habetis erklärt, dessen Zusammenhang mit dem Vorhergehenden sonst weniger verständlich ist. T. unterscheidet zwei Gruppen, solche, die sich mit dem Vorgang abfanden, indem sie ihn als natürliche Sonnenfinsternis ansahen (hierbei denkt er wohl an die Juden mit, oder in erster Linie an die Juden, dio den Vorgang sahen, ihn nicht leugnen konnten, und ihn natürlich zu erklären suchten, obwohl er natürlich nicht erklärbar war) und solche, die ihn, obwohl er zuverlässig berichtet war, einfach leugneten, weil sie keine Ursache für ihn auffinden, also ihn nicht natürlich erklären konnten (nulla ratione deprehensa; ratio steht öfters = causa, vgl. z. B. cap. 22, 6: caeca ratione temptatus aer). Es wäre also mit „qui id quoque" ein neuer Satz zu beginnen, oder nach „scierunt" „alii" einzufügen. „Casus mundi" ist nicht ein „Vorgang im Weltall", sondern ein (unerklärlicher) „Zwischenfall im Weltall".

131. 2) Fallerent suspectos kann nicht übersetzt werden „die zum Argwohn geneigten Menschen". Zum Sprachgebrauch vgl. ad ux. I, l me de contumeliae dolore suspectum insinuare iam hinc tibi consilium viduitatis. Suspectos bezeichnet diejenigen, um welche die Pharisäer in Besorgnis waren, weil sie sie im Verdacht hatten, im geheimen noch auf der Seite Jesu zu stehen.

132. 3) Nach der Lesart in F: Sed ad tertium diem, die den Vorzug verdient vor der anderen: Sed ecce tertia die.

133. s449 1) Nach der Lesart in F de Romulis Proculi, vgl. Justin, Apol. I, 21. P hat de Romulo Proculi. Proculus hieß der Bauer, der nach dem Tode des Romulus den Römern verkündete, derselbe sei ihm erschienen und müsse als Gott verehrt werden. Livius l, 16.

134. 2) Weil das Weitende mit dem Ende des römischen Reiches zusammenfällt.

135. 3) Vgl. c. 50, 13 semen est sanguis christianorum.

136. 4) c. 23 T. denkt an die Dämonen.

137. s450 1) Nach der Lesart in F „edimus", die besser ist als „edidimus".

138. 2) Die "Worte „rem propriam" fehlen in F.

139. s451 1) Nach der richtigen Lesart in F: Si ea est, qua cognita sequitur, ut falsae renuntietur, comperta in primis illa omni ratione etc. Im vorhergehenden Satz hat T. die Heiden aufgefordert zu untersuchen: si vera sit ista divinitas Christi. Wenn, so fährt der Gedankengang fort, sie sich als wahre herausstellt, so entsteht ans dieser Erkenntnis die Pflicht, der falschen zu entsagen; für die Christen also, die diese Wahrheit erkennen, besteht diese Pflicht, und die Erfüllung derselben darf ihnen nicht als Verbrechen angerechnet werden. P bringt mit „qua cognita in bonum quis reformatur" einen willkürlichen, in den Zusammenhang nicht passenden Zusatz. Die Bemerkungen von Schrörs zu dieser Stelle (S. 22 u. 115) sind unrichtig; auch die Übersetzung von Rauschen (S. 30) „Ist sie so, wie sie erkannt wurde", verfehlt den Sinn; ,,qua" heißt hier nicht „wie", sondern ist mit cognita zu verbinden (relative Anknüpfung). Die Erkenntnis begründet die Pflicht der renuntiatio. -- Mit comperat etc. bringt T. einen häufig von ihm ausgesprochenen Gedanken. Aus der wahren Gottes- und Christus-Erkenntnis folgt die Erkenntnis seines Widersachers. Vgl. z. B. de spect. 2 (4/8) domino cognito etiam aemulatorem eins inspeximus, qui institutore comperto et interpolatorem una deprehendimus. Offenbar schwebt in der ganzen Stelle T. das Taufbekenntnis vor Augen „renuntiasse nos diabolo et pompae et angelis eius", de spect. 4 (6/3). „illa omni ratione" ist also zu übersetzen: „jene ganze Art" oder ,,jene (falsche) in ihrer ganzen Art". T. will damit kurz begründen, daß die Christen sich von dem ganzen Religionswesen der Heiden, soweit es das öffentliche und private Leben durehdringt, fernzuhalten die Pflicht haben. Den Kommentar bieten die Schriften de spect. und de idol.

140. s452 1) Gemeint ist das testimonium animae, das auch die Existenz der Dämonen und des Satans bezeugt, vgl. de test. an. 3.

141. 2) Nach Heinze 8961 bestätigt dies ein Blick in die Zauberpapyri.

142. 3) T. denkt an Gen. 6, 2.

143. s453 1) Die Bemerkung von Schrörs 115, die an dieser Stelle gebrauchten Ausdrücke seien im körperlichen Sinne zu nehmen und demgemäß zu übersetzen, weil T. sich die Dämonen als körperlich vorstelle, ist nicht richtig. Das ist hier ebenso wenig der Fall, wie bei der Einwirkung Gottes oder der menschlichen Seele, welche beide T. als „Körper" sich vorgestellt hat, und jedenfalls hat er sich die Körperlichkeit der Dämonen als eine feinere vorgestellt als die der Seele. Auch die Ausdrücke „captis et circumscriptis hominum mentibus" enthalten nicht, wie Rauschen 103 annimmt, den Sinn, daß die Menschenseelen an Körper „gefesselt" und von ihnen „umschlossen" sind. Davon ist überhaupt nicht die Rede, und der Gebrauch von „mens", sowie der ganze Ausdruck spricht dagegen. Es ist vielmehr von der Einwirkung der Dämonen die Rede. Circumscribere steht für „geistig umstricken, betören" Apol. 17, 5, vgl. ad Marc. IV, 14.

144. 2) Nach der Lesart in F et tunc prophetis contionantibus exceperunt (P hat unrichtig excerpunt) et nunc lectionibus resonantibus carpunt. Wahrscheinlich ist aber statt exceperunt excerpserunt zu lesen.

145. s454 1) Nach der richtigen Lesart in F fuerant (nicht fuerat). Es können nur die Dämonen, nicht der Pythius, gemeint sein. Das Schildkrötenorakel kannte T., direkt oder indirekt, aus Herodot I, 47, vgl. Heinze 399.

146. 2) Nach der Lesart in F medicinas valetudinum. 

147. 3) Der Satz: dum oracula profitetur, dum miracula exercet, findet sich in F, er paßt sehr gut zu „ingeniis" und „viribus".

148. 4) Der Text in P lautet: ut numina lapides crederentur, ut deus verus non crederetur ? Der Satz schwebt aber in der Luft. F hat am Schluß: „ut deus verus non quae effecerint'1 und wahrscheinlich ist zu lesen ut... non quaereretur effecerunt.

149. s455 1) in eloquium oraculi bedeutet nicht, „damit sie (die Knaben) Orakelsprüche ausstoßen'', sondern damit sie (die Zauberer) aus den Eingeweiden der Knaben wahrsagen können.

150. 2) Was T. mit „sacras turres pervolare" meint, ist unbekannt; „genitalia vel lacertos prosecare" ist aus dem Bellonakult bekannt. Seneca fragm. 84, vgl. Heinze 401." Mit „gulam prosecat" denkt aber T. nicht an eine magische Praktik, sondern an Selbstmord.

151. 3) Nach der Lesart Compara.

152. s456 1) Nach der Lesart in F: tam se daemonem confitebitur, quod in vero est, quam alibi deum, quod in falso est, vgl. später : Credite illis, cum verum de se locuntur, qui mentientibus creditis.

153. 2) Nach der Lesart in F „moriturus". T. denkt an die angebliche Vernichtung des Äskulap durch den Blitzstrahl des Jupiter, worüber er schon früher (Kap. 14, 5) gespottet hat. P hat „morituris". Was unter „socordio, thanatio, Asclepiodoto" zu verstehen ist, ist ungewiß. Nach Kellner sind es Arzneimittel, eine Ansicht, die die wahrscheinlichste ist, wie schon Asclepiodoto (Gabe des Äskulap) nahelegt. Andere halten sie für Personen. Ad nat II, 14 (127/3) heißt es: ille (Aesculapius) vivos ad mortem, non mortuos autem ad vitam praevaricatione venalis medicinae agebat. Dieser Text spricht mehr für die Lesart: „morituris" (moriturus ein Schreibfehler), so daß zu übersetzen wäre : „der denen das Leben vermittelt, die am ändern Tage sterben müssen", oder ausdrucksvoller, „der durch Scordium etc. das Leben so vermittelt, daß die Betreffenden am anderen Tage sterben, müssen".

154. s456 1) Nach der Lesart in F ... fieri dicetis, si oculi vestri et aures permiserint. Die anderen Lesarten sind verworren und unklar. Der Sinn ist: daß weder Zauberei usw. vorliegt, lehren euch die eigenen Angen und Ohren. Nur wenn ihr ihnen nicht mehr traut, könntet ihr von Zauberei usw. reden.

155. 2) Nach der richtigen Lesart in F „aemulo suo". Die Lesart in P „aemulis suis" gibt keinen Sinn.

156. 3) respondent, vgl. cap. 9, 4.

157. s458 1) Nach der Lesart in F .. . affectaretur neque in confessione a deis negaretur. F setzt richtig neque vor in confessione. Die Götter würden sich als Götter bekennen, nicht aber als Dämonen.

158. 2) Nach der richtigen Lesart in F daemonas utrobique = hier wie dort, auf beiden Seiten, mögen sie die Rolle der Götter spielen oder nicht, mögen sie auf sakralem oder profanem Boden ihr Unwesen treiben.

159. 3) den Exorzismus.

160. 4) Der gewöhnliche Text: Dicent ibidem (ibidem in temporaler Bedeutung, vgl. Oehler I, 461 b) kann unmöglich richtig sein. F hat „dicentibus nobis idem). Sicher ist „dicant" zu lesen. Mit diesem Satz beginnt nämlich eine Reihe von Aufforderungen an die Dämonen (videant et illi, negent, dicant etc.); mit „atquin omnis" beginnt der Schluß. Folglich ist sicher „dicant", vielleicht „dicant nobis et illi" zu lesen. „Dicent" paßt ferner nicht in den Zusammenhang. T. will keineswegs sagen, daß die Dämonen das wirklich tun, wirklich die Christen verlachen, wie die Heiden es tun, vielmehr betonen, daß sie es nicht wagen, und es nicht dürfen, da sie der Wahrheit Zeugnis geben müssen. Die Übersetzung: „mögen sie immerhin lachen", ist deshalb unrichtig. Da „atquin" den Nachsatz beginnt, so wird hier besser kein neuer Abschnitt gemacht. Vor ,,si" nach „fabula" muß ein Komma stehen, kein Fragezeichen oder Doppelpunkt; die Interpunktion dieses Satzes bei Oehler ist ganz unzutreffend.

161. s459 1) F hat hier nach dei filius noch et dei omnia, was richtig sein wird. Man vgl. nur die Erklärung der Stellen Matth. 11, 27; 1 Kor. 15, 24 und der betreffenden Stellen aus dem Johannes-Evangelium in adv. Prax.

162. 2) Vgl. zu dieser Stelle Schrörs 46 u. Rauschen 58.

163. s460 1) Nach der Lesart in F: per Christum et in deum credimus, die sicher den Vorzug verdient vor der Lesart in P „in Christo domino credimus".

164. 2) Nach der Lesart: vel ne a vobis quandoque christianis fugentur, die besser ist als die andere „quandoque a christianis". Nach letzterer Lesart wäre der Sinn, daß die Dämonen von den Christen dann und wann selbst aus Heiden ausgetrieben würden.

165. 3) Nach der Lesart in F publice et maxime; publice fehlt in den ändern Handschriften.

166. s461 1) Die Christen, von denen die Heiden glaubten, sie zählten beim Beten die Wolken, weil sie zum Himmel aufschauten. In F fehlt ,,si hoc putatis".

167. s462 1) Nach der richtigen Lesart in F „Romani dei earum".

168. 2) Nämlich Juno Curitis. In der Parallelstolle (ad nationes II, 8) kommt Juno nicht vor.

169. 3) Nach der Lesart in F „quasi non hic magis omnium sit". P hat „magis omnium deus sit", was sicher unrichtig ist, da es schon vorher steht. Heinze 4161 will „magis Romanorum" lesen, was aber unhaltbar ist. Bei magis omnium ist dem Sinne nach aus dem vorhergehenden „colendus" zu ergänzen.

170. 4) Nach der Lesart in F Romani nominis proprie intercedit

auctoritas; die Lesart in P mentio occurrit wird mit Recht von Heinze 4181 abgelehnt.

171. s463 1) F hat elatos et inpositos. Wahrscheinlich ist zu lesen elatos et dispositos. Vgl. Waltzing zu dieser Stelle.

172. 2) adeo deos esse, ut = a. d. in causa esse, ut.

173. 3) Nach der Lesart in F: Scilicet ista merces Romano nomini a deis praerogativa expensa est. P hat scilicet ista merces a Romanis deis pro gratia expensa est. Mit Recht bezeichnet Waltzing die Lesart in F als eine vorzügliche. Das pro gratia ist aus praerogativa entstanden. Das ausdrucksvolle Romano nomini darf nicht fehlen, da es vorher steht und später (c. 25, 12) nochmals wiederholt wird. Vgl. auch Rauschen zu dieser Stelle (S. 59). Auch „Romanis" vor „deis" ist zu beanstanden. Es ist wahrscheinlich später als Gegensatz zu „peregrinos enim" eingeschoben worden, weil man den Sinn T. nicht richtig verstand. Auch Rauschen will unnötigerweise im Ftext vor „deis" „Romanis" einfügen. T. will sagen: Stellt man sich auf den Standpunkt, die Götter hätten den römischen Namen zur Blüte gebracht, so würde sich ergeben, daß so schäbige und schmutzige Götter wie Sterculus, Mutunus, Larentina (vgl. ad nat. II 9 u. 10; Sterculus, der Gott des Düngers, Mutunus, der Gott des coitus maritalis, und Larentina, eine gemeine Buhldirne) das Reich vermehrt haben, eine Annahme, die dem Fluch der Lächerlichkeit und Abgeschmacktheit verfällt. Vgl. auch die Parallelstelle ad nat. II, 17 (130/8). Die anderen Götter, von denen T. doch wußte, daß sie auch „Romani dei" und solche waren, denen man den Ruhm des Reiches zuschrieb, waren damals noch nicht rezipiert (vgl. ad nat. II, 12), also noch peregrini, konnten also damals noch nicht den Ruhm des Reiches bewirken. So erklärt sich ,,peregrinos enim deos". Im folgenden liest F „quam suae maluisse", eine Lesart, für die de pallio l spricht. P liest ,,fatum voluisse", das aber in „factum voluisse" (vgl. ad nat. II, 17 [130/10]) zu korrigieren wäre.

174. s464 1) Nach der Lesart in F ob memoriam, nicht ut m.

175. 2) T hat statt des ironischen ille sanctissimus ille impurissimus, kurz nachher heißt es sanguinem impurum. Archigallus hieß der Oberpriester der Cybele.

176. 3) Nach der Sage wurde Zeus von der Ziege Amalthea gesäugt.

177. s465 1) Vgl. Aen. I, 16 ff. Die panische Stadt ist Karthago.

178. 2) Nach, der Lesart in P: Sed postea, apud Romam, cum in-digitamentis suis. Subjekt ist Sterculus. Dieser tritt erst später auf, als die Genannten Könige gewesen waren, tritt ferner in Rom auf, während jene an anderen Orten herrschten. Die gewöhnliche Lesart: sed postea Romani ist unrichtig. Übrigens hat auch P Eomam. Indigitamenta ist ein Terzeichnis der religiösen Anrufungsformeln und Riten. Die Lesart cum indigenis suis in P ist falsch.

179. 3) Inciderentur scheint korrumpiert zu sein. Vielleicht ist es mit Oehler in „indicerentur" oder in „incederent" zu ändern.

180. 4) Auctis age iam rebus religio profecerit. Daß dieser Satz nicht als Randglosse zu tilgen ist, daß ferner F ihn richtig und an der richtigen Stelle bringt, beweist der Paralleltext ad nat. II, 17 (132/8). In P steht der Satz an verkehrter Stelle, und er ist zudem in der Form „age iam rebus religio profecerit" so entstellt, daß Oehler hieraus einen Fragesatz machte, der übersetzt werden sollte: Wohlan, ist die Religion durch den Staat hochgekommen ? Und Schrörs (49) wollte übersetzen: „vielmehr da die Religion durch die staatliche Entwicklung sich entfaltet hat". -- Im folgenden ist wohl: post imperium sive adhuc (F hat hoc) regnum zu lesen.

181. s466 1) d. h. sein Bild.

182. s467 1) Dieser Satz und das ganze Kap. 26 schließt sich, eng an das Vorhergehende an, und es sollte kein neues Kapitel begonnen werden.

183. 2) d. h. so, daß jedem vorherrschenden Reich seine Zeit bestimmt ist und die Zeitperioden, als Dauer der Reiche, so aufeinanderfolgen und geordnet sind, daß sie eine Einheit, das saeculum ausmachen, wie die zusammengefaßten und geordneten Bücher eines Autors ein corpus ausmachen.

184. 3) Auf dem Kapitel befanden sich die Statuen aller Götter.

185. s468 1) Nach der Lesart in F: Satis haec adversus intentationem laesae religionis ac divinitatis, die mir trotz der Kritik von Schrörs und Rauschen die richtige zu sein scheint. Nach Schrörs, 50 ist die Beifügung von religionis (die P nicht hat) „überflüssig und störend", nach Kauschen, 63 sogar ,.falsch. da T. nicht gezeigt habe, daß es bei den ,Heiden' keine Gottesverehrung gebe, sondern nur, daß ihre Götter in Wahrheit nicht existieren". Indes der jetzige Satz weist zurück auf den Einleitungssatz der ganzen Erörterung cap. 24, l, und dort steht crimen laesae religionis, was ja auch der offizielle Titel des Vorwurfs war. Den vorgebrachten Grund bezeichnet T. selbst als unrichtig, indem er daselbst schreibt: si non sunt dei pro certo, nec religio pro certo est. Aus beiden Momenten, aus dem letzten zunächst, zieht er die Folge: nec nos pro certo rei sumus laesae religionis. Unter „religio" versteht T. nicht die subjektive religiöse Gesinnung und deren Betätigung (die hat er sicher den Heiden nicht abgesprochen, er würde sie aber lieber superstitio nennen), sondern die Religion nach ihrer objektiven Wahrheit und ihrem objektiven Recht.

186. s469 1) Nach der Lesart in F timor inspirat.

187. 2) Nach der Lesart in F et condicioni suae parent et succedunt; P hat condicioni suae succidunt = sie unterliegen ihrem Geschick, während doch T. ausdrücken will (im Anschluß an adprehensi subiciuntur), daß sie sich in ihr Geshick fügen und den Christen gehorchen müssen; vgl. 23, 16.

188. s470 1) P hat hier folgenden Text: Itaque cum (F dum) . . . vel hoc genus poenalis servitutis erumpunt adversus nos, in quorum potestate sunt, certi et impares se esse et hoc magis perditos, in-gratis resistimus ut aequales etc. Dann wäre certi . . . perditos mit genus servitutis erumpunt zu verbinden, eine sehr harte Konstruktion. F liest: . . . erumpunt, adversus nos proeliantur, in quorum potestate sunt. Certi et iam perisse et hoc magis perditos, ingratis resistimus ut aequales etc., eine Lesart, die entschieden den Vorzug verdient. Der erste Satz kennzeichnet die Kampfesweise der Dämonen, der zweite das Verhalten der Christen. Der Satz: certi . . . perditos gibt einen Grund dafür an, daß sie ihnen nur ungern mit dem Exorzismus entgegentreten, sondern sie lieher durch standhaftes Dulden und vor allem durch den von ihnen veranlaßten Märtyrertod besiegen. Auch „hoc magis perditos" legt nahe, daß vorher stand „perisse" und erklärt sich weit besser, wenn „certi . . . perditos" mit resistimus verbunden wird. Was die Auslassung des Subjektsakkusativs angeht, vgl. Hoppe, 49. „ut aequales" ist also zu übersetzen: nur ungern treten wir ihnen entgegen als solche, die ihnen gewachsen sind, oder vielleicht: als solche, die mit ihnen wetteifern, sie so (direkt) bekämpfen, wie sie uns bekämpfen.

189. s471 1) d. h. wegen der Einsicht, daß die Götter Tote sind.

190. s472 1) Nach, der richtigen Lesart religiosi; P hat inreligiosi. Auch im folgenden wird mit F besser gelesen praeteritis eum statt praeterito eo.

191. 2) Vgl. zu diesem Kap. den Brief des Clemens an die Korinther cap. 60 u. 61.

192. s473 1) Damit die Betenden in den langen, schwer zu behaltenden Titulaturen der Götter keinen Fehler machten, mußte sie ihnen ein Priester vorsprechen.

193. s474 1) Nach der Lesart in F ubi veritas est dei et devotio.

194. 2) Ein Vorwurf der Gegner.

195. 3) Tamen proficit ista fallacia. Dieser Satz hat verschiedene (vgl. Heinze 4891, Rauschen 105 f., Schrörs 118 f.) Deutungen erfahren, von denen ich aber keine für richtig halte. Die neue Erklärung, die Schrörs versuchte, wonach T. spöttisch den Gedanken des Gegners weiterführe, proficere = fortschreiten zu nehmen und zu deuten sei: die angebliche Täuschung, die wir durch das Gebet für den Kaiser begehen, schreitet allerdings (plane, so liest P statt tandem in F) noch weiter vor, indem wir sogar den Beweis dafür antreten, den ihr uns gewiß erlaubt, widerspricht dem Zusammenhang. Andererseits kann „ista fallacia" nur das obengenannte, angeblich trügerische Verfahren der Christen sein. Jene Erklärungen, die „ista fallacia" auf die Heiden beziehen wollen = dieser euer Vorwurf ist eine Lüge, aber sie nutzt uns, scheitern am Wortlaut. Der Sinn ist m. E. folgender : Damit klagt ihr uns eines bestimmten Verbrechens, mit bestimmten Namen (eben der fallacia, des Betruges) an, und nun müßtet ihr ein geordnetes Gerichtsverfahren mit Verhör und Verteidigung eröffnen, wobei uns dann Gelegenheit gegeben wird, unsere ganze Sache (quodcunque defendimus) zu verteidigen. Nun dürftet ihr uns nicht mehr bloß auf den Namen Christ hin vor Gericht ziehen und uns unverhört, und ohne eine Verteidigung zuzulassen, verurteilen; vgl. cap. 2.

196. 4) Matth. 5, 44.

197. s475 1) 1 Tim. 2, 2. Rom. 13, 1. Tit. 3, 1. 1 Petr. 2, 13.

198. 2) Nach der Lesart in F licet extranei a turbis. Zum Gebrauch, von extraneus bei T. vgl. Hoppe 22 2. P hat licet extranei a turbis aestimemur. Darnach würde T. vielleicht an den Vorwurf denken: tertium genus dicimur ad nat. I, 8. Aber dieser Vorwurf bezog sich vor allem auf die Gottesverehrung. Der Text in F verdient den Vorzug, und „aestimemur" ist wahrscheinlich später hinzugefügt worden.

199. s476 1) Weil ihre Apotheose erst erfolgte, wenn sie gestorben waren; mavult enim vivere, quam deus fieri. ad nat I, 17 (89/22).

200. 2) tunc nämlich hei seinem Triumphzug.

201. s477 1) Nach der Lesart in F, wo „sed more communi" fehlt.

202. 2) Nach der Lesart in F „Tanto abest (= tanto magis abest, bei Vergleichen läßt T. magis aus) ut imperator deus debeat dici non modo turpissima sed et perniciosa adulatione, quod non potest credi. Der Sinn ist: Man kann doch nicht annehmen, daß man mit dieser Schmeichelei ihm ein Unheil wünscht, and doch ist es so, weil man ihm damit eigentlich den Tod wünscht. Vgl. später: timeat saltem de infausto. Die Lesart in F verdient entschieden den Vorzug vor der in P: tanto abest, ut imperator deus debeat dici, quod non potest credi, non modo etc. Mit Recht fährt F fort: Si habens, nicht Tamquam si habens.

203. 3) weil sie eine gleiche Gesinnung gegen ihn verraten würde.

204. 4) als an den wahren Gott.

205. 5) Vgl. ad nat. I, 17 (89/20) Immo qui deum Caesarem dici-

tis, et deridetis dicendo quod non est et maledicitis, quia non vult esse, quod dicitis. Mavult enim vivere. quam deus fieri. Waltzing zitiert zum Vergleich die Stelle bei Tacitus (An. 15, 74) über Nero. Zur Lesart vgl. Rauschen 80.

206. s478 1) F hat hier folgenden Text: civitatem in tabernae habitum demutare, vinulentiam faeere. P dagegen liest: civitatem tabernae habitu abolefacere, vino lutum cogere. Man findet den Text in P „prägnanter"; aber es ist nichts mit ihm anzufangen. Man übersetzt den ersten Teil des Satzes: „durch das Aussehen einer Bude von Grund aus zu ändern (oder entstellen)", und da das keinen Gefallen finden kann, ändert man „abolefacere" in „obolefacere" und übersetzt: „nach Art einer Garküche duften machen". Aber dann konnte T. nicht „habitu" schreiben. F dagegen bietet im ersten Satzteil einen sachlich wie sprachlich einwandfreien und schönen Text, der gegenüber dem verderbten P text beizubehalten ist -- „vino lutum cogere" will man wiedergeben „mit Wein einen Lehm zu kneten", nämlich aus dem Straßen-staub und dem auf die Straße gegossenen Wein. Aber dagegen erheben sich ebenfalls sachliche wie sprachliche Bedenken. Ich schlage vor, statt „vinulentiam facere" in F (Schreibfehler oder schlechte Verarbeitung) zu lesen: „vino lutum madefacere" (vielleicht obolefacere). Das gibt nicht nur einen guten Sinn, sondern erklärt auch in etwa, wie „abolefacere" in P entstanden ist, dadurch nämlich, daß „madefacere (obolefacere)" an eine verkehrte Stelle rückte.

207. s479 1) Nach der Lesart in F: Sic etc. Haec in solemnes dixi (Schreibfehler statt dies) principum decernuntque (Schreibfehler statt decernunt quae) alios dies non decet ? Nach P sind die Sätze Fragesätze Sicine etc. Haecine solemnes dies principum decent, quae alios dies non decent? Sicher ist es unrichtig, den folgenden Satz: Qui observant als Fragesatz zu fassen, wie Öhler es tat. Es ist ein Ausrufungssatz, und deshalb faßt man auch die Torhergehenden Sätze besser als Ausrufungssätze, wie F es tut

208. 2) T. denkt an den Zirkus (vgl. ad nat. I, 17 maledicta, quae circi sonant u. de spect. 16). Der Circus Maximus und Circus Flaminius lagen in der Nähe des Tiber. Scholae bestiarum -- die Orte, wo von den bestiarii die wilden Tiere dressiert wurden. Vgl. cap. 9, 5 n. 15, 4.

209. s480 1) Nach der Lesart in F: Jam si ... obduxisset, cuius non praecordia insculpta pareret novum ac novum Caesarem scena congiario dividundo praesidentem. Die praecordia insculpta eines jeden bringen hervor, lassen erscheinen, was in ihnen liegt. P hat cuius non praecordia insculpta adparent novi ac novi Caesaris scenam . . . praesidentis. Pareret (der Singular nach cuius praecordia ist nicht auffallend bei T.) scheint mir den Vorzug zu verdienen vor „adparent" in P. Auch scheint mir Caesaris scenam ... praesidentis eine Umbildung des ursprünglichen Caesarem scena praesidentem zu sein.

210. 2) Bittere Ironie, indem gerade aus diesen Ständen vorzugsweise die Kaisermörder und Aufrührer hervorgingen.

211. 3) Inter duas laurus, eine Lokalität im alten Rom. Vermutlich ist das von Spartian c. 7 berichtete Attentat auf Hadrian gemeint.

212. 4) Commodus wurde von demselben Athleten, mit welchem er sich im Eingen zu üben pflegte, erdrosselt. Ael. Lampr. Vita Commodi c. 17. Aurelius Victor, De Caesaribus 17.

213. s481 1) Dies tat Claudius Pompejanus, um Commodos zu ermorden. Auch Pertinax wurde in seinem Palast ermordet. Domitian wurde von seinen Sklaven ermordet, unter denen Dio Cassius (67, 15) besonders Sigerius und Parthenius nennt.

214. 2) Parricidales insid[iatores] kommt auf einer Inschrift aus dieser Zeit (200 oder 206) vor, Corp. inscr. lat. III, 427. Die Stelle bezieht sich auf die Verfolgung der Anhänger des im Febr. 197 bei Lyon besiegten Albinus; vgl. die Einleitung.

215. 3) sed ut vota propria iam edicerent oder edisserent; die Lesart ediscerent gibt doch kaum einen Sinn. Sie sprechen bereits bei sich ihre eigenen Wünsche aus für einen neuen Kaiser, den sie bereits im Herzen haben, und nehmen keinen Anteil an den „vota publica". F hat ut vota publica privata iam etc., was vielleicht richtig ist. Sie sprechen die vota publica zwar äußerlich mit, aber sie heucheln, es sind schon vota privata für einen anderen.

216. s482 1) Nach der Lesart de caris consulitur qua de dominis. F hat de Caesaris consulitur qua de hominis; dann wäre „salute" aus dem vorhergehenden Satze zu ergänzen. Man stellt nicht in derselben Gesinnung Nachforschung über das Wohl des Kaisers an wie über das eines gewöhnlichen Menschen. Aber „hominis" ist wohl sicher verschrieben statt „dominis", und dann änderte man „caris" in „Caesaris".

217. 2) Der Text lautet: in his moribus, quibus divinitas imperat tam vere quam circa omnes necesse habet exhiberi. Oehler änderte „habet" in „habent" und erklärte: quibus divinitas tam vere imperat fungi quam ipsi necesse habent circa omnes exhiberi; aber „fungi" steht nicht im Text. Der Satz bleibt sprachlich unverständlich. Rauschen änderte „imperat" in „imperatori", weil der folgende Satz „imperatori" zu verlangen scheine. Aber auch dann bleibt dieselbe Schwierigkeit. F liest statt „quibus" quos und am Schluß necesse habent exhibere. Es wird also zu lesen sein: quos divinitus imperati tam vere quam circa omnes necesse habent exhibere.

218. s483 1) In tumultuarischer Weise, ohne Befragung der Obrigkeit.

219. s484 1) Als wir Christen, die in der ganzen Welt zerstreut sind. Der Satz muß als Frage gefaßt werden.

220. 2) Man darf diesen Ausdruck nicht buchstäblich nehmen; es handelt sich nur um annähernde Schätzungen, wobei die Zahl der Christen in apologetischem Interesse möglichst groß dargestellt wird. Wenn Tertullian sagt, die Christen erfüllen den Senat, so ist das für die damalige Zeit eine starke rhetorische Übertreibung, und es werden auch seine sonstigen Angaben nicht gerade buchstäblich zu fassen sein.

221. 3) Nach der Lesart in F vgl. Rauschen 8 f.

222. s485 1) Nunc enim pauciores hostes habetis prae multitudine christianorum paene omnium civium. Die Übersetzung bei Schrörs (24) und Kauschen (9) „denn jetzt habt ihr weniger Feinde wegen der Menge der Christen, die fast die ganze Bürgerschaft ausmachen", trifft nicht den Sinn. Nach „pauciores" ist, wie dies bei T. häufig vorkommt, der Vergleich, der sich aus dem vorhergehenden Satz von selbst ergibt, ausgelassen. T. will keineswegs sagen, daß die Christen die Mehrzahl der Bevölkerung ausmachen. Der Sinn ist vielmehr: Jetzt habt ihr mehr loyale Bürger als Feinde in eurer Mitte, aber nur wegen der großen Zahl der Christen, die alle loyale Bürger sind und fast die Gesamtzahl der loyalen Bürger ausmachen. Die Zahl der loyal gesinnten Heiden ist eine geringe, die meisten sind hostes. Der folgende Satz: paene omnes cives christianos hostes habendo wird mit ,.indem ihr fast alle christlichen Bürger für Feinde hieltet'' ebenfalls unrichtig übersetzt; der Sinn ist vielmehr: indem ihr die Christen für Feinde haltet, haltet ihr fast alle (loyalen) Bürger für Feinde.

223. 2) exinde, von da an, oder in Folge dessen, nämlich wenn wir auswandern würden.

224. s486 1) Nach der Lesart inter inlicitas factiones; die Lesart in P inter licitas factiones ist falsch und durfte nicht verteidigt werden. Ebenso sicher ist es, daß T. geschrieben hat: quäle de inlicitis factionibus praecavetur. Weil man den Gebrauch von „de" bei T. nicht berücksichtigte, glaubte man „praecavetur" in „timeri solet" umändern zu müssen, ähnlich wie man cap. 9, 6 „de parricidio intersit" umänderte.

225. 2) Den Satz: Sed licuit Epicuraeis etc. bringt F an der richtigen Stelle, und er liest richtig aliam statt aliquam. In P steht der Satz am Schluß des Kapitels, wo er nicht hingehört, verbunden mit dem Zusatz : sed ampla negotia Christianae (?), der wahrscheinlich als Überschrift des folgenden Kapitels diente. Wie T. sich auch sonst auf die Freiheit beruft, mit der die philosophischen Schulen ihre Lehren vortrugen und ihr Leben einrichteten, so beruft er sich hier auf die epikureische Lehre von der Ataraxie.

226. s487 1) Nach der richtigen Lesart in F novissime (statt novisse) = denique; vgl. de carne Christi 24.

227. 2) Nach der Lesart in F: Quominus mala refutaverim, bona ostendam, si etiam veritatem revelaverim. P hat; ut qui mala refutaverim, bona ostendam, was übersetzt wird: „um, nachdem ich das Schlechte zurückgewiesen habe, auch das Gute aufzuzeigen". Indes, das kraftvoll an die Spitze gestellte: Edam iam nunc ego ipse negotia christianae factionis, sowie der Inhalt von cap. 39 n. 40 im Anfang zeigen, daß er nicht auf vorhergehendes zurückweisen will, sondern nun selbst die negotia (die Betätigungen, die Zwecke) der christl. Gemeinschaft darlegen will, zum Beweis dafür, daß sie nicht als factio inlicita angesehen werden darf. Zu mala und bona ist offenbar negotia zu ergänzen und, wie es häufig geschieht, ist esse ausgelassen (s. Hoppe 49 u. 144). Den Beweis führt T. dadurch, daß er die Zwecke als gute erweist, und dies wird einfach dadurch erreicht, daß er die Wahrheit über dieselben darlegt. Die Lesart in F ist also die richtige.

228. 3) Nach der Lesart in F disciplinae divinitate. P hat unitate. Aber divinitate ist viel bezeichnender, entspricht dem öfters wiederkehrenden Gedanken, daß die Sittenzucht auf göttlicher Belehrung beruht, und kurz nachher steht „divina censura". Was in „unitate" zum Ausdruck käme, ist ja schon in „corpus sumus" gesagt.

229. 4) Nach der Lesart in F Coimus in coetu (verschrieben statt coetum) et congregationem facimus; mit Recht läßt F auch am Schluß des Satzes „orantes" weg.

230. s488 1) Nach, der Lesart in F pro ministeriis eorum (P hat ministris); daß ministeriis richtig ist, ergibt sich aus den folgenden "Worten et potestatibus.

231. 2) F hat statt: ,,praeceptorum inculcationibus" „praeceptorum in compulsationibus''; „compulsatio" kann kaum richtig sein, vgl. cap. 21, 15; 38, 2; vielleicht ist in compulsationibus verschrieben, statt impulsationibus.

232. 3) Honoraria summa hieß die Abgabe, die jeder zu bezahlen hatte, der das sacerdotium oder irgendein städtisches Amt übernahm, also Aufnahmegebühren.

233. s489 1) F hat et pueris ac parentibus destitutis; P hat et pueris ac puellis re ac parentibus destitutis. In F ist „re" ausgefallen, und es wird zu lesen sein et pueris re ac parentibus destitutis.

234. 2) P hat iamque domesticis senibus; F iamque domesticis senibus iam otiosis. Zwischen domesticis und senibus darf nicht, wie Rauschen annimmt, ein Komma gesetzt werden, sondern domestici senes sind auf Jahre gekommene Hausgenossen, ein Begriff, in dem die Sklaven nicht ausgeschlossen, vielmehr in erster Linie gemeint sind, wie auch cap. 7, 3 unter „domestici nostri" vor allem, wenn nicht allein, die Sklaven gemeint sind. Der F-Text hat also keineswegs „domesticis" als Adjektiv zu „senibus" gefaßt, und deshalb „iam otiosis" als Glosse beigefügt, vielmehr ist „iam otiosis" ein ganz verständlicher Zusatz, und die Lesart in F verdient unbedingt den Vorzug. Ebenso ist im folgenden Satzteil „conflictatur", das in P fehlt, durchaus am Platz und darf nicht gestrichen werden.

235. 3) notam nobis inurit penes quosdam darf nicht übersetzt werden: „ist zu einem Merkmal für uns geworden". Der Ausdruck ist im übelwollenden Sinne gemeint, wie auch das „sed" am Anfange des Satzes und der folgende Satz zeigen. Also ist der Sinn: Sogar diese Ausübung der Liebe bringt uns bei manchen nur Schmähung ein.

236. s490 1) Sed et quod fratrum adpellatione censemur etc. (F hat censemus, ein Schreibfehler, der von Haverkamp in die richtige Form „censemur" geändert wurde). Zur Übersetzung von „censemur" in solchen Sätzen zitiere ich bloß de monog. 8 si penes Graecos communi vocabulo censentur mulieres et uxores; statt censeri steht de oratione 21 und 22 nominare, cognominare (vgl. auch Rauschen 67). Dadurch erledigen sich die Bemerkungen von Schrörs 59, der die später entstandene Lesart in P „fratres nos vocamus" als die richtige und sogar als „wirkungsvoller" verteidigt und dabei den F-Text falsch übersetzt. Quod . . . censemur heißt also, weil wir durch den Namen Brüder bezeichnet, benannt werden (oder uns gegenseitig Brüder nennen) mit dem Nebenbegriff, und so eine gesonderte Klasse bilden.

237. 2) Der Sinn ist: wenn sie Nebenmenschen den Namen Bruder oder Höherstehenden den Namen Vater geben, so geschieht es nur aus eigennützigen Absichten.

238. s491 1) Nach der zweifellos richtigen Lesart in F „convivatur". P liest conviolatur.

239. s492 1) T hat inceptiones lasciviarum, was, wie Schoppe anmerkt in inreptiones zu korrigieren ist. P hat eruptiones.

240.  2) die oben erwähnten Hetärien.

241. s493 1) F hat in primordio temporum Christianos esse in causa; der Zusatz in primordio temporum, der sonst fehlt, kann nicht richtig sein; aber vielleicht hat dagestanden: in primo ordine.

242. 2) Rom, nach der Lesart orbem et urbem (nicht urbes).

243. 3) die untergegangene Insel Atlantis.

244. s494 1) Nach der Lesart in P moratique sunt, vgl. ad nat L, 9 (73/25).

245. 2) Das Komma ist nach, nicht vor conantur zu setzen, Gemeint sind die von den Alten so genannten Sodomsäpfel.

246. 3) Nach der richtigen Lesart in F: Romanos anulos caede sua modio metiebatur.

247. 4) Es läuft hier Tertullian ein Gedächtnisfehler unter: die Senonen belagerten das Kapitol nur, die Stadt hatten sie eingenommen. Livius 5, 41 seq.

248. 5) F hat: ut iam et hoc revincam, non ab his evenire, quae et ipsis similia evenerunt. P hat: ut iam hoc revincam, non ab

eis evenire, quia et ipsis evenit. T. kann nur geschrieben haben: ut iam et hoc revincam. Er hat bewiesen, daß die Christen nicht die Ursache der Kalamitäten sein können. Als weiteres Moment kommt hinzu, daß auch die Götter die Strafe nicht verhängt haben können, weil sie nicht verehrt worden seien. Der F-Text ist also der richtige, und er bildet die Überleitung zu der folgenden Ausführung : der wahre Gott sendet di e Strafen, seitdem aber die Christen da sind, milderten ihre Sittenreinheit und ihre Fürbitte dieselben. 

249. s495 1) Zur Lesart vgl. Rauschen 10. T. hat vor Augen Röm. 1. 26 ff.

250. s496 1) Vgl. zu dieser Stelle de ieiun. 16 (295/22).

251. 2) invidia coelum tundimus will Schrörs 121 übersetzen: „wir bearbeiten mit der Leidenschaft von Eifersüchtigen den Himmel durch Schläge", eine Übersetzung, die Rauschen 108 f. mit Recht ablehnt. Rauschen übersetzt: wir stürmen den Himmel und verweist auf de ieiun. 16 (295/26) saccis velati et cinere conspersi (sc. ethnici) idolis suis invidiam supplicem obiciunt. Die Wiener Ausgabe setzt aber, ich glaube mit Recht'(vgl. 277/16; 278/1; 281/6; 290/18) statt „invidiam" „inediam". Ich glaube, daß auch an unserer Stelle „inedia" zu lesen ist. Zu „deum tangimus" vgl. 39, 1 ut ad deum quasi manu facta precationibus ambiamus. Haec vis deo grata est.

252. 3) Nach der Lesart in F: Jupiter honoratur a vobis deus negligitur. P hat bloß Jupiter honoratur. Die Lesart in F wird richtig sein, weil sie den Gegensatz ausdrückt: wenn wir vom wahren Gott Erbarmen erfleht haben, wird von euch Jupiter geehrt, der das Erbarmen nicht erwiesen, Gott aber mißachtet, der es erwiesen hat. Auch entspricht diese Lesart dem vorhergehenden : caelum apud Capitolium quaeritis -- aversi ab ipso deo, und dem ersten Satz des folgenden Kapitels.

253. 4) Zur Lesart vgl. Rauschen 68.

254. s497 1) Nach der Lesart in F: laetamur magis; recognitione divi-narum praedicationum confirmamur, ut scilicet fiduciam et fidem spei nostrae agnoscentes; vgl. cap. 20.

255. 2) Nach der Lesart in F vgl. Rauschen 69. „molitis" faßt Waltzing S. 232 = mola et ritu divino cultis, leitet es also von molo ab.

256. s498 1) Nach der Lesart in F sub noctem. Die früh beginnenden Schmausereien an den Saturnalien bedingten, daß das vorhergehende Bad auf eine ungewöhnlich frühe Stunde verlegt werden mußte. Im folgenden Satz ist mit F debita (nicht honesta) hora zu lesen.

257. 2) Die Toten pflegte man abzuwaschen.

258. s499 1) Vgl hierzu de corona cap. 2 u. 5. Die gewöhnliche Lesart : nos coronam naribus novimus ist sehr verdächtig. In F steht: vos (wahrscheinlich verschrieben statt nos) enim non novimus, und wahrscheinlich ist ein Satzteil ausgefallen, etwa: gebrauchen wir sie, wie die Natur es an die Hand gibt, und setzen sie nicht auf das Haupt, weil wir es nicht verstehen, mit dem Kopf den Duft derselben wahrzunehmen; vgl. de cor. 5.

259. 2) F hat de suis de propriis locis sumam; wahrscheinlich ist zu lesen: de suis propriis locis sumam. P hat weniger gut: de propriis locis sumantur plane.

260. s500 1) Nach der zweifellos richtigen Lesart in F: Sed et cetera vectigalia laeduntur! Sufficit, si cetera gratias Christianis agunt etc. P läßt den ersten Satz weg, der nicht entbehrt werden kann, und schreibt einfach: Sed cetera vectigalia etc., laßt also auch das charakteristische sufficit, si aus; vgl. adv. Marc. II, 26. Sed sufficit, si et Moysi etc. = aber es genügt der einfache Hinweis darauf, daß dem Moses usw.

261. 2) Nach der richtigen Lesart in F: unius speciei querela compensato (statt compensata) pro ceterarum rationum securitate.

262. 3) Der Zusatz: quia forte non creditis in P fehlt mit Recht in F.

263. s501 1) Nach der zweifellos richtigen Lesart in P (nur ist nisi ausgefallen): Proinde cum Christiani suo titulo offeruntur, quis ex illis nisi talis, qualis etiam notatur nomine ? vgl. cap. 2, 20. In P wurde der Text verdunkelt und geändert in: quis ex illis etiam talis, quales tot nocentes, und nun mußte man auch am Anfang „proinde" in „aut" verändern. Daß der Text in F der richtige ist, beweist zum Überfluß auch noch das folgende: Nemo illic christianus, nisi hoc tantum; auch diese sicher richtige Lesart wurde in P verändert in: Nemo illic christianus, nisi plane tantum christianus.

264. 2) auf den elogiis, in den Gefängnissen u. s.w.

265. 3) Dann ist er ein Abtrünniger, oder er wird von uns exkommuniziert.

266. s502 1) Nach der sicher richtigen Lesart in F: quanta prudentia hominis ad demonstrandum quid vere bonum, tanta auctoritas ad exigendum. Die Lesart in P: Tanta est prudentia hominis ad demonstrandum bonum, quanta auctoritas ad exigendum bürdet T. einen Widersinn auf; sie durfte nicht verteidigt werden, am allerwenigsten durch den Satz: „Nach dem Zusammenhang liegt die Spitze der Beweisführung weniger in der auctoritas als in der prudentia" (Schrörs 63). Die Spitze der Beweisführung liegt nach dem Zusammenhang sowohl in der prudentia wie in der auctoritas.

267. 2) Nach der richtigen Lesart in F: „dictum est". T. führt hier Aussprüche an; vgl. Matth. 5, 21 f.

268. 3) Nach der Lesart in F: de lege divina antiquiorem formam mutuatas. Nach Waltzing steht in F mutatas, nach Oehler I, 279 mutuatas; auf alle Fälle ist mutuatas zu lesen, mutatas wäre Schreibfehler. P hat de divina lege ut antiquiore forma mutuatas, andere lesen ut antiquiore formam mutuatas. Für die Lesart in F spricht, daß T. auch sonst dem Gedanken Ausdruck gibt, daß die ältere und darum reinere Form dem göttlichen Gesetz entlehnt, diese aber später verschlechtert worden sei; vgl. cap. 47, 3 und das fragmentum Fuldense cap. 19: iura vestra quam studia de lege deque divina doctrina concepisse. Quod prius est, hoc sit semen necesse est... Gloriae homines si quid invenerant, ut proprium facerent, adulteraverunt.

269. s503 1) Recogitate ea etiam liest P, was Haverkamp und Kellner in eam (sc, auctoritatem) ändern; F liest bloß recogitate etiam, wohl mit Recht, da aus dem vorhergehenden Satz : quanta sit zu ergänzen ist.

270. 2) totum statum nostrum wird mit „worin unsere Religion besteht" ungenau übersetzt; es handelt sich nicht bloß um die Religion, sondern auch um das Verhältnis zu Kaiser und Reich, um die Lebensauffassung der Christen und um die Beziehungen zur bürgerlichen Gesellschaft.

271. s504 1) Nach der Lesart in F: Existat qui nos revincere audebit. .. de veritate debebit renidi, sed dum unicuique manifestatur veritas nostra. Statt „renidi", das andere in „reniti" ändern, schlage ich vor „relidi" zu lesen. P liest: Quis ... de veritate ? Das „existat, qui'' mußte fallen, weil man den Satz mit „de veritate" schloß und nun als Fragesatz fassen mußte. Dies nötigte ferner, mit ,,sed dum" einen neuen Satz zu beginnen, in dem „interim" etc. Nachsatz sein sollte. Aber nach „de veritate" erwartet man unbedingt etwas. Kellner übersetzte: „auf dem Grund und Boden der Wirklichkeit". Waltzing sogar: „mais par des arguments, qui reposent, comme les notres, sur la verite". Das alles soll „de veritate" heißen, und zwar nach dem Satzteil: sed eadem forma, qua probationem constituimus"! Der mit „sed dum" eingeleitete Satz enthält in der Fassung P eine Unwahrheit und einen Widerspruch, eine Unwahrheit, weil er T. sagen läßt, daß die christliche Wahrheit jedermann zur Kenntnis gebracht werde, während er sich fortwährend darüber beklagt, daß die Wahrheit als inaudita verurteilt und selbst dem Angeklagten vor Gericht der Mund verschlossen werde, und gleich nachher fordert, man solle die den Philosophen zugestandene Lehrfreiheit auch dem Christentum zugestehen, wenn man es als eine Philosophie ansehe, einen Widerspruch, weil in demselben Satz steht „dum de bono sectae huius obducitur (sc. incredulitas), quod usui iam et de commercio innotuit". Darnach werden die Heiden vorläufig (interim), d. h. solange die manifestatio veritatis verboten ist, durch den täglichen Umgang und den Verkehr mit Christen davon überzeugt, daß das Christentum etwas Gutes ist. Der Text in P ist also ein gröblich entstellter Text, was ja auch an vielen anderen Stellen festgestellt wurde. Der Text in F ist sicherlich der richtige; dem „revincere audebit" entspricht gut „de veritate debebit relidi", was, wie T. einschränkend hinzufügt, nur dann sein kann, dann aber auch sicher sein wird, wenn dem Christentum die freie Verteidigung gestattet wird. Noch aber herrscht die ignorantia, auf die sich die incredulitas stützt. Mit Interim beginnt in F richtig ein neuer Satz, und im Anschluß an ihn fordert T. In geschickter Weise für das Christentum dieselbe Lehrfreiheit, der sich die philosophischen Schulen erfreuen. Wenn Heinze (a. a. 0. 4631), der den offenbaren Widersprach zu den Sätzen des Eingangs zugesteht, über T. das Urteil fällt: ,,Die beiden einander widerstreitenden Behauptungen sind jede an ihrem Orte durch den augenblicklichen advokatorischen Zweck hervorgerufen", so ist dieses Urteil durch die falsche Lesart in P hervorgerufen und besteht nicht zu Recht.

272. s505 1) Nach der richtigen Lesart in F: diligentia (zu lesen ist de licentia) et immunitate disciplinae.

273. 2) Nach der richtigen Lesart in F: non fugiunt; vgl. Rauschen 71.

274. s506 1) Nach Cicero (de nat. deorum I, 22) und Minucius Fel. (Octavius 13) war es nicht Thales, sondern Simonides. Ich verweise auf das Fragmentum Fuldense (cap. 19), wo dasselbe von Thales berichtet wird, unter Hinzufügung des Satzes: turbatus scilicet vocibus prophetarum, ein Beweis dafür, daß das Fragment von T. verfaßt ist.

275. s507 1) P hat: Sexum nec femineum mutat Christianus, was nur dann einen dem Zusammenhang entsprechenden Sinn gibt, wenn man mit Oehler I, 283 erklärt: Sexus femineus est hoc loco pro ipsa femina. Es kann kein Zweifel sein, daß F auch hier den richtigen Text hat: Christianus ad sexum nec feminae mutat, zweifelhaft kann nur sein, ob feminae oder femina zu lesen ist. Liest man feminae, so wäre sexum zu ergänzen; zu femina mutat vgl. cap. 20, 2 ; de res. carn. 57 mutare servum libertäte. Sexus heißt hier nicht „Geschlecht", wie wohl derjenige annahm, der in P den Text änderte, sondern „geschlechtliche Beiwohnung"; vgl. de res. carn. 61 ; adv. Val. 32.

276. 2) Oehler bemerkt, daß wohl Lais aber nicht Phryne ein Verhältnis mit Diogenes gehabt habe.

277. 3) Nach der Lesart in F: Christianus contumeliosus nec in pauperem superbit.

278. s508 1) et extra = apud extraneos, bei den Nichtchristen.

279. 2) tam indecore Alexandro, regendo potras, adulatur. F hat Alexandro regi potius adulatur, was vielleicht richtig ist. 

280. 3) Der Text lautet:

E: famae negotiator et salutis vitae, verborum et factorum operator, et rerum aedificator et destruc-tor, et interpolator erroris et integrator veritatis, furator eius et custos.

P: famae negotiator et vitae, verborum et factorum operator, et rerum aedificator et destructor, amicus et inimicus erroris, veritatis interpolator et integrator et expressor, et furator eius et custos.

Ob T. salutis vitae, oder bloß salutis, oder bloß vitae geschrieben hat, läßt sich nicht entscheiden; für salutis spricht das vorherstehende „ut qui (christiani) saluti suae curant". Aber „et rerum aedificator et destruetor" kann T. nicht geschrieben haben. Zunächst ist „et" vor rerum sicher falsch. Was soll ferner „rernm" heißen? Kellner und Waltzing lassen es einfach unübersetzt Endlich „rerum aedificator" wäre der Philosoph, „destructor" aber wäre der Christ, während es umgekehrt lauten müßte. Statt „et rerum" ist zu lesen „errorum". Dann ergibt sich auch die Korrektur des folgenden. Mit dem folgenden „interpolator erroris et integrator veritatis" wußte man nichts anzufangen, und änderte es in ,,amicus et inimicus erroris", trug dann „veritatis interpolator etc." nach und fügte willkürlich das die Ordnung der Gegensätze störende „expressor" hinzu. Es wird also zu lesen sein: errorum aedificator et destructor, interpolator et integrator veritatis, furator eius et custos.

281. s509 1) Nach der Lesart in P: Adhuc enim mihi proficit antiquitas, die sich ungezwungen an das Vorhergehende anschließt. P hat Antiquior omnibus veritas, nisi fallor, et hoc mihi proficit antiquitas, die allein schon durch das „hoc" verdächtig ist.

282. 2) Zu „sophista" vgl. ad Valent. 5 Miltiades ecclesiarum sophista, de anima 28 Samius sophista (Pythagoras). T. denkt hier wahrscheinlich an die älteren Verkünder von Lehren, die den Philosophen vorausgingen und auch bei Plato als der Gottheit näherstehend in hohem Ansehen standen; vgl. "Willmann, Gesch. des Idealismus I, S. 3 ff. So sagt T. von Pythagoras „etsi bonus cetera". 1. c.

283. 3) Nach der Lesart in F: Num quia quaedam de nostris habent eapropter nos comparent illis ? Die Absicht T.'s in diesem und dem vorhergehenden Kapitel geht dahin, das Christentum energisch von der Philosophie zu scheiden und zu beweisen, daß es nicht mit ihr in eine Art gebracht werden tonne, vielmehr ein negotium divinum (nicht ein genus philosophiae) sei; vgl. cap. 46, 2. Deshalb kann nur die Lesart in F richtig sein. Wenn P liest: ut quae de nostris habent ea nos comparent illis, so liegt hier wieder eine Entstellung des Gedankens T.'s vor. Die Entstellung beginnt in P schon mit dem Anfang des Kapitels, wo. wie schon bemerkt, F durch die richtige Lesart: Adhuc mihi proficit etc. richtig an das vorhergehende Kapitel anschließt. Cap. 46 u. 47 gehören auf das engste zusammen, und man sollte, wie auch die Lesart in F es fordert, sie nicht in zwei Kapitel abteilen. Daß die Lesart in F die richtige ist, beweist auch die mit: Dum ad nostra conantur beginnende Ausführung.

284. s510 1) Ich habe diesen Satz in Klammern gesetzt, weil er hier unmöglich an seiner richtigen Stelle steht, wie sein Inhalt und auch das einleitende „inde" beweist, das auf nichts Vorhergehendes bezogen werden kann. Ich vermute, daß der Satz an den Schluß dieses Abschnittes zu setzen ist.

285. 2) Nach der Lesart pro instituto curiositatis ad propria verterunt; vgl. das Fragmentum Fuld. cap. 19 : Gloriae homines si quid invenerant, ut ptoprium facerent, adulteraverunt. „Pro instituto curiositatis" ist die Art des Forschens, wie sie den Lehrsätzen der einzelnen philosophischen Schulen entsprach. So mußten sie das Gefundene fälschen, weil sie es ihren eigenen Lehren anpassen wollten. Ebenso heißt es ad nat. II, 2 (96/2) ad proprii ingenii opera mutasse.

286. s511 1) Nach der richtigen Lesart in F: in incertum miscuerunt". P hat ,,incertum miscuerunt''. Der Sinn ist: Sie trachten es so in Verwirrung, daß es unsicher wurde. Vgl. ad nat. II, 2 (96/2) : in incertum abiit. Hier wäre der obige, in Klammern gesetzte Satz: Inde, opinor et a quibusdam philosophia legibus eiecta est etc. am Platze. Weil die Philosophen die alten religiösen und sittlichen Traditionen (und gerade die ältere und reinere Form der Gesetze und Lehren stammt nach T. aus der göttlichen Offenbarung) zerstörten, wurden sie verbannt.

287. 2) P liest: alii incorporalem adseverant, alii corporalem ut tarn Platonici quam Stoici, was falsch ist. F liest: alii incorporalem adseverant, qua Platonici et Stoici. In F ist alii corporalem ausgefallen; fügt man dies hinzu, so ist der Text in Ordnung ; vgl. Rauschen 72. -- Im folgenden liest F alius igni, qua Heraclito visum et Platoni et quidem curantem rerum, was verschrieben ist, wie schon „alius" beweist. Es ist zu lesen: qua Heraclito visum est: et Platonici quidem curantem rerum, wie auch P hat. Eichtig fügt aber F hinzu: factorem et actorem rerum (wahrscheinlich ist statt ,,rerum" ,,earum" zu lesen). Das entspricht genau der Lehre der Platoniker (vgl. Zeller, Philos. der Griechen4 II, 1 926 ff.) und wird gefordert durch den folgenden Gegensatz der Lehre der Epikureer: contra Epicuri otiosum et inexercitatum et, ut ita dixerim, neminem in rebus humanis. Auch ad nat. II, 2 (96.7) heißt es: Platonici quidem curantem rerum, et arbitrum et iudicem.

288. s512 1) Gemeint ist das Alte Testament.

289. 2) das Neue Testament.

290. 3) Nach der Lesart in F variis quibusdam. P liest viri quidam.

291. 4) Die Häresien innerhalb des Christentums.

292. 5) Nach der richtigen Lesart in F: ut ex varietate defectionem vindicet veritatis. Die Lesart in P: ut ex varietate defensionum iudicet vetitatem durfte nicht verteidigt werden. Vgl. ad nat. II, 2 (95/11): cuius (sapientiae philosophorum) infirmitatem prima haec contestatur varietas opinionum, veniens de ignorantia veritatis, ein Gedanke, der T. geläufig ist.

293. 6) Hier wendet T. die ihm so geläufige Brachylogie an. Constructa sunt müßte eigentlich zweimal gesetzt sein.

294.  s513 1) die heidnische Mythologie.

295. 2) Nach der Lesart in F: vel eadem sibi potius fidem raperent.

296. 3) Nach der Lesart in F: ad mortuos amnis est. P hat apud mortuos; ad mortuos entspricht dem vorhergehenden ad poenam. Man konnte es übersetzen: zur Bestrafang der Toten ; vgl. ad nat. I, 19 (91/23).

297. 4) Mit maceria quadam igneae illius zonae ist wahrscheinlich der Sternenhimmel gemeint; vgl. Kauschen 110. Der Pyriphlegethon kann schon deshalb nicht gemeint sein, weil es heißt „a notitia orbis communis segregatum".

298. 5) Nach der Lesart in F: ut de proprioribus, die mir richtig zu sein scheint (P hat ut de prioribus). T. will das Vorrecht der „proprietas" hervorheben, des ursprünglichen und rechtmäßigen Besitzes, ein Vorrecht, das die „imagines" nicht besitzen, vor allem dann nicht, wenn sie Verunstaltungen der urbildlichen Form sind; im zweiten Teil des Satzes hebt er das Vorrecht des „principatus" hervor. Genau so argumentiert er de praesc. haeret. vgl. z. B. cap. 35. Wenn man im ersten Satzteil „prioribus" liest, enthält der Satz eine Tautologie.

299. s514 1) Lustspieldichter. "Wo Laberius dies gesagt hat, ist unbekannt.

300. 2) statim illic vesica quaeritur hat nur F; est ist aber ausgeschlossen, daß ein späterer Eezensent diesen Satz erfunden, und ebenso ist es ausgeschlossen, daß etwa T. selbst in einer späteren Rezension ihn wegen seines derben Inhaltes ausgelassen hätte. T. hat andere Dinge geschrieben. Er ist vielmehr in P ausgelassen (wahrscheinlich weil man ihn nicht verstand), ein Umstand, der wiederum die Minderwertigkeit dieses Textes zeigt. -- vesica quaeritur kann unmöglich, wie Schrörs meint, bedeuten „den Bauch aufsuchen", „sich vor Lachen den Bauch halten". Denn „vesica" heißt nicht der Bauch, und außerdem ist es Ablativ, nicht Nominativ. Subjekt ist „Christianus" ... quaeritur... exigetur. Auch der Hinweis auf Seneca (natural. quaest. 2, 27) hilft nicht. T. bietet selbst die Lösung, was unter vesica zu verstehen ist He spect. 21 (22/3) steht: Sic ergo evenit, ut qui in publico vix necessitate vesicae tunicam levet, idem in circo etc., wo Kellner allerdings „necessitate vesicae" falsch übersetzt „wegen einer Hitzblatter". T. denkt also hier an eine derbe Sitte, die, wie Ratzel in seiner Völkerkunde berichtet, auch anderswo als Zeichen tiefster Verachtung galt.

301. s515 1) Der Text in F lautet: et lapidibus magis nec saltim copiis . . exigetur. Statt copiis hat P coetibus, andere schlagen vor „caestibus", „caedibus". Allein ein annehmbarer Sinn läßt sich in diesen Lesarten nicht finden. Ich schlage vor statt „copiis" „scopis" zu lesen.

302. 2) Ich habe diese Stelle nach F übersetzt. Die Bemerkungen von Schrörs, 29 zu dieser Stelle, die zeigen sollen, daß P „eine wesentliche Verbesserung von F ist, und eine Verbesserung, die offenbar nur vom Verfasser vorgenommen werden konnte", sind unrichtig. P. ist im Gegenteil eine wesentliche Verschlechterung. Offenbar will T. an dieser Stelle schlagend zeigen, daß die Heiden schreiendes Unrecht tun, wenn sie der philosophischen Seelen-wanderungslehre Beifall zollen, die christliche Auferstehungslehre aber verachten und verspotten, da jeder Grund, der für die erstere vorgebracht werde, viel mehr, ja einzig und allein für die letztere spreche. Damit verbindet sich von selbst der Gedanke, daß von einer „reciprocatio animarum humanarum" überhaupt nur bei der christlichen Auferstehungslehre die Rede sein könne, da sonst, bei einem Übergang in Tierleiber, die menschlichen Seelen nicht mehr Menschenseelen wären, sondern in Tierseelen verwandelt werden müßten. Die philosophische Seelenwanderungslehre ist also eigentlich eine „dementia", wie er sie de anima 34 nennt. Nichtsdestoweniger werde sie bewundert und die christliche Lehre verlacht. Diese Gedanken bringt F zum scharfen, der Form nach echt tertullianischen Ausdruck: quasi non, quaecunque ratio praeest animarum humanarum in corpora reciprocandarum, ipsa exigat, illas in eadem corpora revocari, quia hoc sit revocari, id est, esse quod fuerant. Man halte daneben den Text in P: Si qoaecnnqne ratio praeest animarum humanarum reciprocandarum in corpora, cur non in eandem substantiam redeant, cum hoc sit restitui: id esse, quod fuerat? so ist es doch klar, daß dieser Satz eine Verstümmelung ist, was die unbeholfene Konstruktion, das „si quaecunque", das verdächtige „in eandem substantiam" (vgl. ad nat I, 19 [91/16] in eadem corpora) und dazu noch der mit „cum" eingeleitete Satz beweisen. Schon das echt tertullianische, und von ihm bei der Zurückweisung und Richtigstellung gegnerischer Ansichten so häufig gebrauchte „quasi non'' (vgl. cap. 49, 5; ich habe bloß die acht ersten Kapitel in adv. Prax. verglichen, daselbst findet sich „quasi non" dreimal; 229/26; 230/12; 236/12 ed. Kroym.) genügt allein zum Beweise, daß T. den Text in F geschrieben hat. Ferner ist der Satz: quia hoo sit revocari, id est, esse quod fuerant echt tertullianisch. Endlich ist „fuerant", richtig (nicht fuerat), weil es sich um die Identität der menschlichen Seelen handelt. Auch der folgende Text in F: Nam si non id sunt, quod fuerant, id est, humanum et idip-sum corpus indutae, iam non ipsae erunt, quae fuerant, ist nicht nur, wie das „id est", und ,,indutae" beweisen, echt tertullianische Ausdrucksweise, sondern paßt auch vortrefflich zu dem Satz, der die Erörterung hervorrief: Christianus si de homine hominem ipsumque de Gaio Gaium reducem repromittat. T. liebt es, das Gesagte in einer scharf pointierten Antithese zusammenzufassen, deshalb wird er auch den Schlußsatz: Aut aliud factae non erunt ipsae, aut manentes ipsae non erunt aliunde als sein Eigentum reklamieren. Nur kann „aliunde" nicht richtig sein. Man lese „alienae" oder „alienandae".

303. s516 1) Die weitere Ausführung zu diesem Satz bringt de anima cap. 81 ff. T. denkt wahrscheinlich bei dem „multis locis" an die Stellen, die von der Verwandlung des Pythagoras-Euphorbus, des Empedocles usw. handelten, vgl. de anima 81 und 32. Deshalb wird die allgemein überlieferte Lesart „locis" richtig und nicht in „iocis" umzuändern sein.

304. s517 1) Nach der Lesart in F.: in eandem (eadem ist Schreibfehler) restauretur, etsi non effigiem, certe conditionem. Das ,,certe'' paßt hier vorzüglich, während es in P am Anfang des folgenden Satzes steht, wo es falsch ist.

305. 2) P liest: certe, quia ratio etc. F hat lichtig: Sed, quia ratio. Vorher ist der Gedanke ausgesprochen, daß die christliche Auferstehungslehre „glaubwürdiger" ist. Jetzt folgt der Gedanke, daß notwendig (necessario) derselbe Einzelmensch nach Seele und Leib vorgeführt werden muß, weil die Auferstehung ihren Grund im Gericht hat. Deshalb muß „sed'' stehen; vgl. de test. an. 4.

306. 3) P liest: et, quod omnino de iudicio dei pati debent animae, non sine carne meruerunt. In F fehlt „quod" vor omnino. Ich vermute, daß zu lesen ist: et omnino de iudicio dei pati debent animae, quod non sine carne meruerunt.

307. s518 1) Nach der Lesart in F.: Nihil ergo novi tibi eveniet. Qui non eras, factns es. et iterum, cum non eris, fies. Sie ist besser als die Lesart in P: quid novi tibi eveniet? qui non eras factus es; cum iterum non eris, fies.

308. 2) Nach, der richtigen Lesart in F : animatum spiritu omnium animatore, signatum et per ipsum humanae resurrectionis exemplum etc. P liest zunächst: animatum spiritu omnium animarum animatore, was eine grobe Entstellung des Textes ist. T. denkt hier, wie auch die Worte de morte vacationis et inanitatis beweisen, an die ersten Verse der Genesis und an das Schweben des Geistes über dem Abgrunde. „Animator" wird der hl. Geist genannt als Gestalter der Dinge, der ihnen ihre „species" gab, wie adv. Hermogenem 32 beweist. Vgl. auch de bapt. 8 und 4 (vgl. auch zur Bedeutung von „animare" de cultu fem. II, 6 und de pnd. 8). Es ist also von der Gestaltung des erschaffenen Urstoffes die Rede, den der Geist so gestaltete, daß er zugleich ausdrucksvolle Vorbilder der menschlichen Auferstehung hervorbrachte, auch in der unbelebten Natur, wie die von T. angeführten Beispiele zeigen. Daß von keiner „Weltseele" im Sinne griechischer Philosophen die Rede ist, braucht kaum bemerkt zu werden, vgl. auch de res. carnis 11 und 12. Somit ist auch der folgende Text in F: signatum et per ipsum der allein richtige. P hat auch hier den unrichtigen Text: signatum et ipsum. „Per" darf nicht fehlen. Der verfälschte P-Text durfte also nicht verteidigt werden.

309. s519 1) P liest: si intelligas te vel de titulo Pythiae discens. P hat: vel de titulo Pythiae discens deum. „deum" kann nicht richtig sein; denn es handelt sich um die Selbsterkenntnis des Menschen" und T. denkt an die Aufschrift im Tempel zu Delphi: Erkenne dich selbst! Aber das falsche „deum" in F weist wohl auf die richtige Lesart hin: vel de titulo Pythii discens dei. T. kam es nicht auf die Pythia selbst, sondern auf den zu Delphi verehrten Gott Apollo an. Der Sinn ist: auch wenn du bloß von diesem Gott und nicht vom wahren Gott lernen willst, der geoffenbart hat, daß er den Menschen nach seinem Ebenbilde schuf, vgl. auch de anim. l (299/29) sapientissimus Socrates secundum Pythii quoque daemonis suffragium. Apol. 22 Pythius.

310. 2) Nach der Lesart in F: Resurgas (lies resurges) ubicunque resolutus fueris etc.

311. s520 1) Nach der Lesart in F: aevum quoque ita distincta conditione conseruit (conservatur ist sicher Schreibfehler, der dadurch entstand, daß man gegen alle Konstruktion mit aevum einen neuen Satz begann). P hat: destinata et distincta; aber destinata ist überflüssig und störend. Man könnte höchstens denken an: destinavit et distincta etc. Die „conditio", die trennt und trennend verbindet, ist der Weltuntergang, die Grenzscheide, der limes medius, qui interhiat. Aevum darf nicht mit „Ewigkeit" übersetzt werden.

312. 2) expungendum vgl. de corona 1: liberalitas imperatorum expungebatur.

313. 3) Nach der richtigen Lesart in F: ideo nec mors iam rursus ac rursus resurrectio. P hat ideo nec mors iam, nec rursus ac rursus resurrectio.

314. 4) Nach der richtigen Lesart in F: apud deum superinduti substantia propria aeternitatis. P fügt nach deum ein überflüssiges „semper" hinzu.

315. s521 1) P liest: . . . . aequo iugis ignis, habentes er ipsa natura eius divina scilicet subministratione incorruptibilitatis. P liest: . . . divinam scilicet subministrationem incorruptibilitatis. Einige wollten „habentes" in „habentis" ändern, was sprachlich nicht angeht und sachlich nicht paßt. "Während die cultores dei ihre Unvergänglichkeit durch die Überkleidung mit der der Ewigkeit eigentümlichen Substanz besitzen (hier ist an l Kor. 15, 35ff, gedacht), will T. die Unzerstörbarkeit der Verlorenen durch die Natur des höllischen Feuers erklären, wie auch die folgenden Ausführungen beweisen; erklärend fügt er hinzu: divina scilicet subministratione; durch göttliche Anordnung hat dieses Feuer diese Eigenart, daß es nicht zerstört. Die Lesart in F verdient also, auch schon wegen des „scilicet", entschieden den Vorzug, und statt „incorruptibilitatis" ist „incorruptibilitatem" zu lesen. Als der Schreibfehler „incorruptibilitatis" vorlag, änderte man dann „divina subministratione" in „divinam subministrationem"

316. 2) der Stoa.

317. 3) Eichtig hebt Heinze 479 hervor, daß T. die Ansicht hatte, der Leib des vom Blitze Getroffenen sei feuerfest. Er sieht in dieser Ansicht eine Eeminiszenz an den Aberglauben, daß vom Blitz Getötete weder verwesen noch von Tieren gefressen werden (Plut. qu. c. IV, 2, 3), oder an den Brauch, vom Blitz Getötete nicht zu verbrennen (Plin. n. h. II, 145). -- Das Feuer des Blitzes und der Vulkane hat T. mit dem Höllenfeuer identifiziert oder wenigstens für analog gehalten vgl. de paen. 12 nobis iu-dicii perpetuitatem probat; iudicii minantis exemplaria deputabit (das Vulkanfeuer).

318. s522 1) P liest hier: Nam et multis aliis similia, quibus nullas poenas inrogatis, vanis et fabulosis, inaccusatis et inpunitis, ut innoxiis. Sed in eiusmodi enim, si utique, inrisui iudicandum est, non gladiis etc. F dagegen: Nam . . . inrogatis. In eiusmodis (lies: eiusmodi) accusatis et inpunitis, ut noxiis, aeque enim, si utique, in risum iudicandum est, non gladiis etc. -- Wenn auch das „sed in eiusmodi enim" in P weniger auffällig ist, kann man doch wohl sagen, daß T. das „aeque enim" in F geschrieben hat. Denn darin gerade liegt die Pointe seines Gedankens: ein gerechtes Urteil darf die unschädlichen christlichen Lehren nicht mit einem anderen Maßstabe messen, wie die anderen. Ebenfalls ist „accusatis" in F wohl als richtig anzusehen, da „iudicandum est" „accusatis" voraussetzt. „Accusatis" entspricht auch dem Vorhergehenden, da T. von den christl. Lehren sagt, daß sie nicht bloß als praesumptiones verspottet, sondern mit Strafen belegt werden,. also zur Anklage stehen. Nur „ut noxiis" in F kann nicht richtig sein, da das unmittelbar vorhergehende „nulli tarnen noxia" und der ganze Zusammenhang „ut innoxiis" verlangen. Rauschen 77 tilgt das in F fehlende „vanis et fabulosis" als spätere Glosse; dem ist zuzustimmen. Unrichtig aber ist es, wenn er unter „multis aliis", „accusatis", „inpunitis", ,,innoxiis" Personen verstehen will; es sind, wie die Ausführung vom Beginn des Kap. an beweist, Lehren gemeint. „Multis aliis similia" ist demnach nicht als Brachylogie zu fassen und nicht zu übersetzen: „dem von vielen anderen Gesagten". Ob T. „in risum" oder „inrisui'' geschrieben hat, sei dahingestellt. Es wäre also zu lesen: Nam et multis aliis similia, quibus nullas poenas inrogatis. In eiusmodi accusatis, et inpunitis ut innoxiis, aeque enim, si utique, inrisui iudicandum est etc.

319. s524 1) Nach F: Plane volumus pati, verum eo more, quo et bellum. P liest: quo et bellum miles. „Miles" ist ein Zusatz zum ursprünglichen Text; T. fährt nämlich fort: Nemo . . . proeliatur . . . Zu quo et bellum ist zu ergänzen: patimur oder pati volunt. Vgl. Hoppe 143 ff.

320. 2) Nach der richtigen Lesart in F: Sed occidimur! Certo cum obtinuimus. Ergo vincimus, cum occidimur. P hat den entstellten Text: Sed obducimur! Certe cum obtinuimus. Ergo vicimus, cum occidimur. Kellner übersetzt: Aber wir werden überführt! Jawohl, wenn wir festgehalten haben. Oehler I, 298 fühlte, daß der Gedanke: wir werden überführt, unmöglich ist, und suchte sich zu helfen, indem er „obducimur" eine neue Bedeutung beilegte = wir werden überführt, und dadurch unterliegen wir unsern Gegnern. Rauschen und Waltzing folgten ihm, und letzterer übersetzte: Mais nous succombons! -- Oui, certes, mais apres avoir obtenu, ce que nous voulions. Aber T. kann nicht daran denken, daß die Christen „überfuhrt werden" und noch weniger, daß sie dadurch ihren Gegnern „unterliegen", und „obducimur" heißt überhaupt nicht „unterliegen". -- T. hält das Bild von der Schlacht bei und knüpft in einer kraftvollen Antithese unmittelbar an den vorhergehenden Gedanken an. Unsere Siegesbeute, so hatte er gesagt, ist das ewige Leben. Der Einwand lautet: Wie könnt ihr von Sieg und einer Beute des ewigen Lebens sprechen, da ihr niedergemacht werdet. T. antwortet: dann, wenn wir unsere Siegesbeute sicher in der Hand haben, unser Tod ist also unser Sieg. Zu obtinuimus ist zu ergänzen: „Praedam vivendi in aeternum". Zu Grunde liegt die allgemeine, auch am Schluß des Kapitels ausgesprochene, christliche Überzeugung, daß das Martyrium das ewige Leben sicherstellt.

321. s525 1) Denique evadimus cum obducimur. Obducere kann hier nicht den Sinn haben: überführt werden, sondern es steht in seiner ursprünglichsten Bedeutung: entgegengefahrt, vorgeführt werden; exercitum obducere, obducere contra in acie vgl. Forcellini. Hier kann es nur diesen Sinn haben, weil es in genauer Antithese zu „evadimus" steht. Der Sinn ist also: wir entrinnen, wenn wir zur Schlachtbank geführt, wenn wir den wilden Tieren ausgeliefert, kurz in irgend einer Weise dem Tode entgegengeführt werden.

322. 2) Nach der Lesart in F: Merito itaque victis non placemus, merito desperati et perditi existimamur. P liest: Merito . . . non placemus; propterea enim desperati etc. Wodurch soll aber „propterea enim" begründet sein?

323. 3) Nach F: Aetnaeis incendiis. P fügt hinzu Catanensium, was mit Recht in F fehlt.

324. 4) Dido; Just. hist. 18, 4.

325. 5) Nach der richtigen Lesart in F rogo secundum matrimonium evadit. P hat rogo se secundum matrimonium dedit

326. s526 1) Nach der Lesart in F: in exemplum. P hat in exitum, was von Rauschen in seiner Ausgabe erklärt wird: in mortem, seu mortis causa, non usque ad mortem. Exemplum steht oft = poena; Gell. n. Att. VII (VI) 14, 4; Poenitio propter exemplum necessaria est . . idcirco veteres quoque nostri exempla pro maximis gravissimisque poenis dicebant. Auf ad Scap. 8 darf man sich aber nicht berufen, da hier „exempla" = Vorbilder steht. Ich übersetze „in exemplum" „zum abschreckenden Beispiel" und verbinde es nicht, wie andere wollen, mit dem folgenden Genitiv „tisanae", so daß es = in modum tisanae, in poenam tisanae zu fassen wäre.

327. 2) Hippias; der Name der Buhlerin war Leäna. 

328. 3) Nach F.: contemptum mottis, impassibilem fieri. Gemeint ist unter letzterem die philosophische „ἀπαθεια", das Freisein von Affekten. P hat „impassibilis", dann wäre nicht an die Frucht der Philosophie, sondern an das Verhalten Zenos zu denken, der sich empfindungslos den Geißelhieben preisgab. Die Lesart in F scheint mir den Vorzug zu verdienen, auch schon weil folgt: sententiam suam ad mortem usque signabat. Zeno soll sich an politischen Bestrebungen beteiligt haben und zuletzt (nach Diog. Laert. IX, 26 und anderen) bei einem verunglückten Unternehmen gegen den Tyrannen Nearch, oder wie andere angeben Diomedon (also nicht Dionysius, wie T. hat) unter standhaft erduldeten Martern gestorben sein. Über die historischen Angaben, die dieses Kap. enthält, vgl. Waltzing 326.

329. s527 1) Weil er in einer menschlichen Sache errangen wird und vor den Menschen gilt.

330. 2) F hat: tantum . . . permissum est, quantum pro deo non licet und läßt das in P stehende „pati" aus, was vielleicht richtig ist.

331. 3) Nach der Lesart in F: decernitis. P hat defunditis.

332. 4) Ein Wortspiel ad leonem -- ad lenonem.


Previous PageTable Of ContentsNext Page

Übersetzt von Heinrich Kellner, 1912/1915.  Übertragen durch Roger Pearse, 2002.

Der griechischer Text wird mit mit einem Unicode Schriftkegel angezeigt.


This page has been accessed by ****** people since 18th May 2002.


Return to the Tertullian Project Deutsche Übersetztungen About these pages